Am Anfang war das Wort

 

Am Anfang war das Wort

es war mir Heim und Hort

es rief und schuf und formte mich

bevor es sich von dannen schlich

Am Anfang war das Wort

es ist längst fort

 

 

 

 

 Fischerboote

 

Sie schaukeln dahin auf wallenden Wogen

und folgen nicht sichtbaren Wegen

von der Macht der See gebeugt und gebogen

dem Horizont entgegen

 

Sie geben sich in des Schicksals Hand

im Pazifik wie im Atlantik

und sind sie des Abends wieder an Land

ist Zeit für Seemanns-Romantik

 

Die Segel vom wilden Wind geküsst

der reiche Fang auf den Planken

doch eines wird im Hafen vermisst

dem gelten all meine Gedanken

 

 

 

 

 Die Untersuchung

 

Herr Professor von und zu Ohrenstein

fand sich zu meiner Untersuchung ein

ich war erstaunt, denn das ist nicht üblich

und er murmelte: „Betrüblich, betrüblich“

 

Er hatte vierzehn Studenten dabei

deshalb machte ich mich nur ungern frei

das Hemd zog ich aus, den Bauch zog ich ein

„Herr Professor muss das wirklich sein ?“

 

Er piekte mir lachend in den Bauch:

„Na, na Sie Schelm das Höschen auch“

und so stand ich da nackt wie Gott mich schuf

doch der Professor hat einen guten Ruf

 

Ich dachte wenn überhaupt wer versteht

was in meinem Körper so vor sich geht

dann kann es kein andrer sein

als Professor von und zu Ohrenstein

 

Er sagte zu einem kleinen Chinesen:

„Betrachten Sie dieses traurige Wesen

das dort steht ohne Hose

Wie ist ihre Diagnose?“

 

Der Chinese stotterte: „F-F-Fettleibigkeit“

Das ging mir nun doch eine Spur zu weit

Der Professor schimpfte: „Dummer Tropf“

und schlug den Chinesen kurz auf den Kopf

 

Ich fragte: „Darf ich vielleicht auch?“

Schon piekste er mich wieder in den Bauch

„Sie halten an sich und den Mund

Sie sind erstens krank und zweitens nicht gesund“

 

Nun zupfte mir eine Studentin am Schniedel

als spielte sie Mozart auf einer Fiedel

ich wollte grad meine Stimme erheben

da sprach der Professor: „Bin ich von Idioten umgeben

 

Natürlich ist dieser kleine Hannes

ein großes Problem dieses armen Mannes

aber es wäre wirklich schön

kämen wir endlich zum Hauptproblem“

 

Er griff nach Tupfer und nach Skalpell

ich griff meine Hose und rannte schnell

und fand mich nie wieder zur Untersuchung ein

bei Professor von und zu Ohrenstein

 

 

 

 

 Du bist mein Winter

 

Samtweich lehren deine Hände

mich Begehren ohne Ende

ich tau auf und fließe weg

ohne Halt und Sinn und Zweck

 

Du bist mein Winter

ganz egal wohin ich geh

du wirst für mich immer jung sein

und so rein und schön wie Schnee

 

Und ich habe das Verlangen

mich nie wieder aufzufangen

sondern mit dir ganz allein

Mittelpunkt der Welt zu sein

 

Du bist mein Winter

ganz egal wohin ich geh

du wirst für mich immer jung sein

und so rein und schön wie Schnee

 

Du verdeckst meine Spuren

ich vergesse meine Zeit

wir sind wie ein Land im Norden

unentdeckt – unendlich weit

 

Du bist mein Winter

ganz egal wohin ich geh

du wirst für mich immer jung sein

und so rein und schön wie Schnee

 

 

 

 

 Ein Kummer

 

Ein Kummer ist es, ein Gefühl

in Worte kaum zu fassen

es schmerzt zwar kaum, doch es ist kühl

und will nicht von dir lassen

 

Du würdest, wüsstest du ein Wort,

es gerne andren sagen

Vielleicht ist es ja morgen fort

dann ließ es sich ertragen

 

Vielleicht jedoch bleibt es bestehn

und treibt dich nächstens schon ins Grab

mein Freund, ich werd dir nicht gestehn

dass ich den gleichen Kummer hab

 

 

 

 

 Der Lurch

 

Der Lurch war äußert mies gelaunt.

Hatte sich bei mir eingeschleimt

und resümierte dann erstaunt

dass sich auf Lurch rein gar nichts reimt.

 

Und dachte er bekäme nicht

ein zu ihm passendes Gedicht.

Ich sagte : Da musst Du jetzt durch.

Und das reimt sich, dummer Lurch.

 

 

 

 

 Gedicht auf der Suche nach einer öffentlichen Bedürfnisanstalt

 

Es zwickt und soll doch nicht zwicken

es zwackt und soll doch nicht zwacken

und man kann noch so weit blicken

da ist kein Ort um zu kacken

 

Ich weiß, das ist jetzt so poetisch

wie ein Müllbeutel auf einem Drehtisch

aber hatten Sie’s mal im Magen?

