Weiteste Ferne

 

Manchmal braucht es weiteste Fernen

einander kennen zu lernen

alles was ich dann in dir sehe

ist unsichtbar aus der Nähe

 

 

 

 

 Morgensonne

 

Wenn sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen

als ob sie schon des Frühlings Boten sind

und sich das Grün bewegt an dürren Zweigen

geweckt durch einen frühen warmen Wind

 

beginnt das Land vom Winter sich zu scheiden

und zeigt sich bald in seinem schönsten Kleid

die Blüten schmiegen farbenfroh und seiden

sich an die Ahnung einer lichten Zeit

 

 

 

 

 Mein unbekannter Opa

 

Mein unbekannter Opa

vermisst seit Stalingrad

niemand kann mir noch sagen

war er von meiner Art

ein Tunichtgut, ein Träumer

ein Trinker, ein Poet

man kann sich vieles denken

man fragt halt nur zu spät

 

Ich kenn ihn nur von Fotos

ich seh sie mir oft an

und würde gerne wissen

was war das für ein Mann

Er hat ein helles Lächeln

und schönes blondes Haar

die Frauen fanden ihn

ganz sicher wunderbar

 

Was dachte er von Hitler

was hat ihn ausgemacht

wie hat er seine Jugend

in diesem Land verbracht

Wie oft musste er töten

was tat der Krieg ihm an

wie ist er wohl gestorben

dieser unbekannte Mann

 

 

 

 

 Schleusen und Geschlechtsverkehr

 

Schleusen und Geschlechtsverkehr

unterscheiden sich nicht sehr

Es ist ein Heben und Senken

Komisch:  An Schleusen muss ich nie denken

 

 

 

 

 Ich könnte in der Zwischenzeit….

 

Da haben wir uns jetzt endlich gefunden

doch du bist nicht frei und ich bin gebunden

also stehen wir nun so treu wie Soldaten

und warten… und warten… und warten

 

Ich könnte in der Zwischenzeit

mal ein paar Bücher lesen

ich könnte auch nach Salzburg fahrn

da war ich nie gewesen

Ich könnte Wäsche waschen

ich könnte Snickers essen

nur eines kann ich nicht

Ich kann dich nicht vergessen

 

Ich könnte in der Zwischenzeit

nach alten Freunden sehen

ich könnte Zigaretten drehn

oder ins Kino gehen

Ich könnte etwas turnen

oder Idioten kränken

nur eines kann ich nicht

Ich kann nicht nicht an dich denken

 

Ich könnte in der Zwischenzeit

Ulli beim Schach besiegen

ich könnte mir ein Skateboard leihn

und auf die Schnauze fliegen

Ich könnte Nudeln kochen

und sie anschließend sieben

nur eines kann ich nicht

Ich kann dich nicht nicht lieben

 

Da haben wir uns jetzt endlich gefunden

und nutzlos vergehen die Tage, die Stunden

wir warten… wir warten… wir warten…

wer braucht schon treue Soldaten?

 

 

 

 

 An einer Grenze

 

An einer Grenze stehen zwei Soldaten.

Die wissen beide nicht worauf sie warten.

 

Nur dass man sich nicht besser kennt

weil sie täglich der Grenzstrich trennt.

 

Und dass sie es vermutlich nicht genießen

müssten sie eines Tages sich erschießen.

 

 

 

 

 Herbst des Lebens

 

Schon trennt sich das Laub von den Bäumen

und der Nordwind schleicht heulend ums Haus

Um von besseren Tagen zu träumen

reicht mein Optimismus nicht aus

 

Der ist ohnehin damit beschäftigt

nicht ganz vor die Hunde zu gehn

Wenn er das einmal nicht mehr bekräftigt

weiß Gott, ich könnt ihn verstehn

 

Man trägt viel zu schwer an den Jahren

die man mit sich selbst zugebracht

und so gut auch einige waren

der schlechten wird öfter gedacht

 

Und während die Blätter verwehen

nimmt die Zeit unbeirrt ihren Lauf

Ich würd weiterhin meinen Mann stehen

doch sie fordert mich dazu nicht mehr auf

 

 

 

 

 Goodbye Peter P.

