Augen zu, Herr Wachtmeister

 

Herr Wachtmeister, mal weggeschaut

weil Sie nicht sehen wollen

was wir auf unsren Karren

über die Höfe rollen

 

Eine Hand wäscht die andere

lautet meine Devise

und wenn Sie uns behilflich sind

macht keiner von uns Miese

 

Mitanpacken brauchen Sie nicht

das wird auch so schon gehen

doch wenn man sich schon schmieren lässt

kann man auch Schmiere stehen

 

Herr Wachtmeister, nicht nachgefragt

Sie wollen gar nicht wissen

was wir heute von A nach B

so dringlich bringen müssen

 

Es dient ja nicht uns beiden nur

es ist zum Wohle aller

und auch die Gattin schätzt es wohl

ist Ihre Börse praller

 

Polyp zu sein zahlt sich nicht aus

Geschäftsmann hört sich besser an

zudem weiß ich Sie stehn nicht nur

zuhause tapfer Ihren Mann

 

Herr Wachtmeister, mal nachgedacht

ich will Sie nicht erpressen

doch dass ich von der Ingrid weiß

lässt sich halt nicht vergessen

 

Sie haben recht, Sie guter Mann

sie ist ein wahres Luder

man sieht nicht dass sie vierzehn ist

bei all dem vielen Puder

 

Da ist ein kleiner Freundschaftsdienst

doch wirklich ein geringer Preis

wenn man wie wir genießt und schweigt

Was keiner weiß macht keinen heiß

 

Herr Wachtmeister, mal weggeschaut

und bloß nicht falsch bewegen

es soll Ihr Schaden auch nicht sein

Fragen Sie die Kollegen

 

 

 

Ich

 

Sorry, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt:

Ein analoger Mensch in einer digitalen Welt

der es nicht mag von sich zu berichten

auf andere Art als in seinen Gedichten

 

Sorry, ich weiß, Sie sind bestimmt der Meinung

ich träte doch besser etwas mehr in Erscheinung

und sollte vielleicht mal eine Lesung halten

doch das ist so überflüssig wie Servietten falten

 

Sorry, ich weiß, es kann schon sehr bedrücken

wenn man nichts davon hält sich ins rechte Licht zu rücken

Ich sage es jetzt Ihnen, gewöhnlich verrat ich‘s nicht:

Ich hab große Probleme mit Menschen und mit Licht

 

 

 

Ein Studienrat sinniert

 

Es naht nun der Heilige Abend.

Ich speise bei Martha und Hans.

Der Wein erweist sich als labend.

Zäh dagegen die Gans.

 

Es ist angenehm mollig im Zimmer.

Im Kamin da knistert das Holz.

Martha schenkt mir Socken. Wie immer.

Selbstgestrickt. Darauf ist sie stolz.

 

Vom Hans gibt es eine Flasche.

Hochprozentig wie sich versteht.

Sie passt gut in die Manteltasche.

So denn man nach draußen noch geht.

 

Wie geht es wohl jetzt meinen Knaben?

Hätt ich ihnen nur schreiben gekonnt.

Wo sie sonst wohl kaum Freude heut haben.

In einem fremden Land. An der Front.

 

Der Feind möge sich vor ihnen hüten.

Sie sprechen einwandfreies Latein.

Möge Gott ihnen ihr Opfer vergüten.

Und mögen noch am Leben sie sein.

 

 

 

 

Ich möchte mich jetzt beklagen

 

Ich möchte mich jetzt beklagen.

Ich bin einfach nicht mehr froh.

Wem bitte kann ich das sagen?

Gibt es dafür kein Büro?

 

Es muss doch wohl eines geben.

Für alles gibt es ein Büro.

Und hier geht es um mein Leben

Nun kommen Sie mir nicht so!

 

Ich zieh auch gern eine Nummer.

Und sitz den Popo mir dann breit.

Schließlich habe ich Kummer.

Oder dringlicher: Leid!

 

Hier bekäme man nur Führerscheine?

Mit Sicherheit ist das ein Scherz.

Was kümmert Sie ob ich weine?

Sie sind doch ein Mensch ohne Herz.

 

Ich möchte mich jetzt beklagen.

Mein Recht wird zu Ihrer Pflicht

Ihnen kann ich das nicht sagen?

Sagen Sie das besser nicht.

 

 

 

Emigranten-Ballade

 

Das halbe Leben waren fremde Orte

an denen sie durch Unbekanntes ging

ihr fehlten dort die Freunde und die Worte

aus jener Zeit an der sie so sehr hing

 

Als sie Berlin noch eine Heimat nannte

und (meistens) heiter von der Liebe schrieb

bevor man ihre Bücher dann verbrannte

und sie in eine ferne Welt vertrieb

 

Sie sah am Horizont manches verschwinden

und hielt doch in Gedanken daran fest

man sagte ihr sie werde Neues finden

so dass das Alte sich vergessen lässt

 

Am Leben sein muss oftmals schon genügen

sie wurde Hohen Herren vorgestellt

daheim fuhren derweil in langen Zügen

Freunde ins Fegefeuer ihrer Welt

 

Freiheit ließ sie dennoch ein Gast nur bleiben

so wurde ihr das Lächeln schnell zur Pflicht

sie konnte bald in fremder Sprache schreiben

in fremder Sprache träumen konnt sie nicht


 

Für Mascha Kaléko

*07.06.1907 – 21.01.1975

 

 

 

Nachruf auf den Schüler Krause

 

Wer hätte denn geahnt dass Schüler Krause

von dem man wusste dass er gerne lacht

ganz eigenmächtig seine Große Pause

viel länger als ihm zusteht fortan macht?

