Augen zu, Herr Wachtmeister
Herr Wachtmeister, mal weggeschaut
weil Sie nicht sehen wollen
was wir auf unsren Karren
über die Höfe rollen
Eine Hand wäscht die andere
lautet meine Devise
und wenn Sie uns behilflich sind
macht keiner von uns Miese
Mitanpacken brauchen Sie nicht
das wird auch so schon gehen
doch wenn man sich schon schmieren lässt
kann man auch Schmiere stehen
Herr Wachtmeister, nicht nachgefragt
Sie wollen gar nicht wissen
was wir heute von A nach B
so dringlich bringen müssen
Es dient ja nicht uns beiden nur
es ist zum Wohle aller
und auch die Gattin schätzt es wohl
ist Ihre Börse praller
Polyp zu sein zahlt sich nicht aus
Geschäftsmann hört sich besser an
zudem weiß ich Sie stehn nicht nur
zuhause tapfer Ihren Mann
Herr Wachtmeister, mal nachgedacht
ich will Sie nicht erpressen
doch dass ich von der Ingrid weiß
lässt sich halt nicht vergessen
Sie haben recht, Sie guter Mann
sie ist ein wahres Luder
man sieht nicht dass sie vierzehn ist
bei all dem vielen Puder
Da ist ein kleiner Freundschaftsdienst
doch wirklich ein geringer Preis
wenn man wie wir genießt und schweigt
Was keiner weiß macht keinen heiß
Herr Wachtmeister, mal weggeschaut
und bloß nicht falsch bewegen
es soll Ihr Schaden auch nicht sein
Fragen Sie die Kollegen
Ich
Sorry, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt:
Ein analoger Mensch in einer digitalen Welt
der es nicht mag von sich zu berichten
auf andere Art als in seinen Gedichten
Sorry, ich weiß, Sie sind bestimmt der Meinung
ich träte doch besser etwas mehr in Erscheinung
und sollte vielleicht mal eine Lesung halten
doch das ist so überflüssig wie Servietten falten
Sorry, ich weiß, es kann schon sehr bedrücken
wenn man nichts davon hält sich ins rechte Licht zu rücken
Ich sage es jetzt Ihnen, gewöhnlich verrat ich‘s nicht:
Ich hab große Probleme mit Menschen und mit Licht
Ein Studienrat sinniert
Es naht nun der Heilige Abend.
Ich speise bei Martha und Hans.
Der Wein erweist sich als labend.
Zäh dagegen die Gans.
Es ist angenehm mollig im Zimmer.
Im Kamin da knistert das Holz.
Martha schenkt mir Socken. Wie immer.
Selbstgestrickt. Darauf ist sie stolz.
Vom Hans gibt es eine Flasche.
Hochprozentig wie sich versteht.
Sie passt gut in die Manteltasche.
So denn man nach draußen noch geht.
Wie geht es wohl jetzt meinen Knaben?
Hätt ich ihnen nur schreiben gekonnt.
Wo sie sonst wohl kaum Freude heut haben.
In einem fremden Land. An der Front.
Der Feind möge sich vor ihnen hüten.
Sie sprechen einwandfreies Latein.
Möge Gott ihnen ihr Opfer vergüten.
Und mögen noch am Leben sie sein.
Ich möchte mich jetzt beklagen
Ich möchte mich jetzt beklagen.
Ich bin einfach nicht mehr froh.
Wem bitte kann ich das sagen?
Gibt es dafür kein Büro?
Es muss doch wohl eines geben.
Für alles gibt es ein Büro.
Und hier geht es um mein Leben
Nun kommen Sie mir nicht so!
Ich zieh auch gern eine Nummer.
Und sitz den Popo mir dann breit.
Schließlich habe ich Kummer.
Oder dringlicher: Leid!
Hier bekäme man nur Führerscheine?
Mit Sicherheit ist das ein Scherz.
Was kümmert Sie ob ich weine?
Sie sind doch ein Mensch ohne Herz.
Ich möchte mich jetzt beklagen.
Mein Recht wird zu Ihrer Pflicht
Ihnen kann ich das nicht sagen?
Sagen Sie das besser nicht.
Emigranten-Ballade
Das halbe Leben waren fremde Orte
an denen sie durch Unbekanntes ging
ihr fehlten dort die Freunde und die Worte
aus jener Zeit an der sie so sehr hing
Als sie Berlin noch eine Heimat nannte
und (meistens) heiter von der Liebe schrieb
bevor man ihre Bücher dann verbrannte
und sie in eine ferne Welt vertrieb
Sie sah am Horizont manches verschwinden
und hielt doch in Gedanken daran fest
man sagte ihr sie werde Neues finden
so dass das Alte sich vergessen lässt
Am Leben sein muss oftmals schon genügen
sie wurde Hohen Herren vorgestellt
daheim fuhren derweil in langen Zügen
Freunde ins Fegefeuer ihrer Welt
Freiheit ließ sie dennoch ein Gast nur bleiben
so wurde ihr das Lächeln schnell zur Pflicht
sie konnte bald in fremder Sprache schreiben
in fremder Sprache träumen konnt sie nicht
Für Mascha Kaléko
*07.06.1907 – 21.01.1975
Nachruf auf den Schüler Krause
Wer hätte denn geahnt dass Schüler Krause
von dem man wusste dass er gerne lacht
ganz eigenmächtig seine Große Pause
viel länger als ihm zusteht fortan macht?
