Offene See

 

Sie wissen was dir fehlt, sie haben studiert

sie haben eine Diagnose

du begreifst nicht was mit dir passiert

und es gibt keine gute Prognose

In diesem Haus gibt es andre wie dich

und jeder hat feste Termine

es gibt eine strenge Ordnung bei Tisch

und zum Nachtisch eine Apfelsine

 

Man sitzt im Kreis und man redet

man fühlt sich durchschaut und ganz klein

man sitzt im Kreis und man redet

man redet sich etwas ein

 

Das ist die offene See

kein Rettungsring der dir übrigbleibt

nur die nackte Angst die dich weitertreibt

du kannst mir glauben dass ich es versteh

ich war ein Leben lang auf der offenen See

 

Besuch gibt’s nur Samstag zwischen drei und vier

man sitzt dann vornehmlich im Garten

bei Kräutertee versteht sich, anstatt bei einem Bier

und verbringt seine Zeit nur mit warten

Du wartest dass sie gehen, sie warten dass sie dürfen

hier drinnen ist es eine andere Welt

und in deinem Kopf nach Gold zu schürfen

ist keine Tätigkeit die euch gefällt

 

Man sitzt im Kreis und man redet

man fühlt sich durchschaut und ganz klein

man sitzt im Kreis und man redet

man redet sich etwas ein

 

Das ist die offene See

kein Rettungsboot das dir übrigbleibt

nur die nackte Angst die dich weitertreibt

du kannst mir glauben dass ich es versteh

ich war ein Leben lang auf der offenen See

 

Sie sprechen vom rettenden Ufer

doch dort stehen nur sie und winken

dir steht das Wasser längst bis zum Hals

was wissen sie schon vom Ertrinken?

 

Das ist die offene See

keine Insel die dir noch übrigbleibt

nur die nackte Angst die dich weitertreibt

du kannst mir glauben dass ich es versteh

ich war ein Leben lang auf der offenen See

 

 

 

 

 Müllers Lumpi und Schmidts Katze

 

Müllers Lumpi jagt Schmidts Katze

schon drei Stunden um den Block

er hat Blasen an den Pfoten

sie steht kurz vorm Zuckerschock

 

Und die ganze Vorstadtsiedlung

schaut sich dieses Schauspiel an

schließlich möchte jeder wissen

ob er sie mal fangen kann

 

Längst laufen schon hohe Wetten

und es gibt reichlich Applaus

wenn die Kontrahenten nahen

doch sie sehen müde aus

 

Müllers Lumpi jagt Schmidts Katze

alle Nachbarn fiebern mit

etwas abseits vom Geschehen

prügeln sich Müller und Schmidt

 

Längst gespalten in zwei Lager

tobt die Menge laut und wild

und es ist kaum zu verstehen

wem ihr Beifall grade gilt

 

Manche schwenken auch schon Fahnen

als ob man beim Fußball wär

Müllers Lumpi und Schmidts Katze

atmen derweil schon recht schwer

 

Nach der hundertzwölften Runde

ist dann aber endlich Schluss

Müllers Lumpi fängt Schmidts Katze

und gibt ihr einen Kuss

 

 

 

 

 Auf keinem Bahnsteig der Welt

 

Auf keinem Bahnsteig der Welt

vermag ich noch froh zu verweilen

weil nichts mir schwerer heut fällt

als nicht der Heimat entgegen zu eilen

 

Manchmal leg ich mein Ohr auf die Gleise

und erahne ein flüchtiges Wort

das mich grüßt auf traurige Weise

von einem mir zu fernen Ort

 

Auf keinem Bahnsteig der Welt

wird die Unrast in mir verschwinden

egal welche Weichen man stellt

mein Gestern lässt sich nicht mehr finden

 

Manchmal press ich den Mund auf die Gleise

und verliere ein flüchtiges Wort

das begibt sich dann auf die Reise

zu (m)einem verlorenen Ort

 

 

 

 

 Schatten

 

An den Wänden falln Gesichter aus den Rahmen

jedes Lächeln von der Kamera erzwungen

ich erinner mich nicht mehr an ihre Namen

weiß nur noch sie haben fremd geklungen

 

Kamen irgendwo aus Pommern oder weiter

früher hab ich es genau gewusst

der Geruch von Angst als steter Wegbegleiter

ihre Wurzeln fortan in Verlust

 

Dann im Durchgangslager aufgefangen

in Baracken die auch heut noch stehn

auf getrennten Wegen fortgegangen

so als wäre weiter nichts geschehn

 

Für mich sind sie nichts anderes als Schatten

selbst wenn ich vor ihren Gräbern steh

weiß nicht welche Träume sie mal hatten

und ob ich in ihren Spuren geh

 

Auf vergilbten Blättern noch zu finden

alles das was ich schon lang vergessen

Leben die mir immer mehr entschwinden

auch mein eignes vergeht unbemerkt indessen

 

Manchmal wenn ich den Gedanken dulde

fühle ich mich kurzzeitig betroffen

was ich meiner Herkunft heute schulde

bleibt für mich auch weiterhin ganz offen

 

Ich bin nie den Weg zurück gegangen

um mir zu erklären wer ich bin

werd zu der Erkenntnis wohl gelangen

was vergangen bleibt mir ohne Sinn

 

Für mich sind sie nichts anderes als Schatten

selbst wenn ich vor ihren Gräbern steh

weiß nicht welche Träume sie mal hatten

und ob ich in ihren Spuren geh

 

Langsam stellt sich bei mir die Gewissheit ein

auch ich werd eines Tages nur noch ein Schatten sein

 