 

Er sprang vom Dach und das vor aller Augen

die Rieke meinte keck: „Gleich wird er fliegen“

doch weil die Menschen dazu wenig taugen

konnt er die Schwerkraft letztlich nicht besiegen

 

Er knallte auf den Hof und brach in Stücke

sein Blut spritzte auf Alberts Pausenbrot

der hatte noch ein zweites bei – zum Glücke

doch Krause war nun zweifelsohne tot

 

Der Rektor kam und sprach mit bleichen Wangen:

„Am Rest des Tages fällt die Schule aus“

und da Latein in Kürze angefangen

ging man nicht wirklich schlechtgelaunt nach Haus

 

Der Friedrich sprach beim Heimweg in die Runde

und wie es schien auch innerlich gefasst:

„Wär er gesprungen nach der ersten Stunde

hätten wir auch noch Religion verpasst“

 

 

 

Razor

 

Selbstmord-Penthouse, zwölfter Stock

Razor schlüpft aus ihrem Rock

torkelt nackt auf den Balkon

und haucht: „Herz, los flieg davon“

Denn in ihrer Trümmerwelt

gibt es keinen der sie hält

und ihr Mut reicht nur so eben

um den Tag zu überleben

 

Razor weiß: Lieben heißt leiden

will die ganze Welt zerschneiden

Frieden hat sie nur empfunden

bei dem Anblick ihrer Wunden

Hat sich viele zugefügt

weil ihr Fleisch sie nicht belügt

und sie sich nur selbst erkennt

wenn der Schmerz befreiend brennt

 

Sie wird stets dem Zorn gehören

denn der Wunsch sich zu zerstören

bleibt das einzige Versprechen

diese Stille zu durchbrechen

Keine Hand, keine Tabletten

die sie vor der Leere retten

wenn das Lied das in ihr klingt

sie dem Abgrund näher bringt

 

Manchmal finden fremde Lippen

einen Weg zwischen den Klippen

doch sie ist stets fortgeschwommen

wenn man ihr zu nah gekommen

denn sie kann es nicht ertragen

diese Blicke und die Fragen

Razors Himmel ist zu klein

um anderen ein Ort zu sein

 

 

 

Was man Waffenhändlern wünscht

 

Sie haben sich goldene Nasen erworben

beim Handel mit Diktatoren

Bei denen wird jetzt heftig gestorben

Zum Glück hat man dort nichts verloren

 

Doch bietet Deutschland noch Sicherheit

bei all den nuklearen Raketen?

Man beschließt, es wird langsam Zeit

für einen Wechsel der Tapeten.

 

Eine Südseeinsel, mit bestem Klima,

aus der Portokasse bezahlt

Da ist man sicher und es geht einem prima

während man sich in der Sonne aalt

 

Man grinst sich eins, südlich vom Äquator,

und feiert mit Geschäftsfreunden ein rauschendes Fest

und dann entscheidet so ein Diktator:

Schöne Insel für einen Atomwaffentest

 

 

 

 

Vollendet

 

Der Bauer zieht den Pflug, die Felder blühen

das Jahr war gut, so wird die Ernte reich

wer so belohnt wird für all seine Mühen

dem bleiben meine schlichten Verse gleich

 

Ich säe nicht, ich pflanze nicht, ich schreibe

davon werd ich bis heute noch nicht satt

ob ich nicht besser auch hier draußen bleibe

was hält mich noch in meiner lauten Stadt?

 

Hier schlaf ich vielleicht unter bessren Sternen

und Korn gibt es weiß Gott hier doch genug

was an Geschick mir fehlt kann ich erlernen

tausch ich den Stift nur gegen einen Pflug

 

So lauscht der Bauer nun meinem Begehren

während er mein Notizbuch dreht und wendet

er sagt: „Den Wunsch Freund muss ich dir verwehren

wer schreibt von uns so schön sonst und vollendet?“

 

 

 

Gräser

 

Es neigen sich die Gräser auf den Weiden

Gräser aus denen Mädchen Kronen flechten

Kronen die junge Häupter herrlich kleiden

ein ewig gleiches Spiel von alten Mächten

 

Die Zeit kann manchen harten Umstand mildern

gedankenlos verharrt die Kinderschar

sich selbst betrachtend in den Spiegelbildern

im Wasser das so ewig scheint und klar

 

Noch spielen all die Mädchen und die Knaben

des Lebens Spiel auf ihre eigne Weise

auch wenn schon manche eine Ahnung haben

von Anbeginn und Sinn der nahen Reise

 

Ihr wildes Spiel lässt keine Angst erkennen

sie rennen auf den Weiden hin und her

und wenn sie sich am Abend schließlich trennen

tragen sie ihre Kronen längst nicht mehr

 

 

 

Loch im Bauch der Zeit

 

Mitten auf der Fahrbahn

ein umgestürzter Baum

mein Blick schiebt ihn zur Seite

er passt nicht in den Traum

Du bist schon ausgestiegen

dein Kleid liegt auf dem Sitz

doch meine Hand fährt trotzdem

ganz zärtlich in den Schlitz

 

Der Mond ist rot - der Tank ist leer

vor uns zerfließt das Wolkenmeer

 

Ein Loch im Bauch der Zeit

dahinter nichts als Ferne

und Wellen auf dem Schutzblech

im Außenspiegel Sterne

Ein Loch im Bauch der Zeit

die Dämmerfarben weichen

dem Horizont der Nacht

wenn wir den Strand erreichen

 

Du gehst barfuß über Muscheln

an einer unbekannten Küste

und das Fernlicht streichelt flüchtig

deine unverhüllten Brüste

Der Geruch von Wind und Algen

schafft uns eine Art von Nähe

in der ich die Welt von oben

und dein Lachen in mir sehe

 

Der Mond ist rot - der Tank ist leer

vor uns zerfließt das Wolkenmeer

 

Ein Loch im Bauch der Zeit

dahinter nichts als Ferne

und Wellen auf dem Schutzblech

im Außenspiegel Sterne

Ein Loch im Bauch der Zeit

die Dämmerfarben weichen

dem Horizont der Nacht

wenn wir den Strand erreichen

 