Er sprang vom Dach und das vor aller Augen
die Rieke meinte keck: „Gleich wird er fliegen“
doch weil die Menschen dazu wenig taugen
konnt er die Schwerkraft letztlich nicht besiegen
Er knallte auf den Hof und brach in Stücke
sein Blut spritzte auf Alberts Pausenbrot
der hatte noch ein zweites bei – zum Glücke
doch Krause war nun zweifelsohne tot
Der Rektor kam und sprach mit bleichen Wangen:
„Am Rest des Tages fällt die Schule aus“
und da Latein in Kürze angefangen
ging man nicht wirklich schlechtgelaunt nach Haus
Der Friedrich sprach beim Heimweg in die Runde
und wie es schien auch innerlich gefasst:
„Wär er gesprungen nach der ersten Stunde
hätten wir auch noch Religion verpasst“
Razor
Selbstmord-Penthouse, zwölfter Stock
Razor schlüpft aus ihrem Rock
torkelt nackt auf den Balkon
und haucht: „Herz, los flieg davon“
Denn in ihrer Trümmerwelt
gibt es keinen der sie hält
und ihr Mut reicht nur so eben
um den Tag zu überleben
Razor weiß: Lieben heißt leiden
will die ganze Welt zerschneiden
Frieden hat sie nur empfunden
bei dem Anblick ihrer Wunden
Hat sich viele zugefügt
weil ihr Fleisch sie nicht belügt
und sie sich nur selbst erkennt
wenn der Schmerz befreiend brennt
Sie wird stets dem Zorn gehören
denn der Wunsch sich zu zerstören
bleibt das einzige Versprechen
diese Stille zu durchbrechen
Keine Hand, keine Tabletten
die sie vor der Leere retten
wenn das Lied das in ihr klingt
sie dem Abgrund näher bringt
Manchmal finden fremde Lippen
einen Weg zwischen den Klippen
doch sie ist stets fortgeschwommen
wenn man ihr zu nah gekommen
denn sie kann es nicht ertragen
diese Blicke und die Fragen
Razors Himmel ist zu klein
um anderen ein Ort zu sein
Was man Waffenhändlern wünscht
Sie haben sich goldene Nasen erworben
beim Handel mit Diktatoren
Bei denen wird jetzt heftig gestorben
Zum Glück hat man dort nichts verloren
Doch bietet Deutschland noch Sicherheit
bei all den nuklearen Raketen?
Man beschließt, es wird langsam Zeit
für einen Wechsel der Tapeten.
Eine Südseeinsel, mit bestem Klima,
aus der Portokasse bezahlt
Da ist man sicher und es geht einem prima
während man sich in der Sonne aalt
Man grinst sich eins, südlich vom Äquator,
und feiert mit Geschäftsfreunden ein rauschendes Fest
und dann entscheidet so ein Diktator:
Schöne Insel für einen Atomwaffentest
Vollendet
Der Bauer zieht den Pflug, die Felder blühen
das Jahr war gut, so wird die Ernte reich
wer so belohnt wird für all seine Mühen
dem bleiben meine schlichten Verse gleich
Ich säe nicht, ich pflanze nicht, ich schreibe
davon werd ich bis heute noch nicht satt
ob ich nicht besser auch hier draußen bleibe
was hält mich noch in meiner lauten Stadt?
Hier schlaf ich vielleicht unter bessren Sternen
und Korn gibt es weiß Gott hier doch genug
was an Geschick mir fehlt kann ich erlernen
tausch ich den Stift nur gegen einen Pflug
So lauscht der Bauer nun meinem Begehren
während er mein Notizbuch dreht und wendet
er sagt: „Den Wunsch Freund muss ich dir verwehren
wer schreibt von uns so schön sonst und vollendet?“
Gräser
Es neigen sich die Gräser auf den Weiden
Gräser aus denen Mädchen Kronen flechten
Kronen die junge Häupter herrlich kleiden
ein ewig gleiches Spiel von alten Mächten
Die Zeit kann manchen harten Umstand mildern
gedankenlos verharrt die Kinderschar
sich selbst betrachtend in den Spiegelbildern
im Wasser das so ewig scheint und klar
Noch spielen all die Mädchen und die Knaben
des Lebens Spiel auf ihre eigne Weise
auch wenn schon manche eine Ahnung haben
von Anbeginn und Sinn der nahen Reise
Ihr wildes Spiel lässt keine Angst erkennen
sie rennen auf den Weiden hin und her
und wenn sie sich am Abend schließlich trennen
tragen sie ihre Kronen längst nicht mehr
Loch im Bauch der Zeit
Mitten auf der Fahrbahn
ein umgestürzter Baum
mein Blick schiebt ihn zur Seite
er passt nicht in den Traum
Du bist schon ausgestiegen
dein Kleid liegt auf dem Sitz
doch meine Hand fährt trotzdem
ganz zärtlich in den Schlitz
Der Mond ist rot - der Tank ist leer
vor uns zerfließt das Wolkenmeer
Ein Loch im Bauch der Zeit
dahinter nichts als Ferne
und Wellen auf dem Schutzblech
im Außenspiegel Sterne
Ein Loch im Bauch der Zeit
die Dämmerfarben weichen
dem Horizont der Nacht
wenn wir den Strand erreichen
Du gehst barfuß über Muscheln
an einer unbekannten Küste
und das Fernlicht streichelt flüchtig
deine unverhüllten Brüste
Der Geruch von Wind und Algen
schafft uns eine Art von Nähe
in der ich die Welt von oben
und dein Lachen in mir sehe
Der Mond ist rot - der Tank ist leer
vor uns zerfließt das Wolkenmeer
