Nichts Besonderes

 

Herr F. der sich jüngst erschossen

stand heute in meinem Büro

so dass gleich die Tränen mir flossen:

„Herrje, was bin ich doch froh

Sie unversehrt vor mir zu sehen

und das in vortrefflicher Blüte

aber, Gott, Sie müssen nicht stehen,

setzen Sie sich….meine Güte“

 

Herr F.. der sich jüngst erschossen

sah mich recht verärgert an

und murmelte sehr verdrossen

sein Tod gehe mich gar nichts an

Der wäre nämlich genaugenommen

nur seine Privatangelegenheit

er wär nur aus Gewohnheit vorbeigekommen

und hätte eigentlich gar keine Zeit

 

Ich sagte: „Dann husch, zurück in die Erde

oder gehen Sie meinetwegen nach Haus

bevor ich jetzt vielleicht ausfallend werde

werfe ich Sie doch lieber hinaus“

Und während Herr F. durch die Wand verschwand

ohne mich noch einmal zu grüßen

- was ich ausgesprochen unhöflich fand -

beschloss ich mich besser nie zu erschießen

 

 

 

 

 Träume sind Schäume

 

Würd ich dich mir träumen

wie du gar nicht bist

würd ich all das versäumen

was an dir wirklich ist

 

 

 

 

 Spaziergang im Zoo

 

Der Sommer ist mal wieder überfällig.

Und trotzdem schlüpft man in ein Sommerkleid.

Das kommt grad aus dem Sack und ist noch wellig.

Fürs Bügeln fehlte leider doch die Zeit.

 

Der Gatte, der das Unheil sofort wittert

sieht alles andre nur nicht glücklich aus.

Auch seine Sommerhose ist zerknittert.

So geht man doch bitte nicht aus dem Haus.

 

Es lohnt sich nicht mit einer Frau zu streiten.

Sie sagt ganz einfach „Basta“ oder „Schluss“.

Jemand muss schließlich die Geschicke leiten.

So steigt man also grimmig in den Bus.

 

Am Eingang wartet schon die erste Schlange.

Bis man nach vorne kommt fällt sicher Schnee.

Es dauert schließlich doch nicht ganz so lange.

Der Mann entrichtet fluchend das Entree.

 

Die Kinder schreien freudig nach den Affen.

Die Eltern folgen weil man sie wüst zieht.

Der Mann denkt, während alle andren gaffen:

Es gibt nicht wirklich einen Unterschied.

 

Er würde jetzt gerne was Kühles trinken.

Und späht nach rechts, nach links und gradeaus.

Die Kinder wollen erst noch Pfauen winken.

Und anschließend ins Elefantenhaus.

 

Man läuft herum für circa sieben Stunden.

Und hört nur „Wuff“ und „Waff“ und „Mäh“ und „Muh“.

Dann hat man endlich ein Café gefunden.

Doch jemand sagt: „Wir machen grade zu.“

 

So trollt man sich dem Ausgang dann entgegen.

Und grüßt noch immer jedes dumme Tier.

So mancher der dort trottet auf den Wegen

denkt wie der Mann: Warum bleib ich nicht hier?

 

 

 

 

 Sowohl als auch

 

Ali bringt den Giftmüll in die Wälder

ist schon klar, der Boss zahlt wirklich gut

Ali hat vier Kinder in der Heimat

und am Abend spuckt er immer Blut

 

Tina tanzt wieder ganz eng mit Stella

wollen wissen wen ich heute brauch

Gott, was soll ein Mann dazu schon sagen

außer nur: Sowohl als auch

 

Jemand der das liest könnte wohl fragen:

„Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun“

und dann würde ich wahrscheinlich sagen:

„Dirty Dancing“ ist ein Remake von „High Noon”

 

Das verstünden nur die Abgedrehten

schön dass es davon so viele gibt

Ali kotzt jetzt ständig bei der Chemo

und ich bin froh dass mich noch jemand liebt

 

Es gibt Dinge die will niemand wissen

es gibt Dinge die will jeder tun

„Dirty Dancing“ ist totale Kacke

und es gibt bessre Western als „High Noon“

 

Ali wüsste sicher mehr als einen

zum Beispiel „Spiel mir das Lied vom Tod“

Tina ist dabei sich zu befummeln

Stella macht für uns das Abendbrot

 

Später liegen wir dann auf dem Sofa

ich bin satt, aber mir schmerzt der Bauch

fühl ich mich nun scheiße oder super

ich denk mal: Sowohl als auch

 

 

 

 

 Totenschein

 

Eingetroffen einst im Mai

Reanimation vergebens

Ab sofort wieder frei

Verstorben an den Folgen des Lebens

 

 

 

 

 Verlorene Ausblicke

 

So steht man also da und ist verloren.