 

 

 

Waisenkinder

 

Sie laufen in Zweierreihen

den Blick gesenkt, Händchen in Händchen

und bringen mit traurigen Stimmen

dem Frühlingsmorgen ein Ständchen

 

Sie sehen ein wenig wie Sträflinge aus

eine graue, scheue Kolonne

mit kurzgeschorenen Haaren

und Sehnsucht nach Wind und nach Sonne

 

Ach, hätten sie bunte Leibchen nur an

um Fröhlichkeit vorzutäuschen

und wie die Marienkäfer im Gras

nichts zu tun als zu kreuchen und fleuchen

 

Immer sonntags werden sie ausgeführt

für knapp eine dreiviertel Stunde

und drehen zwischen Sportplatz und Molkerei

exakt jeweils die gleiche Runde

 

Wie gern würden sie auf dem Spielplatz sein

sie hören von weitem das frohe Geschrei

doch mit eiserner Miene treibt die alte Dame

sie an jeder Art von Vergnügen vorbei

 

Ich winke ihnen oft heimlich zu

doch ich weiß nicht ob sie das sehen

Mutter packt mich dann immer am Arm:

Lass uns bloß schnell weitergehen

 

 

 

Verzeihen Sie, ich bin der Pathologe

 

Verzeihen Sie, ich bin der Pathologe

und das bedeutet Sie sind leider tot

deshalb sind Sie jetzt auch grad ziemlich nackig

und ich werd bei dem Anblick gar nicht rot

 

Ich bin grade dabei Sie aufzuschneiden

zum Glück spürn Sie ja nichts von dem Skalpell

denn wär dem so könnten Sie mich nicht leiden

dabei schneid ich so sauber und ganz schnell

 

Im Augenblick jonglier ich mit den Nieren

ich werf sie hoch und fang sie wieder auf

da kann schon mal ein Missgeschick passieren

dann flutschen sie davon im Abflusslauf

 

Ich hab Ihnen auch schon Ihr Hirn entnommen

und festgestellt es ist doch reichlich klein

man könnte leicht zu der Erkenntnis kommen

so wichtig kann das Teil dann wohl nicht sein

 

Verzeihen Sie, ich bin der Pathologe

und das bedeutet Sie sind leider tot

deshalb sind Sie jetzt auch grad ziemlich nackig

und ich werd bei dem Anblick gar nicht rot

 

Ihr Herz schwabbelt keck in der Petrischale

ich finde diesen Anblick wirklich nett

als Pathologe schätzt man das Fatale

Ihre Leber übrigens ist ziemlich fett

 

Ich würde gern die Nacht bei Ihnen bleiben

wir beide kennen uns jetzt schließlich schon

doch muss ich leider den Bericht noch schreiben

Ich danke Ihnen für die Obduktion

 

 

 

Im nächsten Leben

 

Im nächsten Leben trennen uns nicht Welten

dein Blick sieht dann nicht mehr an mir vorbei

weil dort ganz andre Regeln für uns gelten

im nächsten Leben bist du für mich frei

 

Im nächsten Leben wirst du mich erkennen

du wirst Geliebte sein für mich und Freund

und keine Macht vermag uns dann zu trennen

im nächsten Leben bleiben wir vereint

 

In diesem Leben wirst du niemals wissen

wie verzweifelt dich mein Herz schon heute liebt

so bleibt mir nichts als dich nur zu vermissen

weil es vielleicht kein nächstes Leben gibt

 

 

 

Nach jedem Krieg

 

Da steht ihr. Vater. Mutter. Kind.

Der Krieg ward nicht gewonnen.

Wo so viele gestorben sind

seid ihr dem Tod entronnen.

 

Euch blieb nicht viel. Der Karren leer.

Sind kaum noch sieben Sachen.

Es zieht ihn auch kein Esel mehr.

Das müsst ihr selber machen.

 

Auch wenn ich um das Elend weiß

ein Rat scheint mir geboten:

Düngt nicht die Felder der Lebenden

mit der Asche der Toten.

 

Die Heimat ist ein ferner Ort.

Sind dort noch grüne Weiden?

Bleibt ihr nun oder geht ihr fort?

Das gilt es zu entscheiden.

 

Hier seid ihr Fremde. Dort zuhaus.

Und werdet doch gemieden.

So sieht die Wahrheit immer aus:

Kein Krieg bringt einen Frieden.

 

Auch wenn ich um das Elend weiß

ein Rat scheint mir geboten:

Düngt nicht die Felder der Lebenden

mit der Asche der Toten.

 

 

 

Droschke gefälligst?

 

Droschke gefälligst der gnädige Herr?

Ich hab hungrige Mäuler zu stopfen

Und Sie sehen aus als würden sie gern

bei verschwiegenen Türen anklopfen.

 

Natürlich kann ich mit Ratschlägen dienen.

Mir ist nichts Menschliches fremd.

Wollen Sie es auf die gewöhnliche Art

hilft Ihnen Lola gern aus dem Hemd.

 

Mögen Sie es jedoch etwas feister

tendiere ich eher zu Frieda.

Wen immer ich jemals zu ihr fuhr

sah ich danach sehr oft wieder.

 

Dann wäre da auch noch Bea zu nennen.

Da wird’s wie der Berliner sagt „schwierich“.

Denn das Vergnügen bei ihr ist, ich sag mal so,

doch überwiegend recht tierisch.

 

Verlangt es dem Herren nach Peitsche und Ketten

so weiß ich auch da guten Rat.

Die Rita hat in ihrem Repertoire

solch Spielzeug in Massen parat.

 

Und dann hätten wir zu guter Letzt

- ich sag es ganz leise - die Jule

da fahr ich Sie nur hin auf eigne Gefahr

denn die müsste eigentlich noch zur Schule.