 

Käm Peter Pan zu mir heut Nacht

ich hätt das Fenster aufgemacht

fiele mir auch das Fliegen schwer

denn ich bin längst kein Junge mehr

 

Ein letztes Mal ins Nimmerland

zwei wilde Kinder, Hand in Hand

doch er bemerkte sicher bald

ich bin für seinen Traum zu alt

 

Welch Urteil er auch immer fällt

ich bin kein Teil mehr seiner Welt

vielleicht spürt er es von alleine

doch ich gehör auch nicht mehr in meine

 

 

 

 

 Alle Macht dem Volk

 

Meine Wasserwerferheldin

meine Widerstandsgenossin

auf der Demo vor dem Rathaus

stehst du pitsche-patsch begossen

und dein T-Shirt klebt am Körper

du schreist ganz laut "Love and peace"

ich steh da und brülle mit dir

denn ich finde dich so süß

 

Alle Macht dem Volk

deshalb sind wir hier

alle Macht dem Volk

und deine Liebe mir

 

Du willst dich dem Staat verweigern

und das find ich auch okay

aber ich bin nicht sehr staatlich

nur verliebt - und das tut weh

Denn du möchtest mich zwar aufklärn

aber leider nur politisch

doch ich will so gern was andres

doch selbst da zeigst du dich kritisch

 

Alle Macht dem Volk

deshalb sind wir hier

alle Macht dem Volk

und deine Liebe mir

 

Du schwenkst wild deine Plakate

damit sie die Wahrheit wissen

und ich halte eines hoch

darauf steht "Ich will dich küssen"

 

Alle Macht dem Volk

deshalb sind wir hier

alle Macht dem Volk

und deine Liebe mir

 

 

 

 

 Andacht

 

Ein weites Feld. Wie dein Gesicht.

Dahinter Asche. Oder Licht.

Und Gottes Flugblatt wirbt beredt

für einen Plan der Glück verspricht.

 

Die Glocke schlägt.

Zu Boden mich.

So klingt es

Dein: Ich liebe Dich

 

Hat mich gebeugt.

Mein krummer Gang

ist Zeichen dafür.

Gott hab Dank.

 

Doch das was mich am Leben hielt

habe ich Dir nur vorgespielt.

 

 

 

 

 Man will ja nicht drüber reden

 

Haben Sie schon gehört?

Nun sagen Sie schon.

Warum sagen Sie nichts?

Sagen Sie doch einen Ton!

 

Also die Maria, die von der Krause

Sie glauben es nicht, die geht auf dem Strich

Deshalb ist sie nachts so selten zu Hause

Wen das was angeht? Na, mich!

 

 

 

 

 Neulich im Treppenhaus

 

Der Marquardt wurde gefeuert.

Es lag sicher am Alkohol.

Er sei schuldlos, hat er beteuert

doch bei dem war mir nie ganz wohl.

 

Der hat nach jungen Dingern geschaut.

Und sich nur selten rasiert.

Des Nachts war es bei ihm immer laut.

Da ist bestimmt sonst was passiert.

 

Vielleicht eine satanische Messe.

Kein Wunder dass er jetzt büßt.

Der zog immer eine Fresse.

Und hat nie gegrüßt.

 

Hab gleich dem Vermieter berichtet..

Das ist Nachbarschaft. Man kümmert sich.

Wenn Gott über den Marquard nicht richtet

dann ich.

 

 

 

 

 Bitte reden Sie jetzt!

 

Wir rücken noch eben die Stühle

Sie werden derweil schon geschminkt

In zehn Minuten gibt es falsche Gefühle

und die Nation wird gelinkt

 

Halten Sie bitte die Hand Ihrer Frau

das schafft beim Wähler Vertrauen

und vermeiden Sie wenn es geht

direkt in die Linse zu schauen

 

Das wirkt pressegeil

das wollen wir doch nicht

man sieht auch so Ihr Gesicht

 

Verdrahtet, verkabelt, vernetzt :

Bitte reden Sie jetzt!