Mann, ich kann Ihnen sagen…

 

 

 

 

 Brief an die Eltern

 

Ich denk an euch. Und leere manche Flasche.

Im Garten blühen immer noch Geranien.

Ich lieg der Tante weiter auf der Tasche.

Und statt in Kiel wäre ich gern in Spanien.

 

Man sieht hier täglich immer neue Schiffe.

Gestern sah ich auch ein Kanonenboot.

Der Wehrdienst ruft, aber es gibt da Kniffe.

Heut gab es Leberwurst zum Abendbrot.

 

Die Magda aus dem Haus schräg gegenüber

hat sich in einen Feldwebel vernarrt.

Sie sagt ein General wäre ihr lieber.

Der hätte vielleicht etwas mehr gespart.

 

Der Opa meint ich dürfe mich nicht drücken.

Zu dienen wäre Ehre und auch Pflicht.

Mich muss man wirklich nicht mit Orden schmücken.

Und außerdem mag ich Gewehre nicht.

 

Ich gehe lieber aus mit Magdas Schwester.

Ich bin mir sicher dass sie euch gefällt.

Vielleicht verloben wir uns an Silvester.

Für einen Ring fehlt mir noch etwas Geld.

 

Genug für heut. Ein Gruß und viele Küsse.

Wie sieht es bei euch in der Heimat aus ?

Ihr glaubt ja nicht wie sehr ich euch vermisse.

An Ostern komme ich vielleicht nach Haus.

 

 

 

 

 Die Haupteigenschaft des Glücks

 

Die Haupteigenschaft des Glücks

ist dass man es ständig verpasst

wenn du nicht hast was du liebst

- lieb was du hast

 

 

 

 

 Falscher Frühling (in Berlin)

 

Unerwartet neckt die Sonne

Blumen tun als ob sie blühn

und es säuselt voller Wonne

eine fette Chansonette : „Mein Berlin“

 

Kinderwagen fahren Rennen

auf der Uferpromenade

Herzen machen sich ans Brennen

Mücken stechen in manch Wade

 

Dann besinnt sich der Kalender

und denkt kopfschüttelnd „Ach nee“

schon hört man im Rundfunksender

„Vorsicht, Schnee!“

 

 

 

 

 Aus deinem Blick trank ich die Tränen

 

Aus deinem Blick trank ich die Tränen

sie glänzten wie ein Sternenmeer

sie waren wie der reinste Nektar

deshalb trank ich dich tränenleer

 

Du lächelst dankbar und bist glücklich

ach wenn auch ich nur glücklich wär

nun wo du ohne Tränen bist

begehre ich dich doch nicht mehr

 

 

 

 

 Drei junge Männer und ein schrecklich alter Hund

 

Drei junge Männer

und ein schrecklich alter Hund

schlichen rum um Rosalita

doch der wurde das zu bunt

weil die drei sie ständig quälte :

„Such dir endlich einen aus“

nahm sie fortan jeden Abend

nur den Hund mit in ihr Haus

 

 

 

 

 Der Tunnel

 

Eben noch die Sonne viel zu grell in meinen Augen

und die Landschaft fliegt vorbei im Sommerwind

es ist leicht an Gott und an uns selbst zu glauben

so lang wir auf der Straße ohne Mautgebühren sind

 

Wir brauchen keinen Kompass, keinen Navi, keine Karten

denn das wilde Herz weiß allein wo Süden ist

es gibt nichts zu bedauern, es gibt nichts zu erwarten

und ich möchte gar nicht wissen ob uns irgendwer vermisst

 

Vor uns liegt der Tunnel und der Tunnel führt ins Licht

auch wenn sich das paradox anhört, gelogen ist es nicht

 

Eben noch im Rückspiegel die altvertrauten Orte

an denen unsre Sprache wie ein Verbrechen klingt

doch schon bald erschaffen wir uns neue Worte

an dem unbekannten Ziel zu dem uns die Straße bringt

 

Wir brauchen keine Antworten auf nie gestellte Fragen

wir bewegen uns durch Zonen schierer Unvollkommenheit

es gibt nichts zu bereuen, es gibt auch nichts zu sagen

hinter uns liegt das Gestern, vor uns eine neue Zeit

 

Vor uns liegt der Tunnel und der Tunnel führt ins Licht

auch wenn sich das paradox anhört, gelogen ist es nicht

 

 

 

 

 Wie soll man Stille beschreiben?

 

Wie soll man Stille beschreiben

einem der Stille nicht kennt?

Vielleicht als ein Ball ohne Tänzer

eine Kerze die niemals brennt

 

Wie soll man Stille beschreiben

einem dem Stille so fremd?

Vielleicht als ein Schiff ohne Meere

vielleicht als ein Knopf ohne Hemd

 

Wie soll man Stille beschreiben

einem der niemals Stille gekannt?

Vielleicht als ein Haus ohne Türen

ein aufgegebenes Land

 

Da hilft nicht der beste Wille

man kann es nicht sagen, nicht zeigen

man kann ihm letztendlich die Stille

im besten Falle verschweigen

 

 

 

 

 Die Unheilbaren

 

Sie feilschen nicht um Ewigkeiten.