 

 

 

 Es neigen sich die Tage

 

Wenn sich die Tage neigen

ganz gleich was ich auch tu

geh ich in ihrem Schweigen

schon auf mein Ende zu

 

Was heut mein Blick erahnt

woran ich oft gedacht

was mich beständig mahnt

ist der Beginn der Nacht

 

Es neigen sich die Tage

das Ziel ist bald erreicht

die Lasten die ich trage

erscheinen mir nun leicht

Es neigen sich die Tage

die letzte Zeit verfliegt

auch wenn ich nicht verzage

weiß ich mich doch besiegt

 

Wenn sich die Tage neigen

und mir die Zeit verrinnt

wird es sich bald schon zeigen

was nun für mich beginnt

 

Was heut mein Blick erfleht

woran ich oft gedacht

was längst schon vor mir steht

ist der Beginn der Nacht

 

Es neigen sich die Tage

das Ziel ist bald erreicht

die Lasten die ich trage

erscheinen mir nun leicht

Es neigen sich die Tage

die letzte Zeit verfliegt

auch wenn ich nicht verzage

weiß ich mich doch besiegt

 

Es neigen sich die Tage

all meine Zeit verstrich

es neigen sich die Tage

so wie ich

 

 

 

 

 Der Albatros

 

Er gleitet majestätisch in den Winden

von den Gezeiten gänzlich unbedrängt

es fällt ihm leicht den rechten Kurs zu finden

ganz gleich wohin ihn sein Geschick auch lenkt

 

Er ist eins mit dem Himmel und den Sternen

ein freies Herz das nach Erkenntnis strebt

sein Blick sehnt sich nach unerforschten Fernen

wenn er in unerreichten Sphären schwebt

 

Er ahnt nichts von der Niedertracht der Leute

doch lässt er sich auf einem Schiffsbug nieder

dient er den Elenden als leichte Beute

Du arme Kreatur fliegst niemals wieder

 

 

 

 

 Geliebte Fremde

 

Geliebte Fremde

deine Hand

fand was noch niemand

bei mir fand

und schien sie auch

so sanft und klein

so fing sie doch so leicht

mein ganzes Wesen ein

 

Weil sie nicht forderte

nicht drang

mich nicht beherrschte

nicht bezwang

 

Geliebte Fremde

deine Hand

zerbrach all meinen

Widerstand

weil sie nicht nahm

sondern nur gab

als sei sie alles

was ich hab

 

Weil sie nicht täuschte

und nicht log

mich nicht verletzte

nicht betrog

 

Geliebte Fremde

deine Hand

berührt mein Herz

hat mich erkannt

sie gibt mir Hoffnung

gibt mir Kraft

so sanft

und doch voll Leidenschaft

 

 

 

 

 Der Kunstflugversuch einer Plastikbanane

 

Der Kunstflugversuch einer Plastikbanane

quer über den Kuchen direkt in die Sahne

am neunzigsten Geburtstag von Oma Erna

hat diesen versaut – nichts lag mir ferner

 

doch beim Versuch mich aufs Sofa zu zwängen

blieb ich mit dem Arsch leider an ihr hängen

und weil niemand den Luftverkehr im Seniorenheim regelt

ist sie ohne Störung quer durchs Zimmer gesegelt

 

 

 

 

 Manchmal erhebt sich ein Recht

 

Heilige Kriege in gottlosem Land

im Namen der Freiheit die Freiheit verbrannt

den Bruder mit dem einen vieles verband

getötet mit eigener Hand

 

Die Flüsse aus Blut münden im Meer

und falsche Propheten ergötzen sich sehr

sie schüren das Feuer

die Welt bezahlt teuer

und nichts wird mehr sein wie vorher

 

Doch manchmal erhebt sich ein Recht

und sei es auch noch so klein

um jedem, ob König, ob Knecht

ein gerechter Richter zu sein

Manchmal erhebt sich ein Recht

auf dass so erhaben es werde

dass alles was böse und schlecht

getilgt wird von dieser Erde

 

Sie töten im Namen der Ehre

verblendet von einer Lehre

die Mitleid und Gnade nicht kennt

und Völker für alle Zeit trennt

 

Doch irgendwann wird man sie richten

ihre Reihen werden sich lichten

eine höhere Macht

nur dazu gedacht

zu strafen anstatt zu schlichten

 

Denn manchmal erhebt sich ein Recht

und sei es auch noch so klein

um jedem, ob König, ob Knecht

ein gerechter Richter zu sein

Manchmal erhebt sich ein Recht

auf dass so erhaben es werde

dass alles was böse und schlecht

 

 

 

 

 Stärker

 

Unsre Zeit ist abgelaufen

ich lief dir stets hinterher

irgendwann hab ich begriffen

dieses Leben bietet mehr

Du hast mich niemals verstanden

ich hab mich für dich gequält

doch ich habe längst begriffen

dass mir das Vertrauen fehlt

 

Für dich war es nur ein Spiel

ich gab dabei von mir zu viel

doch nun bin ich aufgewacht

und hab an mich selbst gedacht

 

Ich bin stärker als es scheint

ich hab nicht um dich geweint

und auch wenn mir viel an dir lag

ich werd stärker ohne dich

von Tag zu Tag

 

Unsre Zeit ist abgelaufen

und ich will sie nicht zurück

alles was ich bei dir spürte

war ein Abklatsch nur vom Glück

Du wolltest mich nur besitzen

deine Eifersucht war groß

ich war viel zu lang gefangen

doch nun lass ich endlich los

 

