Der Torfstecher
Schau der Bub hat dumme Augen
und der Pfarrer hat erzählt
er hätt als er auf die Welt kam
seine Mutter totgequält
Ach sie war nur eine Hure
schade war es um sie nicht
aber lasst den Bub nicht merken
wie das Dorf darüber spricht
Schau der Bub hat starke Arme
und so seltsam rotes Haar
und ich würde zu gern wissen
wer wohl sein Erzeuger war
Sicherlich war es ein Fremder
niemand läuft im Dorf so krumm
ob man es dem Bub wohl sagte
leider ist er blöd und stumm
Oh er sticht das Torf am Morgen
und er sticht das Torf bei Nacht
und von weiten könnt man denken
dass es ihm wohl Freude macht
Wenn die Krähen nach ihm picken
und der Boden modrig stinkt
sieht es manchmal aus im Mondschein
als ob er herüber winkt
Schau der Bub hat weiche Hände
und das kann nichts gutes sein
keine Schwielen trotz der Arbeit
sicher kennt er Hexerein
Lasst die Kinder nicht nach draußen
wenn er in der Nähe ist
denn ich hörte Magda sagen
dass er heimlich Käfer frisst
Schau der Bub hat flinke Füße
kaum zu glauben wie er rennt
nun wo ihn die Männer jagen
und wo seine Kate brennt
Der Herr Pfarrer hat´s befohlen
weil der Bub hierher nicht passt
und nun hängt er bei den Krähen
aufgeknüpft an einem Ast
Oh er stach das Torf am Morgen
und er stach das Torf bei Nacht
und von weiten konnt man denken
dass es ihm wohl Freude macht
Wenn die Krähen nach ihm pickten
und sein Leichnam modrig roch
sah es manchmal aus im Mondschein
als bewegte er sich noch
Grabschändung
„Hier ruht ein deutscher Dichter“
so steht’s auf Marmorstein
ich füg hinzu mit Filzstift
„…und wird bald vergessen sein“
Als Meister Lampe…
Als Meister Lampe sich einen
hinter selbige goss
kam ein Jäger des Weges
der ihn erschoss
So weit zu den Gefahren
von Alkohol und Jagd
man hat von alldem leider
Meister Lampe nichts gesagt
Drei Arten die Liebe zu vergessen
„Es gibt genau drei Arten die Liebe zu vergessen“
sagte der alte Fischer und hat dabei gelacht
„Wenn du es nicht schaffst wird sie dein Herz zerfressen
Arbeite viel am Tage und trinke viel bei Nacht
Wenn dir das nicht gelingt helfen auch keine Pillen
dann schnür dein Bündel und zieh in die Welt hinaus
mach dir die Ferne und die Zeit zu Willen
und kehr am besten nie mehr zurück nach Haus“
Ich hab ihm gestanden: „Das mag mir nicht behagen
doch ich hör mir auch noch die dritte Lösung an“
„Ach, mein Freund“, hörte ich ihn traurig sagen
„Seit mehr als zwanzig Jahren arbeite ich daran“
Der Herbst ist grau
Der Herbst ist grau. Nun heißt es Abschied nehmen.
Und mir wird ausgesprochen welk im Herz.
Muss ich mich für solche Gedanken schämen ?
Nach jedem Sommer kommt der gleiche Schmerz.
Die leichte Kleidung wandert in die Kammer.
Dort wird sie mit dem Frohsinn eingestaubt.
Und im Gebälk knirscht schon der Katzenjammer.
Ich fühle mich betrogen und beraubt.
Wer hat die Jahreszeiten nur erfunden ?
Dem knallte ich gern eine vor den Latz.
Was soll ich mit den tristen trüben Stunden ?
Ich habe nur im Sommer meinen Platz.
Der Herbst ist grau. Der Winter wird noch grauer.
Nicht lang bis sich der Frost ins Stammbuch schreibt.
Ich aber werd von Jahr zu Jahr nicht schlauer.
Ich träume immer dass der Sommer bleibt.
