Ich bin mir selbst begegnet

 

Ich bin mir selbst begegnet

ich glaub es war im Schlaf

weil ich in wachem Zustand

mich bisher noch nie traf

 

Es war an einem Ort

den ich noch niemals sah

er war ganz menschenleer

nur ich war zweimal da

 

Wär ich ein Philosoph

dann hätte ich ergründet

warum man sich urplötzlich

so doppelt wiederfindet

 

Jedoch ein Philosoph

bin ich weiß Gott nun nicht

ich tat was Dichter tun

ich schrieb dieses Gedicht

 

Doch tat ich dies im Schlafe

oder war ich erwacht

ich hab ergebnislos

darüber nachgedacht

 

 

 

 

 Beständig

 

Ein jedes Ding hat seine Zeit

und geht einmal vorüber

sowohl das Glück wie auch das Leid

und auch das schlimmste Fieber

 

Die Kindheit und ein Regentag

beides ist nicht von Dauer

wenn man das erst erkennen mag

ist man um vieles schlauer

 

Weil dies auch für das Leben gilt

und zwar zu jeder Zeit

passt eine Wahrheit nur ins Bild :

Beständig bleibt allein die Unbeständigkeit

 

 

 

 

 Der Vogel den niemand kennt

 

Er würde nur selten an Land residieren

das Meer wär ihm eher Zuhaus

er würde die härteste Brandung passieren

und auf Klippen ruhte er aus

 

Er fände sich in den herrlichsten Höhen

und käme zur Erde er wieder

dann schwebte er auf stürmischen Böen

und ließ auf den Wellen sich nieder

 

Er tauchte hinab und stieg wieder auf

und ließ auf dem Wasser sich treiben

sein gottgegebener Lebenslauf

wär ein Kommen, ein Gehen, ein Bleiben

 

So wäre er zwischen Schwimmen und Fliegen

gänzlich in seinem Element

die Höhe, die Tiefe, er würd sie besiegen

der Vogel den niemand kennt

 

 

 

 

 Es ziehen die Lachse den Fluss hinauf

 

Noch ist der Morgen flüchtig und neu

doch man hört sie die Klingen schon wetzen

dann ziehn sie los und tragen schwer

an ihren Reusen und Netzen

Sie knoten die Schnüre, prüfen die Rollen

sie eint ein flinkes Geschick

und dann lauern sie im Dämmerlicht

mit den Stiefeln im Schlamm und im Schlick

 

Es ziehen die Lachse den Fluss hinauf

es ist wieder Zeit um zu laichen

in jenem kargen, unsteten Land

wo alle Tage sich gleichen

Daheim werden schon die Pfannen geputzt

und die Männer stehn an der Lichtung

es ziehen die Lachse den Fluss hinauf

ich geh in die andere Richtung

 

Sie verrichten wortlos ihr tristes Geschäft

in der Hoffnung es möge sich lohnen

so vergehen die Tage, so vergehen die Leben

so ist es seit Generationen

Man trägt den Fang zur Siedlung hinab

wo die Frauen ihn säubern und weiden

in ihren Schürzen trocknet das Blut

und sie schneiden und schneiden und schneiden

 

Es ziehen die Lachse den Fluss hinauf

es ist wieder Zeit um zu laichen

in jenem kargen, unsteten Land

wo alle Tage sich gleichen

Daheim werden schon die Pfannen geputzt

und die Männer stehn an der Lichtung

es ziehen die Lachse den Fluss hinauf

ich geh in die andere Richtung

 

Und bin ich auch eines Fischers Sohn

treibt es mich doch aus dem Ort

und eines Tages so weiß ich bestimmt

bleiben auch die Lachse für immer fort

 

 

 

 

 Jahresringe

 

Es steht ein Baum vor meinem Haus

er steht dort schon so manches Jahr

wahrscheinlich stand er auch schon da

als ich noch nicht geboren war

Wie alt er ist, ich weiß es nicht

er hält den Jahreszeiten stand

alles was er zu fürchten hat

ist einzig nur des Menschen Hand

 

Im Frühling trägt er grüne Blätter

im Herbst werden die Blätter braun

im Sommer ist er voller Leben

im Winter traurig anzuschaun

 

Man sieht die Jahresringe nicht

die von gelebten Zeiten künden

man kann sie erst nach seinem Tod

tief unter seiner Rinde finden

Das Innere bleibt uns verborgen

wir sehn oft nur den Schein der Dinge

dabei tragen wir doch wie er

tief in uns auch solch Jahresringe

 