Man zieht den Mantel aus und löscht das Licht.

Man gibt der Trauer wild bewegt die Sporen.

Bevor man still in sich zusammenbricht.

 

Und es erscheinen Fenster in den Wänden.

Durch die blickt man in eine fremde Welt

Es gälte irgendetwas zu beenden.

Man denkt darüber nach. Man denkt und fällt.

 

Es droht der Kopf zu platzen in der Enge.

All die Gedanken sind nur ein Geflecht.

Man zieht die Fragen endlos in die Länge.

Man fühlt nichts mehr. Und fühlte sich gern schlecht.

 

Dann steht man auf und wähnt sich neu geboren.

Und spült sich mit dem Morgen aus dem Haus.

Dabei ist man noch immer sehr verloren.

Man weiß es nicht. Nur so hält man es aus.

 

 

 

 

 Zwei

 

Sie sitzen sich gegenüber

und teilen ein ratloses Schweigen

dabei würden sie doch viel lieber

Gefühle und solchen Quatsch zeigen

 

Sie hat einen Frosch in der Kehle

Er ist der Frosch den sie nie küsst

Keine Ahnung warum ich das erzähle

Vielleicht weil es so traurig ist

 

Sie pieksen in ihren Kuchen

und wahren vollendet den Schein

Sie sollten besser versuchen

mal unvollkommen zu sein

 

 

 

 

 Atem der Nacht

 

Mein Blick malt für dich

einen Himmel aus Stein

und mein Herz ruft dir zu :

Bitte fall doch hinein

Es ist hart was wir tun

es ist hart was wir sind

der Traumakrobat

und das fliegende Kind

 

Da sind Feuergefühle

doch nirgends ein Halt

und die Liebe steht da

wie ne Schattengestalt

 

Der Atem der Nacht

trägt unsre Gedanken

wir fliegen - wir fallen

wir laufen - wir wanken

auf Brücken der Angst

mal kalt und mal sacht

von uns fort - zu uns hin

im Atem der Nacht

 

Dein Mund formt für mich

einen Himmel aus Schnee

und dein Herz ruft mir zu :

Bitte tu mir nicht weh

Es ist hart was wir tun

es ist hart was wir sind

der Traumakrobat

und das fliegende Kind

 

Da sind Sturmwolkenträume

und nirgends ein Licht

und die Liebe steht rum

wie ein trauriger Wicht

 

Der Atem der Nacht

trägt unsre Gedanken

wir fliegen - wir fallen

wir laufen - wir schwanken

auf Brücken der Angst

mal kalt und mal sacht

von uns fort - zu uns hin

im Atem der Nacht

 

Die Liebe steht da

macht ein dummes Gesicht

und ich hab manchmal Angst

sie findet uns nicht

 

 

 

 

 Bogarts Schatten

 

Ein hochgeschlagner Kragen

verbirgt ein Augenpaar

das in der Finsternis

lang auf der Suche war

Im Nebel ein Geheimnis

das an den Nerven nagt

als eine fremde Stimme

mein Herz nach Feuer fragt

 

Im Trenchcoat bin ich sicher

er wurd für mich gemacht

ich trage Bogarts Schatten

durch die Dezembernacht

Im Trenchcoat bin ich sicher

dein Blick hat mir vertraut

und nun küsst Bogarts Schatten

behutsam deine Haut

 

Mein Lachen war gestohlen

und deines war aus Eis

man zahlt für alle Lügen

am Ende seinen Preis

Wir spielen doch nur Rollen

und pokern mit der Zeit

geschützt durch unsre Masken

und fern der Wirklichkeit

 

Im Trenchcoat bin ich sicher

er wurd für mich gemacht

ich trage Bogarts Schatten

durch die Dezembernacht

Im Trenchcoat bin ich sicher

dein Blick hat mir vertraut

und nun küsst Bogarts Schatten

behutsam deine Haut

 

Hast Du vielleicht erwartet

dass man dein Herz nie bricht

ach ja du kennst die Liebe

doch mich - mich kennst du nicht

 

Im Trenchcoat bin ich sicher

er wurd für mich gemacht

ich trage Bogarts Schatten

durch die Dezembernacht

Im Trenchcoat bin ich sicher

dein Blick hat mir vertraut

und nun brennt Bogarts Schatten

auf deiner kalten Haut

 

