Ich bin mir selbst begegnet
Ich bin mir selbst begegnet
ich glaub es war im Schlaf
weil ich in wachem Zustand
mich bisher noch nie traf
Es war an einem Ort
den ich noch niemals sah
er war ganz menschenleer
nur ich war zweimal da
Wär ich ein Philosoph
dann hätte ich ergründet
warum man sich urplötzlich
so doppelt wiederfindet
Jedoch ein Philosoph
bin ich weiß Gott nun nicht
ich tat was Dichter tun
ich schrieb dieses Gedicht
Doch tat ich dies im Schlafe
oder war ich erwacht
ich hab ergebnislos
darüber nachgedacht
Beständig
Ein jedes Ding hat seine Zeit
und geht einmal vorüber
sowohl das Glück wie auch das Leid
und auch das schlimmste Fieber
Die Kindheit und ein Regentag
beides ist nicht von Dauer
wenn man das erst erkennen mag
ist man um vieles schlauer
Weil dies auch für das Leben gilt
und zwar zu jeder Zeit
passt eine Wahrheit nur ins Bild :
Beständig bleibt allein die Unbeständigkeit
Der Vogel den niemand kennt
Er würde nur selten an Land residieren
das Meer wär ihm eher Zuhaus
er würde die härteste Brandung passieren
und auf Klippen ruhte er aus
Er fände sich in den herrlichsten Höhen
und käme zur Erde er wieder
dann schwebte er auf stürmischen Böen
und ließ auf den Wellen sich nieder
Er tauchte hinab und stieg wieder auf
und ließ auf dem Wasser sich treiben
sein gottgegebener Lebenslauf
wär ein Kommen, ein Gehen, ein Bleiben
So wäre er zwischen Schwimmen und Fliegen
gänzlich in seinem Element
die Höhe, die Tiefe, er würd sie besiegen
der Vogel den niemand kennt
Es ziehen die Lachse den Fluss hinauf
Noch ist der Morgen flüchtig und neu
doch man hört sie die Klingen schon wetzen
dann ziehn sie los und tragen schwer
an ihren Reusen und Netzen
Sie knoten die Schnüre, prüfen die Rollen
sie eint ein flinkes Geschick
und dann lauern sie im Dämmerlicht
mit den Stiefeln im Schlamm und im Schlick
Es ziehen die Lachse den Fluss hinauf
es ist wieder Zeit um zu laichen
in jenem kargen, unsteten Land
wo alle Tage sich gleichen
Daheim werden schon die Pfannen geputzt
und die Männer stehn an der Lichtung
es ziehen die Lachse den Fluss hinauf
ich geh in die andere Richtung
Sie verrichten wortlos ihr tristes Geschäft
in der Hoffnung es möge sich lohnen
so vergehen die Tage, so vergehen die Leben
so ist es seit Generationen
Man trägt den Fang zur Siedlung hinab
wo die Frauen ihn säubern und weiden
in ihren Schürzen trocknet das Blut
und sie schneiden und schneiden und schneiden
Es ziehen die Lachse den Fluss hinauf
es ist wieder Zeit um zu laichen
in jenem kargen, unsteten Land
wo alle Tage sich gleichen
Daheim werden schon die Pfannen geputzt
und die Männer stehn an der Lichtung
es ziehen die Lachse den Fluss hinauf
ich geh in die andere Richtung
Und bin ich auch eines Fischers Sohn
treibt es mich doch aus dem Ort
und eines Tages so weiß ich bestimmt
bleiben auch die Lachse für immer fort
Jahresringe
Es steht ein Baum vor meinem Haus
er steht dort schon so manches Jahr
wahrscheinlich stand er auch schon da
als ich noch nicht geboren war
Wie alt er ist, ich weiß es nicht
er hält den Jahreszeiten stand
alles was er zu fürchten hat
ist einzig nur des Menschen Hand
Im Frühling trägt er grüne Blätter
im Herbst werden die Blätter braun
im Sommer ist er voller Leben
im Winter traurig anzuschaun
Man sieht die Jahresringe nicht
die von gelebten Zeiten künden
man kann sie erst nach seinem Tod
tief unter seiner Rinde finden
Das Innere bleibt uns verborgen
wir sehn oft nur den Schein der Dinge
dabei tragen wir doch wie er
tief in uns auch solch Jahresringe