Es steht ein Baum vor meinem Haus

doch seine Wurzeln sieht man nicht

sie halten ihn an diesem Ort

so tief verwurzelt bin auch ich

Egal wohin ich jemals ging

am Ende kam ich stets zurück

und manches Jahr das so verstrich

schien mir nur wie ein Augenblick

 

Im Frühling lässt sich’s leichter leben

im Herbst da fällt das Dasein schwer

im Sommer scheinen Träume greifbar

im Winter gibt es sie nicht mehr

 

Man sieht die Jahresringe nicht

die uns mit unsrem Sein verbinden

in ihnen lassen sich die Spuren

des ganzen Lebens wiederfinden

Dies Zeugnis halten wir verborgen

und pflegen nur den Schein der Dinge

dabei wären wir nicht komplett

ohne unsere Jahresringe

 

 

 

 

 Irgendein letztes Zimmer wird es geben

 

Harry hat ein Foto von Marilyn im Spind

und er baut darauf sie bringe Glück

mir ist sie wahrscheinlich nicht so gut gesinnt

egal, ich pfeife auf das blöde Stück

Ich weiß nicht was es bringt

sie ständig anzublicken

und auch wenn es nicht sehr nett klingt

Harry, du wirst sie nie ficken

 

Warum suchst du dir nicht eine

die dein Leben besser macht

es gibt tausende von denen

da draußen in der Nacht

 

Irgendein letztes Zimmer wird es geben

das man am Morgen dann nicht mehr verlässt

ein letzter Drink auf dieses süße Leben

dann gibt es dir den Rest

 

Harry trinkt zu viel, so wie wir alle

doch er sagt das mache ihm nichts aus

das Leben ist und bleibt ne Stolperfalle

und nur die Besten schaffen es nach Haus

Ich find es ziemlich schwach

sich etwas vorzumachen

Harry, du bist ja so ein Arsch

doch du bringst mich zum Lachen

 

Warum suchst du dir nicht etwas

was dein Leben besser macht

es gibt tausend Möglichkeiten

da draußen in der Nacht

 

Irgendein letztes Zimmer wird es geben

das man am Morgen dann nicht mehr verlässt

ein letzter Drink auf dieses süße Leben

dann gibt es dir den Rest

 

Es gibt keine Orden für Verlierer

keine Storys und keinen Applaus

krieg die Kurve, Harry

mach es nicht wie ich

gib dich nicht an dieses Leben aus

 

 

 

 

 Vom Vergehen

 

Man sagt ja gern : Die Zeit vergeht

Das klingt korrekt und weise

in Wirklichkeit vergehen wir

mal laut, doch meistens leise

 

Der Mensch bleibt stets des Menschen Feind

ganz gleich worauf er auch gehofft

ganz gleich wie gut er es gemeint

er irrt zu oft

 

Alles was er auf Erden treibt

gerät nicht ins Vergessen

weil er stets unvollkommen bleibt

nach jeglichem Ermessen

 

Die Strafe oder auch der Lohn

sind eines Tages ihm bestimmt

am Ende ahnt er manchmal schon

welch Ende es wohl mit ihm nimmt

 

Man sagt ja gern : Die Zeit vergeht

auf diese oder jene Weise

in Wirklichkeit vergehen wir

allzeit im Laufe unsrer Reise

 

 

 

 

 Dummheiten

 

Dummheiten habe ich viele gemacht

da kümmerte mich nicht ob Tag oder Nacht

und schon gar nicht in wessen Zimmer

Die bei Nacht waren schöner und schlimmer

 

Ich hab sie begangen doch sie nicht gezählt

und mich hat auch kein schlechtes Gewissen gequält

Begehe ich sie noch immer?

Das zu gestehen wäre noch dümmer

 

 

 

 

 Fenster(k)lage

 

Aus meinem Fenster lässt sich gut spucken.

Und man kann sicher sein dass man trifft.

Wenn jemand hoch schaut muss man sich ducken.

Manchmal spuckte ich gerne Gift.

 

Zum Beispiel auf den bösen Herrn Schneider.

Der meinen Herrn Vater so arg hat betrogen.

Bisher blieb der Versuch vergeblich leider.

Um unser Haus macht der einen Bogen.

 

Also „unser Haus“ heißt: Wir leben zur Miete.

Die ist zu teuer. Selbst für diese Gegend.

Sie bringt der Gesellschaft kräftig Rendite.

Ich hörte Vater schon einen Umzug erwägend.

 

Doch dann wurde er, wie sagt man, gestrichen

nun kann er die Miete eh nicht mehr zahlen.

Dafür geht er jetzt schon früh raus zum Fischen.