 

Sprechen Sie deutlich und langsam

und vermeiden Sie bloß Synonyme

keine Angst vor dem Publikum – es bleibt stumm

das sind für Sie Anonyme

 

Streicheln Sie bitte mal eben Ihr Kind

das bringt garantiert ein paar Stimmen

und betonen Sie laut und klar

stets gegen den Strom zu schwimmen

 

Das wirkt entschlossen

und das wollen wir doch

dann kriecht man Ihnen noch lieber ins Loch

 

Verdrahtet, verkabelt, vernetzt:

Bitte lügen Sie jetzt!

 

 

 

 

 Angeschwemmt

 

Man kann am Strand so manches finden

das angeschwemmt kam mit der Flut

bei der nächsten wird’s vielleicht verschwinden

wie Strandgut das recht häufig tut

 

Manchmal ist es ein Autoreifen

ein andres Mal ein alter Schuh

man kann sie ansehn, kann sie greifen

und lohnt es sich dann greift man zu

 

Die Flaschen die dort häufig liegen

muschelbedeckt in Schlick und Sand

kann man in seinen Händen wiegen

mit Hoffnung auf das Flaschenpfand

 

Botschaften bringen sie nur selten

und mir ist wirklich nicht bekannt

dass jemand schrieb: „Gott wird’s vergelten

rettest Du mich von Helgoland“

 

Mitunter findet man auch Leichen

und stellt dann mit Erstaunen fest

dass sie den Lebenden nicht gleichen

(oft fehlt von ihnen auch ein Rest)

 

Manches beginnt oft aufzutauchen

dort wo einstmals ein Schiff in Not

doch vieles kann man nicht gebrauchen

wie beispielsweise Möwenkot

 

Doch ist nicht alles angeschwemmt

denn manche Dinge hat stattdessen

- wie ich neulich mein neues Hemd –

ein Mensch einfach am Strand vergessen

 

 

 

 

 Heimliche Verlobte

 

Du probierst gerne Brautkleider an

ich spiele den nicht existierenden Mann

wenn dein Vater das wüsste – er hätte getobt

es ist als wären wir heimlich verlobt

 

Ich schieß Fotos von dir wie ein williger Depp

die schickst du deinen Freundinnen per WhatsApp

und wirst von ihnen für deine Wahl sehr gelobt

es ist als wären wir heimlich verlobt

 

Mir fällt vieles ein was ich dir nicht gesteh

wenn ich dich ganz in Weiß so vor mir seh

es ist als hätten wir die Zukunft geprobt

und wären da wirklich verlobt

 

 

 

 

 Engel und Dämonen

 

Ich hab Engel und Dämonen gesehn

und mit beiden gerungen

zwei Seiten – und ich konnte beide verstehn

und blieb dennoch unbezwungen

 

 

 

 

 Bodyguard

 

Er ist ein Junge aus dem Kiez

hat manchen Unfug ausgefressen

war mit den Fäusten schnell dabei

und hat im Jugendknast gesessen

 

Jetzt steuert er ne Limousine

und sein Jackett ist ausgebeult

und er kennt jedes Hinterzimmer

wo man des Bären Fell verteilt

 

Er schützt den Arsch eines andren

auf seine ganz besondre Art

erst schlägt er zu, dann stellt er Fragen

Bodyguard

Er räumt den Dreck weg von der Straße

das Leben machte ihn früh hart

und niemals stellt er dumme Fragen

Bodyguard

 

Sein Boss ist eine große Nummer

hat Dreck am Stecken, Geld wie Heu

er mimt den Biedermann nach außen

aber das ist nicht wirklich neu

 

Er kennt die Macher in der Wirtschaft

die Spitzen in der Politik

und zieht im Hintergrund die Fäden

vor ihm da kuscht die Republik

 

Klar so ein Mann hat viele Feinde

und auch wenn er keinem vertraut

braucht er den Jungen aus dem Kiez doch

denn der schützt selbstlos seine Haut

 

Er schützt den Arsch eines andren

auf seine ganz besondre Art

erst schlägt er zu, dann stellt er Fragen

Bodyguard

Er räumt den Dreck weg von der Straße

das Leben machte ihn früh hart

und niemals stellt er dumme Fragen

Bodyguard

 

Heut lief der Job mal etwas anders

der Boss war auf ner Konferenz

sagte: Fahr meine Frau zum Shoppen

und gib gut Acht auf den Benz

Personenschutz ist so ne Sache

die Lady nahm es zu genau

sie sagte: Zeig mir deine Wumme

dann blies sie ihm den Himmel blau

 