Ein Loch im Bauch der Zeit
dahinter nichts als Ferne
und Wellen auf dem Schutzblech
im Außenspiegel Sterne
Ein Loch im Bauch der Zeit
die Dämmerfarben weichen
dem Horizont der Nacht
wenn wir den Strand erreichen
Waisenkinder
Sie laufen in Zweierreihen
den Blick gesenkt, Händchen in Händchen
und bringen mit traurigen Stimmen
dem Frühlingsmorgen ein Ständchen
Sie sehen ein wenig wie Sträflinge aus
eine graue, scheue Kolonne
mit kurzgeschorenen Haaren
und Sehnsucht nach Wind und nach Sonne
Ach, hätten sie bunte Leibchen nur an
um Fröhlichkeit vorzutäuschen
und wie die Marienkäfer im Gras
nichts zu tun als zu kreuchen und fleuchen
Immer sonntags werden sie ausgeführt
für knapp eine dreiviertel Stunde
und drehen zwischen Sportplatz und Molkerei
exakt jeweils die gleiche Runde
Wie gern würden sie auf dem Spielplatz sein
sie hören von weitem das frohe Geschrei
doch mit eiserner Miene treibt die alte Dame
sie an jeder Art von Vergnügen vorbei
Ich winke ihnen oft heimlich zu
doch ich weiß nicht ob sie das sehen
Mutter packt mich dann immer am Arm:
Lass uns bloß schnell weitergehen
Verzeihen Sie, ich bin der Pathologe
Verzeihen Sie, ich bin der Pathologe
und das bedeutet Sie sind leider tot
deshalb sind Sie jetzt auch grad ziemlich nackig
und ich werd bei dem Anblick gar nicht rot
Ich bin grade dabei Sie aufzuschneiden
zum Glück spürn Sie ja nichts von dem Skalpell
denn wär dem so könnten Sie mich nicht leiden
dabei schneid ich so sauber und ganz schnell
Im Augenblick jonglier ich mit den Nieren
ich werf sie hoch und fang sie wieder auf
da kann schon mal ein Missgeschick passieren
dann flutschen sie davon im Abflusslauf
Ich hab Ihnen auch schon Ihr Hirn entnommen
und festgestellt es ist doch reichlich klein
man könnte leicht zu der Erkenntnis kommen
so wichtig kann das Teil dann wohl nicht sein
Verzeihen Sie, ich bin der Pathologe
und das bedeutet Sie sind leider tot
deshalb sind Sie jetzt auch grad ziemlich nackig
und ich werd bei dem Anblick gar nicht rot
Ihr Herz schwabbelt keck in der Petrischale
ich finde diesen Anblick wirklich nett
als Pathologe schätzt man das Fatale
Ihre Leber übrigens ist ziemlich fett
Ich würde gern die Nacht bei Ihnen bleiben
wir beide kennen uns jetzt schließlich schon
doch muss ich leider den Bericht noch schreiben
Ich danke Ihnen für die Obduktion
Im nächsten Leben
Im nächsten Leben trennen uns nicht Welten
dein Blick sieht dann nicht mehr an mir vorbei
weil dort ganz andre Regeln für uns gelten
im nächsten Leben bist du für mich frei
Im nächsten Leben wirst du mich erkennen
du wirst Geliebte sein für mich und Freund
und keine Macht vermag uns dann zu trennen
im nächsten Leben bleiben wir vereint
In diesem Leben wirst du niemals wissen
wie verzweifelt dich mein Herz schon heute liebt
so bleibt mir nichts als dich nur zu vermissen
weil es vielleicht kein nächstes Leben gibt
Nach jedem Krieg
Da steht ihr. Vater. Mutter. Kind.
Der Krieg ward nicht gewonnen.
Wo so viele gestorben sind
seid ihr dem Tod entronnen.
Euch blieb nicht viel. Der Karren leer.
Sind kaum noch sieben Sachen.
Es zieht ihn auch kein Esel mehr.
Das müsst ihr selber machen.
Auch wenn ich um das Elend weiß
ein Rat scheint mir geboten:
Düngt nicht die Felder der Lebenden
mit der Asche der Toten.
Die Heimat ist ein ferner Ort.
Sind dort noch grüne Weiden?
Bleibt ihr nun oder geht ihr fort?
Das gilt es zu entscheiden.
Hier seid ihr Fremde. Dort zuhaus.
Und werdet doch gemieden.
So sieht die Wahrheit immer aus:
Kein Krieg bringt einen Frieden.
Auch wenn ich um das Elend weiß
ein Rat scheint mir geboten:
Düngt nicht die Felder der Lebenden
mit der Asche der Toten.
Droschke gefälligst?
Droschke gefälligst der gnädige Herr?
Ich hab hungrige Mäuler zu stopfen
Und Sie sehen aus als würden sie gern
bei verschwiegenen Türen anklopfen.
Natürlich kann ich mit Ratschlägen dienen.
Mir ist nichts Menschliches fremd.
Wollen Sie es auf die gewöhnliche Art
hilft Ihnen Lola gern aus dem Hemd.
Mögen Sie es jedoch etwas feister
tendiere ich eher zu Frieda.
Wen immer ich jemals zu ihr fuhr
sah ich danach sehr oft wieder.
Dann wäre da auch noch Bea zu nennen.
Da wird’s wie der Berliner sagt „schwierich“.
Denn das Vergnügen bei ihr ist, ich sag mal so,
doch überwiegend recht tierisch.
Verlangt es dem Herren nach Peitsche und Ketten
so weiß ich auch da guten Rat.
Die Rita hat in ihrem Repertoire
solch Spielzeug in Massen parat.
Und dann hätten wir zu guter Letzt
- ich sag es ganz leise - die Jule
da fahr ich Sie nur hin auf eigne Gefahr
denn die müsste eigentlich noch zur Schule.