Mir wäre lieber er würde malen.

 

Denn das hat er schon früher gemacht.

Und wie manch einer sagte: Nicht schlecht.

Seine Bilder haben oft Geld gebracht.

Das käme uns jetzt grade recht.

 

Aus meinem Fenster lässt sich gut spucken.

Versehentlich traf ich grad Herrn Hansens Scheibe.

Und sah ihn recht ungläubig gucken

Ob ich ihm besser eine Entschuldigung schreibe?

 

 

 

 

 Der Bücherwurm

 

Ob ich Bücher liebe? Na was glauben Sie?

Ich betrachte Bücher mit viel Sympathie

Habe wirklich reichlich, überall im Haus

eines gleicht dort drüben das kurze Tischbein aus

 

Morgens stemm ich immer den Brockhaus in die Höh

das gibt auf Dauer Muskeln, tut’s auch am Anfang weh

Bücher sind notwendig, durch sie blüht der Kopf

auf dem Dostojewski steht ein Blumentopf

 

Ohne Bücher leben ließ sich nicht ertragen

hab damit soeben zwei Fliegen totgeschlagen

Bücher sind was Schönes, formen Geist und Wesen

irgendwann einmal werd ich auch eins lesen

 

 

 

 

 Die Eitelkeit

 

Es packt manchen Dichter die Eitelkeit

beginnt er von sich selbst zu erzählen

da tönt es aufgeblasen und breit

grad als käme es aus tausend Kehlen

 

Ich übe mich in Demut stattdessen

und nehme mich nicht so wichtig

Dichter werden ohnehin schnell vergessen

und das ist - in meinem Fall - durchaus richtig

 

 

 

 

 Der Falter

 

Es flattert ein gelblicher Falter

und badet im Ampellicht

er hat noch ein recht frühes Alter

und gelblich ist er grad nicht

 

Er ist zwischen den Ampeln

eben noch grün, dann schon rot

sein Flug ist mehr so ein Strampeln

dann ist er urplötzlich tot

 

Und da tote Falter nicht fliegen

- so nehme ich jedenfalls an -

sieht man ihn auf der Straße liegen

Ob man Falter wohl falten kann?

 

 

 

 

 Bin ich ein Teebeutel oder was?

 

Für dein süßes Zuckerlächeln

wär ich früher mal gestorben

doch ich hab mir mittlerweile

zu oft dran das Herz verdorben

 

Du hast mich angemacht und aufgerissen

abgekocht und weggeschmissen

bin ich ein Teebeutel oder was?

 

Zuerst hat mir dein Honigteil

so absolut das Hirn verrührt

aber schon nach kurzer Zeit

wurde ich heftig abgeführt

 

Du hast mich angemacht und aufgerissen

abgekocht und weggeschmissen

bin ich ein Teebeutel oder was?

 

Erst machst du mich heiß

dann machst du mich nass

bin ich ein Teebeutel oder was?

 

Ich war von dir wie betrunken

doch mir kam nie in den Sinn

dass dein Durst schon lang gestillt war

und ich nur dein Löffel bin

 

Du hast mich angemacht und aufgerissen

abgekocht und weggeschmissen

bin ich ein Teebeutel oder was?

 

Erst warst du feucht

dann kalt wie Eis

verdammt noch mal was soll der Scheiß?

 

Du hast mich angemacht und aufgerissen

abgekocht und weggeschmissen

bin ich ein Teebeutel oder was?

 

Erst machst du mich heiß

dann machst du mich nass

bin ich ein Teebeutel oder was?

 

 

 

 

 Kreise

 

Mal Kreise auf das Pflaster

mal Zahlen in die Kreise

schließ deine Augen, spring hinein

und schon beginnt die Reise

 

Ein Kreis steht für die Liebe

und einer für Verlust

Die Zahlen lügen niemals

Hast du das gewusst?

 

Ein Kreis steht für das Glück

ein andrer für die Not

und ein Kreis der bleibt ohne Zahl

denn er steht für den Tod

 

Die Augen lass geschlossen

beim Sprung von Kreis zu Kreis

Die Zukunft mag es gar nicht

wenn jemand von ihr weiß

 

 

 

 

 Einstellungstest (bei einer namentlich nicht genannten Bank)

 

Dem Armen – er mag‘s mir verzeihen –

würde ich gewiss niemals etwas leihen

Unbegrenzt täte ich’s bei den Reichen

die ihre Rechnungen niemals begleichen

 

Warum sie so reich trotzdem bleiben?