Ein Seemann klagt
Ich hab die ganze Welt zweimal umrundet
sah Kannibalen oft beim Festschmaus zu
kein Beil, kein Pfeil, kein Gift hat mich verwundet
verwundet hat mich niemand sonst als du
Ich wurd vom Wal verschluckt wie damals Jonas
ich überlebte Schnupfen, Pocken, Pest
ich hatte mich verirrt am Amazonas
doch niemand sonst als du gibt mir den Rest
Ich trieb 3 Wochen hilflos auf dem Wannsee
am Südpol jagte mich ein Pinguin
doch weiß ich sicher wenn ich dich so anseh
du bist letztendlich immer mein Ruin
Mich bissen etwa vierzehn Klapperschlangen
und eine Katze, das war unerhört
ich wurde von Pygmäen eingefangen
doch einzig du allein hast mich zerstört
Ich kämpfte mit Moskitos und mit Kröten
mich deckten Schnee und Schlamm und Lava zu
doch nichts davon konnt mich bis heute töten
denn wer mich tötet bist natürlich du
Du hast die großen Augen
Du glaubst an Schicksal und an Bestimmung
und ich rede dir da nicht rein
es wäre ja immerhin möglich
doch es könnte auch nur Zufall sein
Man kann aus allem irgendwas machen
man kann in allem irgendwas sehn
und manchmal muss man es einfach nur tun
man muss es gar nicht verstehn
Du hast die großen Augen
ich mach die kleinen Schritte
wir wollen nirgendwo hin
treffen wir uns doch in der Mitte
Du siehst in allem eine Bedeutung
ich glaub nur an das was ich seh
man muss das nicht hinterfragen
denn Antworten tun manchmal weh
Man kann in allem irgendwas finden
man kann zu allem irgendwie stehn
und die einzig wirkliche Strecke
liegt genau zwischen Bleiben und Gehn
Du hast die großen Augen
ich mach die kleinen Schritte
wir wollen nirgendwo hin
treffen wir uns doch in der Mitte
Von der dummen Zeit
Wären Tage doch nur Stunden
hätt ich dich früher gefunden
würden Tage Jahre sein
bliebest du viel länger mein
Der Weg des Kriegers
Dein Bett aus Lotusblüten
für einen Mann gemacht
der dich nahm und dich verließ
schon nach der ersten Nacht
Verfluche mich du Sonnenkind
weil ich dir Unglück bringe
ein Mann mit einem Herz aus Stein
und einer Silberklinge
Wo Ruhm und Ehre rufen
bleibt Liebe unerhört
dein Traum von einer heilen Welt
am Morgen schon zerstört
Das ist der Weg des Kriegers
es ist mir nicht bestimmt
dass mich ein Kind des Lächelns
sanft bei den Händen nimmt
Ich geh den Weg des Kriegers
und wenn ich sterben muss
trag ich auf meinen Lippen
noch deinen letzten Kuss
Im Staub dein bunter Fächer
die Seele tut dir weh
von fernen Bergen kam ich
zu dir so kalt wie Schnee
Nahm deinen jungen Körper
hab dich zur Frau gemacht
nun fühlst du dich als Witwe
beim Wissen um die Schlacht
Wo Feind und Ehre warten
hat Liebe keinen Platz
doch tief in meinem Herzen
bewahr ich deinen Schatz
Das ist der Weg des Kriegers
es ist mir nicht bestimmt
dass mich ein Kind des Lächelns
sanft bei den Händen nimmt
Ich geh den Weg des Kriegers
und wenn ich sterben muss
trag ich auf meinen Lippen
noch deinen letzten Kuss
Ein Bett aus Lotusblüten
ein Totenbett vielleicht
mein Mut hat für den Kampf
doch nicht für dich gereicht
Närrisches Herz
Närrisches Herz, was tust du so weh?
Auf den Feldern sprießt schon der Klee.
Bald schon zieht der Sommer ins Land.
Dann findet auch dich eine zärtliche Hand.
Ich hab den Kopf verloren
Ich hab den Kopf verloren
wo ist er bloß hin
und falls ihn jemand findet
was steckt von mir noch drin?
Ich will es gar nicht wissen
ich komm auch kopflos klar
ich glaub dass ich mit ihm
nie wirklich glücklich war
Er wusste alles besser
und hat zu viel gedacht
er hat mich so durchschaubar
und langweilig gemacht
Ich hab den Kopf verloren
ich hatte wirklich Glück
und falls ihn jemand findet
gebt ihn bloß nicht zurück
Ich kann ihn nicht gebrauchen
er war mir viel zu schwer
und wenn ich ihn benutzte
dann schmerzte er oft sehr
Er hat mir viel verdorben
hatte stets was im Sinn
ich lebe erst zufrieden
seit ich kopflos bin
Leuchtturm
Auf einem schroffen Felsen gebaut
steht er in der Brandung. Und schaut.
Er schaut nach den Schiffen. Den vielen.
Und wie die Wogen mit ihnen spielen.
Unbeirrbar steht er und wacht.
Wirft sein strahlendes Licht in die Nacht.
Ein Lotse, Beschützer und Freund
der für die verlorenen Seelen scheint.
Eine heilige Flamme. Ein ewiges Licht.
Treu verrichtet er seine Pflicht.
Nimmt die Dunkelheit auch ständig zu.
Mein Leuchtturm bist du.