Droschke gefälligst der gnädige Herr?
Ich hab hungrige Mäuler zu stopfen
Und haben Sie die Spendierhosen an
gönn ich mir einen guten Tropfen.
Frieda Fritsch berichtet
Da hock ich in der traurigen Kaschemme
und schaue mir nach dir die Augen aus
zwei Stunden schon – wo bleibst du nur du Memme
bestimmt bei deiner Frau, gewiss zu Haus
An Geilheit fehlt‘s dir nicht, wie ich erfahren
da hast du eines kecken Jünglings Blut
doch mangelt es dir wohl in reifen Jahren
an Überzeugung – oder besser: Mut
Dein Weib mache es dir nicht mit dem Munde
deshalb warst du bei mir stets sehr vergnügt
nun sitz ich hier und hoffe noch auf Kunde
doch bin inzwischen schon etwas betrübt
Kunde von dir – du hast mich schon verstanden
und alles andre wäre abgrundtief gemein
jedoch, gehst du mir tatsächlich abhanden
dann lass ich jemand anders Kunde sein
Da sitzt ein Dicker, mir grad gegenüber
der riecht schon auf zehn Metern nach Hotel
und hast du mich nicht endlich etwas lieber
bekommt er was er will und zwar recht schnell
Ich bin nicht stolz, das wäre fehl am Platze
ich habe Kosten wie du sicher weißt
da stört mich dann nicht seine runde Glatze
und ich muss auch nicht wissen wie er heißt
Ach, bleib doch wo du bist, bei deiner Alten
vielleicht macht sie`s dir ja mal mit der Hand
so kannst du wenigstens dein Geld behalten
und ich setz einen andren Herrn in Brand
Weltmeere
Ich könnte auf Weltmeeren reisen.
Doch sitze ich im Büro.
Als gelte es mir zu beweisen:
Auch Papierschiffchen machen froh.
Noch ein Glas auf die Schwermut
Die anderen haben es besser als ich
die nennen es schlicht „Depressionen“
und suchen schnell Therapeuten auf
um sie für die Bestätigung zu entlohnen
Ich geb mein Geld lieber für Zigaretten aus
für Comics, Filme und Bier
und rede mir damit erfolgreich ein
dass ich mich selbst therapier
Typisch, aber trotzdem ganz unbeschreiblich:
Der Mut ist männlich, die Schwermut ist weiblich
Noch ein Glas auf die Schwermut
schließlich kennen wir uns schon lang
und einer von uns packt das Leergut
anschließend bestimmt in den Schrank
Die anderen reden in Gruppen
doch löst das nicht ihr Problem
Ich sprech lieber mit mir selbst
das ist nicht ganz so unangenehm
Ist im Grunde ja auch nur wie Schnupfen
der einem die Laune vermiest
und da kann es schon mal geschehen
dass man ein paar Tränen vergießt
Typisch, aber trotzdem ganz unbeschreiblich:
Der Mut ist männlich, die Schwermut ist weiblich
Noch ein Glas auf die Schwermut
schließlich kennen wir uns schon lang
und einer von uns packt das Leergut
anschließend bestimmt in den Schrank
Feline
Feline hat ein Kind bekommen
und weiß nicht von wem
ihr Vater schmeißt sie aus dem Haus
es ist nicht sein Problem
Die Mutter ging vor Jahren
mancher erinnert sich
man sagte in der Schule
sie gehe auf den Strich
Feline ist erst vierzehn
die Nachbarn schauen weg
es kümmert sich halt lieber
jeder um seinen Dreck
Dem Pädo zwei Blocks weiter
ist sie nicht jung genug
nun steht sie da am Bahndamm
und wartet auf den Zug
Feline hält das Baby
das keinen Namen hat
und legt sich auf die Schienen
sie hat die Scheiße satt
Morgens sieht man das Blut
das an den Schienen klebt
Feline ist jetzt besser dran
aber das Baby lebt
Der Krake
Der Krake hat zu viele Arme.
Er greift nach mehr als er fressen kann.
Soll man ihm das Maul deshalb stopfen?
Oder hoffen er krepiert bald daran?
Sind erst alle Fische verschlungen
wo findet er dann neue Beute?
Irgendwann wird auch er sich das fragen.
Nur leider noch nicht heute.
Wird er die Welt dann verschlingen?
Oder setzt ihn wer auf Diät?
Wer nichts tut tut niemals das Rechte.
Wer erst morgen was tut der tut es zu spät.