Du hast viel in mir zerstört

hast mir nie so ganz gehört

doch ich hab es überwunden

und zurück zu mir gefunden

 

Ich bin stärker als es scheint

ich hab nicht um dich geweint

und auch wenn mir viel an dir lag

ich werd stärker ohne dich

von Tag zu Tag

 

Ich komm gut ohne dich klar

hab fast vergessen wie es war

als du in mein Leben kamst

und mir meine Flügel nahmst

 

Ich bin stärker als es scheint

ich hab nicht um dich geweint

und auch wenn mir viel an dir lag

ich werd stärker ohne dich

von Tag zu Tag

 

 

 

 

 Zerbrechendes Blau

 

Neunfinger-Mike schlurft müde durch die Gänge

seit Wochen ist er schon auf Methadon

er hasst das grelle Licht und diese Enge

er weiß die Krähen warten draußen schon

 

Fünf Schachteln Marlboro für einen Schlüssel

er steigt die Feuerleiter hoch aufs Dach

lehnt sich dort an die Satellitenschüssel

die Krähen machen wieder mächtig Krach

 

Er balanciert auf dünnen Wellblechplatten

in Pfützen spiegelt sich sein Ebenbild

am Schornstein huschen ein paar fette Ratten

ihr Anblick macht die Krähen völlig wild

 

Am Rand der Brüstung kniet er langsam nieder

ihm ist im Magen doch ein wenig flau

doch dann erinnert er sich endlich wieder

und stürzt sich mit den Krähen in das Blau

 

Ein Himmel ist niemals was Absolutes

er gibt sowohl das Dunkel wie das Licht

doch für Neunfinger-Mike hat er was Gutes

nun wo er vor ihm auseinander bricht

 

 

 

 

 

 Wenn du sie triffst

 

Wenn du sie triffst

dann nimm dir etwas Zeit

um sie zu betrachten

jede Kleinigkeit

 

Jeden Blick und jede Geste

ihren Körper, ihr Gesicht

und dann ruf mich an

und erstatte mir Bericht

 

Wenn du sie triffst

dann achte auf ihr Haar

ist es noch kastanienbraun

so wie es früher war?

 

Wirkt sie auf dich glücklich?

Trägt sie einen Ring?

Jedes Detail ist wichtig

jedes noch so kleine Ding

 

Wenn du sie triffst

dann nimm dir etwas Zeit

achte auf ihr Parfüm

welche Farbe hat ihr Kleid

 

Wenn du sie triffst

und sie dich nach mir fragt

dann sag ihr nur

ich hätte weiter nichts gesagt

 

 

 

 

 Drittel

 

Der Tag ist lang und doch zu knapp

ein Drittel davon sitz ich ab

und wühle in Papieren

(und hol am Arsch mir Schlieren)

 

Ein andres Drittel schlafe ich

manchmal mit dir, mal nur für mich

doch ganz egal auf welche Art

für ein Gedicht ist’s zu privat

 

Das Drittel welches dann noch bleibt

ist jenes wo man eifrig schreibt

um seinen Lesern zu vermitteln

was man so tut in all den Dritteln

 

 

 

 

 Unter dem Radar

 

Ich war heut auf Facebook

und ich hab nicht schlecht gestaunt

was man dort so alles labert

ich glaub ich lösch den Account

 

Manchmal mag ich gar nicht wissen

was die Welt da draußen denkt

und ganz ehrlich solche Freunde

will ich nicht einmal geschenkt

 

Mona hat ne neue Bluse

Werner hat ein neues Hemd

Mona hat jetzt was mit Werner

das heißt: Sie gehn beide fremd

 

Doch ansonsten ist hier alles

wie es immer war

ich bleib weiter knapp unterm Radar

 

Gestern fragten mich Touristen

nach dem Freizeitangebot

und ich sagt : Hier gibt’s alles

vom Tripper bis zum Fladenbrot

 

Komasaufen um die Ecke

ein paar Nazis in Marzahn

und man nimmt um diese Zeit

besser gleich die Straßenbahn

 

In der Zeitung hieß es Sommer

und im Radio hieß es Krieg

dazwischen lag wie meistens

weiter nichts als Rockmusik

 

Doch ansonsten ist hier alles

wie es immer war

ich bleib weiter knapp unterm Radar

 

Ja, ansonsten ist hier alles

wie es immer war

ich flieg weiter knapp unterm Radar

 

 

 

 

 Buchhalter Krause

 

Buchhalter Krause schreibt nach Hause

bei jeder Gelegenheit

vor allem in der Mittagspause

hat er reichlich Zeit

 

Denn er folgt nicht den Kollegen

die in die Kantine gehn

um dort Freundschaften zu pflegen

und in Schlangen anzustehn

 

Nein, er frönt nicht solcher Süchte

ihm braucht man nichts aufzutischen

wo Gerüche und Gerüchte

sich so widerlich vermischen

 

Lieber würde er verhungern

oder seinen Stuhl annagen

statt mit andren rumzulungern

und Belangloses zu sagen

 

Buchhalter Krause schreibt nach Hause

bei jeder Gelegenheit

andere machen ne Sause

doch das geht ihm viel zu weit

 

Ihn kann es auch nicht am Abend

auf die Sündenmeile locken

denn es scheint ihm nicht sehr labend

dort auch nur kurz anzudocken

 

Ob zum Trunk oder zum Spiele

oder gar bei einem Weib

er verspürt nie solch Gefühle

nach gottlosem Zeitvertreib

 

Er bleibt jederzeit bei Sinnen

unberührt und unverführt

denn was kann man schon gewinnen

wenn man sich kopflos verliert

 