Später da hörten sie im Radio

von einer wüsten Schießerei

sein Boss sang längst schon mit den Engeln

und er nahm sich ne Zeit lang frei

 

 

 

 

 Bedenken

 

Antworten die wir suchen

sind meist in uns selbst verborgen

so dass eine gute Chance besteht

dass wir sie finden – heut oder morgen

 

Und dass wir uns bis es soweit ist

noch etwas Bedenkzeit schenken

erklärt sich durch das Wort ja schon selbst

Wir haben starke Bedenken

 

Bedenken eine Antwort zu suchen

Bedenken ob sie uns gefällt

wir bestehen nur aus Bedenken

so wie auch der Rest dieser Welt

 

 

 

 

 Anspruchslose Liebschaft

 

Sie ist eine farblose Liebschaft

und nicht sehr anspruchsvoll

Was immer er sagt, was immer er tut

sie findet es einfach toll

 

Ihr fällt nicht ein sich je zu beklagen

wenn er nach dem Geschlechtsakt nach Hause geht

Er sagt dann niemals: „Ich habe Dich lieb“

Er sagt immer nur: „Es ist schon spät“

 

Sie könnte etwas Besseres finden

Das ist es was ihre Freundin ihr sagt

Sie hat auch schon darüber nachgedacht

und die Entscheidung doch immer vertagt

 

Zum Glück wurde ihr die dann abgenommen

auch wenn sie nun ungläubig blickt

weil der Mann an den sie ihr Herz verlor

nicht mehr sie sondern ihre Freundin fickt

 

 

 

 

 Grenzstadt

 

Hier haben sie einst eine Mauer gezogen

und die Stadt in zwei Hälften geteilt

beide wurden um die Zukunft betrogen

es bleibt eine Narbe die nie ganz verheilt

 

Inzwischen ist die Mauer verschwunden

zusammenwachsen soll was zusammen gehört

als wäre alles einfach so überwunden

solche Phrasen haben mich schon immer gestört

 

Die Landkarten sind inzwischen berichtigt

doch keiner versteht welche Regeln jetzt gelten

und wenn man die Stadt heute besichtigt

dann sieht man noch immer: Zwei Welten

 

 

 

 

 Hausfrauenart

 

Wir speisten gediegen im „Alten Fritz“

und bestellen uns Blaue Forelle

da schlug etwas ein und zwar der Blitz

und grillte selbige auf die Schnelle

 

Als der Ober dann mit der Rechnung erscheint

kratzt er sich verlegen den Bart

was dort steht ist wohl keinesfalls ernst gemeint :

Forelle auf Hausfrauenart

 

 

 

 

 Die Nebensächlichkeit

 

Eine Nebensächlichkeit

klopfte an und suchte Streit

es gab keinen Grund dafür

doch ich öffnete die Tür

 

Und während wir zwei uns maßen

dabei fast den Streit vergaßen

fühlten wir uns für Sekunden

sehr verbunden

 

Sie sagte: „Es tut mir leid

ich stehle Dir nur die Zeit

Du bist in Deiner Einsamkeit

auch nur ne Nebensächlichkeit“

 

 

 

 

 Der nicht vorhandene Wal

 

Da sitzt ein Mann

auf der Bank am Kanal

und staunt ins Wasser

als würde ein Wal

dort Kapriolen

vollführen

zum Beispiel mit der Flosse

sein Maul berühren

 

Doch dort ist kein Wal

kein Maul, keine Flosse

weshalb also staunt

dieser Zeitgenosse

nun schon seit Stunden

in den Kanal

Ehrlich gesagt:

Ist mir egal

 

 

 

 

 Wenn gute Vorsätze Kinder bekommen

 

Wenn gute Vorsätze Kinder bekommen

- was leider viel zu häufig passiert -

frage ich mich wer so blöd ist

und diese Bälger dann adoptiert

 

 

 

 

 Es lebte ein Kind auf den Dächern

 

Es lebte ein Kind auf den Dächern

den allerhöchsten der Stadt

es kannte nicht Durst und nicht Hunger –

Luft und Regen machten es satt

 