Es steht ein Baum vor meinem Haus
doch seine Wurzeln sieht man nicht
sie halten ihn an diesem Ort
so tief verwurzelt bin auch ich
Egal wohin ich jemals ging
am Ende kam ich stets zurück
und manches Jahr das so verstrich
schien mir nur wie ein Augenblick
Im Frühling lässt sich’s leichter leben
im Herbst da fällt das Dasein schwer
im Sommer scheinen Träume greifbar
im Winter gibt es sie nicht mehr
Man sieht die Jahresringe nicht
die uns mit unsrem Sein verbinden
in ihnen lassen sich die Spuren
des ganzen Lebens wiederfinden
Dies Zeugnis halten wir verborgen
und pflegen nur den Schein der Dinge
dabei wären wir nicht komplett
ohne unsere Jahresringe
Irgendein letztes Zimmer wird es geben
Harry hat ein Foto von Marilyn im Spind
und er baut darauf sie bringe Glück
mir ist sie wahrscheinlich nicht so gut gesinnt
egal, ich pfeife auf das blöde Stück
Ich weiß nicht was es bringt
sie ständig anzublicken
und auch wenn es nicht sehr nett klingt
Harry, du wirst sie nie ficken
Warum suchst du dir nicht eine
die dein Leben besser macht
es gibt tausende von denen
da draußen in der Nacht
Irgendein letztes Zimmer wird es geben
das man am Morgen dann nicht mehr verlässt
ein letzter Drink auf dieses süße Leben
dann gibt es dir den Rest
Harry trinkt zu viel, so wie wir alle
doch er sagt das mache ihm nichts aus
das Leben ist und bleibt ne Stolperfalle
und nur die Besten schaffen es nach Haus
Ich find es ziemlich schwach
sich etwas vorzumachen
Harry, du bist ja so ein Arsch
doch du bringst mich zum Lachen
Warum suchst du dir nicht etwas
was dein Leben besser macht
es gibt tausend Möglichkeiten
da draußen in der Nacht
Irgendein letztes Zimmer wird es geben
das man am Morgen dann nicht mehr verlässt
ein letzter Drink auf dieses süße Leben
dann gibt es dir den Rest
Es gibt keine Orden für Verlierer
keine Storys und keinen Applaus
krieg die Kurve, Harry
mach es nicht wie ich
gib dich nicht an dieses Leben aus
Vom Vergehen
Man sagt ja gern : Die Zeit vergeht
Das klingt korrekt und weise
in Wirklichkeit vergehen wir
mal laut, doch meistens leise
Der Mensch bleibt stets des Menschen Feind
ganz gleich worauf er auch gehofft
ganz gleich wie gut er es gemeint
er irrt zu oft
Alles was er auf Erden treibt
gerät nicht ins Vergessen
weil er stets unvollkommen bleibt
nach jeglichem Ermessen
Die Strafe oder auch der Lohn
sind eines Tages ihm bestimmt
am Ende ahnt er manchmal schon
welch Ende es wohl mit ihm nimmt
Man sagt ja gern : Die Zeit vergeht
auf diese oder jene Weise
in Wirklichkeit vergehen wir
allzeit im Laufe unsrer Reise
Dummheiten
Dummheiten habe ich viele gemacht
da kümmerte mich nicht ob Tag oder Nacht
und schon gar nicht in wessen Zimmer
Die bei Nacht waren schöner und schlimmer
Ich hab sie begangen doch sie nicht gezählt
und mich hat auch kein schlechtes Gewissen gequält
Begehe ich sie noch immer?
Das zu gestehen wäre noch dümmer
Fenster(k)lage
Aus meinem Fenster lässt sich gut spucken.
Und man kann sicher sein dass man trifft.
Wenn jemand hoch schaut muss man sich ducken.
Manchmal spuckte ich gerne Gift.
Zum Beispiel auf den bösen Herrn Schneider.
Der meinen Herrn Vater so arg hat betrogen.
Bisher blieb der Versuch vergeblich leider.
Um unser Haus macht der einen Bogen.
Also „unser Haus“ heißt: Wir leben zur Miete.
Die ist zu teuer. Selbst für diese Gegend.
Sie bringt der Gesellschaft kräftig Rendite.
Ich hörte Vater schon einen Umzug erwägend.
Doch dann wurde er, wie sagt man, gestrichen
nun kann er die Miete eh nicht mehr zahlen.