Buchhalter Krause schreibt nach Hause

bei jeder Gelegenheit

steigt daheim unter die Brause

und dann ist auch schon Schlafenszeit

 

 

 

 

 Was nicht in den Büchern steht

 

Der Kindheit grad eben entkommen

schon der Welt ins Arschloch gestellt

vor lauter Glück ganz benommen

nun wo man euren Geist erhellt

 

Die Opfer von Professoren

deren Weltbild ihr eifrig kaut

so geht ihr euch selbst verloren

und die Unschuld wird beständig versaut

 

Ihr glaubt ihr hättet verstanden

wie und weshalb die Erde sich dreht

doch euch kam die Neugier abhanden

all das zu finden

und zu ergründen

was nicht in den Büchern steht

 

Von den Menschenfischern gefangen

willenlos zur Schlachtbank gebracht

ohne Einsicht je zu erlangen

wird die Wahrheit zur Hure gemacht

 

Die Geschichte längst umgeschrieben

und euch ins Hirn tätowiert

bis keiner mehr übrig geblieben

dem man nicht die Meinung diktiert

 

Ihr glaubt ihr hättet verstanden

wie und weshalb die Erde sich dreht

doch euch kam die Neugier abhanden

all das zu finden

und zu ergründen

was nicht in den Büchern steht

 

 

 

 

 Nichts ist so einsam wie Männer an Theken

 

Du sagst du willst hier nicht rein, hier gäb’s nur Verlierer

grad deshalb fühle ich mich hier ja so wohl

du sagst sich zu besaufen wär keine Lösung

na das erzähl mal dem Alkohol

 

Du sagst das wär typisch, nämlich männlich und dämlich

es hört sich cool an wenn du sowas sagst

und vielleicht kommt ja das eine vom andren

mir geht es gut, danke dass du nicht fragst

 

Nichts ist so einsam wie Männer an Theken

was soll ich sagen, du hast ja recht

nichts ist so einsam wie Männer an Theken

mag sein es ist traurig, doch wenigstens ist es echt

 

Du sagst du willst hier nicht rein, nicht ums Verrecken

ach Baby, solche Worte stehn dir nicht gut

kennst du bessere Orte um Wärme zu finden

hier hilft dir der Stoff und geht schnell ins Blut

 

Du machst es dir leicht über andre zu richten

du warst doch im Leben noch nie richtig down

hier kann man die Welt ein paar Stunden vergessen

und sich ein Luftschloss oder ein Kartenhaus baun

 

Nichts ist so einsam wie Männer an Theken

was soll ich sagen, du hast ja recht

nichts ist so einsam wie Männer an Theken

mag sein es ist traurig, doch wenigstens ist es echt

 

 

 

 

 Abschied Nr. 21

 

Es ist so weit, du willst dich von mir trennen

ich ahnte diesen Tag schon lang voraus

du kanntest mich, doch lerntest mich nie kennen

und dieses Haus war dir nie ein Zuhaus

 

Du musst mir deine Gründe nicht erklären

ich weiß besser als du warum du gehst

ich wünsch mir nicht du würdest wiederkehren

und es ist gut dass du mich nicht verstehst

 

So also lasse ich dich nun verschwinden

und ich gestehe dir zum Abschied ein

ich suchte dich nicht, ich ließ mich nur finden

doch erst mit dir war ich wirklich allein

 

 

 

 

 Die Dame aus Nummer Sieben

 

Die Dame aus Nummer Sieben

ein Flittchen war sie, arg durchtrieben

bei ihr herrschte reger Männerverkehr

und alle Nachbarn schimpften sehr

ob der Geräusche

die in Eindeutigkeit

na ihr wisst schon

zu nächtlicher Zeit

 

Ich hab dieses Treiben

bei Nacht

überwacht

musste schlaflos bleiben

aus diesem Grund

das ist ungesund

 

Ich hab mich beschwert beim Bürgeramt

weil die Dame unsere Straße verschlampt

im Kanzleramt, bei der Polizei

ob sowas allgemein üblich sei

da kann man ja gleich nach Kreuzberg ziehn

bekam keine Antwort, schrieb übrigens anonym

 

Wenn ich die sehe

seh ich der nicht ins Gesicht

sonst müsste ich sagen:

Meine Dame, eine Dame sind sie aber nicht

 

Ich hab sorgsam notiert

was bei ihr passiert

wie lang und mit wem

Das löst nicht das Problem

das mich stört

doch mein Flehen wurde erhört

 

denn ein Herr ganz in Samt

hat im Standesamt

sie endlich ehrbar gemacht

und dann zogen sie in Nummer Acht

 

 

 

 

 Meine Generation

 

Wir waren Wirtschaftswunderkinder

unsre Eltern haben Deutschland aufgebaut

wir glaubten nur was in der Bravo steht

und haben Doktor Sommer voll vertraut

Wir trugen furchtbar bunte Hemden

ein jeder fuhr Bonanza-Rad

und auf dem Schulhof gab es Keile

da hieß es: Netzer oder Overath

 

Und Suzi Quatro ganz in Leder

bescherte uns manch feuchten Traum

wo sind die Jahre nur geblieben

ich fass es manchmal wirklich kaum

 

Vielleicht war es das schon

für meine Generation

die Jugend liegt lang zurück

die Rente im Blick

nun selbst Mutter und Vater

statt Tochter und Sohn

 

Wir kannten ein geteiltes Deutschland

und wuchsen auf im kalten Krieg

in Gorleben und auf der Startbahn West

machten wir unsre Politik

Die Bullen haben uns vermöbelt

und jede Demo war ne Straßenschlacht

am Ende blieb nur die Erkenntnis

der Widerstand hat nichts gebracht

 