Weil sie Verluste zügig abschreiben

und – hab ich`s richtig kapiert? –

man sie staatlich stets subventioniert

 

Geld kommt halt manchmal abhanden..

Was sagen Sie? Bestanden?!

 

 

 

 

 Ferngespräche

 

Ich hab alles gesagt was zu sagen war

Ich hab alles gesagt – ganz ruhig und klar

dabei hab ich gewusst, du hörst eh nicht hin

Ferngespräche machen wenig Sinn

 

Ich hab mir dabei so oft vorgestellt

du wärst grad am anderen Ende der Welt

und dann hab ich traurig gelacht

weil es doch keinen Unterschied macht

 

Weil du wie immer

den Sinn meiner Worte verdrehst

Wir führen nur Ferngespräche

Selbst wenn du neben mir stehst

 

 

 

 

 Die Anstalt

 

Sie ist ein Land im Land, ganz ohne Frage

dort gilt ein andres Recht als uns es gilt

selbst der Kalender hat dort andre Tage

was vor dem Fenster liegt scheint nur ein Bild

 

Das Raumspray hat den Duft von stiller Güte

die Gitter bieten Halt und Sicherheit

jeder wirre Gedanke der dort blühte

bleibt unfrei bis ans Ende aller Zeit

 

Man kann nicht heilen sondern nur verwahren

wie Gärtner rupft man ständig Unkraut aus

doch es wächst nach, ja es gedeiht in Scharen

und keiner fragt: Liegt es an diesem Haus?

 

Wär Hippokrates mal vorbeigekommen

er hätte die Kollegen nicht erkannt

das Leid jedoch hätte er wahrgenommen

in diesem Land im Land

 

 

 

 

 Das Zimmer

 

Unter den Tapeten, fünf Schichten,

harren gar viele Geschichten

und man sollte eifrig beten

dass sie nie planen hervorzutreten

 

Manches ist hier geschehen

das will man nicht wissen, nicht sehen

denn man müsste sich sorgen

bliebe es nicht länger verborgen

 

Hier hat Böses sich zugetragen

und die stummen Schreie und Klagen

jener die hier einst gelebt

wurden vielfach schon überklebt

 

Doch so sehr man auch kleistert und streicht

in der Hoffnung dass es irgendwann reicht

zum Vergessen und zu ständiger Freude

dieses Zimmer bleibt ein ewiger Zeuge

 

 

 

 

 Begräbnis von B.

 

Der Priester sprach du hättest dich versündigt

Dein Platz im Himmel bliebe deshalb leer

Du hast doch nur dein Leben selbst gekündigt

Warum sagt er dir Schlechtes hinterher?

 

Wenn man ihn anschaut könnte man fast meinen

du wärst der Anlass für so manch Problem

Ist er mit seinem Gott grad nicht im Reinen

oder sitzt nur sein Kragen unbequem?

 

Es geht doch jeder, früher oder später

Und ist nicht schließlich alles Gottes Plan?

Trotzdem erscheinst du ihm als Missetäter

und hast doch keiner Seele was getan

 

Nur deiner eignen würde er entgegnen

wenn ihm bekannt wär was ich grade denk

Verdammt, der Heini soll dich endlich segnen

und aufhörn mit dem albernen Gezänk

 

Gleich steh ich auf und dann sag ich dem Pfaffen

so richtig meine Meinung ins Gesicht:

Mit seinem Gott hattest du nichts zu schaffen

deshalb brauchst du auch seinen Himmel nicht

 

 

 

 

 Aus den Memoiren eines Nervenarztes

 

Keiner von ihnen ist schuldig.

Ja, Verzeihung liebes Gericht.

Sie waren zu ungeduldig.

Warum fragten sie mich denn nicht?

 

Der Kollege ist ein Scharlatan.

Jedoch mit meiner Expertise

wäre den armen Menschen recht getan.

Es gibt viele wie diese.

 

Die Mutter zerstückelt und Kinder geschändet.

Und schon war es groß das Geschrei.

Sie wollen wissen wo all das endet?

Es geht vorbei.

 

Die Kindheit ist schuld. Die Mutter. Der Vater.

Und vor allem die Grausamkeit.

Da denkt man doch man sei im Theater.

Und schlitzt Katzen auf von Zeit zu Zeit.

 

Danach begafft man die Nachbarsgöre.

Und fasst ihr auch mal unter das Kleid.

Nicht therapierbar? Ach, wenn ich so was höre.

Es braucht halt nur seine Zeit.

 

Der Mensch ist gut. Die Menschheit ist schlecht.

Sie verhindert mein gütliches Streben

meinen Patienten ihr gutes Recht

und ihr Leben zurückzugeben.