 

Droschke gefälligst der gnädige Herr?

Ich hab hungrige Mäuler zu stopfen

Und haben Sie die Spendierhosen an

gönn ich mir einen guten Tropfen.

 

 

 

Frieda Fritsch berichtet

 

Da hock ich in der traurigen Kaschemme

und schaue mir nach dir die Augen aus

zwei Stunden schon – wo bleibst du nur du Memme

bestimmt bei deiner Frau, gewiss zu Haus

 

An Geilheit fehlt‘s dir nicht, wie ich erfahren

da hast du eines kecken Jünglings Blut

doch mangelt es dir wohl in reifen Jahren

an Überzeugung – oder besser: Mut

 

Dein Weib mache es dir nicht mit dem Munde

deshalb warst du bei mir stets sehr vergnügt

nun sitz ich hier und hoffe noch auf Kunde

doch bin inzwischen schon etwas betrübt

 

Kunde von dir – du hast mich schon verstanden

und alles andre wäre abgrundtief gemein

jedoch, gehst du mir tatsächlich abhanden

dann lass ich jemand anders Kunde sein

 

Da sitzt ein Dicker, mir grad gegenüber

der riecht schon auf zehn Metern nach Hotel

und hast du mich nicht endlich etwas lieber

bekommt er was er will und zwar recht schnell

 

Ich bin nicht stolz, das wäre fehl am Platze

ich habe Kosten wie du sicher weißt

da stört mich dann nicht seine runde Glatze

und ich muss auch nicht wissen wie er heißt

 

Ach, bleib doch wo du bist, bei deiner Alten

vielleicht macht sie`s dir ja mal mit der Hand

so kannst du wenigstens dein Geld behalten

und ich setz einen andren Herrn in Brand

 

 

 

Weltmeere

 

Ich könnte auf Weltmeeren reisen.

Doch sitze ich im Büro.

Als gelte es mir zu beweisen:

Auch Papierschiffchen machen froh.

 

 

 

Noch ein Glas auf die Schwermut

 

Die anderen haben es besser als ich

die nennen es schlicht „Depressionen“

und suchen schnell Therapeuten auf

um sie für die Bestätigung zu entlohnen

Ich geb mein Geld lieber für Zigaretten aus

für Comics, Filme und Bier

und rede mir damit erfolgreich ein

dass ich mich selbst therapier

 

Typisch, aber trotzdem ganz unbeschreiblich:

Der Mut ist männlich, die Schwermut ist weiblich

 

Noch ein Glas auf die Schwermut

schließlich kennen wir uns schon lang

und einer von uns packt das Leergut

anschließend bestimmt in den Schrank

 

Die anderen reden in Gruppen

doch löst das nicht ihr Problem

Ich sprech lieber mit mir selbst

das ist nicht ganz so unangenehm

Ist im Grunde ja auch nur wie Schnupfen

der einem die Laune vermiest

und da kann es schon mal geschehen

dass man ein paar Tränen vergießt

 

Typisch, aber trotzdem ganz unbeschreiblich:

Der Mut ist männlich, die Schwermut ist weiblich

 

Noch ein Glas auf die Schwermut

schließlich kennen wir uns schon lang

und einer von uns packt das Leergut

anschließend bestimmt in den Schrank

 

 

 

 

Feline

 

Feline hat ein Kind bekommen

und weiß nicht von wem

ihr Vater schmeißt sie aus dem Haus

es ist nicht sein Problem

 

Die Mutter ging vor Jahren

mancher erinnert sich

man sagte in der Schule

sie gehe auf den Strich

 

Feline ist erst vierzehn

die Nachbarn schauen weg

es kümmert sich halt lieber

jeder um seinen Dreck

 

Dem Pädo zwei Blocks weiter

ist sie nicht jung genug

nun steht sie da am Bahndamm

und wartet auf den Zug

 

Feline hält das Baby

das keinen Namen hat

und legt sich auf die Schienen

sie hat die Scheiße satt

 

Morgens sieht man das Blut

das an den Schienen klebt

Feline ist jetzt besser dran

aber das Baby lebt

 

 

 

 

Der Krake

 

Der Krake hat zu viele Arme.

Er greift nach mehr als er fressen kann.

Soll man ihm das Maul deshalb stopfen?

Oder hoffen er krepiert bald daran?

 

Sind erst alle Fische verschlungen

wo findet er dann neue Beute?

Irgendwann wird auch er sich das fragen.

Nur leider noch nicht heute.

 

Wird er die Welt dann verschlingen?

Oder setzt ihn wer auf Diät?

Wer nichts tut tut niemals das Rechte.

Wer erst morgen was tut der tut es zu spät.

 

 

 

 

Flut und Deich

 

Es sprach die Flut zum Deich:

„Im Grunde sind wir gleich

uns geht’s in all den Jahren

doch einzig ums Bewahren“

 

Es sprach der Deich zur Flut:

„Mit Worten kannst Du’s gut

und wirst doch nichts erreichen

ich werde Dir nicht weichen“

 

Es sprach die Flut zum Deich:

„So hat jeder sein Reich

doch wär meins nicht zu klein

dann würde ich nicht sein“

 

Es sprach der Deich zur Flut:

„Das ist nur Übermut

doch ohne Dein Erheben

würde es mich nicht geben“

 

 

 

Am letzten warmen Tag im Mai

 

Vier Stunden schon im Nachtcafé

Ich knick die Speisekarte

Ebbe in Herz und Portemonnaie

Ich weiß nicht worauf ich warte

 

Eine Kapelle fidelt froh

und überwiegend irisch

Ich schau Marlene auf den Po

und mir wird dabei lyrisch

 

Sie hat ein Lächeln und ein Bier

auch ungefragt für mich parat

ich weiß bald ist sie nicht mehr hier

denn sie hat schon genug gespart

 