Solche Zeiten
Ach, solche Zeiten sind mir wohl bekannt
wer nur den Anfang weiß, ahnt auch das Ende
ein Stolz verbreitet sich im ganzen Land
und Kinder robben wieder durchs Gelände
Es weht ein kalter Wind durch manches Haus
man trennt die Nachbarn nach Herkunft und Rasse
noch spricht man was man denkt nicht offen aus
und bleibt ein anonymer Teil der Masse
Auf solchem Boden kann die Saat gedeihen
die Deutschland wieder ins Verderben zieht
es schließen sich langsam die alten Reihen
und mancher summt schon das Horst-Wessel-Lied
Man würde stets das Gegenteil beschwören
nur dass die Tochter mit nem Neger geht
das würde sich doch einfach nicht gehören
das heißt doch längst nicht dass der Wind sich dreht
Und doch er dreht sich - dieser typisch deutsche Wind
von ihm lässt man sich gerne vorwärts treiben
er macht die Herzen froh – die Augen blind
und fordert uns Geschichte neu zu schreiben
Wir steckten schon einmal die Welt in Brand
man legte Schwert statt Pflug in unsre Hände
ach, solche Zeiten sind mir wohl bekannt
wer nur den Anfang kennt, weiß auch das Ende
Im Hinterhof
Kommst du kurz raus ? Belass es nicht beim Winken
Die Schicht bei Siemens ist in Kürze aus
Mag sein die Väter gehn noch etwas trinken
doch um halb neun sind sie bestimmt zu Haus
Sie sollen doch nichts von uns beiden wissen
das gäbe Ärger und das muss nicht sein
doch ich will dich heut einfach nochmal küssen
du willst das auch, gesteh es dir doch ein
Bestimmt macht deine Mutter grad das Essen
meine sitzt auf der Couch, sieht fern und strickt
warum tun wir nicht schöneres indessen
im Hinterhof wo niemand uns erblickt
Im Kellereingang wart ich auf den Stufen
dort ist es selbst im Sommer herrlich kühl
da kümmert uns nicht wenn die Eltern rufen
und ich gesteh dir alles was ich fühl
Kommst du kurz raus ? Belass es nicht beim Träumen
Schleich dich für zehn Minuten aus dem Haus
da oben gibt es doch nichts zu versäumen
und Feigheit zahlt sich ganz bestimmt nicht aus
Ich will dich doch nur in die Arme nehmen
um zu erkunden wie dein Kirchmund schmeckt
dafür muss ich mich doch weiß Gott nicht schämen
hab keine Angst dass uns jemand entdeckt
Um diese Zeit kommt niemand in den Keller
hier sind wir beide völlig ungestört
am Abendhimmel scheint der Mond viel heller
als ob er nur uns beiden heut gehört
Der Stolz der Stiere
Ein farbenfrohes Volksfest
an einem Sommertag
doch niemand fragt den Stier
ob er auch spielen mag
Trotz Picador - trotz Matador
und wie sie alle heißen
kein Stier würde sich wohl
um ihre Klingen reißen
Wenn die Heldenlieder der Toreros erklingen
will ich vom Stolz der Stiere nur singen
mit Wehmut und Zorn
mit Verachtung und Wut
ihr wollt ihren Tod
ich ehr ihren Mut
Von Drogen benebelt
stampft er im Kreis
und der geifernde Pöbel
schreit sich schon heiß
Ein Schauspiel des Grauens
es endet meist gleich
die silberne Klinge
bohrt sich in das Fleisch
Wenn die Heldenlieder der Toreros erklingen
will ich vom Stolz der Stiere nur singen
mit Wehmut und Zorn
mit Verachtung und Wut
ihr wollt ihren Tod
ich ehr ihren Mut
Nun liegt dort das Opfer
schon tödlich verletzt
und ich wünschte er hätte
sie alle zerfetzt
Auch wer zusieht ist schuldig
ihr seid schlimmer als Tiere
ihr seid weniger wert
als jeder dieser Stiere
Wenn die Heldenlieder der Toreros erklingen
will ich vom Stolz der Stiere nur singen
mit Wehmut und Zorn
mit Verachtung und Wut
ihr wollt ihren Tod
ich ehr ihren Mut
Auserkoren
Es schien der Sommer wollte niemals enden
am Anfang schien uns alles leicht und klar
die Jugend taugte doch nur zum Verschwenden
und was bedeutet schon ein weitres Jahr
Doch schnell vergaßen wir die Kinderspiele
verlegen haben wir zu laut gelacht
denn plötzlich trugen uns die Sturmgefühle
zu undurchschaubar durch manch Sommernacht
Wir fanden keine Worte für das Feuer