 

Bedenket: Sie sind unser Spiegelbild.

Das was die Gesellschaft aus manchem macht.

Ich jedoch bin ihr schützender Schild

der sie behütet und der sie bewacht.

 

Den Opfern zu helfen ist reine Verschwendung.

Mir sind sie – ich möchte fast sagen – egal.

Für sie hab ich leider keine Verwendung.

Doch meine Patienten haben Potential.

 

 

 

 

 Astrologen

 

Bleibt mir gewogen ihr Astrologen.

Gebt mir auch heute ein Motto.

Werd ich geliebt ? Werd ich betrogen ?

Gewinne ich endlich im Lotto ?

 

Seid mein Orakel.

Hier meine Frage :

Steinbock oder Waage ?

Glück oder Debakel ?

 

Ich liege im Sterben. Ihr schriebt vom Glück.

Nehmt eure verdammten Sterne zurück.

Ihr seid eine eitle und dumme Mischpoke.

Ich hasse euch. Und Horoskope

 

 

 

 

 Es zeigt sich der Morgen so trübe

 

Es zeigt sich der Morgen so trübe

noch müde geh ich dahin

und gäbe es nicht die Liebe

wäre mein Weg ohne Sinn

 

Sie lässt uns suchen und finden

wie dumm man auch ist und wie alt

sie lässt jeden Kummer verschwinden

und spendet uns Wärme und Halt

 

Es zeigt sich der Morgen so heiter

wenn man es nur richtig bedenkt

viel fröhlicher geh ich nun weiter

denn ich wurde mit Liebe beschenkt

 

 

 

 

 Die Wahrheit kommt in die Jahre

 

Ein Brief in der Post. Das Schriftbild sehr niedlich.

Und wieder wird man erinnert.

Nicht boshaft sondern sehr höflich und friedlich

wird gefragt ob es einen noch kümmert.

 

Man kramt im Gedächtnis. Betroffenes Schweigen.

Und zwingt sich alljährlich aufs Neue

aus Anstand noch eine Regung zu zeigen.

Was war es doch gleich? Scham und Reue.

 

Ein Brief in der Post. Gar lästig die Mahnung.

Man möchte sich nicht mehr erinnern.

Wer sonst hat davon schon die leiseste Ahnung

und wen soll es heute noch kümmern?

 

Die Schuld war nur klein. So stand es geschrieben.

Man stempelte nur Formulare

Und ist auch später im Amt noch geblieben.

Die Wahrheit kommt in die Jahre.

 

 

 

 

 Die Erdbeerprinzessin

 

Die Erdbeerprinzessin

am Gartenzaun

streckt ihren Hals

um herüberzuschaun

zu dem emsigen Treiben

im Nachbargarten

wo Maikäfer

auf ein Weltwunder warten

 

Dann steigt sie in die Kutsche

aus Blättern und Stroh

und zehntausend Raupen

verneigen sich froh

 

Die Erdbeerprinzessin

fährt heut in die Ehe

das rührt mich zu Tränen

und ich gestehe

auch wenn es nicht geht

ich dachte daran

den Platz zu tauschen

mit ihrem Mann

 

Nun steht sie dort

mit dem König der Grillen

vor dem Blumenaltar

wird ihr Wunsch sich erfüllen

Sie tauschen die Ringe

aus goldenem Heu

und mit hochrotem Kopf

schwört sie : Ich bleib dir treu

 

Dann gehn sie zu der Kutsche

aus Blättern und Stroh

und zehntausend Raupen

verneigen sich froh

 

Die Erdbeerprinzessin

fährt heut in die Ehe

das rührt mich zu Tränen

und ich gestehe

auch wenn es nicht geht

ich dachte daran

den Platz zu tauschen

mit ihrem Mann

 

Ich schmier meine Flügel

mit Bienenwachs ein

und beschließe nicht länger

traurig zu sein

flieg in die Sonne

genieße den Tag

sie braucht nicht zu wissen

wie sehr ich sie mag

 

 

 

 

 Sternenlicht

 

Vergeblich suchen Sterne ihresgleichen

denn nirgendwo findet sich solches Licht

hochmütig genug sich zu vergleichen

mit ihnen - dies wagt selbst die Sonne nicht

 

 

 

 

 Mittagshitze im Alten Land

 

Zwischen den Apfelbäumen hängt schwer

ein zitterndes flüchtiges Schweigen

die Knecht, die Mägde – sie dürsten so sehr

danach sich einander zu zeigen

 

