Die Sterne die du nicht fängst
Ich hab versucht darüber hinwegzusehn
wie nah wir uns inzwischen schon stehn
ich hab dich erstaunt, du hast mich berührt
und wir wissen genau wohin uns das führt
Du kommst mir zu nah
und ich sag dir ganz ehrlich
wenn du jetzt nicht aufhörst
dann wird es gefährlich
Ich weiß was du willst
und ich weiß was du denkst
doch das sind die Sterne die du nicht fängst
Wir haben es uns viel zu einfach gemacht
und über die Folgen nicht lang nachgedacht
nun stehst du vor mir und deine Hand
setzt meine Welt so unbeirrbar in Brand
Du bist mir zu nah
und gestehst dir nicht ein
alles was wir wollen
darf doch niemals sein
Ich weiß was du willst
und ich weiß was du denkst
doch das sind die Sterne die du nicht fängst
Ich weiß was du willst
und ich weiß was du denkst
doch das sind die Sterne die du nicht fängst
Es schweigen alle Bäche
Es schweigen alle Bäche
es ruhen alle Seen
die Worte die ich spreche
werden im Wind verwehn
und treiben ein paar kleine
am Abend um dein Haus
dann weißt du es sind meine
such dir das Schönste aus
Brotlos
Das Leben fordert ständig Referenzen
die Kunst indes sagt: „Werde was du bist“
Befolgt man dies mit allen Konsequenzen
kann’s sein dass man sehr schnell verhungert ist
Denn Kunst bleibt letzten Endes oftmals brotlos
sie nährt den Geist doch selten auch den Bauch
man denkt sich hungrig : „Wär ich nur die Not los
ich hatte doch fast alles was ich brauch“
Man wirft den ganzen Krempel in die Tonne
und geht stattdessen kleinlaut ins Büro
dort lacht dem Künstler zwar niemals die Sonne
sein Bauch jedoch ist endlich wieder froh
Sturmrosen
Wie lieblich glänzt dein Angesicht
im allerersten Morgenlicht
wenn du den Weg zum Bahnhof gehst
und dort bei all den andren stehst
Und wieder mal sprichst du kein Wort
dann kommt der Zug und bringt dich fort
ich warte bis der Abend naht
und du zurückkehrst von der Fahrt
Dein scheues Herz kennt längst die Wahrheit
es brennt im Stillen für uns zwei
doch du verweigerst dich der Klarheit
senkst deinen Blick und gehst vorbei
Sturmrosen leg ich vor deine Tür
mein wildes Herz verlangt nach dir
noch tust du als ob du vergisst
dass auch deines längst in Aufruhr ist
Sturmrosen bring ich dir jede Nacht
wenn dann der Morgen neu erwacht
und du trittst in den Tag hinaus
findest du sie vor deinem Haus
So geht es nun seit einem Jahr
an jedem Morgen bin ich da
ich folge dir und seh dir an
was dein Mund mir noch nicht sagen kann
Egal was man auch von mir spricht
mit dieser Liebe spiel ich nicht
wie lange bleibst du noch so still
wo du doch weißt dass ich dich will
Dein scheues Herz kennt längst die Wahrheit
es brennt im Stillen für uns zwei
doch du verweigerst dich der Klarheit
senkst deinen Blick und gehst vorbei
Sturmrosen leg ich vor deine Tür
mein wildes Herz verlangt nach dir
noch tust du als ob du vergisst
dass auch deines längst in Aufruhr ist
Sturmrosen bring ich dir jede Nacht
wenn dann der Morgen neu erwacht
und du trittst in den Tag hinaus
findest du sie vor deinem Haus
Januar-Gedanken
Der Welt dort draußen mangelt es an Farben
und der Kalender grüßt das neue Jahr
man reibt sich leicht die Augen und die Narben
das gab es nicht als man noch zwanzig war
Die Jugend trieb seitdem nur ins Vergessen
doch täuschte man sie vor und das recht fleißig
man war vom Leben regelrecht besessen
heut ist man fünfzig und wär gerne dreißig
Und vor dem Fenster tobt der harsche Winter
man möchte ums Verrecken nicht hinaus
man sucht nach einem Sinn und kommt dahinter:
Der Januar sah niemals anders aus
Mit zwanzig konnte einen das nicht schrecken
mit dreißig schien er auch nur halb so schwer
mit vierzig konnte man langsam entdecken :
Es gibt bald keine leichten Winter mehr
Mit fünfzig lässt der Januar dich leiden
der Frost kriecht langsam in die müden Glieder
ließe im Jahr ein Monat sich vermeiden:
Den Januar brauch ich wirklich nicht wieder
Party bei Bonzens Junior
Die Eltern sind drei Wochen verreist
So kommen sie nicht in die Quere
Zwei Tage nur bis es sich beweist :
Dem Haus droht trotzdem keine Leere
Es nahen am Freitag die noblen Karossen
Wie schreibt man bloß Lamborghini ?