Ohne Eltern und Namen und Sprache

hat es auf die Menschen geschaut

es war eins mit sich selbst in der Höhe

der Sonne und dem Wind anvertraut

 

Und niemand erblickte es jemals

wenn es nachts über die Dächer sprang

um die Sterne am Himmel zu fangen

mit wortlosem Gesang

 

Es lebte ein Kind auf den Dächern

und die Menschen schienen so klein

in den lauten Straßen dort unten

Teil anderer Welten zu sein

 

Doch es fühlte sich trotz seiner Neugier

ihnen nicht im geringsten verwandt

und so hielt es sich sorgsam verborgen

damit niemand es jemals fand

 

Bei Nacht kam der Mond manchmal näher

und führte es mit seinem Licht

sicher über die steinernen Gärten

und verriet es den Menschen nicht

 

Es lebte ein Kind auf den Dächern

und weil kein Mensch es je sah

wäre es durchaus möglich

es ist noch da

 

 

 

 Tadelnde Vögel

 

Ihr tadelnden Vögel im Apfelbaum

ich dachte mein Sein das kümmert euch kaum

doch mittlerweile hab ich kapiert

dass ihr mein Tagewerk kontrolliert

 

Gelingen mir keine brauchbaren Zeilen

übt auch ihr euch im trägen Verweilen

erschaff ich jedoch ein schönes Gedicht

schämt ihr des Flügelschlagens euch nicht

 

Doch es gibt auch Tage da mag ich nicht schreiben

da verfallt ihr in ein schamloses Treiben

macht bösartig und wütend Radau

ich durchschau euch tadelnde Vögel genau

 

 

 

 

 Nebelmorgen

 

Der Nebelmorgen frisst die Farben

Lichter mühen sich durch das Grau

In dürren Bäumen hängen Raben

und laben sich am Morgentau

 

Der dumpfe Schleier legt sich nieder

über dem tristen Häusermeer

und so wie jeden Morgen wieder

fällt jeder Schritt darunter schwer

 

Egal wie forsch man sucht zu schreiten

man leidet an seinem Gewicht

sehnt sich nach nebellosen Zeiten

und einer Spur von Sonnenlicht

 

 

 

 

 Mondblind

 

Null Uhr dreißig, beinah Winter

und ich sitze hier und frier

denn ich weiß ein andrer Mann

ist heute Nacht bei ihr

Du kommst raus, setzt dich zu mir

auf die kalten Kellerstufen

und wir hören wie die Engel

nach verlorenen Seelen rufen

 

Du fragst mich ob ich traurig wär

und ich lüg so gut ich kann

doch du siehst mit deinen sechzehn Jahren

mir schon alle Lügen an

 

Ich bin mondblind, Kind

und das ist nicht weiter schlimm

wenn du noch ein wenig hier bleibst

kriege ich das sicher hin

Ich bin mondblind, Kind

ich würd dir das gern ersparen

doch du wirst das kennenlernen

mit den Jahren

 

Ein Uhr zwanzig und schon Winter

du sitzt immer noch bei mir

und ich habe fast vergessen

was ich fühl und wie ich frier

Du hältst meine Hand in deiner

und ich streichel dein Gesicht

wir hören die Engel rufen

Kommt und tretet in das Licht

 

Du fragst mich ob ich einsam wär

und ich lüg so gut ich kann

doch du siehst mit deinen sechzehn Jahren

mir schon alle Lügen an

 

Ich bin mondblind, Kind

und das ist nicht weiter schlimm

wenn du noch ein wenig hier bleibst

kriege ich das sicher hin

Ich bin mondblind, Kind

ich würd dir das gern ersparen

doch du wirst das kennenlernen

mit den Jahren

 

Ich bin mondblind, Kind

doch halt meinen Schmerz verborgen

denn du hilfst mir durch die Nacht

und danach folgt ein neuer Morgen

 

 

 

 

 Am Tag als ich zu atmen vergaß

 

Rasenmäher rasten um die Wette

Kinder fielen aus so manchem Baum

und das Glück war eine Silhouette

die jemand vergaß in meinem Traum

 

Rosensträucher sehnten sich nach Regen

Eisverkäufer strömten in die Stadt

Skater kollidierten auf den Wegen

und schlugen sich ihre Nasen platt

 