Sie richten sich nach keinem Grad.

Und wenn sie sich je vorbereiten

dann nur auf den heutigen Tag.

 

Weil sie in sich selbst verweilen

sind sie sich selber genug

und trachtet man sie zu heilen

fehlt ihnen dazu der Bezug

 

Sie lieben ihr eignes Gelächter.

Sie lieben es aus gutem Grund.

Ihr Schlaf hat keine Wächter.

Ihre Krankheit macht sie gesund.

 

 

 

 

Du hast geschrien (als andre schwiegen)

 

Der Worte finden sie heut viele

nennen dich Feind und Terrorist

und spielen weiter ihre Spiele

ohne zu wissen wer du bist

Die Mauern halten deinen Atem

die Wände brechen deinen Gang

sie schlafen jetzt zwar sehr viel leichter

aber ihr Weltbild das bleibt krank

 

Und das was ihre Richter sprachen

war zwar Gesetz aber nicht Recht

und dabei wird es immer bleiben

sie sind von Grund auf feig und schlecht

 

Du hast geschrien als andre schwiegen

weil dir was lag an diesem Land

und als sie es so sehr verdarben

bist du vor Zorn beinah verbrannt

Du hast geschrien als andre schwiegen

dich nie gebeugt vor ihrer Macht

du hast gekämpft als andre feig warn

und für die Dummen mitgedacht

 

Der Worte finden sie heut viele

nur kein Bedauern - kein Verzeihn

denn dieser Krieg trägt ihren Namen

doch das gestehn sie sich nie ein

Die Jahre nahmen dir die Hoffnung

die Knochen sind wie morsches Holz

doch brachen sie auch deine Stärke

sie brachen niemals deinen Stolz

 

Und was sie ihren Kindern sagen

wird wieder nicht die Wahrheit sein

sie fälschen weiter die Geschichte

und nebeln uns mit Lügen ein

 

Du hast geschrien als andre schwiegen

weil dir was lag an diesem Land

und als sie es so sehr verdarben

bist du vor Zorn beinah verbrannt

Du hast geschrien als andre schwiegen

dich nie gebeugt vor ihrer Macht

du hast gekämpft als andre feig warn

und für die Dummen mitgedacht

 

 

 

 

 In meiner Sprache

 

In meiner Sprache bist Du alles

woran ich je gedacht

zugleich das hellste Sonnenlicht

und die sternenklare Nacht

Der Morgentau der zärtlich

sich an wilde Blüten schmiegt

in meiner Sprache bist Du immer

stolz und unbesiegt

 

Menschen kommen, Menschen gehen

finden und verlieren sich

und in meiner Sprache gibt es

bis heute noch kein Wort für Dich

 

In meiner Sprache bist Du Schönheit

die ewig fortbesteht

ein ungebrochenes Herz

das seine eignen Wege geht

Der Fluss der alles fortspült

und sich in keine Bahnen fügt

in meiner Sprache gibt es

kein Wort das für Dich genügt

 

Dinge kommen, Dinge gehen

bleiben und verändern sich

und in meiner Sprache gibt es

bis heute noch kein Wort für Dich

 

In meiner Sprache bist Du alles

wofür es sich zu leben lohnt

Du bist mir näher als mein Schatten

und dabei ferner als der Mond

Du bist der beste Teil in mir

Du bist die Wahrheit und das Licht

der Grund für jeden Atemzug

für jedes Lied, jedes Gedicht

 

Zeiten kommen, Zeiten gehen

und überleben sich

und in meiner Sprache gibt es

vielleicht niemals ein Wort für Dich

 

Du bist das Universum

und alles was darin

den Dingen einen Namen gibt

Bedeutung hat und Sinn

Der Anfang und das Ende

der Weg und auch das Ziel

doch meine Sprache kennt bis heute

noch kein Wort für dies Gefühl

 

Träume kommen, Träume gehen

und endlich verstehe ich

„Liebe“ bleibt in meiner Sprache

das einzige Wort für Dich

 

                         Für Yvonne (1994)

 

 

 

 

 Da wo du mich haben wolltest

 

Das Mädchen bei Starbucks vor mir in der Schlange

kann sich für keine Sorte entscheiden

Ich sag : „Willkommen im Kapitalismus“

und kann mich dafür dann selbst nicht mehr leiden

 

Als Einzelfall wär das nicht weiter bedeutsam

doch ich bin der geborene Fettnäpfchentreter

ruf die Polizei und du kannst drauf wetten

sie sehn in mir nie das Opfer sondern immer den Täter

 

Manchmal hab ich es satt mir die Schuld zu geben

und da mir sonst keiner einfällt….

damit musst du leben

 

Da wo du mich haben wolltest

wollte ich nie hin

doch ich bin auch nicht zufrieden

da wo ich jetzt bin

 

Ein Rentner sitzt im Park und füttert Tauben

ich denk dem sollte man die Rente kürzen

und wenn man schon dabei ist gleich das Brot

mit irgendwelchen Giften kräftig würzen

 