Dann macht sie sich nach Übersee

zwecks Neubeginn und Ehe

die Aussicht tut schon etwas weh

auch wenn ich sie verstehe

 

Hätte sie nicht schon viel gespart

dann hielte ich das Trinkgeld klein

und sagte ihr auf diese Art

sie sollte hier noch länger sein

 

Doch ich bin ja kein Egoist

drum geht der Anflug schnell vorbei

und alles bleibt so wie es ist

am letzten warmen Tag im Mai

 

 

 

Carla (hat Pech mit den Kerlen)

 

Er war Sänger in einer Rock’n Roll Band

deshalb hat sie auch gleich mit ihm gepennt

sie dachte er schreibt für sie ein Lied

weil er in ihr bestimmt was besonderes sieht

 

Doch er hat ihren Namen im Suff vergessen

und das Lied bekam Angie stattdessen

 

Carla hat Pech – immer Pech mit den Kerlen

ihr tritt man in den Hintern und die andren kriegen Perlen

ja das Leben ist nicht fair

denn wenn es das wär

gäbe es keine Mädchen wie Carla mehr

 

Er hatte Gel im Haar und einen Brilli im Ohr

und er kam ihr auch sonst äußerst weltgewandt vor

und so landete sie viel zu schnell

vor dem Kamin auf dem Bärenfell

 

Sie dachte er teilt mit ihr Bett und Tisch

doch er schickte sie lieber auf den Strich

 

Carla hat Pech – immer Pech mit den Kerlen

ihr tritt man in den Hintern und die andren kriegen Perlen

ja das Leben ist nicht fair

denn wenn es das wär

gäbe es keine Mädchen wie Carla mehr

 

Sie trifft immer die Falschen

sie fällt immer wieder rein

vielleicht liegt es ja an ihr

das kann doch kein Zufall sein

 

Carla hat Pech – immer Pech mit den Männern

andre kriegen Multis – sie bekommt die letzten Penner

ja das Leben ist gemein

denn würd es anders sein

fielen mir doch nicht solch traurige Lieder ein

 

 

 

Das Herz auf dem rechten Fleck

 

Sie tragen das Herz auf dem rechten Fleck

und faseln von Ruhm und von Ehre

Ach Kinder, bleibt von solchen nur weg

die zwingen euch an die Gewehre

 

Die lauern wie Rattenfänger euch auf

und dann rauben sie euch eure Jugend

Ihr erwerbt bei denen im Vorverkauf

den Heldentot als deutsche Tugend

 

Die treiben euch zur Schlachtbank wie Vieh

und reiben sich dabei die Hände

An denen klebt Blut, doch das sieht man nie

denn nur ihr kämpft ihren Kampf bis zum Ende

 

 

 

Ein Abschied

 

Da steht man nun. Und sieht ihr hinterher.

Man möchte etwas sagen und bleibt stumm.

Es ist nicht leicht. Doch auch nicht allzu schwer.

Und überhaupt: Sie dreht sich nicht mal um.

 

Da klebt ein Falter an der Gaslaterne.

Man weiß nicht, ist er tot oder lebendig?

Wär er lebendig wüsste man es gerne.

Doch wär er tot fühlte man sich elendig.

 

Sie ist derweil schon einen Block lang weiter.

Ob sie, wenn man sie ruft, es überhört?

Zwei Spatzen schauen kurz und pfeifen weiter.

Man schaut empor und fühlt dass man nur stört.

 

Des Milchmanns Karre klappert übers Pflaster.

Der Schutzmann dreht die Runde ums Gericht.

Der Mond wirkt beinah wie aus Alabaster.

Man sieht ihr nach und sieht: Man sieht sie nicht.

 

 

 

Die Irre

 

Die Irre stand entblößt vor drei Doktoren

auf einem Bein, das war sehr unbequem

man zog ihr an den Haaren und den Ohren

und diskutierte eifrig ihr Problem

 

Und ringsum hockten staunend die Studenten

notierten alles sorgsam auf Papier

zwei Krankenschwestern und drei Assistenten

verschoben ihre Pause wegen ihr

 

Ein Spezialist aus Übersee gekommen

vermaß den Abstand zwischen Kinn und Stirn

dann hat er sich ein Instrument genommen

und bohrte es ihr waagerecht ins Hirn

 

Er sprach von Rinde, Platten und von Lappen

hat auf Latein noch mancherlei doziert

dann wollte er was kappen und was klappen

die Irre jedoch war derweil krepiert

 

 

 

Grüß mir die Elbbrücken

 

Ich seh den Flieger noch so jung

vor seiner roten Focker stehn

er sagte wenn die Winde gut sind

wird er bald Deutschland wiedersehn

Ich lud ihn ein zu einem Glas

in dieser Bar am Arsch der Welt

und gab ihm einen Brief für dich

der dir von meinem Traum erzählt

 

Grüß mir die Elbbrücken, Marie

an manchem Tag vermiss ich sie

und den Geruch von Öl und Fisch

die Große Freiheit und auch dich

Den Mond der auf St. Pauli scheint

wenn man um die Matrosen weint

den Hans und sein Akkordeon

ich lief zu weit vor euch davon

 

Nun steht er auf der Landebahn

und hält den Daumen in den Wind

er hat den Gang eines Mannes

aber die Augen von nem Kind

Ich wink ihm zu ein letztes Mal

dann steigt die Focker schnell und leicht

ich wünsch ihm alles Glück der Welt

dass er die Heimat bald erreicht

 

Grüß mir die Elbbrücken, mein Freund

die Brandung die dort tobt und schäumt

die Kähne die im Hafen liegen

wo kreischend weiße Möwen fliegen

Grüß mir mein Hamburg – meine Stadt

die mich wohl längst vergessen hat

den Hans und seine leisen Lieder

ich seh euch alle niemals wieder

 