nach dem wir uns verzehrten Tag für Tag
und unsre Augen blickten umso scheuer
je mehr uns beiden aneinander lag
Es war ein langes Warten und ein Leiden
dabei hätte ein Wort vielleicht genügt
wir starben fast und taten doch beim Scheiden
als wären wir zufrieden und vergnügt
Es schien der Sommer wollte niemals enden
am Anfang schien uns alles leicht und klar
wir gaben so viel Glück aus unsren Händen
im Sommer der für uns der letzte war
Nun bleibt uns nur das unerfüllte Sehnen
wir waren für die Wahrheit viel zu blind
warum gehören wir nur nicht zu jenen
für die wir wirklich auserkoren sind
An der Stelle wo der Bus hält
An der Stelle wo der Bus hält
steht seit kurzem eine Bank
deshalb sagt manch alter Mensch dort :
Gott sei Dank
Denn der Bus kommt nur halbstündlich
so lang mag keiner stehn
doch was das mit Gott zu tun hat
vermag ich nicht zu sehn
Doch ich finde eigentlich
bei so viel Gottvertrauen
sollte man vielleicht
dort eine Kirche bauen
An der Stelle wo der Bus hält
oder auch kurz daneben
auch wenn dort nur etwa
fünfundsiebzig Menschen leben
An der Stelle wo der Bus hält
steht seit kurzem eine Bank
und ich könnte darauf wetten
sie steht da noch lang
Sie passt gut in die Landschaft
in zögerlichem Braun
und man kann wenn man drauf sitzt
gut auf die eignen Füße schaun
Und ich finde eigentlich
wäre es deshalb nett
wenn man ein Schuhgeschäft
gleich gegenüber hätt
An der Stelle wo der Bus hält
oder auch kurz daneben
auch wenn dort nur etwa
fünfundsiebzig Menschen leben
Der Prozess
Er hat das Zimmer fest verschlossen
es scheint ihr tausend Jahre her
manchmal hat sie den Schmerz genossen
und weinte dann erst hinterher
Es gab die Zeichen, niemand wollt sie sehen
man wirft ihr vor dass sie zu lange schwieg
sie wollte es nur überstehen
so wie man überlebt im Krieg
Alles was sie nun vor Gericht sagt
verwirrt die Menschen mehr und mehr
es ist fast als ob man das Opfer anklagt
und man ist auch nicht schlauer hinterher
S-Bahn, letzten Mittwoch, 6.25 Uhr
Der Zug hält an, da ist kein Bahnhof
man steht so zwischen den Stationen
man schaut nach draußen und man denkt sich :
Ein Ausflug würde sich nicht lohnen
Denn erstens kennt man ja dort alles
und zweitens ist es auch verboten
zudem ist es bestimmt gefährlich
Aussteigen täten nur Idioten
Man könnte sich zum Schlaf ja betten
wenn nur der Sitznachbar nicht wär
der nicht nur äußerst übel müffelt
er ist zudem noch groß und schwer
Kein Frauenzimmer zum Beflirten
und auch kein Ober der sich zeigt
dabei wär man alles in allem
einem Kaffee nicht abgeneigt
Hätt man die Zeitung mitgenommen
dann hätte man jetzt was zu lesen
doch war die Zeitung heute Morgen
leider nicht pünktlich da gewesen
Man könnte auch ein Liedchen singen
doch kommt sich etwas seltsam vor
denn jeder den man darauf anspricht
trägt einen Knopf in seinem Ohr
So sitzt man einfach da und wartet
dann geht es weiter und man denkt :
Schon wieder mal das halbe Leben
für nichts und wieder nichts verschenkt
Diagnose: Alzheimer
Die Krankheit hat einen Namen.
Doch Namen sind Schall und Rauch.
Ich weiß, ich hab sie im Kopf.
Ich hätte sie lieber im Bauch.
Der Doktor hat viel gesprochen.
Das meiste war auf Latein.
In mir ist etwas zerbrochen.
Auch das wird bald nicht mehr sein.
Man soll es keinem erzählen.
Wie gütig der Trost auch gemeint.
Mitleid würde mich quälen.
Ich bin jetzt mein eigener Feind.
Existenz
Ich stamme nicht von hier. Doch ich will bleiben.
Man sagt ich brauche dafür ein Papier.
Natürlich kann ich Lesen und auch Schreiben.
Nur sprecht ihr eine andre Sprache hier.
Ich weiß nicht ganz genau wann ich geboren.
Es ist mir auch im Grunde völlig gleich.
Ich hab daheim mein Hab und Gut verloren.
Ich bin nicht vorbestraft. Ich bin nicht reich.
Ich weiß nicht was ein Leumund ist. Ich habe keinen Pass.
Ich brauche Arbeit und ich brauch ein Zimmer.