Als Einzelfall wär das nicht weiter bedeutsam

doch ich hab mittlerweile nur noch solche Phasen

da pöbel ich Leute an nur weil sie lächeln

und reiß blöde Blumen aus noch blöderen Vasen

 

Manchmal hab ich es satt mir die Schuld zu geben

und da mir sonst keiner einfällt….

damit musst du leben

 

Da wo du mich haben wolltest

wollte ich nie hin

doch ich bin auch nicht zufrieden

da wo ich jetzt bin

 

 

 

 

 Ortschaft ohne Gedächtnis

 

Da ist ein alter Mann

in einer alten Stadt

der singt ein altes Lied

das man vergessen hat

 

Es ist ein Kinderlied

Es ist ein Lied vom Tod

Es ist ein Lied vom Leid

das allen Fremden droht

 

Da ist ein alter Zaun

vor einem alten Haus

dort gehen immer noch

Gespenster ein und aus

 

Da ist ein alter Hass

und der verweilt noch dort

in jedem alten Mann

an diesem alten Ort

 

 

 

 

 Nichts zu lachen

 

Man hat in diesen Zeiten nichts zu lachen.

Man hat sogar darüber nachgedacht

das Lachen andrer Menschen nachzumachen

denn man hat selbst vergessen wie man lacht.

 

Man muss die Lachenden genau studieren.

Jede Geste, jedes Wort und jeden Blick.

Und das dann einfach nur noch repetieren.

Das ist auch schon der ganze Trick.

 

Gelingt es trotzdem nicht Frohsinn zu finden

obwohl man alles wie die andren macht

dann sollte man am besten schnell verschwinden

und sehn dass man über sich selber lacht.

 

 

 

 Ein großes Missverständnis der Geschichte

 

Hätte Nero gewusst wie die Nachwelt ihn sieht

wäre er wohl etwas verbittert

Zurecht – denn er war ein tierlieber Mensch

Seine Löwen wurden stets gut gefüttert

 

Dass er Menschen nicht mochte ist auch nicht belegt

Er hat mit Wohlwollen an sie gedacht

Dass sie oft froren hat ihn aufs Tiefste bewegt

Da hat er ihnen ein wärmendes Feuer gemacht

 

 

 

 

 Der weite Himmel (ein Requiem)

 

Zu kurz der Augenblick um ihn zu sehen

die Zeit ist wie ein steter Fluss aus Sand

nur selten lässt das Leben sich verstehen

dabei hält man den Schlüssel in der Hand

Geburt und Tod halten sich meist die Waage

getrennt von einem kurzen Zwischenraum

man spielt das Spiel doch ändert nie die Lage

und jeder Tag ist immer nur ein Traum

 

Was von mir bleiben wird

von Freud und Leid

von meinem Weg

und meiner Zeit

ist meine Liebe

ist einzig meine Liebe

 

Der weite Himmel über mir

der lange Weg zurück

und alles was dazwischen lag

mal Trauer und mal Glück

 

Ich werd nicht gehen ohne eine Mitte

nicht gehen ohne dass ich was vollbracht

und für das Ende hab ich eine Bitte

aus Würde sei mein letztes Bett gemacht

Und spült das Wasser morgen

meinen Namen aus dem Stein

wird doch ein Teil von mir

stets unvergänglich sein

 

Was von mir bleiben wird

von Freud und Leid

von meinem Weg

und meiner Zeit

ist meine Liebe

ist einzig meine Liebe

 

Der weite Himmel über mir

der lange Weg zurück

und alles was dazwischen lag

mal Trauer und mal Glück

.... der weite Himmel

 

 

 

 

 Sonnenaufgang in Tiergarten

 

Wie herrlich ist der jungen Sonne Schweben

wenn sie den neuen Tag verträumt begrüßt

ich möchte innehalten und erleben

wie sanft ihr Schein in meine Seele fließt

 

 

 

 

 Öffentlicher Nahverkehr

 

Es zieht die Leute in die Weite

und sie suchen sich was aus

manchen achten auf die Zeiten

andre wollen nur nach Haus

Mancher fände gern zu sich

mancher nur das Hallenbad

und ein Strom der Lemminge

schleudert durch die Stadt

 

Manche müssen Richtung Arbeit

andre treibt es an den Strand

manche wollen nur dabei sein

andre in ein andres Land

Manche wollen in die Zeitung

andre zieht’s in Morgenrot

manche wollen in die Kneipe

andre suchen nach dem Tod

 

Manche kreischen in den Kurven

andre halten auf dem Strich

manche träumen schon vom Urlaub

andre stinken nur nach Fisch

Manche suchen einen Parkplatz

andre zieht es ins Büro

manche suchen ihre Dealer

andre wollen nur aufs Klo

 

Manche tragen leichte Kleidung

andre schwer an ihrem Los

manchen ist der Gurt zu eng

und der Kofferraum zu groß

Manche sind erregt und zornig

andre kontrolliert und schlau

manche fahren auf der Standspur

andre kollabiern im Stau

 