Und wenn mein Mädchen nach mir fragt

gib ihr den Brief und sage ihr

ich bin seit mehr als zwanzig Jahren

in jeder Nacht im Traum noch hier

und sing mit Hans die Seemannslieder

auf der geliebten Reeperbahn

und manchmal wach ich morgens auf

und riech den Duft von ihrem Haar

 

Grüß mir die Elbbrücken, Marie

du weißt manch Liebe die stirbt nie

du und mein Hamburg ihr habt immer

in meinem Herz ein warmes Zimmer

 

 

 

Im Büttener Feld

 

Man fand einst auf dem Büttener Feld

so jedenfalls hat man sich erzählt

im Korn ein totes Hasenpaar

und drum herum die ganze Bürgerschar

 

Im Büttener Feld zur Erntezeit

machten Panik und Verzweiflung sich breit

und setzten seltsame Gedanken frei 

aus hundert Kehlen drang es wie ein Schrei:

 

Schlagt tot jeden Hasen im Büttener Feld

damit die Seuche nicht unsre Kinder befällt

Mitleid darf es nicht geben

Lasst keinen am Leben

 

Danach befand man dass gewiss

manch Hund hier schon manch Hasen riss

und deshalb wäre die Gefahr

auch jetzt noch ganz unmittelbar

 

Im Büttener Feld zur Erntezeit

machten Panik und Verzweiflung sich breit

und setzten seltsame Gedanken frei 

aus hundert Kehlen drang es wie ein Schrei:

 

Schlagt tot alle Hunde im Büttener Feld

damit die Seuche nicht unsre Kinder befällt

Mitleid darf es nicht geben

Lasst keinen am Leben

 

Schlussendlich wurde ihnen klar

dass dies noch nicht die Lösung war

denn man hatte manchen Hund gesehn

wo die Wagen der Zigeuner stehn

 

Im Büttener Feld zur Erntezeit

machten Panik und Verzweiflung sich breit

und setzten seltsame Gedanken frei 

aus hundert Kehlen drang es wie ein Schrei:

 

Schlagt tot die Zigeuner im Büttener Feld

damit die Seuche nicht unsre Kinder befällt

Mitleid darf es nicht geben

Lasst keinen am Leben

 

 

 

 

 

Skizze

 

Studenten torkeln trunken durch die Gassen

und fordern lauthals wieder Anarchie

ich leb genau das Leben das sie hassen

Berührungspunkte finden sich so gut wie nie

 

Ich habe eine schwache Brut zu nähren

und gestern erst kürzte man mir den Lohn

ein armer Mann der lässt sich leicht entehren

doch schreit er deshalb nicht. „Revolution!“

 

Die Frau liegt schon seit Wochen krank da nieder

das jüngste Kind hustet die ganze Nacht

solch Los erscheint den Pöbelnden zu bieder

als dass man sich darum Gedanken macht

 

Mit Lenin, Marx und Trotzki lässt sich`s leben

da läuft es sich hochnäsig durch die Stadt

auf Manifeste würd ich erst etwas geben

machten sie meine armen Kinder satt

 

 

 

Leiser reden und schneller gehn

 

Das ist das Haus von dem Fleischmann

rasch mein Kind, flink dran vorbei

was du hörst ist ein Kauz in den Bäumen

auch wenn es so klingt wie ein Schrei

 

Wonach soll es hier denn schon stinken?

Geh schneller wenn es dir nicht gefällt

dem Wachtmeister ist nichts zu melden

Vater schuldet dem Fleischmann noch Geld

 

Leiser reden und schneller gehn

nicht auffällig hinübersehn

der Alte hält jederzeit Wache

und es ist auch nicht unsere Sache

Leiser reden und schneller gehn

nicht nur Hähnen kann man die Hälse verdrehn

was er dort treibt dieser Mann

geht uns beide weiß Gott doch nichts an

 

Geh mir nicht am Abend nach draußen

und von Streunern halte dich fern

in der Regel trifft es nur die Zigeuner

uns hat der Fleischmann doch gern

 

Du musst es dem Pastor nicht beichten

im Städtchen weiß jeder Bescheid

doch ohne Fleischmanns Fabriken

herrschten hier Hunger und Leid

 

Leiser reden und schneller gehn

nicht auffällig hinübersehn

der Alte hält jederzeit Wache

und es ist auch nicht unsere Sache

Leiser reden und schneller gehn

nicht nur Hähnen kann man die Hälse verdrehn

was er dort treibt dieser Mann

geht uns beide weiß Gott doch nichts an

 

 

 

Ich hab vergessen wie man fliegt

 

Zwei Krähen kreisen überm Parkhaus

und würgen sich durch die Gerüche

der Fäulnis und des Überflusses

und der mobilen Suppenküche

 

Ein blinder Bettler spricht die Psalmen

die früher seine Mutter las

in einer Kirche ohne Namen

an einem Ort den Gott vergaß

 

Was fragst du mich, ein Kind des Sommers,

wie es um unsere Zukunft steht?

Wir sind nur Staub im Schein der Sterne

wir sind ein Traum der bald vergeht

 

Ich sah zu lange in die Sonne

ich sah wie sich das Licht verbiegt

beim Eintritt in die Stratosphäre

- ich hab vergessen wie man fliegt

 

Der Frauen lange schwarze Kleider

knistern im Wind wie Salzgebäck

die Schulden nie vergessener Geister

bleiben ihr einziges Gepäck

 

Im Zwielicht lauern Panzerwagen

ob jemand die Vernunft vergisst

die Bankentempel wachsen schamlos

bis ihre Zeit gekommen ist

 

Was fragst du mich, ein Kind des Sommers,

wie es um unsere Zukunft steht?