Ich bin nicht anspruchsvoll. Gebt mir nur irgendwas.
Daheim ist Krieg. Ich bleib ja nicht für immer.
Ich habe keinen Bürgen. Ich bin doch fremd im Land.
Wen also sollte ich denn hier schon kennen ?
Zu Haus bin ich mit vielen gut bekannt.
Ich könnte ihnen deren Namen nennen.
Daheim geriete ich doch in Bedrängnis.
Ich weiß, das Militär ist an der Macht.
Die meisten Freunde sitzen im Gefängnis.
Und manche hat man einfach umgebracht.
Ich stamme nicht von hier. Doch ich will bleiben.
Man sagt ich brauche dafür ein Papier.
Man sagt auch, erst wenn sie das unterschreiben
beweist das, dass ich wirklich existier.
Der tote Mann geht noch immer spazieren
Laut spuckt der Mond
auf die blutigen Hände
und die Wände
schreien nach Licht
Vier Schritte vor
und der Schatten der Hände
fällt auf die Wände
und auf sein Gesicht
Der tote Mann geht noch immer spazieren
der tote Mann singt noch immer sein Lied
er weiß genau ihm kann nichts passieren
er weiß genau dass ihm nichts mehr geschieht
Taub scheint die Nacht
und jenseits der Stimmen
sieht er sich schwimmen
im offenen Meer
Vier Schritte vor
und am Ende der Reihe
warten die Schreie
so laut wie vorher
Der tote Mann geht noch immer spazieren
der tote Mann singt noch immer sein Lied
er weiß genau ihm kann nichts passieren
er weiß genau dass ihm nichts mehr geschieht
Stumm steht der Stuhl
und um ihn ein Garten
er möchte warten
einen Moment
Ein Schritt zurück
die Stimmen sie warten
dort in dem Garten
bis er verbrennt
Der tote Mann geht noch immer spazieren
der tote Mann singt noch immer sein Lied
er weiß genau ihm kann nichts passieren
er weiß genau dass ihm nichts mehr geschieht
Morgenrot
Der Mond wankt trunken durch die schmalen Gassen
ein Schimmer der sich niemals fangen lässt
und mancher – der vom Glück gar arg verlassen -
hält sich mit Müh an seinem Schatten fest
Es locken Freudenhäuser ohne Freuden
den von weit her gekommenen Tourist
er möge etwas Zeit und noch mehr Geld vergeuden
auf dass die Börse morgens leichter ist
Zwei Straßenbahnen die den Platz passieren
an dem bei Tag das rege Leben tobt
würden aus Liebe gerne kollidieren
und bleiben doch nur vorsichtig verlobt
Im Tanzpalast ist die Musik verklungen
und spült die letzten Gäste in die Nacht
manch Pärchen wird vernarrt und engumschlungen
von einem Taxi sonst wohin gebracht
Auf einer Parkbank schnarcht ein Wermutbruder
am Bahnhof wird der letzte Zug versäumt
manch Leben läuft grad eben aus dem Ruder
und wird im Häusermeer einfach zerschäumt
Im Osten schnürt der neue Tag die Schuhe
die Bäcker treibt es schon zu Lohn und Brot
und manche Seele findet keine Ruhe
und fügt sich unerfüllt dem Morgenrot
Kreide
Kreide lässt sich leicht entfernen
und kein Rückstand wird mehr gefunden
ein feuchtes Tuch reicht schon aus
dann ist sie völlig verschwunden
Egal ob Namen, ob Bilder
was sie erschuf ist dann weg
und nach einer kurzen Weile
trocknet auch noch der Fleck
Es packt mich ein Anflug von Wehmut
und ich denk an uns beide
bleibt auch unsre Geschichte so spurlos
als wäre sie nur aus Kreide
Da ist ein Garten
Da ist ein Garten den ich nicht mehr kenne
dort blühen Orchideen auf feuchtem Grund
und wenn ich dich bei deinem Namen nenne
tropft er wie dunkles Blut aus meinem Mund
Wir harrten dort in frohen Jugendtagen
erfüllt vom Wissen um die Ewigkeit
wir hatten weder Müh noch Last zu tragen
heut liegen Schatten auf der guten Zeit
Wir schwelgten dort in seligem Verlangen
der Himmel sah uns frei und ungehemmt
es schien so leicht den Sonnenschein zu fangen
heut sind uns alle Lichter fern und fremd
Da ist ein Garten den ich nicht mehr kenne
verdorrt, verblüht, vergangen ist die Saat
so dass ich mich von dieser Liebe trenne
die mir zu lange schon nichts Gutes tat
Auf die Menschheit
Mir ist die Menschheit einerlei
sie kam, sie blieb, sie geht vorbei
das Einzige was mich verstört
ist, dass man ungewollt dazugehört
Der letzte Liftboy
Eingestiegen! Die Türen schließen.