Flut und Deich
Es sprach die Flut zum Deich:
„Im Grunde sind wir gleich
uns geht’s in all den Jahren
doch einzig ums Bewahren“
Es sprach der Deich zur Flut:
„Mit Worten kannst Du’s gut
und wirst doch nichts erreichen
ich werde Dir nicht weichen“
Es sprach die Flut zum Deich:
„So hat jeder sein Reich
doch wär meins nicht zu klein
dann würde ich nicht sein“
Es sprach der Deich zur Flut:
„Das ist nur Übermut
doch ohne Dein Erheben
würde es mich nicht geben“
Am letzten warmen Tag im Mai
Vier Stunden schon im Nachtcafé
Ich knick die Speisekarte
Ebbe in Herz und Portemonnaie
Ich weiß nicht worauf ich warte
Eine Kapelle fidelt froh
und überwiegend irisch
Ich schau Marlene auf den Po
und mir wird dabei lyrisch
Sie hat ein Lächeln und ein Bier
auch ungefragt für mich parat
ich weiß bald ist sie nicht mehr hier
denn sie hat schon genug gespart
Dann macht sie sich nach Übersee
zwecks Neubeginn und Ehe
die Aussicht tut schon etwas weh
auch wenn ich sie verstehe
Hätte sie nicht schon viel gespart
dann hielte ich das Trinkgeld klein
und sagte ihr auf diese Art
sie sollte hier noch länger sein
Doch ich bin ja kein Egoist
drum geht der Anflug schnell vorbei
und alles bleibt so wie es ist
am letzten warmen Tag im Mai
Carla (hat Pech mit den Kerlen)
Er war Sänger in einer Rock’n Roll Band
deshalb hat sie auch gleich mit ihm gepennt
sie dachte er schreibt für sie ein Lied
weil er in ihr bestimmt was besonderes sieht
Doch er hat ihren Namen im Suff vergessen
und das Lied bekam Angie stattdessen
Carla hat Pech – immer Pech mit den Kerlen
ihr tritt man in den Hintern und die andren kriegen Perlen
ja das Leben ist nicht fair
denn wenn es das wär
gäbe es keine Mädchen wie Carla mehr
Er hatte Gel im Haar und einen Brilli im Ohr
und er kam ihr auch sonst äußerst weltgewandt vor
und so landete sie viel zu schnell
vor dem Kamin auf dem Bärenfell
Sie dachte er teilt mit ihr Bett und Tisch
doch er schickte sie lieber auf den Strich
Carla hat Pech – immer Pech mit den Kerlen
ihr tritt man in den Hintern und die andren kriegen Perlen
ja das Leben ist nicht fair
denn wenn es das wär
gäbe es keine Mädchen wie Carla mehr
Sie trifft immer die Falschen
sie fällt immer wieder rein
vielleicht liegt es ja an ihr
das kann doch kein Zufall sein
Carla hat Pech – immer Pech mit den Männern
andre kriegen Multis – sie bekommt die letzten Penner
ja das Leben ist gemein
denn würd es anders sein
fielen mir doch nicht solch traurige Lieder ein
Das Herz auf dem rechten Fleck
Sie tragen das Herz auf dem rechten Fleck
und faseln von Ruhm und von Ehre
Ach Kinder, bleibt von solchen nur weg
die zwingen euch an die Gewehre
Die lauern wie Rattenfänger euch auf
und dann rauben sie euch eure Jugend
Ihr erwerbt bei denen im Vorverkauf
den Heldentot als deutsche Tugend
Die treiben euch zur Schlachtbank wie Vieh
und reiben sich dabei die Hände
An denen klebt Blut, doch das sieht man nie
denn nur ihr kämpft ihren Kampf bis zum Ende
Ein Abschied
Da steht man nun. Und sieht ihr hinterher.
Man möchte etwas sagen und bleibt stumm.
Es ist nicht leicht. Doch auch nicht allzu schwer.
Und überhaupt: Sie dreht sich nicht mal um.
Da klebt ein Falter an der Gaslaterne.
Man weiß nicht, ist er tot oder lebendig?
Wär er lebendig wüsste man es gerne.
Doch wär er tot fühlte man sich elendig.
Sie ist derweil schon einen Block lang weiter.
Ob sie, wenn man sie ruft, es überhört?
Zwei Spatzen schauen kurz und pfeifen weiter.
Man schaut empor und fühlt dass man nur stört.
Des Milchmanns Karre klappert übers Pflaster.
Der Schutzmann dreht die Runde ums Gericht.
Der Mond wirkt beinah wie aus Alabaster.
Man sieht ihr nach und sieht: Man sieht sie nicht.
Die Irre
Die Irre stand entblößt vor drei Doktoren
auf einem Bein, das war sehr unbequem
man zog ihr an den Haaren und den Ohren
und diskutierte eifrig ihr Problem
Und ringsum hockten staunend die Studenten
notierten alles sorgsam auf Papier
zwei Krankenschwestern und drei Assistenten
verschoben ihre Pause wegen ihr
Ein Spezialist aus Übersee gekommen
vermaß den Abstand zwischen Kinn und Stirn
dann hat er sich ein Instrument genommen
und bohrte es ihr waagerecht ins Hirn
Er sprach von Rinde, Platten und von Lappen
hat auf Latein noch mancherlei doziert
dann wollte er was kappen und was klappen
die Irre jedoch war derweil krepiert
Grüß mir die Elbbrücken
Ich seh den Flieger noch so jung
vor seiner roten Focker stehn
er sagte wenn die Winde gut sind
wird er bald Deutschland wiedersehn
Ich lud ihn ein zu einem Glas
in dieser Bar am Arsch der Welt
und gab ihm einen Brief für dich
der dir von meinem Traum erzählt
Grüß mir die Elbbrücken, Marie
an manchem Tag vermiss ich sie
und den Geruch von Öl und Fisch
die Große Freiheit und auch dich
Den Mond der auf St. Pauli scheint
wenn man um die Matrosen weint
den Hans und sein Akkordeon
ich lief zu weit vor euch davon
Nun steht er auf der Landebahn
und hält den Daumen in den Wind
er hat den Gang eines Mannes