Man hat einander mit Schampus begossen
Und die Mädchen trugen Bikini
Musik viel lauter als Donnerhall
dröhnte durch die siebzehn Zimmer
man hörte sie innen gewiss überall
aber draußen war es noch schlimmer
Dort reckte und streckte und neckte man sich
am Pool und auf den Liegestühlen
man erschreckte, versteckte, entdeckte sich
ohne Angst sich dabei zu verkühlen
Es gäbe noch vieles genau zu beschreiben
was in- und außerhäusig geschah
man müsste dafür nur noch etwas bleiben
doch da man mich nicht einlud war ich gar nicht da
Du musst dir das Leben nehmen
Manchmal fühlst du gar nichts
manchmal wiederum zu viel
und du fragst nach einem Weg
doch kennst nicht einmal das Ziel
Du suchst deine eigne Mitte
und treibst dabei an den Rand
und aus einem kleinen Funken
wird ganz schnell ein Flächenbrand
Du musst dir das Leben nehmen
(dafür muss man sich nicht schämen)
weil du irgendwann vergisst
dass es von Bedeutung ist
Du erflehst Erlösung
doch bleibst Sklave deiner Triebe
legst ein andres Herz in Ketten
und nennst das dann auch noch Liebe
Du stolperst durch all die Jahre
und spürst deine Zeit verbrennen
du weißt es gibt da ein Muster
doch du kannst es nicht erkennen
Du musst dir das Leben nehmen
(dafür muss man sich nicht schämen)
weil du irgendwann vergisst
dass es von Bedeutung ist
Du musst dir das Leben nehmen
nur dann ist es etwas wert
du musst dir das Leben nehmen
damit es dir endlich gehört
Die Heide
Es liegt so still die Heide
im Mittagssonnenschein
und lädt den müden Wanderer
zum Verweilen ein
Es duftet nach Wacholder
und emsig blüht das Kraut
das Auge findet Frieden
ganz gleich wohin es schaut
Es wachsen wilde Beeren
es schwirrt und flirrt und singt
es ist die Geest die mühelos
das Herz in Einklang bringt
Zum Gedenken an Biologielehrer Storch
Montagmorgen, erste Stunde
ein Gerücht machte die Runde
Es geht raus in die Natur
bis knapp gegen dreizehn Uhr
Schnell sagte man es den andern
Heute Jungs müssen wir wandern
So was gab es früher nie
schon gar nicht in Biologie
Doch da half auch kein Verstecken
unter Bänken und in Ecken
Lehrer Storch kannte die Knaben
die im Kopf nur Unfug haben
Also ging es in die Wälder
über Hügel, über Felder
beinah wie beim Militär
mancher atmete sehr schwer
Kilometer von zu Hause
ohne Schulbrot, ohne Pause
lernte man bis dreizehn Uhr
manch Geheimnis der Natur
Wenn wer klopft ist es der Specht
klopft er nicht dann ist es schlecht
und ein Reh trägt kein Geweih
nur der Hirsch hat eins dabei
Lehrer Storch, welch Pädagoge
mich durchfließt manch weiche Woge
wenn ich heute an ihn denk
Sein Unterricht war ein Geschenk
Dreizehn Uhr, Unterrichtsende
Lehrer Storch formte die Hände
und er sagte: „Leute hört
wie ein wilder Keiler röhrt“
Aus des Lehrers tiefster Seele
stieg der Schrei in seine Kehle
was die Klasse sehr genoss
bis ein Jäger ihn erschoss
Lass mich sterben eh mein Sommer stirbt
Das letzte Sommerleuchten scheint vergangen
bald naht der Herbst und färbt die Blätter braun
ich bin nochmal durch die Alleen gegangen
um ihre reiche Farbenpracht zu schaun
Bald fegt der Wind die Hitze aus den Gassen
ich setze mich auf eine Bank im Park
die Farben trotzen nicht mehr dem Erblassen
die Sträucher krümmen sich und werden karg
So harre ich der Dinge die da kommen
und traure um die Schönheit die verdirbt
Herr, hast Du meinen letzten Wunsch vernommen?