Heut sitzen wir in Eigenheimen

und halten uns aus allem raus

wir wollen keine Utopien mehr

nur Frieden noch im eignen Haus

 

Vielleicht war es das schon

für meine Generation

die Jugend liegt lang zurück

die Rente im Blick

nun selbst Mutter und Vater

statt Tochter und Sohn

 

Wir hatten weder DVDs noch Handys

wir hörten Rock und keinen Rap

wir surften an der Nord- und an der Ostsee

und nicht im World Wide Web

 

Vielleicht war es das schon

für meine Generation

die Jugend liegt lang zurück

die Rente im Blick

nun selbst Mutter und Vater

statt Tochter und Sohn

 

 

 

 

 Kriegsversehrt

 

All meine Freunde zeugen Kinder

und urlauben im Westerwald

bauen ein Haus, leben gesünder

und werden froh und glücklich alt

 

Sie fahren große teure Wagen

im Sommer grillen sie im Garten

manchmal würd ich sie gerne fragen:

Auf was wollt ihr denn nun noch warten

 

Ich hab mich doch nicht

gegen das verdammte Glück gewehrt

ich bin kriegsversehrt

 

Im Land der Parabolantennen

kann ich sie kaum wiedererkennen

sie wirken satt und sehr zufrieden

wir haben uns stets unterschieden

 

Wir haben uns lang nicht gesehen

warum fällt mir auch wieder ein

egal was früher mal geschehen

wir haben heut nichts mehr gemein

 

Ich hab mich doch nicht

gegen das verdammte Glück gewehrt

ich bin kriegsversehrt

 

Sie kamen mit heiler Haut davon

ich verlor

das werfe ich ihnen vor

 

Ich hab mich doch nicht

gegen das verdammte Glück gewehrt

ich bin kriegsversehrt

 

 

 

 

 So komme nun was kommen mag

 

So komme nun was kommen mag

ich öle die Scharniere

ich fürchte weder Nacht noch Tag

ich öffne Dir die Türe

 

Von Angesicht zu Angesicht

stehn wir uns gegenüber

- warte, ich mach ein wenig Licht -

so mag ich Dich gleich lieber

 

Es mangelt mir an Höflichkeit

ich bitte Dich verzeih

für ein Gläschen ist wohl noch Zeit

ich bin jetzt mal so frei

 

Ach, duz ich Dich, ach, siez ich Sie

mir fehlt da jede Übung

Vielleicht ein wenig Poesie

noch vor der Augen Trübung

 

Ich hab nicht oft solchen Besuch

ich lad mir lieber Damen ein

doch steh ich da in Ihrem Buch

dann ist es so, dann soll’s so sein

 

So komme nun was kommen mag

und wenn Sie wollen komm ich auch

gestatten Sie dass ich noch frag

ob ich jetzt meinen Mantel brauch

 

 

 

 

 Pumps auf Pump

 

Frauen müssen schön sein

Männer besser reich

sie hält ihren Teil ein

verdiente einen Scheich

Doch sie hat nur mich

das bringt sie nicht weiter

ich taug grade mal

als Hilfsarbeiter

 

Wo soll das nur enden?

Irgendwann wird man uns pfänden

und ich flüstere verstohlen:

Ich wär gern der Dreck unter deinen Sohlen

 

Sie kauft Pumps auf Pump

und High Heels auf Kredit

ich möchte gar nicht wissen

was das noch nach sich zieht

Sie kauft Pumps auf Pump

ich bin ein ungedeckter Scheck

und irgendwann da läuft sie

in diesen Pumps mir weg

 

Klar ich geb mein Bestes

es ist nicht genug

sie verschließt davor die Augen

doch das ist nur Selbstbetrug

Sie ist wie ein Jackpot

ich nur eine Niete

wie lang hält sie noch aus

dass ich ihr nichts biete?

 

Wo soll das nur enden?

Irgendwann wird man uns pfänden

und ich kann nur wiederholen :

Ich wär gern der Dreck unter ihren Sohlen

 

Sie kauft Pumps auf Pump

und High Heels auf Kredit

ich möchte gar nicht wissen

was das noch nach sich zieht

Sie kauft Pumps auf Pump

ich bin ein ungedeckter Scheck

und irgendwann da läuft sie

in diesen Pumps mir weg

 

Sie bräuchte Siebenmeilenstiefel

um von mir fortzugehn

ich würde es verstehn

 

Sie kauft Pumps auf Pump

und High Heels auf Kredit

ich möchte gar nicht wissen

was das noch nach sich zieht

Sie kauft Pumps auf Pump

ich bin ein ungedeckter Scheck

und irgendwann da läuft sie

in diesen Pumps mir weg

 

 

 

 

 Sie haben keinen Tag

 

Hinter den eisernen Gittern

in einer eigenen Welt

wo sie ängstlich erzittern

wenn ihr Name unverhofft fällt

 

scheiden sie sich von den andern

und sie regen sich nicht

nur ihre Gedanken die wandern

und sehnen sich nach dem Licht

 

 

 

 

Nun wo du ganz verloren bist

 

Die Lippen die zum Kuss du gabst

sind nie mehr deine eignen

was du auch tust, was du auch sagst

du kannst es nicht verleugnen

 

So süß der Schmerz in deiner Brust

oh, meine scheue Taube

bist dir der Liebe kaum bewusst

heut wo ich sie dir raube

 

Was ich dir nahm willst du zurück

und weißt dass es nicht möglich ist

wie unglücklich macht dich das Glück

nun wo du ganz verloren bist

 