Die Scham verfliegt in der Mittagsglut

wozu sonst mag der Sommer wohl taugen

der Lehnsherr trottet über sein Gut

und traut dabei kaum seinen Augen

 

Wie fröhlich doch das Gesinde scheint

trotz all der Mühen und Plagen

welch liederlicher Geist sie wohl eint

an solch hochsommerlichen Tagen

 

 

 

 

 Schein und Widerschein

 

Was spiegelt sich in der Kapelle Scheiben

den Gläubigen, als sei es angedacht

für mehr als eine Ewigkeit zu bleiben

trotzend ein jeder weltlich Macht

 

als Mahnmal, das erst dann zu voller Blüte

gelangt, fällt weiches weites Licht hinein

dass man erfüllt mit Demut und mit Güte

den Schein begreift und sich als Widerschein

 

 

 

 

 Die Entwicklung

 

Die Wissenschaft ist wirklich von Wert

Nur ein Narr würde das je bestreiten

Gelegentlich läuft zwar auch manches verkehrt

Doch das war schon so zu allen Zeiten

 

Der Fortschritt scheidet den Menschen vom Affen

und treibt die gesamte Menschheit voran

Es gilt immer neue Wunder zu schaffen

wenn man sich über die alten nicht mehr wundern kann

 

Wer braucht noch Waffen aus Feuer und Stahl?

In die muss man nicht mehr investieren

Es stehen effektivere längst zur Wahl

wie beispielsweise Bakterien und Viren

 

Schon morgen wird man eine Seuche erfinden

die geht von der Luft aus direkt ins Blut

Man löst sich auf und wird einfach verschwinden

Das tut der Umwelt ungemein gut

 

Man muss sich trotzdem nicht wirklich sorgen

dass es um die Menschheit schlecht bestellt steht

Das Gegenmittel entwickelt man übermorgen

Für die Hälfte der Welt kommt es dann nicht zu spät

 

 

 

 

 Abendelegie

 

Schau die fahle Sonne neigt sich

beinah schon der Erde zu

und ihr letztes Licht das zeigt dich

du läufst meinen Blicken zu

 

wie ein Kind fern jeder Schwere

und mit fröhlichem Gesang

so dass ich gern bei dir wäre

lebenslang

 

 

 

 

 Erinnerung ohne Schublade

 

Frau M. wringt ihre Wäsche aus

und hängt sie auf die Leine

die Leine ist gleich hinterm Haus

Frau M. hat dicke Beine

 

Und wie sie da so sinnend steht

in ihrer blauen Schürze

beinah schon im Radieschenbeet

entfahren ihr zwei Fürze

 

Damit ist mein Gedicht versaut

schließlich bin ich nicht Zille

der sich an solch Triviales traut

- ich putze meine Brille

 

Frau M. hat sich alsbald verzogen

und etwas später der Gestank

so war es, das ist nicht gelogen

und wer es glaubt…..hab Dank

 

 

 

 

 Fahrt über Land

 

Es gackerten fröhliche Hennen

auf 30 Grad Nordnordwest

ein Hahn wollte mit ihnen pennen

doch hielt der Bauer an der Gurgel ihn fest

um ihn als Mittagsspeise

gerupft und gegrillt zu verschlingen

mir rief er: „Gute Reise!“

ich rief ihm: „Gutes Gelingen!“

 

 

 

 

 Frag mal Marlas Freundin

 

Frag mal Marlas Freundin

ob Marla nach mir fragt

und dann sag mir hinterher

was Marlas Freundin sagt

 

Und sag Marlas Freundin

Marla darf nicht wissen

dass ich davon träume

sie endlich zu küssen

 

Nein, nicht Marlas Freundin

Marla ist gemeint

auch wenn mir der Irrtum

durchaus verständlich scheint

 

Denn auch Marlas Freundin

sag ich dir ganz ehrlich

finde ich nicht schlecht

sondern höchst begehrlich

 

Also frag mal Marla

ob ihre Freundin nach mir fragt

und dann sag mir hinterher

was Marla so sagt

 

 

 

 

 Konfirmanden

 

Eben noch in rührender Unschuld

Gottes Gebote zitiert

und nur einen Wimpernschlag später

im Mündungsfeuer elendig krepiert

 

 

 

 

 Sonnenuntergang

 

Du blicktest schweigend stundenlang

verträumt gen Sonnenuntergang

und dir war ob der leuchtend Glut

doch arg romantisch wohl zumut

 

Mich hattest du derweil vergessen

ebenso wie das Abendessen

es stapelte sich auch Geschirr

doch du bliebst unbeeindruckt wirr

 

Drei Stunden sah ich als dein Mann

mir dieses Schauspiel klaglos an

dann hat der Hunger mich verzehrt

und ich habe dich aufgeklärt:

 

Das ist der Sonne üblich Lauf

morgens geht sie im Osten auf

im Westen sinkt sie abends nieder

das macht sie täglich immer wieder

 

 

 

 

 Zwei Wege

 

Zwei Wege sind es stets. Das wird nie enden.