Dafür geht er jetzt schon früh raus zum Fischen.
Mir wäre lieber er würde malen.
Denn das hat er schon früher gemacht.
Und wie manch einer sagte: Nicht schlecht.
Seine Bilder haben oft Geld gebracht.
Das käme uns jetzt grade recht.
Aus meinem Fenster lässt sich gut spucken.
Versehentlich traf ich grad Herrn Hansens Scheibe.
Und sah ihn recht ungläubig gucken
Ob ich ihm besser eine Entschuldigung schreibe?
Der Bücherwurm
Ob ich Bücher liebe? Na was glauben Sie?
Ich betrachte Bücher mit viel Sympathie
Habe wirklich reichlich, überall im Haus
eines gleicht dort drüben das kurze Tischbein aus
Morgens stemm ich immer den Brockhaus in die Höh
das gibt auf Dauer Muskeln, tut’s auch am Anfang weh
Bücher sind notwendig, durch sie blüht der Kopf
auf dem Dostojewski steht ein Blumentopf
Ohne Bücher leben ließ sich nicht ertragen
hab damit soeben zwei Fliegen totgeschlagen
Bücher sind was Schönes, formen Geist und Wesen
irgendwann einmal werd ich auch eins lesen
Die Eitelkeit
Es packt manchen Dichter die Eitelkeit
beginnt er von sich selbst zu erzählen
da tönt es aufgeblasen und breit
grad als käme es aus tausend Kehlen
Ich übe mich in Demut stattdessen
und nehme mich nicht so wichtig
Dichter werden ohnehin schnell vergessen
und das ist - in meinem Fall - durchaus richtig
Der Falter
Es flattert ein gelblicher Falter
und badet im Ampellicht
er hat noch ein recht frühes Alter
und gelblich ist er grad nicht
Er ist zwischen den Ampeln
eben noch grün, dann schon rot
sein Flug ist mehr so ein Strampeln
dann ist er urplötzlich tot
Und da tote Falter nicht fliegen
- so nehme ich jedenfalls an -
sieht man ihn auf der Straße liegen
Ob man Falter wohl falten kann?
Bin ich ein Teebeutel oder was?
Für dein süßes Zuckerlächeln
wär ich früher mal gestorben
doch ich hab mir mittlerweile
zu oft dran das Herz verdorben
Du hast mich angemacht und aufgerissen
abgekocht und weggeschmissen
bin ich ein Teebeutel oder was?
Zuerst hat mir dein Honigteil
so absolut das Hirn verrührt
aber schon nach kurzer Zeit
wurde ich heftig abgeführt
Du hast mich angemacht und aufgerissen
abgekocht und weggeschmissen
bin ich ein Teebeutel oder was?
Erst machst du mich heiß
dann machst du mich nass
bin ich ein Teebeutel oder was?
Ich war von dir wie betrunken
doch mir kam nie in den Sinn
dass dein Durst schon lang gestillt war
und ich nur dein Löffel bin
Du hast mich angemacht und aufgerissen
abgekocht und weggeschmissen
bin ich ein Teebeutel oder was?
Erst warst du feucht
dann kalt wie Eis
verdammt noch mal was soll der Scheiß?
Du hast mich angemacht und aufgerissen
abgekocht und weggeschmissen
bin ich ein Teebeutel oder was?
Erst machst du mich heiß
dann machst du mich nass
bin ich ein Teebeutel oder was?
Kreise
Mal Kreise auf das Pflaster
mal Zahlen in die Kreise
schließ deine Augen, spring hinein
und schon beginnt die Reise
Ein Kreis steht für die Liebe
und einer für Verlust
Die Zahlen lügen niemals
Hast du das gewusst?
Ein Kreis steht für das Glück
ein andrer für die Not
und ein Kreis der bleibt ohne Zahl
denn er steht für den Tod
Die Augen lass geschlossen
beim Sprung von Kreis zu Kreis
Die Zukunft mag es gar nicht
wenn jemand von ihr weiß
Einstellungstest (bei einer namentlich nicht genannten Bank)
Dem Armen – er mag‘s mir verzeihen –
würde ich gewiss niemals etwas leihen
Unbegrenzt täte ich’s bei den Reichen
die ihre Rechnungen niemals begleichen
Warum sie so reich trotzdem bleiben?