 

 

 

 Träume aus Glas

 

Das Leben ist keine Notwendigkeit

meine Träume sind alle aus Glas

manchmal sehe ich Menschen darin

deren Namen ich längst schon vergaß

 

Ich würde mir gern manchmal etwas notieren

doch die Schwestern geben mir keinen Stift

sie haben Angst ich täte mir vielleicht weh

und meine Gedanken, sagen sie, seien Gift

 

Teilten sie doch meine Sicht der Dinge

dann würden sie endlich verstehn

es gibt nichts was gewaltiger ist

als direkt in die Sonne zu sehn

 

Herr Doktor, ich stehle nur ihre Zeit

es ist ganz egal was sie schreiben

die Seele ist ein einsames Tier

und manche Angst lässt sich nicht vertreiben

 

Die Wände sprechen ständig mit mir

sie verlangen nach meiner Häutung

denn alles was ich bisher war und tat

ist verziehen und ohne Bedeutung

 

Irgendwann zerspringen die Träume aus Glas

und die Sonne fängt sich in den Scherben

das Leben ist keine Notwendigkeit

der wahre Sinn liegt nur im Sterben

 

 

 

 

 Sozialkompetenz

 

Du hast jetzt nen Doktortitel

und ich seh wie stolz du bist

hätte ich dich doch bloß niemals

auf dem Abi-Ball geküsst

Nun zuck ich nur mit den Schultern

und ich weiß nicht so genau

wartest du auf Doktorspiele

sorry, du bist mir zu schlau

 

Ich fahr immer noch nur S-Bahn

du inzwischen einen Benz

und du kennst so schöne Wörter

wie Sozialkompetenz

 

Mancher macht seinen Magister

mancher macht sich etwas vor

man bekommt nur selten wieder

was man auf dem Weg verlor

Du hast jetzt sogar nen Lehrstuhl

warum willst du’s dann im Stehen

tut mir wirklich leid Frau Einstein

aber es wird Zeit zu gehen

 

Ich fahr immer noch nur S-Bahn

du inzwischen einen Benz

und du kennst so schöne Wörter

wie Sozialkompetenz

 

Manche schuften sich kaputt

andre machen sich nen Lenz

und mir mangelt es vor allem

an Sozialkompetenz

 

 

 

 

 Die eingetretene Tür

 

Ich weiß wenn sie von mir reden

dann hinter vorgehaltener Hand

sie spielen noch immer die Spiele

die ich schon als Kind nicht verstand

 

Die Zeichen der Zeit zu betrachten

macht in dieser Zeit depressiv

es gibt keine leichten Siege mehr

und selbst die Wahrheit ist nur relativ

 

Ich halt so gut ich kann noch dagegen

denn es gibt tausend Gründe dafür

ich steh noch immer zwischen den Worten

vor der eingetretenen Tür

 

Ich weiß was sie von mir denken

sie erstatten ständig Bericht

sie wissen es einfach nicht besser

ich verdenke es ihnen nicht

 

Sie sind in sich selbst so gefangen

dass man sie nicht mehr erreicht

ich bin froh dass man ihre Taten

nicht mit meinen Taten vergleicht

 

Ich halt so gut ich kann noch dagegen

denn es gibt tausend Gründe dafür

ich steh noch immer zwischen den Worten

vor der eingetretenen Tür

 

 

 

 

 Von der Ungeduld

 

Ich harre der nahenden Stunde

als hielte sie bessres bereit

als käme aus deinem Munde

ein Wort der Versöhnlichkeit

 

Im Spiel der flackernden Flammen

verlischt ohne Gnade die Zeit

nähm ich meinen Mut jetzt zusammen

so käme mein Herz doch nicht weit

 

Mein Blick folgt den fliehenden Schatten

auf den einsamen Wegen der Nacht

ich denk nur an das was wir hatten

und wie verletzbar es uns beide macht

 

Ich trachte danach dir zu sagen

was mein Herz nicht zu sagen vermag

wie leicht ließ die Last sich ertragen

so lang Hoffnung sich in ihr verbarg

 

 

 

 

 Kennst du das auch?

 

Das Laken zerwühlt und schlecht geträumt

die Wohnung mal wieder nicht aufgeräumt

hinter der Stirn ein Presslufthammer

und schon ganz heiser vom eignen Gejammer

 

Ein Fremder der dich im Spiegel begrüßt

ein Job der dir das Leben vermiest

ein Zeitplan der Disziplin verlangt

ein Herz unheilbar an Sehnsucht erkrankt

 

Das Brot verschimmelt, die Milch schon sauer

und all deine Freunde waren schlauer

sie sind gut situiert, sitzen warm und trocken

und du findest nicht einmal deine Socken

 

Immer auf der Flucht zwischen Anspruch und Schein

wie das Double von Dr. Kimble zu sein

ein Ziehn in den Lenden, ein Kneifen im Bauch

kennst du das auch?

 

Das Konto im Minus, das Leben erst recht

vom eigenen Anblick wird dir oft schlecht

die großen Pläne auf ewig vertagt

und seit Jahren schon auf der Standspur geparkt

 

Kein innerer Antrieb, nur Müdigkeit

du tust dir mit Vorliebe selber leid

du willst etwas ändern, doch schaffst es nicht

und die nackte Angst steht dir im Gesicht

 

Das Brot verschimmelt, die Milch schon sauer

und all deine Freunde waren schlauer

sie sind gut situiert, sitzen warm und trocken

und du findest nicht einmal deine Socken

 

Immer auf der Flucht zwischen Anspruch und Schein

wie das Double von Dr. Kimble zu sein

ein Ziehn in den Lenden, ein Kneifen im Bauch

kennst du das auch?