Erste Etage um Träume zu kaufen.
Billiger wird es nach oben nicht.
Abwärts kann man über die Treppe laufen.
Zweite Etage, Maschinengeschoss.
Hier wird rund um die Uhr nur geschuftet.
Wer nicht mehr kann der wird aussortiert.
Hier erfährt man wie Schweiß eigentlich duftet.
In der dritten Etage sind die Büros.
Da wird tagein tagaus nur geschrieben.
Vornehmlich Rechnungen möchte man meinen.
Man geht erst wenn nichts mehr liegenbeblieben.
In der vierten Etage findet man die Vollstrecker.
Die sind groß gebaut und stehen im Saft.
Die sind da um einen zu unterstützen
dass man die Bezahlung der Rechnung auch schafft.
Im fünften Stock sitzt der Aufsichtsrat.
Herren die mit Millionen jonglieren.
Und in den knapp bemessenen Pausen
mit den Fräuleins aus Stock 3 gern poussieren.
Ganz oben dann findet man den Chef.
Der hockt da schon sein ganzes Leben.
Natürlich hab ich den noch niemals gesehen.
Doch man schwor mir es soll ihn geben.
Schon aufgefallen: Nach oben ist’s lang.
Nach unten geht es viel schneller.
Und suchen Sie Gott in diesem Tempel der Macht
dann müssen wir noch in den Keller.
Blätter im Swimming-Pool
Der frühe Herbst streunt durch die stillen Gassen
ein letzter Sonnenstrahl der uns verwöhnt
dann werden wir von jener Zeit verlassen
die unsre Seelen wärmt und uns versöhnt
mit allen Lasten die wir mit uns tragen
im Winter haben sie noch mehr Gewicht
einmal sich noch der Traurigkeit entsagen
in jenem letzten warmen Sonnenlicht
und dann die graue harsche Zeit begrüßen
die uns den Widerschein der Jugend raubt
sie lässt uns lang und äußerst heftig büßen
für jeden Traum an den man noch geglaubt
Aussichten
Die Zukunft bietet reichlich Möglichkeiten
doch bleibt bis sie heranbricht ungewiss
so war und wird es sein zu allen Zeiten
der Mensch darin ist nur ein Fliegenschiss
Sein Tatendrang ist schwerlich nur zu stillen
und unaufhaltsam schreitet er voran
selbst die Natur machte er sich zu Willen
vermutlich einfach nur weil er es kann
Der Nutzen lässt sich dabei nicht bestreiten
der Fortschritt strebt stets nach Vollkommenheit
doch jede Münze hat ihre zwei Seiten
und jedes Licht hat seine Dunkelheit
Wir weigern uns die Wahrheit einzusehen:
Wir machten unsre gute Erde krank
Und wenn wir diesen Weg noch weiter gehen
dann führt er uns nur in den Untergang
Wir lassen uns von falschem Glanz verleiten
und schaufeln uns dabei das eigne Grab
irgendwann werden nicht nur Möglichkeiten
sondern die Zukunft selbst zu knapp
Mir machen nicht die Brüllenden Angst
Mir machen nicht die Brüllenden Angst
die so unnachgiebig sich zeigen
Brüllende gab es zu jeder Zeit
Angst machen mir jene die schweigen
Mir machen nicht die Extremen Angst
deren Mühlen so gnadenlos mahlen
Bei ihnen weiß man woran man ist
Mich schrecken mehr die Normalen
Mir machen nicht die Politiker Angst
Die sind so leicht zu durchschauen
Die Frage vor der mir wirklich graut, ist:
Kann ich mir selbst noch vertrauen?
Ich seh die Sonne scheiden
Ich seh die Sonne scheiden
wie alles scheiden soll
Sie sinkt zwischen die Weiden
rot und geheimnisvoll
Es drängt ihr nachzujagen
doch dies ist zu vermeiden
denn könnt man nicht entsagen
welch Sinn hätt dann das Scheiden?
Im Norden will ich sterben
Es ist noch derselbe Himmel gewiss
so grau über Weser und Elbe
und auch diese trostlose Finsternis
in mir ist noch immer dieselbe
Es ist eine karge und störrische Landschaft
die sich den Gezeiten niemals ergibt
und schlossen wir auch nur flüchtig Bekanntschaft
so ist mir doch wohl als wenn sie mich liebt
Im Süden will ich erblühen
wo die Wasser smaragdgrün sich färben
bis es Zeit für mich wird heimwärts zu ziehen
Im Norden will ich sterben
Neben dem Bahnsteig
Neben dem Bahnsteig steht eine Bank
Auf dieser Bank liegt ein Mann
Schläft er dort nur oder ist er krank?