Weil sie Verluste zügig abschreiben
und – hab ich`s richtig kapiert? –
man sie staatlich stets subventioniert
Geld kommt halt manchmal abhanden..
Was sagen Sie? Bestanden?!
Ferngespräche
Ich hab alles gesagt was zu sagen war
Ich hab alles gesagt – ganz ruhig und klar
dabei hab ich gewusst, du hörst eh nicht hin
Ferngespräche machen wenig Sinn
Ich hab mir dabei so oft vorgestellt
du wärst grad am anderen Ende der Welt
und dann hab ich traurig gelacht
weil es doch keinen Unterschied macht
Weil du wie immer
den Sinn meiner Worte verdrehst
Wir führen nur Ferngespräche
Selbst wenn du neben mir stehst
Die Anstalt
Sie ist ein Land im Land, ganz ohne Frage
dort gilt ein andres Recht als uns es gilt
selbst der Kalender hat dort andre Tage
was vor dem Fenster liegt scheint nur ein Bild
Das Raumspray hat den Duft von stiller Güte
die Gitter bieten Halt und Sicherheit
jeder wirre Gedanke der dort blühte
bleibt unfrei bis ans Ende aller Zeit
Man kann nicht heilen sondern nur verwahren
wie Gärtner rupft man ständig Unkraut aus
doch es wächst nach, ja es gedeiht in Scharen
und keiner fragt: Liegt es an diesem Haus?
Wär Hippokrates mal vorbeigekommen
er hätte die Kollegen nicht erkannt
das Leid jedoch hätte er wahrgenommen
in diesem Land im Land
Das Zimmer
Unter den Tapeten, fünf Schichten,
harren gar viele Geschichten
und man sollte eifrig beten
dass sie nie planen hervorzutreten
Manches ist hier geschehen
das will man nicht wissen, nicht sehen
denn man müsste sich sorgen
bliebe es nicht länger verborgen
Hier hat Böses sich zugetragen
und die stummen Schreie und Klagen
jener die hier einst gelebt
wurden vielfach schon überklebt
Doch so sehr man auch kleistert und streicht
in der Hoffnung dass es irgendwann reicht
zum Vergessen und zu ständiger Freude
dieses Zimmer bleibt ein ewiger Zeuge
Begräbnis von B.
Der Priester sprach du hättest dich versündigt
Dein Platz im Himmel bliebe deshalb leer
Du hast doch nur dein Leben selbst gekündigt
Warum sagt er dir Schlechtes hinterher?
Wenn man ihn anschaut könnte man fast meinen
du wärst der Anlass für so manch Problem
Ist er mit seinem Gott grad nicht im Reinen
oder sitzt nur sein Kragen unbequem?
Es geht doch jeder, früher oder später
Und ist nicht schließlich alles Gottes Plan?
Trotzdem erscheinst du ihm als Missetäter
und hast doch keiner Seele was getan
Nur deiner eignen würde er entgegnen
wenn ihm bekannt wär was ich grade denk
Verdammt, der Heini soll dich endlich segnen
und aufhörn mit dem albernen Gezänk
Gleich steh ich auf und dann sag ich dem Pfaffen
so richtig meine Meinung ins Gesicht:
Mit seinem Gott hattest du nichts zu schaffen
deshalb brauchst du auch seinen Himmel nicht
Aus den Memoiren eines Nervenarztes
Keiner von ihnen ist schuldig.
Ja, Verzeihung liebes Gericht.
Sie waren zu ungeduldig.
Warum fragten sie mich denn nicht?
Der Kollege ist ein Scharlatan.
Jedoch mit meiner Expertise
wäre den armen Menschen recht getan.
Es gibt viele wie diese.
Die Mutter zerstückelt und Kinder geschändet.
Und schon war es groß das Geschrei.
Sie wollen wissen wo all das endet?
Es geht vorbei.
Die Kindheit ist schuld. Die Mutter. Der Vater.
Und vor allem die Grausamkeit.
Da denkt man doch man sei im Theater.
Und schlitzt Katzen auf von Zeit zu Zeit.
Danach begafft man die Nachbarsgöre.
Und fasst ihr auch mal unter das Kleid.
Nicht therapierbar? Ach, wenn ich so was höre.
Es braucht halt nur seine Zeit.
Der Mensch ist gut. Die Menschheit ist schlecht.