Wir sind nur Staub im Schein der Sterne

wir sind ein Traum der bald vergeht

 

Ich sah zu lange in die Sonne

ich sah wie sich das Licht verbiegt

beim Eintritt in die Stratosphäre

- ich hab vergessen wie man fliegt

 

Der Tag verharrt, schon weggeworfen,

in Leichenstarre und vergisst

dass Schönheit eine Illusion war

die längst nicht mehr zu finden ist

 

 

 

Der Doktor

 

Der Doktor hat schlaue Bücher

Die stehn im Regal Band an Band

Man kann darin einiges finden

Über den Menschen und seinen Verstand

 

Er mag es daraus zu zitieren

Auch wenn ihn kaum einer versteht

Die meisten nennen ihn Koryphäe

Das ist ein anderes Wort für „verdreht“

 

Er hat auch viele Diplome

Die sind eingerahmt und hinter Glas

Er sagt er verstehe die Menschen

Was er nicht versteht das ist Spaß

 

Er trachtet danach uns zu heilen

Doch findet kein offenes Ohr

Denn er sieht uns nicht wirklich als Menschen

Sondern als Mäuse in seinem Labor

 

Der Doktor hat schlaue Bücher

Er hat davon mehr als genug

Leider jedoch steht in keinem:

Schlau ist nicht dasselbe wie klug

 

 

 

All deine Farben

 

Ich kenn dich wie dich niemand kennt

du bist mir sehr vertraut

seit jeher schon gehst du mir nah

und tief unter die Haut

 

Die starken Taten – die zweifelnden Blicke

dein sorgloses Lachen – der Stolz der dich treibt

dein Glück, deine Wut und dein sanftes Wesen

das ist ein Wissen das stets in mir bleibt

 

Ich kenne dich – ich kenn all deine Farben

die Spuren des Lebens, die bitteren Narben

was immer dich ausmacht – an dir haften blieb

ich hab es gefunden und dich dafür lieb

 

Ich kenn dich wie dich niemand kennt

und das seit langer Zeit

die frohen Augenblicke

und auch die Traurigkeit

 

Die schönen Worte – die hilflosen Gesten

dein warmes Gefühl, dein unbändiger Mut

dein Scheitern, dein Gelingen, all dein Versuchen

was schlecht an dir ist und was gut

 

Ich kenne dich – ich kenn all deine Farben

die Spuren des Lebens, die bitteren Narben

was immer dich ausmacht – an dir haften blieb

ich hab es gefunden und dich dafür lieb

 

Das tiefste Schwarz – das strahlendste Weiß

all das entdeckte ich in dir schon

....und manchen Zwischenton

 

Ich kenne dich – ich kenn all deine Farben

ich hab sie gesehen und dich dafür lieb

 

 

 

Schuljungen im Krieg

 

Sie tragen schwer an ihren Ranzen

- Bücher sind das Wissen der Welt -

trotzdem wirkt es als ob sie tanzen

so stolz in das Leben gestellt

 

werfen sie kraftvoll die Bälle

konjugieren leicht in Latein

sie könnten auf alle Fälle

der Beginn von etwas Besserem sein

 

bis sich der Lehrer erdreistet

die unschuldige Schar aufzuklären

dass man seine Pflicht nur leistet

in Panzern und an Gewehren

 

 

 

Nostalgie

 

Die Pferde lieben ihre hellen Ställe.

Auch drum herum ist einiges recht neu.

Was gleich geblieben ist auf alle Fälle:

Am liebsten fressen sie noch immer Heu.

 

Der Bauer nennt sich heute Gutsbesitzer.

Vom Wohlstand kündet nunmehr auch sein Bauch.

Die Zunge seiner Frau wurd etwas spitzer.

Und sie genießt das süße Leben auch.

 

Der Reichtum kam abrupt und auf die Schnelle.

Man trennte sich von ein paar Hektar Land.

Dort schießt nun schwarzes Gold aus einer Quelle

wo früher mal ein Birkenwäldchen stand.

 

Es stinkt nicht mehr nach Arbeit und nach Gülle.

Und auf den Weiden tummelt sich kein Vieh.

Man scheffelt Geld in Hülle und in Fülle.

Die Pferde dienen nur der Nostalgie.

 

 

 

Wo ich gerne wäre

 

Weißt du wo ich gerne wäre?

In der gähnenden Leere

 

 

 

Schorf

 

Der Bus hält hier draußen nur zweimal am Tag

das ist zweimal zu viel wenn man mich fragt

doch ich steige heute trotzdem hier aus

mit dem Wissen kein Ort war mir je weniger ein Zuhaus

 

Es gibt Menschen hier die mich noch kennen

das sind solche die würden gerne Hexen verbrennen

die sind einfach gestrickt und völlig ungehemmt

und da reicht es schon aus bist du anders und fremd

 

Der Kirchturm noch immer ein drohender Finger

das graue Schulhaus ein grimmiger Zwinger

und der gleiche alte Mief zieht noch immer durchs Dorf

Auf manchen Wunden bleibt für alle Zeit Schorf

 

Der Pfarrer predigte gerne Verzicht

doch so fremd war die Völlerei ihm wohl nicht

und hätte der Nebel des Schweigens sich jemals gelichtet

hätte man auch von verbotener Wollust berichtet

 

Hinterm Dorfanger trifft sich der Schützenverein

um patriotisch und trinkfest zu sein

und manch tumber Maid wurde früher als man glaubt

vom Bürgermeister die Unschuld geraubt

 

Der Kirchturm noch immer ein drohender Finger

das graue Schulhaus ein grimmiger Zwinger

und der gleiche alte Mief zieht noch immer durchs Dorf

Auf manchen Wunden bleibt für alle Zeit Schorf

 

Keine einzige Straße und kein Gemäuer

in diesem Ort waren mir je geheuer

als ich meine Jugend hier leidend ertrug

ich ging früh und doch nicht früh genug

 

Der Kirchturm noch immer ein drohender Finger

das graue Schulhaus ein grimmiger Zwinger

und der gleiche alte Mief zieht noch immer durchs Dorf

Auf manchen Wunden bleibt für alle Zeit Schorf

 

 

 

Frohsinn

 

An jene die einst den Frohsinn erfanden:

Mir kam er vor geraumer Zeit schon abhanden.