Lass mich sterben eh mein Sommer stirbt
Kleine Ewigkeiten
Wie jeden Tag ein halbes Leben zu spät
das Radio im Kopf viel zu laut aufgedreht
und ich jag der verlorenen Zeit hinterher
dabei fällt mir selbst das Atmen zu schwer
Ich will irgendwo hin und etwas erreichen
ich hasse es wie sehr sich die Tage doch gleichen
die Stimmen in mir sind niemals stumm
irgendwann bringt die Sehnsucht mich um
Ich erlebe das Leben als wär es nicht meines
vielleicht ist es in Wirklichkeit keines
vielleicht schweb ich nur im luftleeren Raum
in einem Universum aus Schaum
Jetzt hast du endlich Zeit für dich
Sie standen da in einer langen Schlange
ein wenig kribbelte es schon im Bauch
ein wenig war dir vor der Zukunft bange
und Schokoladentörtchen gab es auch
Selbst der Direktor gab sich noch die Ehre
und tat als hätte er dich furchtbar lieb
- Dass ohne dich die Firma doch nichts wäre -
du fragst dich wer ihm solchen Blödsinn schrieb
Jetzt hast du endlich Zeit für dich
jetzt fängt das gute Leben an
da jubelt man, da freut man sich
was man jetzt alles machen kann
Jetzt hast du endlich Zeit für dich
nie mehr gehetzt, nie mehr geschlaucht
bequem die Füße unterm Tisch
jetzt wo dich kein Mensch mehr braucht
Nun hast du Zeit das Dach zu reparieren
die Schindeln liegen lange schon bereit
am besten gleich von Grund auf renovieren
du hast ja jetzt den Rest des Lebens Zeit
Der Buchclub schickt dir monatlich zwei Bücher
die packst du jetzt – nach Jahren – endlich aus
es wird auch Zeit für neue Küchentücher
es gibt so viel zu tun in deinem Haus
Jetzt hast du endlich Zeit für dich
jetzt fängt das gute Leben an
da jubelt man, da freut man sich
was man jetzt alles machen kann
Jetzt hast du endlich Zeit für dich
nie mehr gehetzt, nie mehr geschlaucht
bequem die Füße unterm Tisch
jetzt wo dich kein Mensch mehr braucht
Nach vierzig Jahren Schinderei und Plage
den ganzen Rest des Lebens endlich frei
Was fängst du an an deinem ersten Tage?
Du schaust in der Firma mal vorbei
Und kommt nun jene stille Zeit
Der Vogel Jugend, sieh ihn an
er ließ sich bei uns nieder
jedoch er flog im letzten Mai
und kommt wohl niemals wieder
So werden unsre Augen müd
im Haar schon erstes Grau
doch seh ich dich wie damals noch
wenn ich nur mit dem Herzen schau
Und kommt nun jene stille Zeit
die uns langsam vergessen lässt
so halt ich doch dein Bild allzeit
in meiner tiefsten Seele fest
Für Regine
Banshee
In die sternklare Nacht
zu deinem Haus
gleitet mein Blick
unheilbringend hinaus
Du hörst meinen Schrei
und verstehst was es heißt
doch willst nicht glauben
was du längst weißt
Es naht der Tod
dort wo ich geh
folge mir Kind
in die irische See
Ich geleite dich heim
du bist nicht allein
ich bin deine Banshee
ich werd bei dir sein
Du blickst auf das Moor
siehst mein schneeweißes Kleid
hab keine Angst
versteh es ist Zeit
Sieh nicht zurück
nimm meine Hand
ich führ dich hinunter
zum Strand
Es naht der Tod
dort wo ich geh
folge mir Kind
in die irische See
Ich geleite dich heim
du bist nicht allein
ich bin deine Banshee
ich werd bei dir sein
Es gibt keinen Aufschub
dir bleibt keine Frist
erkenne dein Schicksal
es ist wie es ist
Es naht der Tod
dort wo ich geh
folge mir Kind
in die irische See
Ich geleite dich heim
du bist nicht allein
ich bin deine Banshee
ich werd bei dir sein
Obdachloser am Silvesterabend
Da schießen sie Raketen in die Sterne
Na klar, für solchen Unfug hat man Geld
Nur einen Bruchteil davon hätt ich gerne
Für einen Mantel der mich trocken hält
Auch einen Wein würde ich nicht verachten
Statt einer Gans da nähme ich auch Brot
Manchmal wenn die Raketen furchtbar krachten
hab ich gedacht : Schießt nicht die Sterne tot
In Kürze wird das neue Jahr beginnen
Ich weiß nicht was der ganze Trubel soll
Ich hab nichts zu verlieren, zu gewinnen
Mal ist die Flasche leer, mal ist sie voll
Da schießen sie Raketen in die Sterne
Und jeder hat ein fröhliches Gesicht
Man sieht den Krachern nach bis in die Ferne
Was näher liegt das sehn sie leider nicht
Tadellos
Mal wieder große Pläne geschmiedet
am Stammtisch bis weit in die Nacht
mal wieder die halbe Welt befriedet
und den Rest dem Erdboden gleichgemacht
Natürlich nur wie immer verbal
und natürlich auch ohne Gewähr
mit der Hoffnung es könnte in der Zukunft einmal…
die guten Zeiten sind so lange her
Tadellos und ergraut in Würde
lernen die Greise den Nachwuchs an
die Vergangenheit ist eine schwere Bürde
doch man tut was man muss
man tut was man kann
Mal wieder die Grenzen aufs Neue vermessen