Sie verhindert mein gütliches Streben
meinen Patienten ihr gutes Recht
und ihr Leben zurückzugeben.
Bedenket: Sie sind unser Spiegelbild.
Das was die Gesellschaft aus manchem macht.
Ich jedoch bin ihr schützender Schild
der sie behütet und der sie bewacht.
Den Opfern zu helfen ist reine Verschwendung.
Mir sind sie – ich möchte fast sagen – egal.
Für sie hab ich leider keine Verwendung.
Doch meine Patienten haben Potential.
Astrologen
Bleibt mir gewogen ihr Astrologen.
Gebt mir auch heute ein Motto.
Werd ich geliebt ? Werd ich betrogen ?
Gewinne ich endlich im Lotto ?
Seid mein Orakel.
Hier meine Frage :
Steinbock oder Waage ?
Glück oder Debakel ?
Ich liege im Sterben. Ihr schriebt vom Glück.
Nehmt eure verdammten Sterne zurück.
Ihr seid eine eitle und dumme Mischpoke.
Ich hasse euch. Und Horoskope
Es zeigt sich der Morgen so trübe
Es zeigt sich der Morgen so trübe
noch müde geh ich dahin
und gäbe es nicht die Liebe
wäre mein Weg ohne Sinn
Sie lässt uns suchen und finden
wie dumm man auch ist und wie alt
sie lässt jeden Kummer verschwinden
und spendet uns Wärme und Halt
Es zeigt sich der Morgen so heiter
wenn man es nur richtig bedenkt
viel fröhlicher geh ich nun weiter
denn ich wurde mit Liebe beschenkt
Die Wahrheit kommt in die Jahre
Ein Brief in der Post. Das Schriftbild sehr niedlich.
Und wieder wird man erinnert.
Nicht boshaft sondern sehr höflich und friedlich
wird gefragt ob es einen noch kümmert.
Man kramt im Gedächtnis. Betroffenes Schweigen.
Und zwingt sich alljährlich aufs Neue
aus Anstand noch eine Regung zu zeigen.
Was war es doch gleich? Scham und Reue.
Ein Brief in der Post. Gar lästig die Mahnung.
Man möchte sich nicht mehr erinnern.
Wer sonst hat davon schon die leiseste Ahnung
und wen soll es heute noch kümmern?
Die Schuld war nur klein. So stand es geschrieben.
Man stempelte nur Formulare
Und ist auch später im Amt noch geblieben.
Die Wahrheit kommt in die Jahre.
Die Erdbeerprinzessin
Die Erdbeerprinzessin
am Gartenzaun
streckt ihren Hals
um herüberzuschaun
zu dem emsigen Treiben
im Nachbargarten
wo Maikäfer
auf ein Weltwunder warten
Dann steigt sie in die Kutsche
aus Blättern und Stroh
und zehntausend Raupen
verneigen sich froh
Die Erdbeerprinzessin
fährt heut in die Ehe
das rührt mich zu Tränen
und ich gestehe
auch wenn es nicht geht
ich dachte daran
den Platz zu tauschen
mit ihrem Mann
Nun steht sie dort
mit dem König der Grillen
vor dem Blumenaltar
wird ihr Wunsch sich erfüllen
Sie tauschen die Ringe
aus goldenem Heu
und mit hochrotem Kopf
schwört sie : Ich bleib dir treu
Dann gehn sie zu der Kutsche
aus Blättern und Stroh
und zehntausend Raupen
verneigen sich froh
Die Erdbeerprinzessin
fährt heut in die Ehe
das rührt mich zu Tränen
und ich gestehe
auch wenn es nicht geht
ich dachte daran
den Platz zu tauschen
mit ihrem Mann
Ich schmier meine Flügel
mit Bienenwachs ein
und beschließe nicht länger
traurig zu sein
flieg in die Sonne
genieße den Tag
sie braucht nicht zu wissen
wie sehr ich sie mag
Sternenlicht
Vergeblich suchen Sterne ihresgleichen
denn nirgendwo findet sich solches Licht
hochmütig genug sich zu vergleichen
mit ihnen - dies wagt selbst die Sonne nicht
Mittagshitze im Alten Land
Zwischen den Apfelbäumen hängt schwer
ein zitterndes flüchtiges Schweigen
die Knecht, die Mägde – sie dürsten so sehr
danach sich einander zu zeigen
Die Scham verfliegt in der Mittagsglut
wozu sonst mag der Sommer wohl taugen
der Lehnsherr trottet über sein Gut
und traut dabei kaum seinen Augen
Wie fröhlich doch das Gesinde scheint
trotz all der Mühen und Plagen