Und jedes Mal steht man ratlos davor.

Man geht den einen. Und man kann nicht wenden.

Was man wohl auf dem anderen verlor?

 

Man kann darüber lang und eifrig sinnen.

Man kann es tun bis fast der Kopf zerbricht.

Erkenntnis jedoch wird man nicht gewinnen.

Man weiß von ihm nur eins: Man ging ihn nicht.

 

Zwei Wege sind es stets. Nicht zu vereinen.

An einen Mittelweg ward nicht gedacht.

Es mag einem deshalb wohl manchmal scheinen

Wege wären als Unbill nur gemacht.

 

Es mag der Mensch sich selten klar entscheiden.

Und scheut sich deshalb manchen Weg zu gehn.

Es gilt solch Zögerliche zu vermeiden

die bleiben lebenslang am Kreuzweg stehn.

 

 

 

 

 Tu was ich nicht lassen kann

 

Manchmal halt ich uns für zwei Planeten

auf der ewig gleichen Umlaufbahn

halten wir exakt denselben Abstand

und nur scheinbar nähern wir uns an

 

Weißt du dass ich unter Wasser atme

weißt du dass ich nachts mit Faltern flieg

weißt du dass ich nie die Wahrheit sage

und die Liebe wurde längst zum Krieg

 

Feg den Staub der Jahre in die Ecke

ignorier dass ich mich dort verstecke

red mein Schweigen müde und sieh mich nicht an

und dann tu was ich nicht lassen kann

 

Manchmal halt ich uns für Blindenhunde

die des andren Schwäche genau spürn

und sich gegenseitig ohne Mitleid

immer wieder in die Irre führn

 

Weißt du dass ich auch im Dunkeln sehe

weißt du dass ich dir so viel verschwieg

weißt du dass ich nie die Wahrheit sage

und die Liebe wurde längst zum Krieg

 

Feg den Staub der Jahre in die Ecke

ignorier dass ich mich dort verstecke

red mein Schweigen müde und sieh mich nicht an

und dann tu was ich nicht lassen kann

 

 

 

 

 Grabrede

 

Dir der nie im Leben

im Leben war zuhaus

sei Frieden nun gegeben

ruh dich vom Leben aus

 

 

 

 

 Ich binde alle losen Enden

 

Die Zeit verrinnt nicht nur, sie rennt

man hechelt ihr stets hinterher

es dauert lang bis man erkennt

sie bietet keinen Aufschub mehr

 

Wagt man es sich mit ihr zu messen

dann hält sie einen doch nur hin

am Ende bleibt nur das Vergessen

auch ich weiß kaum noch wer ich bin

 

Fast alles lässt sich drehn und wenden

ich hab nicht viel auf dieser Welt

Ich binde alle losen Enden

und hoffe dass der Knoten hält

 

Die Zeit verstreicht nicht nur, sie fliegt

ganz gleich wie sehr es einen drängt

man wird von ihr schließlich besiegt

man weiß ja dass man sie nicht fängt

 

Wagt man es sich mit ihr zu streiten

dann zeigt sie sich sehr gnadenlos

sie lässt zur Bosheit sich verleiten

und stellt mich ohne Mitleid bloß

 

Fast alles lässt sich drehn und wenden

ich hab nicht viel auf dieser Welt

Ich binde alle losen Enden

und hoffe dass der Knoten hält

 

 

 

 

 Das Flüstern in der Muschel

 

Ich halt mir kein Handy ans Ohr, verzeih.

Ich mag altmodisch sein. Aber frei.

Und hab ich dir was zu sagen, mein schönes Kind

spreche ich es sanft in den Wind.

 

Der trägt es dir nicht direkt hinterher

sondern verliert es über dem Meer.

Und findest du dort eine Muschel im Sand

nimm sie vorsichtig in die Hand.

 

Und hältst du sie dir dann an dein Ohr

hörst du mein Flüstern das der Wind verlor.

Die Muschel verrät ohne Handyvertrag

dir alles was ich so sehr an dir mag.