aus vollem Herzen mit Sturm und Drang
mannhaft sträubt man sich gegen das Vergessen
mit einem klaren und lauten Gesang
Natürlich wie immer nur in kleiner Runde
nach außen hin bewahrt man den Schein
kameradschaftlich träumen sie von der Stunde
wo sie Deutschland endlich vom Abschaum befrein
Tadellos und ergraut in Würde
lernen die Greise den Nachwuchs an
die Vergangenheit ist eine schwere Bürde
doch man tut was man muss
man tut was man kann
Wer immer wegsieht der macht sich schuldig
seid nicht blind, seid nicht taub
seid nicht länger geduldig
schreitet ein und stellt sie bloß
sie sind nicht tadellos
Neulich am Teich im Stadtpark
Neulich am Teich im Stadtpark
da traf ich einen Schwan
der hing da auch nur rum
und hat nicht viel getan
Wir haben uns betrachtet
und dabei wohl gedacht
was macht man wenn der andre
jetzt irgendetwas macht
Ich mach nur selten etwas
auch nicht an diesem Tag
vielleicht dachte der Schwan
dass es am Wetter lag
Und wie wir da nichts taten
fühlten wir uns verbunden
und taten weiter nichts
für circa sieben Stunden
Dann wollt der Schwan ins Wasser
und ich wollte nach Haus
und als wir das dann taten
machte es uns nichts aus
Was wir in andren sehen
Bewahre deinen Glauben dir
verliere nicht den Mute
fürwahr mein Freund ich sage dir
es existiert: Das Gute
Man muss es suchen, das ist klar
es zeigt sich nicht gleiche jedem
es ist nicht immer offenbar
und nicht herbeizureden
Doch wenn du es erst einmal siehst
ist es wie eine Blüte
und alles was du darin liest
erleichtert dein Gemüte
Und schließlich wirst du auch verstehen
im Grunde liegt’s an dir allein
denn das was wir in andren sehen
ist nur der eigne Widerschein
Auf der Straße die du nicht gehst
Drei Kinder, kein Mann, immer müde
acht Stunden am Fließbrand pro Tag
kein Auto, kein Luxus, kein Urlaub
nur Sonntag ein paar Stunden im Park
Dabei warst du mal Hochschulprinzessin
und dir war etwas bessres bestimmt
es ist manchmal todtraurig
welchen Lauf unser Schicksal doch nimmt
Eine einzige falsche Entscheidung
und es ist für immer zu spät
jeder steht mal vor dieser Kreuzung
und muss wählen welchen Weg er dann geht
Sag mir wen du liebst
und zu welchem Gott du flehst
auf der Straße die du nicht gehst
Zeig mir wer du bist
und was möglich ist
wenn du zu dir selber stehst
auf der Straße die du nicht gehst
In der Chefetage ganz oben
so leicht kommt niemand dort hin
ein Konto auf den Kaimans
jeden Tag immenser Gewinn
Dabei wolltest du früher nur malen
und dir war etwas andres bestimmt
es ist manchmal ironisch
welchen Lauf unsrer Leben doch nimmt
Eine einzige falsche Entscheidung
und es ist für immer zu spät
jeder steht mal vor dieser Kreuzung
und muss wählen welchen Weg er dann geht
Sag mir wen du liebst
und zu welchem Gott du flehst
auf der Straße die du nicht gehst
Zeig mir wer du bist
und was möglich ist
wenn du zu dir selber stehst
auf der Straße die du nicht gehst
Vieles könnte möglich sein
doch nur du allein
würdest wissen ob du es verstehst
auf der Straße die du nicht gehst
In Neuendorf zur Unzeit
Es gibt dort fünf sehr schöne Straßen
Man braucht davon auch nicht mehr
Man plant und baut dort in Maßen
Und verzichtet auf den Verkehr
Die Straßen führen im Kreise
Man kommt nicht hinein und hinaus
Es ist dort immer sehr leise
Man bleibt dort vornehmlich zuhaus
Es fehlt dort an Attraktionen
Es hält dort nicht einmal ein Zug
Doch man kann da sehr schön wohnen
Und denkt sich : Das ist schon genug
Man lebt dort ein sehr schlichtes Leben
Man ist fernab vom Geschehn
Es soll sogar Menschen dort geben
Ich hab da nie welche gesehn
Prominenz
Man wundert sich bisweilen sehr
was man so in der Zeitung liest
versteht die Hälfte gar nicht mehr
was einem den Genuss vermiest
Man liest das Wörtchen „prominent“
und was die Prominenz so treibt
erstaunt dass man jene nicht kennt
über die jeder Schmierfink schreibt
Vielleicht liegt es ja auch am Alter
doch das gesteht man nicht so gern
man kennt Herrn Kästner und Fritz Walter
doch die sind längst nicht mehr modern
Bildung bedeutet heutzutage
nicht dass man reimt und Brüche trennt
sondern – so ungern ich das sage -
dass man Gina-Lisa Lohfink kennt
Klatsch
Die Meißner hat mit dem Schobert
der Hansen hat mit der Specht
ich weiß es vertraulich von Robert
der ist blind, doch hört er nicht schlecht
Die Meier hat mit dem Krause
und das nicht nur bei Nacht
ihr Mann kommt erst Freitag nach Hause
haha, das hat sie gedacht
Schon Mittwoch kam er von Montage
da staunten die beiden nicht schlecht
Was tut man in so einer Lage ?