Am Tag als ich zu atmen

am Tag als ich zu atmen

am Tag als ich zu atmen vergaß

 

Schwiegermütter stürzten sich in Scheren

Uhren ignorierten Pflicht und Zeit

aus den Zirkussen flohen die Bären

und machten sich in den Straßen breit

 

Schlagersänger übten sich im Schweigen

eine Katze küsste eine Maus

Politessen tanzten einen Reigen

und zogen sich ihre Blusen aus

 

Am Tag als ich zu atmen

am Tag als ich zu atmen

am Tag als ich zu atmen vergaß

 

Am Tag als ich zu atmen

am Tag als ich zu atmen

am Tag als ich für immer zu atmen vergaß

 

 

 

 

 Frühlingsfest

 

Das ganze Dorf hat sich herausgeputzt

und die Landpomeranzen

denen man zu früh die Flügel gestutzt

träumen wieder von großen Romanzen

 

Sie binden sich bunte Schleifen ins Haar

und schnüren die engen Mieder

Der Frühling kommt und wie in jedem Jahr

kehrt die Sehnsucht mit ihm wieder

 

Die Lampions schwingen hin und her

und der Tanzboden bebt

Die Musikanten bemühen sich sehr

und manch Freundschaft wird wiederbelebt

 

Einer den man grad noch als Bub gekannt

ist inzwischen ein stattlicher Mann

schüchtern greift man nach seiner Hand

und sieht ganz verlegen ihn an

 

Wenn die Eltern grad mal nicht schauen

und der Moment günstig ist

flüstert man ihm zu, ganz im Vertrauen:

„Ich sag es keinem wenn du mich jetzt küsst“

 

 

 

 

 Doping in der Tierwelt

 

Ein Glühwürmchen sah einen Leuchtturm

der da stand in finsterer Nacht

und dachte: Da kann man mal sehen

was Anabolika aus einem macht

 

 

 

 

 Graceland nonstop

 

Meine Sorgen sind meistens ausgedacht

deine dagegen sind hausgemacht

wir sind ein seltsames Paar in einer seltsamen Zeit

mehr Micky & Minnie als Bonnie & Clyde

 

Von dir könnten zehn Therapeuten lang existieren

doch neun davon würden die Fassung verlieren

ich therapiere mich selbst mit Massen von Sprit

die meisten Leute kriegen davon nichts mit

 

Wie Ahab auf der Jagd nach Moby Dick

sind wir auf einem höllischen Trip

es heißt nur: Hopp oder top

Wie Ahab auf der Jagd nach dem Weißen Wal

ist uns alles andere scheißegal

Graceland nonstop

 

Der King wird seit Ewigkeiten vermisst

wir wissen trotzdem dass er noch lebendig ist

er sitzt vor einem Bildschirm und flucht

weil keiner mehr wirklich nach ihm sucht

 

Aber wenn Jim Morrison und John Lennon

am Wochenende mal bei ihm pennen

haben sie fast so viel Spaß wie wir

und John sagt: Zum Glück ist Paul jetzt nicht hier

 

Wie Ahab auf der Jagd nach Moby Dick

sind wir auf einem höllischen Trip

es heißt nur: Hopp oder top

Wie Ahab auf der Jagd nach dem Weißen Wal

ist uns alles andere scheißegal

Graceland nonstop

 

Graceland, wir kommen, mach dich schon bereit

du kannst darauf wetten: Das ist unsere Zeit

Graceland, wir kommen, dein Ruf ist nachhaltig

Graceland, wir kommen, wir kommen gewaltig

 

 

 

 

 Die Eiche

 

Es steht eine Eiche vor meinem Haus

die hat niemals Blätter getragen

bei Nacht sieht sie wie der Sensenmann aus

und der Wind singt schaurige Klagen

 

Klettert ein Kind in den knorrigen Zweigen

scheint es totengleich zu erbleichen

eingehüllt in ein trauriges Schweigen

fühlt es sein Leben entweichen

 

Ob wohl alle Eichen so sind?

Grausame alte Gespenster?

Ich fürchte den kalten spottenden Wind

und schließe fröstelnd das Fenster

 

 

 

 

 Studentenschicksal

 

Er war noch jung und er kam vom Lande.