 

 

 

 Unworte zur Mittagszeit

 

Sie saßen in einem Hotel in Wien

sich bei Kerzenlicht gegenüber

obgleich die Sonne draußen schwer bemüht schien

doch Kerzenlicht mag man halt lieber

 

Sie wollte partout vegetarisch dinieren

dies erschien ihm bösartig und dreist

denn er wollte lieber das Schnitzel probieren

(also wenn man nach Wien schon reist)

 

So gerieten sie sich lauthals in die Haare

(von denen er kaum noch welche hatte)

Sie philosophierte über magere Jahre

grad als sei der Streit eine Debatte

 

Er empfand sie – wie schon oftmals zuvor –

als ausgesprochen peinlich

und flüsterte ihr ungehalten ins Ohr:

„Weib, sei doch nicht immer so kleinlich“

 

Da stand sie auf und ging einfach hinaus

und spazierte drei Stunden im Prater

Er probierte mit Genuss das Schnitzel aus

und dachte: Was für ein Theater

 

 

 

 

 Schlafendes Kind

 

So süß von kindlichen Träumen belogen

- die Finger zu kleinen Fäustchen gebogen -

lag es da selig und schlief

egal wie laut die Mutter auch rief

 

Mutter, was soll das dumme Geschrei?

Tage eilen zu hastig vorbei

Mag das Kind doch die Schule versäumen

Es hat Besseres in seinen Träumen

 

 

 

 

 Verständigungsschwierigkeiten

 

Mein Kumpel Kuddel, ein schlichtes Gemüt

den es zur See oder zur nächsten Kneipe zieht

stand vor eben einer solchen bei Nacht

ich stand neben ihm und wir haben gelacht

 

Da kam so ein feiner Piefke daher

er lief ziemlich hurtig und atmete schwer

und sprach zu Kuddel: „Du, Seemann, sag schnell

wo finde ich hier das nächste Bordell?“

 

Da stand er nun also, der suchende Mann

und Kuddel schaute ihn nur ratlos an

darum klärte ich die Lage dann lieber:

„Das Etablissement ist gleich gegenüber“

 

Als der Mann ohne Dank darin verschwand

sah ich dass Kuddel auch endlich verstand

herzlich gab er mir einen Knuff:

„Sagt doch gleich ihr redet vom Puff“

 

 

 

 

 Türen

 

Du hast in mir viel mehr gesehn

als ein fälliges Versprechen

wie also käme ich dazu

dir nun das Herz zu brechen?

 

Du hast mir deine Hand gereicht

und über mich gewacht

du hast aus diesem dummen Mann

etwas besseres gemacht

 

Liebte ich dich nicht ohnehin

liebte ich dich dafür

wo vorher eine Mauer war

da ist jetzt eine Tür

 

Aber weißt du was mir seitdem

nun ständig Angst bereitet?

Türen sind sinnlos

wenn niemand sie durchschreitet

 

 

 

 

 Was soll dieser Quatsch? Das ist Braunschweig

 

Ein junger schwer verliebter Mann

schmachtet seine Erwählte an

im Eiscafé vor zwanzig Leuten

das sollte ihr etwas bedeuten

 

Ganz langsam sinkt er auf die Knie

und zitiert schöne Poesie

doch statt der Holden schmilzt das Eis

und sie sagt: „Mensch, lass doch den Scheiß

 

Was soll dieser Quatsch? Das ist Braunschweig

Hier kann man nicht träumen, nur sterben

und so mies wie ich grade drauf bin

solltest du nicht um mich werben“

 

Da sieht der arme junge Mann

sein Objekt der Begierde an

und stottert wie verliebt er sei

aber ihr ist das einerlei

 

Ich finde sie zwar sonderbar

aber ihr Standpunkt ist mir klar

und wäre mir sowas passiert

dann hätte ich sie wohl zitiert

 

„Was soll dieser Quatsch? Das ist Braunschweig

Hier kann man nicht träumen, nur sterben

und so mies wie ich grade drauf bin

solltest du nicht um mich werben“

 

 

 

 

 Springen

 

Da stehst du nun und der Tag schließt sein blutendes Auge

in deiner Tasche klimpert das Kleingeld sich wach

du streitest um diesen Platz mit einer Taube

und der Himmel ist flach.....viel zu flach

 