Man biegt sie sich halt zurecht
Nun ist man zu dritt fortan heiter
Sowas steht in der Bibel nicht drin
Ich denke da erst gar nicht weiter
Besser jemand geht da mal hin
Dies Haus soll ehrenwert bleiben
man schämt sich ja für solches Pack
Ich werd dem Vermieter mal schreiben
So von wegen : Gutem Geschmack
Nun Kind schlüpf in deine Kleider
sonst wirst du von den Eltern vermisst
ich vergesse manchmal doch leider
dass du grad erst fünfzehn bist
Am Kanal
Am Kanal, sag ihr, kann sie mich finden
dort wo er beinah das Meer berührt
wenn die letzten Sonnenstrahlen schwinden
und kein Lotse dich nach Hause führt
Wo die schweren Kähne friedlich schlafen
nur ein weißer Schwan noch Kreise zieht
wo wir uns in unsrer Jugend trafen
und man heut nur noch Fabriken sieht
Am Kanal, sag ihr, soll sie mich suchen
wo die Kräne sich im Wind verdrehn
vor dem Deich gleich drüben bei den Buchen
wo manchmal noch Shetland-Ponys stehn
Wo die Jungen früher heimlich rauchten
und es penetrant nach Flieder stank
wo sie damals nach dem Jansen tauchten
als sein Boot bei schwerem Wetter sank
Am Kanal, sag ihr, werde ich warten
so wie früher in so manchem Jahr
nicht fern von dem alten Schrebergarten
der für uns ein stiller Himmel war
Sag ihr auch ich hätte mich verändert
vielleicht ist es ihr ja ganz egal
und sie kommt so lässig angeschlendert
wie vor dreißig Jahren, am Kanal
Tausend traurige Trunkenbolde
Tausend traurige Trunkenbolde
tanzen tristen Twist
wenn du nicht bei mir bist
wenn du nicht bei mir bist
Tausend traurige Trunkenbolde
tanzen tristen Twist
ich aber kann nicht tanzen
deshalb schreib ich solchen Mist
Als hätte es dich nie gegeben
Ich steh im kalten Regen
dreh mir eine Zigarette
ich such nicht nach der Zukunft
ich brauch nur eine Toilette
einen Kaffee und ein Frühstück
beim Warten auf den Bus
denn mir ist klar geworden
dass ich endlich gehen muss
Klammern tun nur Affen
und ein Affe bin ich nicht
ich mach nur manchmal ein ganz ähnliches
nämlich ein dämliches Gesicht
Und egal wie sehr es wehtut
da wartet noch ein Leben
und bald wird es so sein
als hätte es dich nie gegeben
Du stehst noch am Fenster
und du blickst mir hinterher
Abschiede kann man nicht üben
deshalb sind sie auch so schwer
Aber irgendwie geht’s weiter
irgendwo geht’s immer hin
und ich werd es überstehn
egal wie traurig ich grad bin
Klammern tun nur Affen
und ein Affe bin ich nicht
ich mach nur manchmal ein ganz ähnliches
nämlich ein dämliches Gesicht
Und egal wie sehr es wehtut
da wartet noch ein Leben
und bald wird es so sein
als hätte es dich nie gegeben
Marie, auf dem Weg ins Kloster
Ach, was war sie ausgelassen
ein gar schönes, wildes Kind
durfte mich mit ihr befassen
und ihr Kleidchen flog im Wind
War zwar nur ein scheuer Knabe
nicht gewandt, nur ungelenk
doch sie hatte diese Gabe
und gab sie mir als Geschenk
Jahre sind seitdem vergangen
oft hab ich an sie gedacht
wie sie so ganz unbefangen
einen Mann aus mir gemacht
Heut hat man mir zugetragen
man hätte Marie gesehn
und man hörte sie wohl sagen
sie wolle ins Kloster gehn
So lief ich mit schnellem Schritte
quer durch unser Städtelein
und rief lauthals meine Bitte :
„Oh Marie, mein Gott, halt ein“
Sie drehte ihr süßes Köpfchen
sah mich an und grinste breit
(immer noch mit langen Zöpfchen) :
„Na, das wurde aber Zeit“
Die Antwort
Die Gelehrten wälzen gerne
sich in wilden Hypothesen
befragen sogar die Sterne
nicht vertraut mit deren Wesen
Suchen mehr als sie je finden
wollen über Grenzen gehen
doch so sehr sie sich auch schinden
scheitern sie doch am Verstehen
So verschleudern sie ihr Leben
und verschwenden ihre Gaben
ohne jemals zuzugeben