 

Kennst du das auch

das Gefühl zu versagen

immer außen vor sein

zu viel zu ertragen

ohne Aussicht auf Trost

kein Feuer, nur Rauch

mehr tot als lebendig

kennst du das auch?

 

 

 

 

 Violet

 

Du hockst da in der Kirche auf der letzten Bank

und was der Pfarrer sagt macht dich vor Wut ganz krank

Dass es für jeden Sünder irgendwo Vergebung gibt

Nachts kommt der fette Mann und haucht dass er dich liebt

Mutter dreht sich zur Seite und sie hört nicht hin

du bist so schön doch fühlst dich dreckig innendrin

ein Schmetterling der viel zu kleine Flügel hat

sie tragen dich nicht raus aus der verdammten Stadt

 

Die Lehrer und die Nachbarn – jeder weiß Bescheid

aber es kümmert keinen, niemand möchte Streit

und mancher flüstert leis dass man’s kaum hören kann :

Im Grunde ist die Hure selber schuld daran

Du hockst oft auf dem Schulklo und wenn niemand schaut

ritzt du dir tiefe Kerben in die weiche Haut

du hast gehofft dass Hässlichkeit dich vor ihm schützt

hast dir das Haar geschoren, es hat nichts genützt

 

Du ahnst das alles läuft nur auf ein Ende zu

und wenn es so weit ist heißt es : Er oder du

Du weißt genau er lässt dich sicher nie zufrieden

noch hast du Angst und du hast dich noch nicht entschieden

Du liegst da mit dem starren Blick zur Wand

das Messer liegt so gut in deiner kleinen Hand

und wenn er wieder kommt und sagt dass er dich liebt

beweist du ihm dass es keine Vergebung gibt

 

 

 

 

 Das Glück

 

Es klopft – entgegen dem Volksmund -

keinesfalls an die Tür

schon gar nicht zu so unchristlicher Zeit

wie etwa morgens um vier

 

Es lässt sich zwar wünschen

doch keinesfalls fangen

es muss schon von selbst

zu einem gelangen

 

und wenn es mal kommt

dann meistens zu spät

Glück erntet nur der

der es sät

 

 

 

 

 November in Spandau

 

Der Rathausturm ringt mit dem Regen

die Läden machen langsam dicht

es strömt das Volk auf allen Wegen

und stört die Flora und die Sicht

 

Die Bäume ahnen schon Lametta

die Schwalben sind weit fort im Zug

und irgendwie wirkt auch das Wetter

als hätt es von sich selbst genug

 

Der Abend geht der Nacht entgegen

und auch das Jahr ist recht betagt

man sollte sich zu jemand legen

und wartet drauf dass jemand fragt

 

 

 

 

 Wanderung

 

Ein Bach fließt mir zur Seite

sein Wasser ist so klar

ihn treibt es in die Weite

dorthin wo ich schon war

 

Ich könnte ihm berichten

was mir dort widerfuhr

es gäb viele Geschichten

grad hier in Wald und Flur

 

Und während ich das denke

- auf einen Stein mich setz -

fließt er in eine Senke

entflieht meinem Geschwätz

 

 

 

 

 Nachricht aus Afghanistan

 

Mein Freundeskreis hat sich gelichtet

mancher hat sich klammheimlich getrollt

und Kohlmann hat sich verpflichtet

5 Jahre bei mittlerem Sold

 

So zog er bald in die Kaserne

und wurde dort heftig gedrillt

na ja, große Jungs schießen gerne

Kohlmann passte da völlig ins Bild

 

Irgendwann stieg er in den Flieger

und hat noch ein Selfie verschickt

Seh ich nicht aus wie ein Sieger?

Mensch Kohlmann, du bist doch verrückt

 

Der erste Brief kam nach acht Wochen

Kohlmann schrieb die Stimmung sei schlecht

der Job gehe ihm auf die Knochen

und auf die Seele erst recht

 

Er schrieb: Hier kann uns keiner leiden

und sie haben die Straßen vermint

wir sind weiß Gott nicht zu beneiden

diesen Hass haben wir nicht verdient

 

Er schrieb wohl auch andere Sachen

doch die wurden von oben zensiert

wie viel Mühe die sich doch machen

Kohlmann war inzwischen krepiert

 

 

 

 

 Lass uns übrig bleiben

 

Nur ein kurzer Morgenblick

durch den Riss im Fenster

und schon weiche ich zurück

seh dort nur Gespenster

Wie der neue Tag sich ziert

kaum von uns zu greifen

möglich dass er sich verliert

im Strom der Winterreifen

 

Halt mich als wär es für immer

du und ich und dieses Zimmer

wo wir uns ganz fest

aneinander reiben

Lass uns übrig bleiben

 

Was da draußen vor sich geht

soll uns doch nicht scheren

ich weiß dass der Wind sich dreht

doch kann’s nicht erklären

Ist nur Wetterfühligkeit

Kribbeln in den Zehen

doch uns kann mit Sicherheit

hier drinnen nichts geschehen

 

Halt mich als wär es für immer

du und ich und dieses Zimmer

wo wir uns ganz fest

aneinander reiben

Lass uns übrig bleiben

 

Lass uns übrig bleiben

wenn der Wind die Blüten treibt

wenn die Welt dort draußen

ihren eignen Nachruf schreibt

Lass uns übrig bleiben

wenn nichts andres übrig bleibt

 

 

 

 

 Der leere Stuhl

 