Auf dem Asphalt der klebrige Glanz kalter Sterne

eine Pfütze aus Cola und Regen sprudelt empor

du spürst den Wind und in dir ist nur noch Ferne

und dein Blut pocht im Ohr

 

Und du fragst dich nur eins:

Wirst du es heut endlich bringen

Sieh nicht zurück – geh nach vorn

du musst springen

springen

......springen

 

Da stehst du nun und die Nacht lacht dir hämische Lieder

in deinem Magen bricht eine Pizza entzwei

und ganz leis sagst du es dir immer wieder :

Es ist gar nichts dabei.....nichts dabei

 

Auf dem Asphalt der einsame Rest toter Sterne

eine Pfütze aus Regen und Cola trocknet schon aus

du nimmst den Wind und vor dir ist nur noch Ferne

und der Schatten vom Haus

 

Und du denkst nur noch eins :

Endlich werd ich es bringen

seh nicht zurück – geh nach vorn

ich werd springen

springen

......springen

 

 

 

 

 Angenehm ist anders

 

Es ist so heiß dass das Bier

in den Gläsern verdampft

Ich bin zu nüchtern und deshalb

grad völlig verkrampft

angenehm, angenehm ist anders

 

Da sind Mädchen die schwafeln

und Männer die schweigen

und Kellner die einen Anflug

von Selbstmitleid zeigen

angenehm, angenehm ist anders

 

Rechts eine Demo dafür

links eine dagegen

dazwischen Polizisten

die ihre Schlagstöcke heben

angenehm, angenehm ist anders

 

Am tiefblauen Himmel

schwebt ein Ballon

mit einer Werbebotschaft

gelangweilt davon

angenehm, angenehm ist anders

 

Der Tag schleicht sich langsam

der Abend naht träge

und die Stadtreinigung

besprüht die trockenen Wege

angenehm ist ganz anders

 

 

 

 

 Dein, mein, unser

 

Über das Innenleben von Außenministern

ist mir so gut wie gar nichts bekannt

doch dreht sich mir der Magen jedes Mal um

wenn so einer sagt: „Mein Land“

 

 

 

 

 Binnenhäfen

 

Ich hab das Herz eines Seemanns

Das weiß ich seit langer Zeit

Ich schnürte oft mein Bündel

doch kam niemals sehr weit

 

Ich hab all die Schiffe im Hafen

bei ihren Namen gekannt

doch sie fuhren nie auf die See raus

Sie kreuzten nur auf Flüssen durchs Land

 

Sie hielten an unzähligen Schleusen

und das Ufer war immer in Sicht

Binnenhäfen sind Orte

an denen das Herz eines Seemanns zerbricht

 

 

 

 

 Siebenmeilenstiefel

 

Mit Siebenmeilenstiefeln hastet

die Zeit davon, eilt sich so sehr

dass auf uns die Gewissheit lastet

man kommt ihr kaum noch hinterher

 

Die Sommer werden immer kälter

die Winter dauern viel zu lang

wir werden zwischen ihnen älter

das ist nun mal des Lebens Gang

 

Des Menschen Weg führt von der Wiege

zielstrebig hin in Richtung Grab

so lang ich darin noch nicht liege

tröstet mich sehr dass ich dich hab

 

Die langen Jahre die wir teilten

haben mich dankbarer gemacht

denn wenn wir beieinander weilten

schreckten mich weder Tag noch Nacht

 

Dem Kommenden seh ich entgegen

und fürchte mich dabei doch nicht

schließlich leuchtet auf allen Wegen

unser Liebe treues Licht

 

                Für Regine

 

 

 

 Lauer Wind auf Promenaden

 

Der Wind fängt Sommerkleider.

So viele er nur kann.

Man könnte deshalb denken

der Wind wäre ein Mann.

 

Doch fliegen sie nicht hoch genug.

Welch eine schwache Lunge.

Der Wind wäre wohl gern ein Mann.

Doch pustet wie ein Junge.