dass sie längst die Antwort haben
Nicht im Reich der Wissenschaften
nicht im Kreis der Religion
in uns selber bleibt sie haften
und so war das immer schon
Der geträumte Junge
Er saß den ganzen Tag in seinem Zimmer
Er hatte Angst und konnte nichts dafür
Die Nächte waren noch um vieles schlimmer
Er malte seinem Zimmer eine Tür
Durch die trat er ganz unverhofft ins Freie
Und dachte sich dann draußen eine Welt
Die Menschen standen dort in einer Reihe
Sie sprachen mit den Blumen auf dem Feld
Er suchte nach dem Mann der ihn erdachte
Und lief dabei ins Sonnenlicht hinein
Doch ganz egal was er dort sah und machte
Der geträumte Junge blieb ein Leben lang allein
Überdauern heißt nicht überstehn
Mühsam quält die Nacht sich aus dem Mieder
schon versetzt der Tag ihr einen Tritt
und das graue Leben mahnt uns wieder
Müde und verkatert geht man mit
Statt Salons erwarten uns Fabriken
und das Leben wird zu leicht verschenkt
der Verstand fügt sich längst in Rubriken
schlummert friedlich aber sehr beengt
Viel zu kurz nur sind die bunten Fluchten
wo wir nicht in Warteschlangen stehn
sondern uns verliern in eignen Buchten
wo wir glücklich in Erfüllung gehn
Später zehren wir an kalten Tagen
von den Bildern die wir in uns sehn
manches lässt sich leichter zwar ertragen
doch überdauern heißt nicht überstehn
Aus Gewöhnung bleiben wir genügsam
reihen uns ganz brav in Reih und Glied
dabei ist das Schicksal äußerst fügsam
wenn man es auf seine Seite zieht
So jedoch bleibt es nur ein Versprechen
eine Handbreit weg und doch so weit
lockt es uns nun endlich auszubrechen
doch wir haben grade keine Zeit
Viel zu kurz nur sind die bunten Fluchten
wo wir nicht in Warteschlangen stehn
sondern uns verliern in eignen Buchten
wo wir glücklich in Erfüllung gehn
Später zehren wir an kalten Tagen
von den Bildern die wir in uns sehn
manches lässt sich leichter zwar ertragen
doch überdauern heißt nicht überstehn
Über Gräben, über Gräber
Auf dem Bildschirm nacktes Grauen
welchen Sender wir auch schauen
Bilder die sich immer gleichen
Attentate, Blut und Leichen
Wir sehen es ständig brennen
an Orten die wir nicht kennen
zynisch spürt man die Gewöhnung
wartet nicht mehr auf Versöhnung
Doch ich weiß der Tag wird kommen
wo Nationen sich nicht teilen
wo die Waffen endlich schweigen
und die Wunden langsam heilen
Über Gräben, über Gräber
reichen Menschen sich die Hand
um gemeinsam zu begraben
was lang zwischen ihnen stand
Wenn die Menschlichkeit das Gut ist
das wir immerfort vererben
wird es nie mehr Gründe geben
für ein Vaterland zu sterben
Noch finden sie viele Gründe
falsche Götzen, fette Pfründe
um Gebote zu verbiegen
und sich weiter zu bekriegen
Kriegsgewinnler, Waffenhändler
füllen sich zu gern die Tasche
unsre Welt jedoch zerfällt
immer mehr zu Schutt und Asche
Doch ich weiß der Tag wird kommen
wo Nationen sich nicht teilen
wo die Waffen endlich schweigen
und die Wunden langsam heilen
Über Gräben, über Gräber
reichen Menschen sich die Hand
um gemeinsam zu begraben
was lang zwischen ihnen stand
Wenn die Menschlichkeit das Gut ist
das wir immerfort vererben
wird es nie mehr Gründe geben
für ein Vaterland zu sterben
Ich vertrau auf unsre Kinder
und ich kann sie vor mir sehen
wie sie zu der Einsicht kommen
aufeinander zu zugehen
Sie legen die Waffen nieder
über Gräber, über Gräben
begraben sie die alten Fehden
und entscheiden sich fürs Leben
Ein Taxifahrer tötet das Weihnachtsfest
Da saß ich nun und chauffierte
die Leute von kreuz nach quer
und was ich partout nicht kapierte :
Das Trinkgeld wurde nicht mehr
Ich hatte mir durchaus Hoffnung gemacht
denn wenn nicht an Weihnacht wann dann