Manche labern in ihr Handy

andre sagen nicht ein Wort

manche hören deutsche Schlager

andre planen einen Mord

Manche spielen mit dem Navi

andre spielen an sich rum

manche gucken in den Spiegel

manche Spiegel gucken dumm

 

Es zieht Leute in die Ferne

in das Nichts und in das Glück

manche steigen aus und flüchten

andre kommen nie zurück

Mancher fühlt sich wie ein König

andere sind müd und matt

und ein Strom der Lemminge

schleudert durch die Stadt

 

 

 

 

 In den Wolken

 

In den Wolken lässt sich manches sehen

Dafür braucht es einfach Fantasie

Ich dagegen muss verschämt gestehen:

Anderes als Wolken sah ich in Wolken nie

 

 

 

 

 Für den Mann im Schacht

 

Fünf Uhr in der Frühe

und er schält sich aus der Nacht

sieht das Spiegelbild im Kaffee

das ihn täglich älter macht

und er würde gern noch schlafen

doch ihn mahnt sein Pflichtgefühl

also tritt er in den Tag raus

und der Tag ist grau und kühl

 

Wie für seinen Vater

und dessen Vater auch

besteht für ihn die Welt

nur aus Kohlenstaub und Rauch

Die Türme sind wie Kreuze

und bohren sich ins Herz

der vernarbten Landschaft

aus schwarzem Gold und Erz

 

Für den Mann im Schacht

ist es immer Nacht

während er den Stollen tiefer in die Erde treibt

hat er oft gedacht

ob oben wohl die Sonne lacht

und ob nach der Schicht

etwas von ihrem Licht

für seine müden Augen übrig bleibt

 

Wenn er dann im Korb steht

und nach unten sieht

betet er zum Herren

dass ihm kein Leid geschieht

Nicht immer gibt die Erde

was sie verschluckt zurück

und wem Demut fremd ist

den verlässt oft das Glück

 

Für den Mann im Schacht

ist es immer Nacht

während er den Stollen tiefer in die Erde treibt

hat er oft gedacht

ob oben wohl die Sonne lacht

und ob nach der Schicht

etwas von ihrem Licht

für seine müden Augen übrig bleibt

 

 

 

 

 Liebe auf Vorschuss

 

Da hat man nun endlich die eine gefunden

da stellt sich heraus sie ist längst gebunden

so bleibt einem schließlich das Warten nur

doch Geduld lag niemals in meiner Natur

 

Wir können uns doch beinahe gut leiden

von deinem Mann lässt du dich irgendwann scheiden

und ich gestand dir längst mein Begehren

Weshalb dein Zaudern? Weshalb das Sich-Wehren?

 

Liebe auf Vorschuss

wär sehr vergnüglich

Vorschuss ist überall

anerkannt und auch üblich

Liebe auf Vorschuss

und geht’s in die Binsen

zahlt man wenigstens

dafür keine Zinsen

 

Da stehst du nun und erzählst was von Treue

so ein Vortrag überrascht mich immer aufs Neue

die Marktwirtschaft hat ihre eignen Gesetze

und du kannst dir sicher sein dass ich nicht petze

 

Warum also nicht mal es kurz ausprobieren

du hast viel zu gewinnen und nichts zu verlieren

na ja außer vielleicht deine Ehe samt Mann

aber mal ehrlich: Was geht mich das an ?

 

Liebe auf Vorschuss

wär sehr vergnüglich

Vorschuss ist überall

anerkannt und auch üblich

Liebe auf Vorschuss

und geht’s in die Binsen

zahlt man wenigstens

dafür keine Zinsen

 

Liebe auf Vorschuss

tut keinem weh

und ist überhaupt

meine beste Idee

 

 

 

 

 Meine Tage gehen leise

 

Meine Tage gehen leise

streben ihrem Ende zu

doch am Ende meiner Reise

guter Gott, da wartest du

 

Du magst strafen, du magst richten

dies gebührt dir ganz allein

vergiss nur nicht ob all der Pflichten

Liebe heißt auch zu verzeihn

 

 

 

 

 Die gebrochene Blüte

 

Der Frühling sah sie lächeln

im ersten Morgenlicht

da zeigte sie der Erde

ganz schüchtern ihr Gesicht

Der Frühling sah sie lächeln

und lächelte zurück

und als er weiter musste

da sagte er: Viel Glück

 

Der Sommer sah sie wachsen

in seinem warmen Wind

erwachte es zur Blüte

das schöne Blumenkind

Der Sommer sah sie wachsen

in ihrer ganzen Pracht

hat ihr die Zeit der Jugend

so unbeschwert gemacht

 

Der Herbst sah sie zerbrechen

im eisig kalten Wind

ganz ohne Schutz und Stärke

erfroren und fast blind

Der Herbst sah sie zerbrechen

doch es war ihm egal

er lachte laut und spöttisch:

So geht es allen mal

 

Der Winter sah sie sterben

in jener dunklen Zeit

und schenkte ihr am Ende

ein weißes Totenkleid

Der Winter sah sie sterben

und hat dabei gedacht:

Ich wünschte so viel Schönheit

wär für die Ewigkeit gemacht

 

 

 

 

 Auch die Trauer trägt ein schönes Kleid

 

Schon wieder ist einer gegangen

Gefährte, Freund, Kamerad

und man misst mit Bangen

seinen eigenen Pfad

 

Wir sind doch nichts andres als Kerzen

den Geliebten spenden wir Licht

und wir bleiben in ihren Herzen

sie vergessen uns nicht

 

So wie alle Kerzen verbrennen

sind auch wir nur ein Spielball der Zeit

und es liegt an uns zu erkennen:

Auch die Trauer trägt ein schönes Kleid

 

 

 

 

 Nordstrand

 

Da stehen wir zwei und sind etwas verlegen

na klar, es ist Jahre her

wir betrachten uns stumm im Sommerregen

denn Worte zu finden fällt schwer

Ich bin klatschnass und reichlich verwirrt

und dein Make-Up ist völlig verschmiert

vielleicht haben wir uns damals geirrt

und wer liebt der verliert

 

Der Eisverkäufer sieht aus wie ein Clown

und einem Clown kann man nicht vertraun

mach die Augen zu - zähl bis drei

mach sie auf und du bist frei

 

Aber lässt du sie geschlossen und zählst bis vier

bist du wieder am Nordstrand mit mir

 

Ich hab nicht vergessen was einmal war

und nun stehn wir plötzlich hier

ich leg meinen Kopf auf dein nasses Haar

ich hab mich so sehr gesehnt nach dir

Auch wenn ich weiß dass es nicht möglich ist

würd ich die Zeit gerne rückwärts drehn

so dass du immer noch bei mir bist

als wär alles danach nicht geschehn

 

Siehst Du das Kind mit dem Luftballon

lässt es los dann fliegen die Träume davon

mach die Augen zu - zähl bis drei

mach sie auf und du bist frei

 

Aber lässt du sie geschlossen und zählst bis vier

bist du wieder am Nordstrand mit mir

 

 

 

 

 In deiner Nacht

 

Ich weiß, dass du dort bist in deiner Nacht

wenn schlaflos ich durch meine Nächte gehe

so bleibt die fernste Ferne mir doch Nähe

ich weiß was du geträumt, was du gedacht

 

Ich weiß, dass du dort bist in deiner Nacht

wo sich die Sterne unbeirrbar zeigen

behütet und beschützt durch jenes Schweigen

das ich in deinem Traum für dich erdacht

 

 

 

 

 Der Junge mag Mozart

 

Taub und stumm zur Welt gekommen

niemand hätte je gedacht

dass ein Bub von fünfzehn Jahren

solche schönen Lieder macht

Seine Welt kennt nichts als Stille

und um diese zu zerstörn

spielt er seine Traumsonaten

ohne einen Ton zu hörn

 

Aber er fühlt all die Klänge

in der Seele ständig schwingen

und auch wenn sein Mund nicht redet

er kann mit dem Herzen singen

 

Der Junge mag Mozart

niemand sonst hört ihn so

voller Licht - voller Kraft

tonlos - doch farbenfroh

 

Manchmal steht er vor den Boxen

und presst seine Stirn dagegen

fühlt mit seiner Haut die Klänge

jedes Streicheln - jedes Beben

Seine Welt besteht aus Stille

aber das bedeutet nicht

dass die Poesie der Töne

diese Mauern nie zerbricht

 

Denn er fühlt all diese Klänge

in der Seele ständig schwingen

und auch wenn sein Mund nicht redet

er kann mit dem Herzen singen

 

Der Junge mag Mozart

niemand sonst hört ihn so

voller Licht - voller Kraft

tonlos - doch farbenfroh

 

Der Junge mag Mozart

niemand sonst hört ihn so

voller Licht - voller Kraft

tonlos - doch farbenfroh

 

 

 

 

 Nicht der Tod tut weh, nur das Sterben

 

Gleich einem verwunschenen Garten

erblüht das Leben und breitet sich aus

man ist bereit auf Wunder zu warten

und erbaut sich ein sturmfestes Haus

 

Dort lebt man dann mit der Welt im Reinen

zeugt Kinder, pflanzt Bäume, wähnt sich am Ziel

egal wie zerbrechlich die Träume auch scheinen

es gibt anfangs so viele in diesem Spiel

 

Wenn die Jahre dann schließlich vergehen

und man will sein Wissen vererben

bleibt einem nur sich einzugestehen :

Nicht der Tod tut weh, nur das Sterben

 

Man wird gefunden und man wird verlassen

das Glück fällt einem manchmal in den Schoß

der Sinn von alldem lässt sich nicht erfassen

manches hält man fest, anderes lässt man los

 

Egal wofür man sich auch entscheidet

es gibt weder Sicherheit noch Garantie

man geht seinen Weg, man lebt und man leidet

und manche Träume erfüllen sich nie

 

Wenn die Jahre dann schließlich vergehen

und man will sein Wissen vererben

bleibt einem nur sich einzugestehen :

Nicht der Tod tut weh, nur das Sterben

 