welch liederlicher Geist sie wohl eint
an solch hochsommerlichen Tagen
Schein und Widerschein
Was spiegelt sich in der Kapelle Scheiben
den Gläubigen, als sei es angedacht
für mehr als eine Ewigkeit zu bleiben
trotzend ein jeder weltlich Macht
als Mahnmal, das erst dann zu voller Blüte
gelangt, fällt weiches weites Licht hinein
dass man erfüllt mit Demut und mit Güte
den Schein begreift und sich als Widerschein
Die Entwicklung
Die Wissenschaft ist wirklich von Wert
Nur ein Narr würde das je bestreiten
Gelegentlich läuft zwar auch manches verkehrt
Doch das war schon so zu allen Zeiten
Der Fortschritt scheidet den Menschen vom Affen
und treibt die gesamte Menschheit voran
Es gilt immer neue Wunder zu schaffen
wenn man sich über die alten nicht mehr wundern kann
Wer braucht noch Waffen aus Feuer und Stahl?
In die muss man nicht mehr investieren
Es stehen effektivere längst zur Wahl
wie beispielsweise Bakterien und Viren
Schon morgen wird man eine Seuche erfinden
die geht von der Luft aus direkt ins Blut
Man löst sich auf und wird einfach verschwinden
Das tut der Umwelt ungemein gut
Man muss sich trotzdem nicht wirklich sorgen
dass es um die Menschheit schlecht bestellt steht
Das Gegenmittel entwickelt man übermorgen
Für die Hälfte der Welt kommt es dann nicht zu spät
Abendelegie
Schau die fahle Sonne neigt sich
beinah schon der Erde zu
und ihr letztes Licht das zeigt dich
du läufst meinen Blicken zu
wie ein Kind fern jeder Schwere
und mit fröhlichem Gesang
so dass ich gern bei dir wäre
lebenslang
Erinnerung ohne Schublade
Frau M. wringt ihre Wäsche aus
und hängt sie auf die Leine
die Leine ist gleich hinterm Haus
Frau M. hat dicke Beine
Und wie sie da so sinnend steht
in ihrer blauen Schürze
beinah schon im Radieschenbeet
entfahren ihr zwei Fürze
Damit ist mein Gedicht versaut
schließlich bin ich nicht Zille
der sich an solch Triviales traut
- ich putze meine Brille
Frau M. hat sich alsbald verzogen
und etwas später der Gestank
so war es, das ist nicht gelogen
und wer es glaubt…..hab Dank
Fahrt über Land
Es gackerten fröhliche Hennen
auf 30 Grad Nordnordwest
ein Hahn wollte mit ihnen pennen
doch hielt der Bauer an der Gurgel ihn fest
um ihn als Mittagsspeise
gerupft und gegrillt zu verschlingen
mir rief er: „Gute Reise!“
ich rief ihm: „Gutes Gelingen!“
Frag mal Marlas Freundin
Frag mal Marlas Freundin
ob Marla nach mir fragt
und dann sag mir hinterher
was Marlas Freundin sagt
Und sag Marlas Freundin
Marla darf nicht wissen
dass ich davon träume
sie endlich zu küssen
Nein, nicht Marlas Freundin
Marla ist gemeint
auch wenn mir der Irrtum
durchaus verständlich scheint
Denn auch Marlas Freundin
sag ich dir ganz ehrlich
finde ich nicht schlecht
sondern höchst begehrlich
Also frag mal Marla
ob ihre Freundin nach mir fragt
und dann sag mir hinterher
was Marla so sagt
Konfirmanden
Eben noch in rührender Unschuld
Gottes Gebote zitiert
und nur einen Wimpernschlag später
im Mündungsfeuer elendig krepiert
Sonnenuntergang
Du blicktest schweigend stundenlang
verträumt gen Sonnenuntergang
und dir war ob der leuchtend Glut
doch arg romantisch wohl zumut
Mich hattest du derweil vergessen
ebenso wie das Abendessen
es stapelte sich auch Geschirr
doch du bliebst unbeeindruckt wirr
Drei Stunden sah ich als dein Mann
mir dieses Schauspiel klaglos an
dann hat der Hunger mich verzehrt
und ich habe dich aufgeklärt:
Das ist der Sonne üblich Lauf
morgens geht sie im Osten auf
im Westen sinkt sie abends nieder
das macht sie täglich immer wieder
Zwei Wege
Zwei Wege sind es stets. Das wird nie enden.