so fuhr ich durch die Heilige Nacht
na ja, der Nacht sah man das nicht an
Ich fuhr eine vollschlanke Mademoiselle
die triefte vor Eleganz
und fiepste ständig „So fahrn Sie doch schnell“
Frohe Weihnachten – du blöde Gans
Ich fuhr auch noch Pastor Krause
der nahm mich gestresst ins Gebet :
Keine Zeit, Sohn, für eine Pause
ich komm sonst zur Messe zu spät
Die Leute knausern und geizen
selbst jene die stinken vor Geld
Mann, ich hab eine Bude zu heizen
und ein Mädchen das mir gefällt
Woanders saßen die Kinder
mit glänzenden Augen vorm Baum
ich kutschierte derweil einen Inder
nur verstanden hab ich ihn kaum
Dann nahm mich ein schräger Kerl auf den Arm
- es gibt schon, weiß Gott, was für Pack -
er nuschelte : Mein Rentier ist lahm
Ich sprach : Geh mir nicht auf den Sack
So stolperte er schwer beladen von dannen
und ich sah ihm hinterher
er verschwand für immer hinter den Tannen
Weihnachten gibt es seitdem nicht mehr
Es stellt sich eine Sehnsucht ein
Es stellt sich eine Sehnsucht ein
zaghaft und unerbeten
am Anfang hat es noch den Schein
als läg’s an den Tapeten
so dass man eifrig renoviert
und himmelblau die Decke streicht
bis man dann irgendwann kapiert
dass dies bei weitem noch nicht reicht
Es stellt sich eine Sehnsucht ein
ein Grund lässt sich nicht finden
und selbst nach ein paar Gläsern Wein
mag sie noch nicht verschwinden
Vielleicht tut eine Reise Not
man setzt sich in den nächsten Zug
und fährt entspannt ins Abendrot
doch ist auch das noch nicht genug
Es stellt sich eine Sehnsucht ein
und stellt sich ein aufs Bleiben
inzwischen ist sie nicht mehr klein
doch lässt sich nicht beschreiben
Sie schmerzt, sie bohrt, sie nagt, sie brennt
und sie lässt sich nicht heilen
und weil man das endlich erkennt
lässt man sie halt verweilen
Auf der Nebenstrecke
Mein Freund hat es zu etwas gebracht
der kennt jetzt die ganz hohen Damen
der weiß wen man schmiert und was man so macht
und er trägt jetzt ein „von“ im Namen
Wenn wir uns mal treffen, weiht er mich ein:
„Alles hat seinen Preis
Die Hände dürfen schmutzig sein
nur die Weste bleibt tunlichst weiß“
Er sagt: „Das ist die Überholspur
du nimmst nur die Nebenstrecke
warum diese Ochsentour nur
das Glück lauert an jeder Ecke“
Er sagt: „Die Welt ist im Wandel
ich sprang früh genug auf den Zug
nach außen hin heißt es zwar Handel
doch ganz ehrlich, es ist Betrug
Aber das soll mich nicht kümmern
die Dritte Welt ist ganz weit
ob die da nun hungern und wimmern
na ja, manchmal tut es mir leid
Doch tanzte ich aus der Reihe
der Nächste spränge gleich ein
das Becken ist voller Haie
genau genommen bin ich ganz klein
Es ist auch nicht so richtig verboten
man könnte fast sagen: Legal
Ich träume nachts nicht von den Toten
ich hab im Grunde doch keine Wahl
Ich hab nun mal immense Kosten
drei Frauen, zwei Häuser, ein Boot
und bald einen ganz hohen Posten
mein Leben ist völlig im Lot“
Heut war in der Zeitung zu lesen :
Man brachte ihn um die Ecke
Ich bin nicht wirklich traurig gewesen
und bleib auf der Nebenstrecke
Zeit der Raben
Im Dorfkrug tagt der Rat seit vielen Stunden
der Krieg ist da, schon zieht man Knaben ein
ein Ausweg wird schlussendlich doch gefunden
der Handel scheint von Vorteil wohl zu sein
Blut gegen Gold, die Werber ziehen weiter
kein Kind verliert sein Leben in der Schlacht
doch wie ein unsichtbarer Wegbegleiter
huscht schon ein dunkler Schatten durch die Nacht
Der Tod lässt sich nur ungerne betrügen
mit zwanzig steht das Dorf in seiner Schuld
doch das will ihm schon längst nicht mehr genügen
der Zins ist hoch und er voll Ungeduld
Das ist die Zeit der Raben und der Krähen