Da war es immer äußerst familiär.

Das ist nun wirklich keine große Schande.

Der Großstadt mangelt es daran doch sehr.

 

Die Mieten waren einfach unerschwinglich.

Da gab es keinen Kniff und keinen Dreh.

Der Wohnungswunsch jedoch war mehr als dringlich.

Am Schwarzen Brett stand : Platz in der WG

 

So hat er also nun sein eignes Zimmer.

Der Raum darin jedoch ist mehr als knapp.

Das oft besetzte Klo findet er schlimmer.

Drei Tage in der Woche wäscht er ab.

 

Man speist im Stehen meist und aus der Dose.

Und vor dem Fenster sieht man häufig Dunst.

Für Medizin gibt es eine Prognose.

Und die ist schlecht. Also studiert er Kunst.

 

Er würde gern expressionistisch malen.

Doch auf dem Stundenplan steht leider : Akt.

Der Schock haut ihn beinah aus den Sandalen :

Eine Kommilitonin macht sich nackt.

 

Entsetzt ob solcher üblen Schweinerei

verschwendet er nicht weiter Zeit und Mühe.

Er fährt nach Haus und fühlt sich wieder frei.

Er malt nicht mehr. Er melkt jetzt lieber Kühe.

 

 

 

 

 Pfarrer Wagenknecht zum Gedenken

 

Am Sonntag sprach Pfarrer Wagenknecht

von Sitte und von Moral

am Montag jedoch – man staunte nicht schlecht –

traf man ihn im Lokal

 

Er zeigte sich – wenn auch nicht beschämt –

so doch unvermindert weise:

„Es lohnt sich Freunde, wenn ihr hier einen nehmt

Montags gibt es halbe Preise“

 

Nun ist er tot und an seinem Grab

weinte heute die halbe Stadt

ich hoffe er bekommt - weil er Montag verstarb -

für die Reise einen Rabatt

 

 

 

 

 Der Mond und ich

 

Man kann behaupten dass wir uns verstehen

der Mond und ich – und das seit langer Zeit

wir kamen rum und haben viel gesehen

und trotzdem kamen wir nicht wirklich weit

 

Wir wissen nur zu gut wo wir uns finden

uns beiden ist ein fester Platz bestimmt

auch wenn wir zwischendurch mal kurz verschwinden

wissen wir welchen Weg der andre nimmt

 

Man kann behaupten dass wir uns verstehen

der Mond und ich – wir sind vom gleichen Schlag

so rastlos wir durch unsre Nächte gehen

so unscheinbar sind wir am hellen Tag

 

 

 

 

 Erinnerung

 

Einst schritt ich in Gedanken versunken

an einer fernen Küste dahin

von der Schönheit des Tages fast trunken

kam mir nur fröhliches in den Sinn

 

Mir fiel es nicht schwer zu bekennen

dass mein Blick manch göttliches fand

es ließ sich so einfach benennen:

Himmel und Meer und Gräser und Sand

 

Dieser Platz lud ein zum Verweilen

frei von jeglicher weltlichen Pein

ließ die Wunden des Heimwehs verheilen

und mich einen Moment lang zufrieden sein

 

 

 

 

 Ischariot

 

Ich habe nur geliebt wie Menschen lieben

und labte mich an deiner Herrlichkeit

jedoch ist mir kein Wort, kein Trost verblieben

mein Handel schuf nichts als Vergeblichkeit

 

Vertrauensvoll war ich zu dir gekommen

voll Demut senkte ich vor dir mein Haupt

doch als du das Gericht auf dich genommen

verrietst du alles woran ich geglaubt

 

Ich habe nur geliebt wie Menschen lieben

und hielt fest an dem Wissen das ich fand

jedoch ist mir kein Wort, kein Trost verblieben

und alles starb was uns einst eng verband

 

An jenem Abend sprach zu mir dein Schweigen

als ich zum letzten Kuss die Stirn dir bot

anstatt den Spöttern deine Macht zu zeigen

wähltest du für mich die Schuld, für dich den Tod

 

 

 

 

 Das Ministerium

 