Und jedes Mal steht man ratlos davor.
Man geht den einen. Und man kann nicht wenden.
Was man wohl auf dem anderen verlor?
Man kann darüber lang und eifrig sinnen.
Man kann es tun bis fast der Kopf zerbricht.
Erkenntnis jedoch wird man nicht gewinnen.
Man weiß von ihm nur eins: Man ging ihn nicht.
Zwei Wege sind es stets. Nicht zu vereinen.
An einen Mittelweg ward nicht gedacht.
Es mag einem deshalb wohl manchmal scheinen
Wege wären als Unbill nur gemacht.
Es mag der Mensch sich selten klar entscheiden.
Und scheut sich deshalb manchen Weg zu gehn.
Es gilt solch Zögerliche zu vermeiden
die bleiben lebenslang am Kreuzweg stehn.
Tu was ich nicht lassen kann
Manchmal halt ich uns für zwei Planeten
auf der ewig gleichen Umlaufbahn
halten wir exakt denselben Abstand
und nur scheinbar nähern wir uns an
Weißt du dass ich unter Wasser atme
weißt du dass ich nachts mit Faltern flieg
weißt du dass ich nie die Wahrheit sage
und die Liebe wurde längst zum Krieg
Feg den Staub der Jahre in die Ecke
ignorier dass ich mich dort verstecke
red mein Schweigen müde und sieh mich nicht an
und dann tu was ich nicht lassen kann
Manchmal halt ich uns für Blindenhunde
die des andren Schwäche genau spürn
und sich gegenseitig ohne Mitleid
immer wieder in die Irre führn
Weißt du dass ich auch im Dunkeln sehe
weißt du dass ich dir so viel verschwieg
weißt du dass ich nie die Wahrheit sage
und die Liebe wurde längst zum Krieg
Feg den Staub der Jahre in die Ecke
ignorier dass ich mich dort verstecke
red mein Schweigen müde und sieh mich nicht an
und dann tu was ich nicht lassen kann
Grabrede
Dir der nie im Leben
im Leben war zuhaus
sei Frieden nun gegeben
ruh dich vom Leben aus
Ich binde alle losen Enden
Die Zeit verrinnt nicht nur, sie rennt
man hechelt ihr stets hinterher
es dauert lang bis man erkennt
sie bietet keinen Aufschub mehr
Wagt man es sich mit ihr zu messen
dann hält sie einen doch nur hin
am Ende bleibt nur das Vergessen
auch ich weiß kaum noch wer ich bin
Fast alles lässt sich drehn und wenden
ich hab nicht viel auf dieser Welt
Ich binde alle losen Enden
und hoffe dass der Knoten hält
Die Zeit verstreicht nicht nur, sie fliegt
ganz gleich wie sehr es einen drängt
man wird von ihr schließlich besiegt
man weiß ja dass man sie nicht fängt
Wagt man es sich mit ihr zu streiten
dann zeigt sie sich sehr gnadenlos
sie lässt zur Bosheit sich verleiten
und stellt mich ohne Mitleid bloß
Fast alles lässt sich drehn und wenden
ich hab nicht viel auf dieser Welt
Ich binde alle losen Enden
und hoffe dass der Knoten hält
Das Flüstern in der Muschel
Ich halt mir kein Handy ans Ohr, verzeih.
Ich mag altmodisch sein. Aber frei.
Und hab ich dir was zu sagen, mein schönes Kind
spreche ich es sanft in den Wind.
Der trägt es dir nicht direkt hinterher
sondern verliert es über dem Meer.
Und findest du dort eine Muschel im Sand
nimm sie vorsichtig in die Hand.
Und hältst du sie dir dann an dein Ohr
hörst du mein Flüstern das der Wind verlor.
Die Muschel verrät ohne Handyvertrag
dir alles was ich so sehr an dir mag.