 

 

 

 

 Herrenlose Hüte

 

Herrenlose Hüte

hatten einen Club gegründet

Jeder Hut war dort willkommen

wenn sein Herr verschwindet

 

Das wirkte etwas kopflos

und nicht sehr durchdacht

weil man ja grundsätzlich

Hüte für Herren macht

 

Man wählte einen Vorstand

und legte Regeln fest

und wünschte sich dann heftig

Kriege, Cholera und Pest

 

Und schon nach ein paar Jahren

war kaum noch Platz im Haus

Man wies undeutsche Hüte

deshalb umgehend aus

 

 

 

 

 Forscher

 

Die Theorie ist uns die meiste Zeit

zu öde, zu mühsam, zu trocken

die Welt ist schließlich unglaublich weit

und vermag uns vortrefflich zu locken

 

Uns hält nichts an Universitäten

uns rufen die Dschungel und Meere

wir träumen ständig von fremden Planeten

und basteln unsre eigene Lehre

 

Wir wollen sein wo niemand je war

wir wollen das Weltall entwirren

wir trotzen tapfer jeder Gefahr

vor allem der dass wir uns irren

 

 

 

 

 Die Schatten schlafender Engel

 

Der Wettermann sagt es ist kalt hier draußen

und heut Nacht fällt der erste Schnee

ich denke an dein verlorenes Lächeln

als ich von der U-Bahn nach Hause geh

Ein paar Tauben hocken auf einem Mercedes

und in Hassans Döner-Bude brennt Licht

wahrscheinlich rief er mir grad etwas zu

doch ich bin in Gedanken und höre ihn nicht

 

Die Spätvorstellung im Kino ist aus

im Park joggt jemand mit seinem Hund

ich schlag den Kragen meiner Jacke hoch

und spür den Geschmack von Rauch im Mund

 

Ich denk an dich und weiß ich darf dich nicht lieben

ich will weiter nichts als dich wiederzusehn

ich wünschte du wärst etwas länger geblieben

um mit mir am Rad des Schicksals zu drehn

Mir scheint die Zeit wäre eingefroren

ich hör in der Ferne die Glocken läuten

und frage mich so allein und verloren

was die Schatten schlafender Engel bedeuten

 

Der Mond drängt sich durch wirbelnde Wolken

Willi macht sein Nachtquartier unter der Brücke

Lola steht da im knappen Rock

und zwei Taxen streiten sich um eine Lücke

Am Bretterzaun künden die Plakate

die Stones wären im März wieder in der Stadt

eine schwarze Katze blickt mir in die Augen

und fragt sich wer von uns es wohl schwerer hat

 

An Trudes Imbiss riecht es nach Curry

drei Flachmänner prosten mir grinsend zu

im Hausflur kommt mir jemand entgegen

und ich frage mich warum bist das nicht du?

 

Ich denk an dich und weiß ich darf dich nicht lieben

ich will weiter nichts als dich wiederzusehn

ich wünschte du wärst etwas länger geblieben

um mit mir am Rad des Schicksals zu drehn

Mir scheint die Zeit wäre eingefroren

ich hör in der Ferne die Glocken läuten

und frage mich so allein und verloren

was die Schatten schlafender Engel bedeuten

 

 

 

 

 Diese Tasten

 

Jeder Idiot tippt schneller als ich

und ich lieg nach vier Whisky unter dem Tisch

deshalb trink ich nur Bier

und ansonsten ist niemand hier

 

Dafür ist es inzwischen zu spät

ich hab nur noch dieses Alphabet

auf der versifften Tastatur

nachts um drei Uhr

 

Das ist die Zeit um sich zu entscheiden

wie sehr kann man sich selber noch leiden

auf Dauer hält das keiner aus

selbst von den Sternen gibt es keinen Applaus

 

Man ist dabei sich die Kante zu geben

und in so einer Nacht schreibt man um sein Leben

ich hab viele davon durchlebt

keinen Schimmer wie man das erträgt

 

Ich glaub es liegt nur an den Tasten

über die meine Finger grad hasten

so schnell ich das eben kann

und der Rest geht keinen was an

 

 

 

 Ein Haus aus Schmerz gebaut

 

Ich setzte mich ins Auto und bin losgefahren

auf der Flucht vor all den verlorenen Jahren

ich sah nicht zurück, doch kam nicht wirklich weit

wir alle sind Gefangene unserer Zeit

 

Sie stand allein bei Nacht am Straßenrand

ich fuhr zwar ziemlich schnell aber sie hob die Hand

draußen wars lausig kalt und es begann zu schnein

deshalb hielt ich an und sagte: Komm schon rein

 

Sie roch nach Hasch, nach Jugend und nach Freiheit

ich las in ihrem Blick so etwas wie: „Mein Beileid“

und war erstaunt wie schnell man mich durchschaut

vielleicht kennt sie ja auch ein Haus aus Schmerz gebaut

 

Ich dachte, ganz egal was sie auch immer fragt

ich habe heut den Mut und hätte ja gesagt

und würde sie nur sagen: „Bitte halt nicht an“

fahr ich so weit die Nacht uns jetzt noch bringen kann

 