 

 

 

 Der Bär

 

Er steht und blickt verständnislos ins Runde

nicht wissend wo er ist und was er soll

es sammelt sich das Blut in seinem Munde

er spürt Verwirrung nur doch keinen Groll

 

Man führt ihn kreuz und quer durch die Manege

an einer Kette die gar furchtbar reibt

doch kennt er weder Prozedur noch Wege

so dass allein der Peitschenknall ihn treibt

 

Er fügt sich in sein Schicksal ohne Klage

der Nasenring scheuert sein Fleisch ganz wund

er ahnt so werden fortan alle Tage

und wünschte nur er wüsste auch den Grund

 

 

 

 

 Pensionswirtin Schmidt

 

Sie fragte morgens mich wie ich das Bett fand.

„Ganz leicht“ sprach ich „wo es doch an der Wand stand“

 

 

 

 

 Ein guter Junge

 

Man hält ihn allgemein für scheu und schüchtern

kein Nachbar der ihn nicht von Herzen mag

er war zur Tatzeit allerdings nicht nüchtern

mancher vermutet dass es daran lag

 

Die Lehrer sind von ihm sehr eingenommen

der Notendurchschnitt ist Eins Komma Vier

er ist so gut wie nie zu spät gekommen

und spielt sehr schön Chopin auf dem Klavier

 

Im Sportverein ist er sehr angesehen

er ist seit Jahren Mannschaftskapitän

und die Betreuer können nicht verstehen

wie konnte ihm so etwas nur geschehn?

 

Auch seine Freundin ist aus gutem Hause

sie sind zusammen seit knapp einem Jahr

zwischendurch gab es eine kurze Pause

wo er verwirrt und ziemlich traurig war

 

Er hat ein schönes helles Jugendzimmer

er hört nicht Heavy Metal oder so

das alles macht es irgendwie noch schlimmer

er wirkte doch meistens so lebensfroh

 

Er saß auch nie sehr lang vor dem Computer

verkehrte nie in dubiosen Chats

er zockte nie brutale Ego-Shooter

und ging um 21 Uhr ins Bett

 

Nun brennt allen die Frage auf der Zunge

woran ihr armer Liebling wirklich litt

wie kommt es bloß dass so ein guter Junge

ohne Anlass jemanden ins Koma tritt?

 

 

 

 

 Der Westwind brachte die Krähen zurück

 

Herbstschatten auf goldnen Feldern

in den frühen Abendstunden

Landarbeiter ziehn zum Haupthaus

von dem langen Tag zerschunden

Und ich seh von einem Hügel

runter auf das trockne Land

und in bittere Gesichter

aus denen die Hoffnung schwand

 

Der Fluss trägt kein Wasser mehr

und sie beten um Regen

der Fluss trägt kein Wasser mehr

und Wasser heißt Leben

 

Und der Westwind brachte die Krähen zurück

 

Verdorrt die Ernte und die Menschen

in diesem einst fruchtbaren` Land

bevor die Krähen erstmals kamen

und man dann nie mehr Frieden fand

Ich seh die dürren Pferde stolpern

wenn sie die Saat zur Scheune tragen

und sich auf Feldern ohne Farben

vor einem Pflug vergeblich plagen

 

Der Fluss trägt kein Wasser mehr

und sie beten um Regen

der Fluss trägt kein Wasser mehr

doch Wasser heißt Leben

 

Und der Westwind brachte die Krähen zurück

 

In den Brunnen krabbeln Käfer

und der Wald gibt faules Holz

aber in den müden Augen

flammt noch Stärke auf und Stolz

 

Der Fluss trägt kein Wasser mehr

und sie beten um Regen

der Fluss trägt kein Wasser mehr

und Wasser heißt Leben

 

Und der Westwind brachte die Krähen zurück

 

 

 

 

 Der Mann mit der Posaune

 

Er hatte ein Zimmer direkt unterm Dach.

Da gab es auch Schwalbennester.

Er lag nachts oft stundenlang wach.

Bei Tag spielte er im Orchester.

 

Er komponierte eigene Lieder.

Der Maestro wollt sie nicht spielen.

Die Frau verließ ihn und kam nie wieder.

Er begann sich einsam zu fühlen.

 

Er übte auf seiner Posaune.

Das nahmen die Nachbarn ihm krumm.

So brachte er aus einer Laune

sich eines Tages um.

 

 

 

 

 Ich bin Gehirnchirurg

 

Normale Menschen streicheln

einen gerne übern Kopf

ich schneid ihn lieber auf

vom Scheitel bis zum Schopf

 

Ich bin Gehirnchirurg

der Job ist wirklich geil

ich tausch das eine Teil

gegen ein andres Teil

 

Da haben wir Herrn Meyer

ein wirklich krummer Hund

der kriegt das Hirn von Hasso

dann bellt er zwar – na und ?

 

Und da ist der Minister

da krieg ich einen Schreck

da ist kein Hirn zu finden

wie lang ist das wohl weg ?