Man sieht es ihm nicht recht an
Ist der Trunkenheit er zum Opfer gefallen?
Oder doch nur der Müdigkeit?
Würde er doch nur rülpsen und lallen
Dann wüsste man gleich Bescheid
Müsste man sich vielleicht um ihn kümmern?
Oder ruft besser gleich die Polizei?
Würde er wenigstens stöhnen und wimmern
Besser ist man geht einfach vorbei
Um am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen
dass ein Unbekannter am Bahnsteig verschied
dabei wäre er noch zu retten gewesen
Man denkt sich: Traurig was so alles geschieht
Panamakanal
Ein Dampfer schippert langsam
der Sonne hinterher
ein Mann läuft übers Deck
nervös von kreuz nach quer
Zwei Fotos in der Tasche
von Anna und Max Schmeling
und er zerreißt das erste
und kotzt über die Reling
Denn hier im Panamakanal
ist Anna ihm total egal
und ist er erst auf hoher See
dann tut es auch nicht weiter weh
weil er dort sicher schnell vergisst
dass er sie eigentlich vermisst
Er kippt einen Gin Tonic
wälzt sich im Liegestuhl
und mustern ihn die Ladys
dann lächelt er ganz cool
Und später im Kasino
sagt er zum Steuermann
dass er in solchen Nächten
nie ruhig schlafen kann
Doch hier im Panamakanal
ist Anna ihm total egal
und ist er erst auf hoher See
dann tut es auch nicht weiter weh
weil er dort sicher schnell vergisst
dass er sie eigentlich vermisst
Ach Anna - denkt er - schönes Kind
du weißt ja nicht wie Männer sind
und würdest sicher sonst was glauben
beim Anblick meiner feuchten Augen
und dabei tränen sie doch nur vom Wind
Denn hier im Panamakanal
ist Anna ihm total egal
und ist er erst auf hoher See
dann tut es auch nicht weiter weh
weil er dort sicher schnell vergisst
dass er sie eigentlich vermisst
Der Pianist
Er spielt jeden Abend die Finger sich wund.
Für große Biere und kleine Gage.
Seine Lungen sind nicht sehr gesund.
Er wohnt über der Garage.
Zum Komponieren ist es dort zu eng.
Er hört die Vermieter oft zanken.
Von unten riecht der Diesel sehr streng.
Er komponiert nur in Gedanken.
Seine Symphonien wären große Kunst.
Doch niemand wird sie je hören.
Sein Publikum erweist ihm keine Gunst.
Ihm ist stets als würde er stören.
Der Wirt sagt oft: Nimm es nicht so schwer.
Du sollst nichts weiter als klimpern.
Wegen der Musik kommt niemand her.
Man sucht hier nur jemand zum pimpern.
Dame auf der Chaussee
Eine Dame in hohen Schuhen
stöckelte auf der Chaussee
Ihr Mund mochte nicht ruhen
Ihre Füße taten ihr weh
Sie kannte so viele Geschichten
manche davon waren wahr
Die muss man doch wohl berichten
Jawohl, Madame, sonnenklar
Auf Chausseen geht manches verloren
Mal ist es ein Herz, mal ein Wort
Die Nacht hat meist taube Ohren
aber ich, ich laufe nicht fort
Mir kann man alles erzählen
mit dem Gefühl ich hörte auch hin
auch wenn mir selbst die Worte oft fehlen
doch das hat durchaus seinen Sinn
Um Anteilnahme zu zeigen
genügt bisweilen ein Blick
und wer geübt ist im Schweigen
dem gibt’s das Leben doppelt zurück
Betrachtung einer stillen Liebe
Er liebt sie von Herzen
er liebt sie mit Schmerzen
er liebt sie nur aus der Ferne
man sieht sich oft
und er hat gehofft
sie hätte ihn irgendwie gerne
Er hebt den Hut – sie senkt den Blick
und später schauen sie schüchtern zurück
verschämt, verträumt und verstohlen:
Können wir das noch mal wiederholen?
Sie liebt ihn im Stillen
doch mit festem Willen
sie liebt ihn nur aus der Ferne
und wenn sie sich nicht mühen
werden sie bald verglühen
dann sind sie erloschene Sterne
Er hebt den Hut – sie senkt den Blick
und später schauen sie schüchtern zurück
verschämt, verträumt und verstohlen:
Können wir das noch mal wiederholen?
Charmeur der alten Schule
Er gilt als ein Charmeur der alten Schule.
Und sein Benehmen ist stets einwandfrei.
Er liebt Marie, das Klärchen und die Jule.
Und außerdem manch andre nebenbei.