Wenn dir gefällt was dein Ohr da vernimmt
- und ich bin sicher, es gefällt dir bestimmt -
sprich in die Muschel und wirf sie ins Meer
der Wind trägt die Antwort schnell zu mir her
An Friedhofsmauern
Im Wind verhallt ungehört
so manch bittere Klage
ob es der Toten Ruhe wohl stört
all das Gejammer am Tage
Packt sie ein trübsinniges Weh
ob ihrer vergangenen Leben
neiden sie mir, der ich hier steh
meines vielleicht grade eben
An Friedhofsmauern verspüre ich
ein fröstelndes lauerndes Schauern
ob sie dort unten vielleicht um mich
schon in stiller Vorfreude trauern
Sterne der Heimat
Fremde Häuser, fremde Straßen
kein Geruch ist mehr vertraut
fremde Sprache in den Ohren
fremde Luft auf meiner Haut
Fremde Menschen, fremde Klänge
kein Geschmack ist mehr bekannt
und ich sehne mich bei Tage
sehr nach meinem Heimatland
Und so harre ich der Nächte
wo ich endlich Frieden find
weil die Sterne dort die gleichen
wie in meiner Heimat sind
Boshafter Frühling
Kennst du das Verlangen
jungen Dingern nachzulaufen
ihnen Träume zu verkaufen
bis sie weich wie Watte sind?
Man macht ihnen schöne Augen
bis sie an das Gute glauben
und dann macht man ihnen Hoffnung
und vielleicht ein Kind
Boshafter Frühling
jeder noch so alte Trick
wird gelingen
wenn die Lerchen singen
denn ich hab den Mond im Blick
Diesen Lügenmond aus Zucker
dieses Hirngespinst der Nacht
das Begehren weckt und Wünsche
und den Mund so wäßrig macht
Und der Dieb plant voller Wonne
längst den übernächsten Raub
während er sein Opfer ausnimmt
macht sein Herz sich aus dem Staub
Boshafter Frühling
jeder noch so alte Trick
wird gelingen
wenn die Lerchen singen
denn ich hab den Mond im Blick
Boshafter Frühling
würdest du nur ewig bleiben
könnt ich´s weiter so bunt treiben
ach das wäre wirklich schön
Ansichtssache
Was willst du mit all den Glühwürmchen im Glas?
Die nutzen niemals irgendwem irgendwas.
Reib die Augen Dir, Mutter. Kannst Du es nicht sehn?
Das sind keine Glühwürmchen. Das sind Feen.
Ein Dorf in Niedersachsen
Der Sommertag ist gut geraten
beinah als wäre er gemalt
die Gärten strotzen vor Tomaten
die Sonne scheint nicht nur, sie strahlt
Am Weiher rauchen Rentner Pfeife
und werfen Brot nach einem Schwan
die Mädchen duften sehr nach Seife
und manche auch nach Marjoran
Ein dummer Hund jagt seinen Schatten
vier Jungen spielen Basketball
manch Hausfrau lässt sich grad begatten
und Amseln singen überall
Der Pfarrer spricht das Wort des Herren
- natürlich kennt das jeder schon -
allein die Gören die grad plärren
wissen noch nichts von Tradition
In einem Dorf in Niedersachsen
schwirrn Falter in das Abendrot
mag hier auch schön der Flieder wachsen
müsst ich hier leben wär ich tot
Guter Rat – billig abzugeben
Ich hab in letzter Zeit viel guten Rat bekommen
der Anlass war – man kann es ahnen – schlecht
Sehr teilnahmslos hab ich ihn angenommen
Nicht jeder der ihn gab hatte das Recht
Ich hab nicht wirklich vor ihn zu behalten
nur andre halten ihn für einen Schatz
doch ließe er sich knicken oder falten
fände er noch in der Kommode Platz
Könnte man ihn nur trinken oder essen
dann wäre er von Sinn in meinem Leben
ich bin schon fast dabei ihn zu vergessen
doch: Noch hätte ich ihn billig abzugeben
Mir ist der Schlaf vergangen
Mir ist der Schlaf vergangen
die Nacht war unbewohnt
und wo die Wolken hangen
vermissten sie den Mond
Und all die stillen Meere
blieben unbezeugt
es hat sich tiefe Leere
in meinen Blick gebeugt
Mir ist der Schlaf vergangen
die Nacht erschien erblindet
nun kann ich nur noch bangen
ob sie den Morgen findet