der grimme Schnitter schleicht nachts durch den Ort
gar grausig treibt er ein sein Lehen
am Morgen da sind alle Kinder fort
Und furchtbar ist am Tage dann die Trauer
als man begreift was man bei Nacht verlor
man dachte man wär klug, der Tod war schlauer
man folgt den Kinderspuren bis ins Moor
Dort enden sie und laut ist nun das Klagen
und es gibt manchen der auch heut noch schwört
dass er an ganz bestimmten Vollmondtagen
im Moor sowas wie Kinderlachen hört
Der Tod lässt sich nur ungerne betrügen
mit zwanzig stand das Dorf in seiner Schuld
doch das wollte ihm längst nicht mehr genügen
der Zins ist hoch und er voll Ungeduld
Das war die Zeit der Raben und der Krähen
der grimme Schnitter schlich nachts durch den Ort
gar grausig trieb er ein sein Lehen
am Morgen waren alle Kinder fort
Die Kapelle
Zwanzig Jahre Hände harter Arbeit
fügten unablässig Stein auf Stein
stolz ragt nun das Monument zum Himmel
lädt zum Betrachten und Bewundern ein
Prunk und Pracht spiegelt sich in den Scheiben
jeder Winkel ist erfüllt von Licht
unablässig prahlen Ornamente
der Altar erstickt fast am Gewicht
Überlebensgroß die Kruzifixe
und die Orgel hämmert ohne Rast
Jesus dem das Schlichte stets behagte
wäre hier bestimmt nicht gern zu Gast
Artist
Vor dem Fenster ist ein Park
und hinterm Park da ist ein See
auf dem See da schwimmen Enten
und um vier Uhr gibt es Tee
Dann kommt man um ihn zu holen
denn er kommt nicht von allein
und gibt es zum Tee auch Kuchen
wird vermutlich Sonntag sein
Er war Artist, Bassist und Optimist
Anarchist und Atheist
doch heute weiß er nicht mehr wer er ist
Die anderen sitzen nur rum
sehn fern und spielen Karten
viel mehr kann man hier auch nicht tun
als auf den Tod zu warten
Und wird ein Zimmer ausgeräumt
fragt man nicht weiter an
es werden immer weniger
man gewöhnt sich schnell daran
Er war Artist, Bassist und Optimist
Anarchist und Atheist
doch heute weiß er nicht mehr wer er ist
Auch die Schwestern und die Pfleger
wechseln von Jahr zu Jahr
er hat sein Leben fast vergessen
und alles was er einmal war
Herr von Klausewitz und die traurige Chansonette
Herr von Klausewitz betrat den Saal im Dunkeln
denn er war hier nicht die Attraktion
mancher jedoch begann schon zu schunkeln
und hoffte vielleicht auf Finderlohn
Wie der dicke Herr in Reihe sieben
der da rief : Das ist der Pianist
Herr von Klausewitz ist stumm geblieben
schließlich weiß er selber wer er ist
Also nahm er Platz auf seinem Hocker
und die Hände die geplagt von Gicht
schüttelte er sich dort langsam locker
bis dann jemand rief : Es werde Licht
Es erschien Marie, die Chansonette
die sich Madame Claire von Schaumburg nannte
und vollführte jene Pirouette
die er nun seit zwanzig Jahren kannte
Sie sang sich die Seele aus dem Leibe
doch im Saal hat’s kaum einen gejuckt
man versprach sich heitren Zeitvertreibe
nicht dass jemand in die Suppe spuckt
Aber wie so oft zu später Stunde
hat Marie gespottet und geflegelt
sang mehr mit dem Herz als mit dem Munde
und ist dann frontal abwärts gesegelt
Jemand schrie : Die ist total besoffen
und ein ganzer Chor fiel ein : Genau
Herr von Klausewitz schwor tief betroffen :
Allerhöchstens nur ein wenig blau
Und am nächsten Tag stand in der Presse :
Die Premiere war totaler Mist
kein Talent, nur eine große Fresse
und sehr mäßig auch der Pianist
Dies brachte Marie ganz schwer in Rage :
Das haben wir wirklich nicht verdient
Herr von Klausewitz zählte die Gage
und hat ihr gebrochnes Bein geschient
Ihr gebrochnes Herz jedoch war schlimmer
nie stand sie so schlecht in Volkes Gunst
Herr von Klausewitz lief durch das Zimmer :
Was weiß dieser Pöbel schon von Kunst?