 

Wenn dir gefällt was dein Ohr da vernimmt

- und ich bin sicher, es gefällt dir bestimmt -

sprich in die Muschel und wirf sie ins Meer

der Wind trägt die Antwort schnell zu mir her

 

 

 

 

 An Friedhofsmauern

 

Im Wind verhallt ungehört

so manch bittere Klage

ob es der Toten Ruhe wohl stört

all das Gejammer am Tage

 

Packt sie ein trübsinniges Weh

ob ihrer vergangenen Leben

neiden sie mir, der ich hier steh

meines vielleicht grade eben

 

An Friedhofsmauern verspüre ich

ein fröstelndes lauerndes Schauern

ob sie dort unten vielleicht um mich

schon in stiller Vorfreude trauern

 

 

 

 

 Sterne der Heimat

 

Fremde Häuser, fremde Straßen

kein Geruch ist mehr vertraut

fremde Sprache in den Ohren

fremde Luft auf meiner Haut

 

Fremde Menschen, fremde Klänge

kein Geschmack ist mehr bekannt

und ich sehne mich bei Tage

sehr nach meinem Heimatland

 

Und so harre ich der Nächte

wo ich endlich Frieden find

weil die Sterne dort die gleichen

wie in meiner Heimat sind

 

 

 

 

 Boshafter Frühling

 

Kennst du das Verlangen

jungen Dingern nachzulaufen

ihnen Träume zu verkaufen

bis sie weich wie Watte sind?

Man macht ihnen schöne Augen

bis sie an das Gute glauben

und dann macht man ihnen Hoffnung

und vielleicht ein Kind

 

Boshafter Frühling

jeder noch so alte Trick

wird gelingen

wenn die Lerchen singen

denn ich hab den Mond im Blick

 

Diesen Lügenmond aus Zucker

dieses Hirngespinst der Nacht

das Begehren weckt und Wünsche

und den Mund so wäßrig macht

Und der Dieb plant voller Wonne

längst den übernächsten Raub

während er sein Opfer ausnimmt

macht sein Herz sich aus dem Staub

 

Boshafter Frühling

jeder noch so alte Trick

wird gelingen

wenn die Lerchen singen

denn ich hab den Mond im Blick

 

Boshafter Frühling

würdest du nur ewig bleiben

könnt ich´s weiter so bunt treiben

ach das wäre wirklich schön

 

 

 

 

 Ansichtssache

 

Was willst du mit all den Glühwürmchen im Glas?

Die nutzen niemals irgendwem irgendwas.

 

Reib die Augen Dir, Mutter. Kannst Du es nicht sehn?

Das sind keine Glühwürmchen. Das sind Feen.

 

 

 

 

 Ein Dorf in Niedersachsen

 

Der Sommertag ist gut geraten

beinah als wäre er gemalt

die Gärten strotzen vor Tomaten

die Sonne scheint nicht nur, sie strahlt

 

Am Weiher rauchen Rentner Pfeife

und werfen Brot nach einem Schwan

die Mädchen duften sehr nach Seife

und manche auch nach Marjoran

 

Ein dummer Hund jagt seinen Schatten

vier Jungen spielen Basketball

manch Hausfrau lässt sich grad begatten

und Amseln singen überall

 

Der Pfarrer spricht das Wort des Herren

- natürlich kennt das jeder schon -

allein die Gören die grad plärren

wissen noch nichts von Tradition

 

In einem Dorf in Niedersachsen

schwirrn Falter in das Abendrot

mag hier auch schön der Flieder wachsen

müsst ich hier leben wär ich tot

 

 

 

 

 Guter Rat – billig abzugeben

 

Ich hab in letzter Zeit viel guten Rat bekommen

der Anlass war – man kann es ahnen – schlecht

Sehr teilnahmslos hab ich ihn angenommen

Nicht jeder der ihn gab hatte das Recht

 

Ich hab nicht wirklich vor ihn zu behalten

nur andre halten ihn für einen Schatz

doch ließe er sich knicken oder falten

fände er noch in der Kommode Platz

 

Könnte man ihn nur trinken oder essen

dann wäre er von Sinn in meinem Leben

ich bin schon fast dabei ihn zu vergessen

doch: Noch hätte ich ihn billig abzugeben

 

 

 

 

 Mir ist der Schlaf vergangen

 

Mir ist der Schlaf vergangen

die Nacht war unbewohnt

und wo die Wolken hangen

vermissten sie den Mond

 

Und all die stillen Meere

blieben unbezeugt

es hat sich tiefe Leere

in meinen Blick gebeugt

 

Mir ist der Schlaf vergangen

die Nacht erschien erblindet

nun kann ich nur noch bangen

ob sie den Morgen findet

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

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