aber die Augen von nem Kind
Ich wink ihm zu ein letztes Mal
dann steigt die Focker schnell und leicht
ich wünsch ihm alles Glück der Welt
dass er die Heimat bald erreicht
Grüß mir die Elbbrücken, mein Freund
die Brandung die dort tobt und schäumt
die Kähne die im Hafen liegen
wo kreischend weiße Möwen fliegen
Grüß mir mein Hamburg – meine Stadt
die mich wohl längst vergessen hat
den Hans und seine leisen Lieder
ich seh euch alle niemals wieder
Und wenn mein Mädchen nach mir fragt
gib ihr den Brief und sage ihr
ich bin seit mehr als zwanzig Jahren
in jeder Nacht im Traum noch hier
und sing mit Hans die Seemannslieder
auf der geliebten Reeperbahn
und manchmal wach ich morgens auf
und riech den Duft von ihrem Haar
Grüß mir die Elbbrücken, Marie
du weißt manch Liebe die stirbt nie
du und mein Hamburg ihr habt immer
in meinem Herz ein warmes Zimmer
Im Büttener Feld
Man fand einst auf dem Büttener Feld
so jedenfalls hat man sich erzählt
im Korn ein totes Hasenpaar
und drum herum die ganze Bürgerschar
Im Büttener Feld zur Erntezeit
machten Panik und Verzweiflung sich breit
und setzten seltsame Gedanken frei
aus hundert Kehlen drang es wie ein Schrei:
Schlagt tot jeden Hasen im Büttener Feld
damit die Seuche nicht unsre Kinder befällt
Mitleid darf es nicht geben
Lasst keinen am Leben
Danach befand man dass gewiss
manch Hund hier schon manch Hasen riss
und deshalb wäre die Gefahr
auch jetzt noch ganz unmittelbar
Im Büttener Feld zur Erntezeit
machten Panik und Verzweiflung sich breit
und setzten seltsame Gedanken frei
aus hundert Kehlen drang es wie ein Schrei:
Schlagt tot alle Hunde im Büttener Feld
damit die Seuche nicht unsre Kinder befällt
Mitleid darf es nicht geben
Lasst keinen am Leben
Schlussendlich wurde ihnen klar
dass dies noch nicht die Lösung war
denn man hatte manchen Hund gesehn
wo die Wagen der Zigeuner stehn
Im Büttener Feld zur Erntezeit
machten Panik und Verzweiflung sich breit
und setzten seltsame Gedanken frei
aus hundert Kehlen drang es wie ein Schrei:
Schlagt tot die Zigeuner im Büttener Feld
damit die Seuche nicht unsre Kinder befällt
Mitleid darf es nicht geben
Lasst keinen am Leben
Skizze
Studenten torkeln trunken durch die Gassen
und fordern lauthals wieder Anarchie
ich leb genau das Leben das sie hassen
Berührungspunkte finden sich so gut wie nie
Ich habe eine schwache Brut zu nähren
und gestern erst kürzte man mir den Lohn
ein armer Mann der lässt sich leicht entehren
doch schreit er deshalb nicht. „Revolution!“
Die Frau liegt schon seit Wochen krank da nieder
das jüngste Kind hustet die ganze Nacht
solch Los erscheint den Pöbelnden zu bieder
als dass man sich darum Gedanken macht
Mit Lenin, Marx und Trotzki lässt sich`s leben
da läuft es sich hochnäsig durch die Stadt
auf Manifeste würd ich erst etwas geben
machten sie meine armen Kinder satt
Leiser reden und schneller gehn
Das ist das Haus von dem Fleischmann
rasch mein Kind, flink dran vorbei
was du hörst ist ein Kauz in den Bäumen
auch wenn es so klingt wie ein Schrei
Wonach soll es hier denn schon stinken?
Geh schneller wenn es dir nicht gefällt
dem Wachtmeister ist nichts zu melden
Vater schuldet dem Fleischmann noch Geld
Leiser reden und schneller gehn
nicht auffällig hinübersehn
der Alte hält jederzeit Wache
und es ist auch nicht unsere Sache
Leiser reden und schneller gehn
nicht nur Hähnen kann man die Hälse verdrehn
was er dort treibt dieser Mann
geht uns beide weiß Gott doch nichts an
Geh mir nicht am Abend nach draußen
und von Streunern halte dich fern
in der Regel trifft es nur die Zigeuner
uns hat der Fleischmann doch gern
Du musst es dem Pastor nicht beichten
im Städtchen weiß jeder Bescheid
doch ohne Fleischmanns Fabriken
herrschten hier Hunger und Leid
Leiser reden und schneller gehn
nicht auffällig hinübersehn
der Alte hält jederzeit Wache
und es ist auch nicht unsere Sache
Leiser reden und schneller gehn
nicht nur Hähnen kann man die Hälse verdrehn
was er dort treibt dieser Mann
geht uns beide weiß Gott doch nichts an
Ich hab vergessen wie man fliegt
Zwei Krähen kreisen überm Parkhaus
und würgen sich durch die Gerüche
der Fäulnis und des Überflusses
und der mobilen Suppenküche
Ein blinder Bettler spricht die Psalmen
die früher seine Mutter las
in einer Kirche ohne Namen
an einem Ort den Gott vergaß
Was fragst du mich, ein Kind des Sommers,
wie es um unsere Zukunft steht?
Wir sind nur Staub im Schein der Sterne
wir sind ein Traum der bald vergeht
Ich sah zu lange in die Sonne
ich sah wie sich das Licht verbiegt
beim Eintritt in die Stratosphäre
- ich hab vergessen wie man fliegt
Der Frauen lange schwarze Kleider
knistern im Wind wie Salzgebäck
die Schulden nie vergessener Geister
bleiben ihr einziges Gepäck
Im Zwielicht lauern Panzerwagen
ob jemand die Vernunft vergisst
die Bankentempel wachsen schamlos
bis ihre Zeit gekommen ist
Was fragst du mich, ein Kind des Sommers,
wie es um unsere Zukunft steht?