 

Normale Menschen streicheln

einen gerne übern Kopf

ich schneid ihn lieber auf

vom Scheitel bis zum Schopf

 

Ich bin Gehirnchirurg

der Job ist wirklich geil

ich tausch das eine Teil

gegen ein andres Teil

 

Und heut liegt meine Alte

vor mir auf dem Tisch

weil sie mir zu viel plappert

kriegt sie ein Hirn vom Fisch

 

Ich schnitze und ich schneide

geschickt und äußerst schnell

doch bin ich kein Friseur

ich mach‘s mit dem Skalpell

 

Normale Menschen streicheln

einen gerne übern Kopf

ich schneid ihn lieber auf

vom Scheitel bis zum Schopf

 

Ich bin Gehirnchirurg

der Job ist wirklich geil

ich tausch das eine Teil

gegen ein andres Teil

 

 

 

 

 Der Mann auf dem Rücken des Esels

 

Im Sand saß ein Kind mit einer hölzernen Puppe

und sagte zu ihr: „Los iss deine Suppe

denn bist du nicht artig dann muss ich dich schlagen

das höre ich Papa doch auch immer sagen“

 

Und der Mann auf dem Rücken des Esels

berührte ganz sanft ihr Gesicht

dann ritt er weiter der Sonne entgegen

und verschmolz mit dem Licht

 

Eine Hure vom Mob an den Pranger gestellt

rief wütend aus: „Ich tu es für Geld

doch wer von euch beansprucht das Recht

zu sagen ich wäre verdorben und schlecht?“

 

Und der Mann auf dem Rücken des Esels

berührte ganz sanft ihr Gesicht

dann ritt er weiter der Sonne entgegen

und verschmolz mit dem Licht

 

Ein Soldat die Beine von Minen zerfetzt

hustete heiser: „Gott sterbe ich jetzt?

Wirst du es sein der mich zu sich nimmt

oder ist mir am Ende die Hölle bestimmt?“

 

Und der Mann auf dem Rücken des Esels

berührte ganz sanft sein Gesicht

dann ritt er weiter der Sonne entgegen

und verschmolz mit dem Licht

 

 

 

 

 Straßenbahnenvollverrückt

 

Ich stieg morgens in die Straßenbahn

wie ich es tausendmal getan

bei Regen, Sonne oder Schnee

an der Haltestelle Obstallee

 

Mein Blick fand was er immer fand

kannte längst jede Häuserwand

manchmal war ein Plakat zwar neu

doch sonst blieb sich der Ausblick treu

 

Und ich tat was ich immer tat

seit Jahren schon auf dieser Fahrt

erfand für jeden Menschen dort

ein ganz spezielles eignes Wort

 

Das Mädchen dort am Blumenstand

das ich heut primelrosig fand

sprach grade mit demselben Kunden

den ich gestern walschwer gefunden

 

Da rennt auch schon der Zeitungsjunge

den tauf ich heute Newsflashlunge

und ich seh diesen Polizist

der heut ein Fischkopfpfeiffer ist

 

So tu ich was ich immer tat

seit Jahren schon auf dieser Fahrt

erfind für jeden Menschen dort

ein ganz spezielles eignes Wort

 

Ein schönes Mädchen steigt grad ein

ich lass es Bella-Ella sein

und draußen seh ich einen Punk

der scheint mir bierrasiertierkrank

 

Jedoch macht mir am meisten Spaß

mich selbst zu sehn im Scheibenglas

und heute dachte ich entzückt :

Ich bin strassenbahnenvollverrückt

 

 

 

 

 Die Sucht

 

Die Sucht hat viele Namen

und meistens etwas Lautes

sie fällt aus jedem Rahmen

und hält sich an Vertrautes

 

Sie fordert und verzehrt

kennt nur den Augenblick

wie sehr man sich auch wehrt

sie kehrt doch stets zurück

 

Wie eines Gauklers Posse

die ein Trugbild schafft

treibt sie dich in die Gosse

und raubt dir deine Kraft

 

Sie macht dich immer kleiner

belügt dich und erkennt dich

wird mit der Zeit gemeiner

betrügt dich und verbrennt dich

 

Ein jede Flucht bleibt flüchtig

endet schon beim Versuch

so fügst du dich, bleibst süchtig

und lebst mit diesem Fluch

 

 

 

 

 Noahs Taube

 

Auf dem Ozean verloren

treibt ein kleines Boot umher

und die Seelen die dort harren

haben keine Heimat mehr

 

Sind die Sterne auch ihr Kompass

bleibt die Hoffnung doch nur schwach

wo das Trinkwasser knapp wird

hält allein die Angst sie wach

 

Werden sie wie viele andre

in der See verloren gehn

oder zeigt der Herr Erbarmen

und lässt sie Noahs Taube sehn?

 

 

 

 

 Schaufensterpuppen

 

Sie sind mir nicht so recht geheuer

wie sie da so schweigend stehn

ich hab immer so eine Ahnung

dass sie ihre Köpfe verdrehn

 

wenn sie sich unbemerkt glauben

und im nächtlichen Sternenglanz

gucken und rucken und zucken

und sich berühren beim Tanz


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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