Fragen Sie nicht: Wie konnte das nur passieren?

Ich will nichts erklären. Nur reklamieren.

 

 

 

Du hast es gut Freundin

 

Du hat es gut Freundin, richtig gut

promenierst mit Herrn Neureich in Nizza

sicher kauft er dir einen schönen Hut

grad kommt Max mit Cola und Pizza

 

Seine Studentenbude ist billig

du würdest sagen das hat doch Charme

und gewiss ich bin ja auch willig

denn er ist witzig - nur leider auch arm

 

Man muss es mal so offen sagen

eine Frau wie mich kann er sich nicht leisten

er hätte wohl Grund sich zu beklagen

denn im Grunde gilt das für die meisten

 

Nebenbei stapelt er am Hafen Paletten

womit er sein Studium finanziert

trotzdem kann man todsicher wetten

dass man in seiner Bude im Winter friert

 

Ein Kachelofen, etwas Holz und Papier

meine Liebe gerät schon oft ins Schwanken

das ginge dir auch so, wärest du hier

ach, du gehörst zu meinen wärmsten Gedanken

 

Du hast es gut, Freundin, nicht so wie ich

bist sicher grad an der Côte d’Azur

ich nage Pizza an einem wackligen Tisch

und Max fummelt an mir

 

Du hast bestimmt viel zu erzählen

wenn wir uns das nächste Mal sehen

was die Männer betrifft die wir wählen

ach wie gut wir uns doch verstehen

 

 

 

 

Liebeslieder im Schlussverkauf

 

                                                     Du hast seine Gitarre zerschlagen

du schlugst sie ihm auf den Kopf

er war halt nicht der passende Deckel

für deinen Honigtopf

 

Jetzt liegt er da und zuckt hektisch

denn das Teil war äußerst elektrisch

 

Ja es gibt sie doch immer wieder zuhauf

solche Liebeslieder im Schlussverkauf

und genau damit verdien ich mein Geld

Danke Welt

 

Verdient hat er es irgendwie schon

denn im Grunde war er ein fieser Knopf

trinkfest zwar aber arbeitsscheu

und ständig andere Frauen im Kopf

 

Und jetzt muss man halt gucken:

Wie lange kann er da noch zucken?

 

Ja es gibt sie doch immer wieder zuhauf

solche Liebeslieder im Schlussverkauf

und genau damit verdien ich mein Geld

Danke Welt

 

Ja es gibt sie doch immer wieder zuhauf

solche Liebeslieder im Schlussverkauf

und genau damit verdien ich mein Geld

Danke Welt

 

 

 

Schalt aus

 

Ich weiß es harren Krähen vor dem Fenster

ich weiß auch alle andren sehn sie nicht

die andren sind für mich nur noch Gespenster

und meine Augen sind so müde von dem Licht

 

Du hältst mir noch die Hand, ich spür die Tränen

wie gern berührte ich doch dein Gesicht

nur danach kann ich mich so grad noch sehnen

so schwach bin ich dass mir das Herz zerbricht

 

Schalt aus, ich mag das Summen nicht mehr hören

das meinen welken Leib am Leben hält

glaub mir, ich könnte jederzeit beschwören

dass ich längst Teil bin einer andren Welt

 

Wenn du jetzt gehst ergeb ich mich der Stille

du hast für mich mehr als genug getan

es bleibt nur dieser eine letzte Wille

wenn du mir hilfst erfüllt sich Gottes Plan

 

Wenn du mich liebst, dann lass mich bitte gehen

ich bin in dieser Welt nicht mehr zu Haus

ich kann selbst dich beinahe nicht mehr sehen

das Leben fließt langsam aus mir hinaus

 

Schalt aus, ich mag das Summen nicht mehr hören

das meinen welken Leib am Leben hält

glaub mir, ich könnte jederzeit beschwören

dass ich längst Teil bin einer andren Welt

 

 

 

Wie ein französischer Offizier

 

Das Fräulein möchte poussieren

und sucht nach einem Galan?

Da würde ich nicht resistieren

und trage mich Ihnen gern an

 

Wir könnten fern von den andern

in stilvollen Alleen

etwas im Mondlicht wandern

und uns in die Augen sehn

 

Falls Sie das Bedürfnis verspüren

wäre es mir Pläsier

Sie hernach zu verführen

wie ein französischer Offizier

 

 

 

Molekular

 

Ich bin hier und du nicht da

ich fühl mich so molekular

schon seit dem Frühstück immerzu

ist völlig gleich was ich grad tu

 

Es ist nicht schlimm nur sonderbar

ich fühl mich so molekular

da gibt es kein Medikament

weil niemand diesen Zustand kennt

 

So macht mir jeder böse klar

kein Mensch wäre molekular

doch das nehm ich nicht einfach hin

frag: Wenn ich nun der erste bin?

 

Ich wette wärst Du wieder da

wär ich nicht mehr molekular

doch weiß ich dass dies nie passiert

denn du hast dich atomisiert

 

 

 

Karussellpferdchen

 

Sie schnuppern nicht den Duft der nahen Wiesen

sie fühlen nicht den warmen Sommerwind

sie drehn sich nur im Kreis unter Markisen

und wissen nicht mal dass sie Pferde sind

 

Sie werden niemals haltlos galoppieren

nie wissen wie ein reifer Apfel schmeckt

sie werden niemals schwitzen oder frieren

werden von keinem Fliegenschwarm entdeckt

 

Sie schütteln niemals stolz die wilden Mähnen

sie werden niemals alt und lahm und blind

sie werden sich nie nach der Freiheit sehnen

sie wissen ja nicht dass sie Pferde sind

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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