Auf dem Hügel verblichener Gebeine

steht ein Haus (noch in einem Gerüst)

kahle, glatte, kühle, graue Steine

das von weitem gut zu sehen ist

 

Die Eröffnung zieht sich noch für Wochen

doch es herrscht schon Leben in dem Haus

Menschen strömen dort ununterbrochen

zu jeder Tageszeit hinein, hinaus

 

Es ist ein Mysterium

das Ministerium

willst du es ergründen

lässt man dich verschwinden

 

Drum herum vier Türme und viel Wachen

und ein dichter Zaun aus Stacheldraht

keiner weiß was die dahinter machen

doch an Sicherheit wurd nicht gespart

 

Da sind Kameras und auch Bewegungsmelder

niemand kommt dort unbemerkt hinein

vielleicht plant man auch noch Minenfelder

abwegig scheint mir das nicht zu sein

 

Es ist ein Mysterium

das Ministerium

willst du es ergründen

lässt man dich verschwinden

 

Auf dem Parkplatz kreuzen Panzerwagen

und ein Hubschrauber steht auf dem Dach

Leute die hier wohnen hört man sagen :

Nachts werden wir oft von Schreien wach

 

Es bleibt ein Mysterium

das Ministerium

 

 

 

 

 Mach mich mal halblang

 

Ich hab die Weisheit mit Löffeln gefressen

und hab ich den Löffel zufällig vergessen

steck ich die Nase in den Honigtopf

und steig mir selber zu Kopf

 

Ich hab zu allem etwas beizutragen

wenn du was nicht weißt dann kannst du mich fragen

und willst du nichts wissen dann sag ich’s trotzdem

- das ist mein Problem

 

Mach mich mal halblang

sonst hebe ich ab

von mir selbst berauscht

und flieg über die Stadt

Mach mich mal halblang

mach mich mal halblang

mach mich mal halblang

und das nicht zu knapp

 

Wenn du mich nicht ab und zu runterholst

und mir sprichwörtlich den Hintern versohlst

dann bliebe ich abgehoben

und hätte mich längst verflogen

 

Mach mich mal halblang

sonst hebe ich ab

von mir selbst berauscht

und flieg über die Stadt

Mach mich mal halblang

mach mich mal halblang

mach mich mal halblang

und das nicht zu knapp

 

Mach mich mal halblang

und stutz mich zurecht

sonst wachs ich wie Unkraut

über mich hinaus – das wär schlecht

 

 

 

 

 Der blinde Maler

 

Er fühlt den Stoff der Leinwand

und streicht mit seiner Hand

über die dünnen Risse

auf dem vertrauten Land

Ein Land aus Krieg und Liebe

ewig im Dämmerlicht

und er spürt die Verzweiflung

die aus den Farben spricht

 

Der Pinsel zieht die Linien

so unbeschreiblich fein

und er taucht in den Strudel

aus Kunst und Chaos ein

Ein Muster seiner Sehnsucht

das wie ein erster Kuss

das Werk vor der Vollendung

segnen und schützen muss

 

Er fühlt den Stoff der Leinwand

und wie ein stummer Schrei

setzt dieses Beieinander

Gefühle in ihm frei

Er lässt sich davon leiten

und seine Wut zerbricht

der blinde Maler weiß

sein Bild besteht aus Licht

 

 

 

 

 Beziehungsstatus: Astronaut

 

In unsren Augen ewiger Winter

wir stehn bis zum Hals im Schnee

und kommen langsam dahinter

Nähe tut uns nur noch weh

 

Wir haben uns nichts mehr zu sagen

doch das sagen wir mit Bedacht

wir liegen uns schwer im Magen

und haben das Glück längst zerdacht

 

Wir fallen in brennende Betten

verlieren uns Haut an Haut

wir sind nicht mehr zu retten

Beziehungsstatus: Astronaut

 

Wir haben uns weit verflogen

es gibt kein sicheres Haus

die Zukunft ist nur erlogen

und der Himmel sieht traurig aus

 

Der Plan nach dem wir uns richten

richtet uns nur zugrunde

und wenn die Nebel sich lichten

gehen wir vor die Hunde

 

Wir fallen in brennende Betten

verlieren uns Haut an Haut

wir sind nicht mehr zu retten

Beziehungsstatus: Astronaut

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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