Er kredenzt Champagner und betört mit Rosen.
Und wenn er lächelt geht die Sonne auf.
Dezent ergeht er sich in großen Posen
und lässt den Dingen leichthin ihren Lauf.
Ihm fliegen Herzen zu wie Schmetterlinge.
Er ist im Fangen mehr als nur geübt.
Und rutscht ihm doch mal eine durch die Schlinge
ist er nicht lang und sonderlich betrübt.
Er ist ein Playboy und ein Lebemann
der tut was er am besten kann.
Und das ist – mal galant umschrieben -
Einfach lieben
Er gilt als ein Jongleur der süßen Worte.
Und auch als Inbegriff der Männlichkeit.
Mit ihm erreicht man unbekannte Orte.
Und wenn ihm etwas fehlt ist es nur Zeit.
Er kann nie lang bei einer Liebe bleiben.
Und doch macht er niemals so wirklich Schluss.
Er lässt sich einfach immer weiter treiben.
So heiß und flüchtig wie ein Sommerkuss.
Man kann nicht anders als ihm zu verfallen.
Und es ist Zauberei und nicht Betrug.
Denn nach wie vor gehört er ihnen allen
und man bekommt von ihm niemals genug.
Er ist ein Playboy und ein Lebemann
der tut was er am besten kann.
Und das ist – mal galant umschrieben -
Einfach lieben
Das Buch
Du sagst du kannst in mir lesen
wie in einem offenen Buch
du sagst du erkennst mein Wesen
- netter Versuch
Du beurteilst ein Buch nach dem Umschlag
obwohl du den Inhalt nicht kennst
und wunderst dich wenn du dir dann
beim Öffnen die Finger verbrennst
Und ob du am Ende nun bleibst oder gehst
ich hoffe du lerntest:
Nicht jedes Buch dass du liest
ist auch eines das du verstehst
Aristokraten der Lüfte
Sie segeln unter dem Zirkusdach
- von unten gesehn klein wie Flöhe –
und drehen sich ein- zwei und tausendfach
um sich selbst in schwindelnder Höhe
als würden sie in einem fort
versuchen die Sterne zu greifen
sie gleiten dort wie im Akkord
und fliegen durch flammende Reifen
Es staunt derweil auf den Plätzen
ungläubig das Publikum
beim Versuch die Höhe zu schätzen
vor Furcht und Ehrfurcht recht stumm
denn wär das Dach nicht vorhanden
das sie dort begrenzt und hält
würden sie wohl nie mehr landen
sondern flögen hinaus in die Welt
Irgendetwas braucht es schon
Irgendetwas braucht es schon
um nicht zu verzagen
in der Welt aus Spott und Hohn
in den dunklen Tagen
wo man Menschlichkeit nicht sieht
hinter der Fassade
dort wo wer die Strippen zieht
hart und ohne Gnade
da wo man die Wahrheit scheut
festhält an der Illusion
grade dort und grade heut
braucht es irgendetwas schon
sei es nur ein kleines Wort
oder ein Gesicht
egal wie dunkel auch der Ort
die Liebe bleibt das Licht
Nach der Allee
Sie schlenderten Hand in Hand
durch eine grüne Allee
und sie wussten am Ende stand
eine Bank an einem See
Die eignete sich zum fabulieren
und auch zu Ohrenknabberei
gewiss würde keiner von ihnen frieren
und der Sommer war noch nicht vorbei
Er war für die Liebe ein wenig zu nüchtern
sie hatte Schmetterlinge im Bauch
und so fragte sie ihn kokett-schüchtern:
Sag mir Liebster spürst du das auch?
Er spürte kein Ziehen in seinen Lenden
und auch kein Flattern in seinem Bauch
doch um die Peinlichkeit zu beenden
hauchte er schamlos: Ich spür es auch
Süßwassermatrosen
Steuerbord, Backbord, Luv oder Lee
sind ihm wie die Westentasche vertraut
schließlich fuhr er Jahre zur See
und er hat windgegerbte Haut
mein Freund der alte Kapitän
und er lüftet stets seinen Südwester
immer wenn wir uns wiedersehn
in Altona zu Silvester
Man hat mit ihm jedes Mal sehr viel Spaß
der macht sich nicht bei Sturm in die Hosen
und beschimpft die anderen nach dem zehnten Glas:
Ihr seid nur Süßwassermatrosen
Wenn man uns dann aus der Kneipe schmeißt
- und das macht man jedes Jahr wieder -
hat er längst vergessen wie er heißt
und singt unanständige Lieder
und kommen wir an ein Blumenbeet
dann pinkelt er auf die Rosen
und lallt gutgelaunt und aufgedreht:
B-B-Blumen pflanzen nur Süßwassermatrosen