Wir sind nur Staub im Schein der Sterne
wir sind ein Traum der bald vergeht
Ich sah zu lange in die Sonne
ich sah wie sich das Licht verbiegt
beim Eintritt in die Stratosphäre
- ich hab vergessen wie man fliegt
Der Tag verharrt, schon weggeworfen,
in Leichenstarre und vergisst
dass Schönheit eine Illusion war
die längst nicht mehr zu finden ist
Der Doktor
Der Doktor hat schlaue Bücher
Die stehn im Regal Band an Band
Man kann darin einiges finden
Über den Menschen und seinen Verstand
Er mag es daraus zu zitieren
Auch wenn ihn kaum einer versteht
Die meisten nennen ihn Koryphäe
Das ist ein anderes Wort für „verdreht“
Er hat auch viele Diplome
Die sind eingerahmt und hinter Glas
Er sagt er verstehe die Menschen
Was er nicht versteht das ist Spaß
Er trachtet danach uns zu heilen
Doch findet kein offenes Ohr
Denn er sieht uns nicht wirklich als Menschen
Sondern als Mäuse in seinem Labor
Der Doktor hat schlaue Bücher
Er hat davon mehr als genug
Leider jedoch steht in keinem:
Schlau ist nicht dasselbe wie klug
All deine Farben
Ich kenn dich wie dich niemand kennt
du bist mir sehr vertraut
seit jeher schon gehst du mir nah
und tief unter die Haut
Die starken Taten – die zweifelnden Blicke
dein sorgloses Lachen – der Stolz der dich treibt
dein Glück, deine Wut und dein sanftes Wesen
das ist ein Wissen das stets in mir bleibt
Ich kenne dich – ich kenn all deine Farben
die Spuren des Lebens, die bitteren Narben
was immer dich ausmacht – an dir haften blieb
ich hab es gefunden und dich dafür lieb
Ich kenn dich wie dich niemand kennt
und das seit langer Zeit
die frohen Augenblicke
und auch die Traurigkeit
Die schönen Worte – die hilflosen Gesten
dein warmes Gefühl, dein unbändiger Mut
dein Scheitern, dein Gelingen, all dein Versuchen
was schlecht an dir ist und was gut
Ich kenne dich – ich kenn all deine Farben
die Spuren des Lebens, die bitteren Narben
was immer dich ausmacht – an dir haften blieb
ich hab es gefunden und dich dafür lieb
Das tiefste Schwarz – das strahlendste Weiß
all das entdeckte ich in dir schon
....und manchen Zwischenton
Ich kenne dich – ich kenn all deine Farben
ich hab sie gesehen und dich dafür lieb
Schuljungen im Krieg
Sie tragen schwer an ihren Ranzen
- Bücher sind das Wissen der Welt -
trotzdem wirkt es als ob sie tanzen
so stolz in das Leben gestellt
werfen sie kraftvoll die Bälle
konjugieren leicht in Latein
sie könnten auf alle Fälle
der Beginn von etwas Besserem sein
bis sich der Lehrer erdreistet
die unschuldige Schar aufzuklären
dass man seine Pflicht nur leistet
in Panzern und an Gewehren
Nostalgie
Die Pferde lieben ihre hellen Ställe.
Auch drum herum ist einiges recht neu.
Was gleich geblieben ist auf alle Fälle:
Am liebsten fressen sie noch immer Heu.
Der Bauer nennt sich heute Gutsbesitzer.
Vom Wohlstand kündet nunmehr auch sein Bauch.
Die Zunge seiner Frau wurd etwas spitzer.
Und sie genießt das süße Leben auch.
Der Reichtum kam abrupt und auf die Schnelle.
Man trennte sich von ein paar Hektar Land.
Dort schießt nun schwarzes Gold aus einer Quelle
wo früher mal ein Birkenwäldchen stand.
Es stinkt nicht mehr nach Arbeit und nach Gülle.
Und auf den Weiden tummelt sich kein Vieh.
Man scheffelt Geld in Hülle und in Fülle.
Die Pferde dienen nur der Nostalgie.
Wo ich gerne wäre
Weißt du wo ich gerne wäre?
In der gähnenden Leere
Schorf
Der Bus hält hier draußen nur zweimal am Tag
das ist zweimal zu viel wenn man mich fragt
doch ich steige heute trotzdem hier aus
mit dem Wissen kein Ort war mir je weniger ein Zuhaus
Es gibt Menschen hier die mich noch kennen
das sind solche die würden gerne Hexen verbrennen
die sind einfach gestrickt und völlig ungehemmt
und da reicht es schon aus bist du anders und fremd
Der Kirchturm noch immer ein drohender Finger
das graue Schulhaus ein grimmiger Zwinger
und der gleiche alte Mief zieht noch immer durchs Dorf
Auf manchen Wunden bleibt für alle Zeit Schorf
Der Pfarrer predigte gerne Verzicht
doch so fremd war die Völlerei ihm wohl nicht
und hätte der Nebel des Schweigens sich jemals gelichtet
hätte man auch von verbotener Wollust berichtet
Hinterm Dorfanger trifft sich der Schützenverein
um patriotisch und trinkfest zu sein
und manch tumber Maid wurde früher als man glaubt
vom Bürgermeister die Unschuld geraubt
Der Kirchturm noch immer ein drohender Finger
das graue Schulhaus ein grimmiger Zwinger
und der gleiche alte Mief zieht noch immer durchs Dorf
Auf manchen Wunden bleibt für alle Zeit Schorf
Keine einzige Straße und kein Gemäuer
in diesem Ort waren mir je geheuer
als ich meine Jugend hier leidend ertrug
ich ging früh und doch nicht früh genug
Der Kirchturm noch immer ein drohender Finger
das graue Schulhaus ein grimmiger Zwinger
und der gleiche alte Mief zieht noch immer durchs Dorf
Auf manchen Wunden bleibt für alle Zeit Schorf
Frohsinn
An jene die einst den Frohsinn erfanden:
Mir kam er vor geraumer Zeit schon abhanden.