Der leere Stuhl auf dem du gesessen

an dem Tisch wo du zu Abend gegessen

bleibt leer – denn du bist nicht mehr

 

Doch die kleine Frau

deckt noch immer für zwei

und so ziehen die Jahre

am Fenster vorbei

aus unsichtbaren Fäden gewebt

ungelebt

 

Man vergisst das Schlechte

doch bewahrt sich das Gute

und die Zeit fordert ihre Tribute

irgendwann ist der Stuhl

auf dem du gesessen

wie alles andre vergessen

 

 

 

 

 Am Horizont

 

Nur Blau soweit die trüben Augen reichen

der Seewind bläst recht wohlgestimmt von Osten

man will das Gestern mit dem Heut vergleichen

verwechselt leicht den Wert mal mit den Kosten

 

Auf See verliert die Zeit schnell an Bedeutung

zwischen zwei Ufern gibt es kein Zuhaus

und fortzugehen ähnelt einer Häutung

doch wer kann schon aus seiner Haut hinaus

 

Was bleibt, was kommt und was man sich erträumte

findet in einem kleinen Koffer Platz

egal wie sehr das Meer im Frohsinn schäumte

es birgt nur selten wirklich einen Schatz

 

Am Horizont liegt nur das Unbekannte

man trinkt sich den Äquator dann real

was man jedoch nicht mehr beim Namen nannte

das war die Heimat – denn sie war einmal

 

 

 

 

 Der einsamste Schatten der Welt

 

Freitag Abend in der City

jeder sucht das Optimale

Mädchen schminken sich die Lippen

Männer werfen sich in Schale

Manche duften nach Chanel

andre stinken nur nach Geld

und ich…..

hab den einsamsten Schatten der Welt

 

Auf den hellen Boulevards

strömt die glückbeseelte Meute

alle spielen ihre Rolle

man ist Jäger oder Beute

Und die nackte Gier nach Leben

ist das einzige Bestreben

das den Mob zusammen hält

doch ich…..

hab den einsamsten Schatten der Welt

 

Alle spielen ihre Spiele

verfolgen die gleichen Ziele

suchen das schnelle Vergnügen

können sich leicht selbst belügen

und sie schlagen ihre Schlachten

auf dem abgesteckten Feld

und ich…..

hab den einsamsten Schatten der Welt

 

Wo die Schönen und die Reichen

die Trophäen stolz vergleichen

wo die Lust den Takt bestimmt

und man nie mehr gibt als man nimmt

präsentiert man sein Gefieder

und verliert sich immer wieder

bis man dann aus allen Wolken fällt

doch ich…..

hab den einsamsten Schatten der Welt

 

 

 

 

 Begehrlichkeiten

 

Der Sommer kommt und weckt Begehrlichkeiten

manch Mädchen ist nur notdürftig verhüllt

man sieht die Lust auf Promenaden schreiten

mit der Gewissheit sie wird ausgefüllt

 

Die alten Männer richten sich die Haare

der graue Star blickt Täubchen hinterher

der Unterschied beträgt knapp fünfzig Jahre

was soll’s das kümmert heute keinen mehr

 

Mitunter wird zwar manches etwas peinlich

- ob das Geliebter oder Opa war ? -

Man sei im besten Fall einfach nicht kleinlich

oder tu so als ob man gar nichts sah

 

Der Sommer geht wie jedes Jahr beizeiten

im Winter sind die Mädchen dick verpackt

und es steht schlecht um die Begehrlichkeiten

da sind dann höchstens noch die Bäume nackt

 

 

 

 

 

 Ein Käse

 

Ein Käse saß am Straßenrand

ganz einsam und gebrochen

wo er einfach kein Mitleid fand

denn er hat arg gerochen

 

Er sah sich seine Löcher an

sprach: „War die Milch auch fett

soweit ich es erkennen kann

bin ich doch nicht komplett“

 

Da kam ein Windhauch angesaust

und sah des Käses Nöte

er sagte: „Wenn du mir vertraust

benutz ich dich als Flöte“

 

So also pfiff der Wind sein Lied

nun durch den Käse fröhlich hin

Die Weisheit die man daraus zieht:

Auch Löcher haben ihren Sinn

 

 

 

 

 Die Straßen kennen meinen Gang

 

Derselbe Bahnhof wie vor Jahren

die gleiche Sicht wohin man schaut

ja selbst der Wind in meinen Haaren

und die Gerüche sind vertraut

Wie immer strömen haltlos Leute

in jede Himmelsrichtung hin

mein Koffer schäbig – damals / heute

und noch die gleichen Träume drin

 

Ich war lang fort, ich weiß zu lang

ich weiß auch hier ist meine Mitte

die Straßen kennen meinen Gang

das Pflaster zählt noch meine Schritte

 

Noch immer promenieren Damen

schön wie aus einer Modezeitung

im kühlen Licht der Leuchtreklamen

in meistens stattlicher Begleitung

Noch immer ducken sich im Schatten

verwegene Halbweltgestalten

führen mit Fäusten die Debatten

in dem Revier das sie verwalten

 

Ich war lang fort, ich weiß zu lang

ich weiß auch hier ist meine Mitte

die Straßen kennen meinen Gang

das Pflaster zählt noch meine Schritte

 

Noch immer Bordsteinschwalben die sich

in offne Autofenster bücken

und Junkies die sich ihren Himmel

in die zerstochnen Venen drücken

 

Ich war lang fort, ich weiß zu lang

ich weiß auch hier ist meine Mitte

die Straßen kennen meinen Gang

das Pflaster zählt noch meine Schritte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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