Fragen Sie nicht: Wie konnte das nur passieren?
Ich will nichts erklären. Nur reklamieren.
Du hast es gut Freundin
Du hat es gut Freundin, richtig gut
promenierst mit Herrn Neureich in Nizza
sicher kauft er dir einen schönen Hut
grad kommt Max mit Cola und Pizza
Seine Studentenbude ist billig
du würdest sagen das hat doch Charme
und gewiss ich bin ja auch willig
denn er ist witzig - nur leider auch arm
Man muss es mal so offen sagen
eine Frau wie mich kann er sich nicht leisten
er hätte wohl Grund sich zu beklagen
denn im Grunde gilt das für die meisten
Nebenbei stapelt er am Hafen Paletten
womit er sein Studium finanziert
trotzdem kann man todsicher wetten
dass man in seiner Bude im Winter friert
Ein Kachelofen, etwas Holz und Papier
meine Liebe gerät schon oft ins Schwanken
das ginge dir auch so, wärest du hier
ach, du gehörst zu meinen wärmsten Gedanken
Du hast es gut, Freundin, nicht so wie ich
bist sicher grad an der Côte d’Azur
ich nage Pizza an einem wackligen Tisch
und Max fummelt an mir
Du hast bestimmt viel zu erzählen
wenn wir uns das nächste Mal sehen
was die Männer betrifft die wir wählen
ach wie gut wir uns doch verstehen
Liebeslieder im Schlussverkauf
Du hast seine Gitarre zerschlagen
du schlugst sie ihm auf den Kopf
er war halt nicht der passende Deckel
für deinen Honigtopf
Jetzt liegt er da und zuckt hektisch
denn das Teil war äußerst elektrisch
Ja es gibt sie doch immer wieder zuhauf
solche Liebeslieder im Schlussverkauf
und genau damit verdien ich mein Geld
Danke Welt
Verdient hat er es irgendwie schon
denn im Grunde war er ein fieser Knopf
trinkfest zwar aber arbeitsscheu
und ständig andere Frauen im Kopf
Und jetzt muss man halt gucken:
Wie lange kann er da noch zucken?
Ja es gibt sie doch immer wieder zuhauf
solche Liebeslieder im Schlussverkauf
und genau damit verdien ich mein Geld
Danke Welt
Ja es gibt sie doch immer wieder zuhauf
solche Liebeslieder im Schlussverkauf
und genau damit verdien ich mein Geld
Danke Welt
Schalt aus
Ich weiß es harren Krähen vor dem Fenster
ich weiß auch alle andren sehn sie nicht
die andren sind für mich nur noch Gespenster
und meine Augen sind so müde von dem Licht
Du hältst mir noch die Hand, ich spür die Tränen
wie gern berührte ich doch dein Gesicht
nur danach kann ich mich so grad noch sehnen
so schwach bin ich dass mir das Herz zerbricht
Schalt aus, ich mag das Summen nicht mehr hören
das meinen welken Leib am Leben hält
glaub mir, ich könnte jederzeit beschwören
dass ich längst Teil bin einer andren Welt
Wenn du jetzt gehst ergeb ich mich der Stille
du hast für mich mehr als genug getan
es bleibt nur dieser eine letzte Wille
wenn du mir hilfst erfüllt sich Gottes Plan
Wenn du mich liebst, dann lass mich bitte gehen
ich bin in dieser Welt nicht mehr zu Haus
ich kann selbst dich beinahe nicht mehr sehen
das Leben fließt langsam aus mir hinaus
Schalt aus, ich mag das Summen nicht mehr hören
das meinen welken Leib am Leben hält
glaub mir, ich könnte jederzeit beschwören
dass ich längst Teil bin einer andren Welt
Wie ein französischer Offizier
Das Fräulein möchte poussieren
und sucht nach einem Galan?
Da würde ich nicht resistieren
und trage mich Ihnen gern an
Wir könnten fern von den andern
in stilvollen Alleen
etwas im Mondlicht wandern
und uns in die Augen sehn
Falls Sie das Bedürfnis verspüren
wäre es mir Pläsier
Sie hernach zu verführen
wie ein französischer Offizier
Molekular
Ich bin hier und du nicht da
ich fühl mich so molekular
schon seit dem Frühstück immerzu
ist völlig gleich was ich grad tu
Es ist nicht schlimm nur sonderbar
ich fühl mich so molekular
da gibt es kein Medikament
weil niemand diesen Zustand kennt
So macht mir jeder böse klar
kein Mensch wäre molekular
doch das nehm ich nicht einfach hin
frag: Wenn ich nun der erste bin?
Ich wette wärst Du wieder da
wär ich nicht mehr molekular
doch weiß ich dass dies nie passiert
denn du hast dich atomisiert
Karussellpferdchen
Sie schnuppern nicht den Duft der nahen Wiesen
sie fühlen nicht den warmen Sommerwind
sie drehn sich nur im Kreis unter Markisen
und wissen nicht mal dass sie Pferde sind
Sie werden niemals haltlos galoppieren
nie wissen wie ein reifer Apfel schmeckt
sie werden niemals schwitzen oder frieren
werden von keinem Fliegenschwarm entdeckt
Sie schütteln niemals stolz die wilden Mähnen
sie werden niemals alt und lahm und blind
sie werden sich nie nach der Freiheit sehnen
sie wissen ja nicht dass sie Pferde sind