Sie sagte: „Ich weiß genau woran du jetzt denkst

wie leicht du dich an einen neuen Traum verschenkst

aber du kannst mir glauben ich bring keinem Glück

also lass mich hier raus, dreh um und fahr zurück“

 

Ich tat was sie verlangte, denn mir war schon klar

dass dies kein Ausweg und auch keine Chance war

denn letztlich kann niemand aus seiner Haut

und ich fuhr heim in dieses Haus aus Schmerz gebaut

 

 

 

 Kummer

 

Kummer ist wie ein Feuer

langsam wird er verglühen

und dann naht bald ein neuer

man muss sich darum gar nicht bemühen

 

 

 

 

 

 

 

 Rück zur Seite

 

Rück zur Seite, Zeit. Du bliebst schon viel zu lang.

Ich würde dich jetzt gern von hinten sehen.

Nimm die Beine in die Hand. Nimm einfach deinen Gang.

Du sollst verschwinden. Oder auch nur vergehen.

 

Die Alten haben dich heraufbeschworen.

Wir anderen haben an dir gekrankt.

Uns ging so vieles wegen dir verloren.

Also erwarte nicht dass man dir dankt.

 

Mach dich vom Acker, Zeit. Und such das Weite.

Du warst uns alles andre als ein Schatz.

Wir standen niemals auf der gleichen Seite.

Darum mach einer besseren nun Platz.

 

 

 

 

 Mehr als einen Grund

 

Musstest dich von mir entfernen

gab dir mehr als einen Grund

und jetzt heul ich zu den Sternen

wie ein ausgesetzter Hund

 

Tröste mich bei Nacht, am Tage

recht verwegen in Lokalen

wo ich Fremden alles sage

um im Mitleid mich zu aalen

 

Ja, ich saufe mir die Nacht blond

und die Erde wieder rund

und es gibt für mein Verhalten

mehr als einen guten Grund

 

Musstest dich von mir befreien

unser Glück war ungesund

und es gibt nichts zu verzeihen

denkt dein Herz und sagt mein Mund

 

Tröste mich bei Nacht, am Tage

mit sehr zweifelhaften Frauen

wenn ich nach dem Namen frage

schafft das Nähe und Vertrauen

 

Ja, ich saufe mir die Nacht blond

und die Erde wieder schön

es gibt mehr als einen Grund

an dir nicht zugrunde zu gehn

 

 

 

 

 Nahe Hackescher Markt

 

In den Höfen stapeln sich Touristen

und es riecht wieder verdammt nach Kunst

Abseits tummeln sich ein paar Rassisten

und pöbeln sich wütend in den Dunst

 

Eine Malerin ordnet die Schilder

in der furchtbar schicken Galerie

Zwar kauft niemand jemals ihre Bilder

doch sie erntet reichlich Sympathie

 

Nebenan da kann man wieder speisen

wie man es im Osten früher tat

und der Wirt erklärt zwei müden Greisen

weshalb er an den Gewürzen spart

 

Zwei auf jung getrimmte Bordsteinschwalben

wildern etwas abseits vom Revier

dafür machen sie’s für einen Halben

und die Inflation sagt Dank dafür

 

Straßensänger fleddern Brel und Dylan

Jemand uriniert in die Natur

Jugendliche üben sich im Chillen

und der Schneemann ist wieder auf Tour

 

Wachend hängt der Mond über den Schloten

und bewahrt dabei den Überblick

Längst gleichen die Lebenden den Toten

und der Mond verlangt sein Licht zurück

 

 

 

 

 Nacht, oh Nacht

 

Nacht, oh Nacht, vernimm mein Klagen

einsam geht die Zeit dahin

lass mich deinen Mantel tragen

dass ich Teil der Sterne bin

 

Nacht, oh Nacht, auf deinen Schwingen

will ich gleiten fern dem Licht

losgelöst von allen Dingen

wo kein Wort das Schweigen bricht

 

Nacht, oh Nacht, lass mich vergehen

führ mich in dein dunkles Reich

vermagst du denn nicht zu sehen

Nacht, oh Nacht – wir sind uns gleich

 

 

 

 

 Elektrische Krankheit

 

Ich sah ihn bei Viva

mit Schaum vor dem Maul

er nannte sich Diva

dabei heißt er Paul

hat Pickel wie Krater

in seinem Gesicht

doch im Video - seltsam -

da sieht man das nicht

 

Die elektrische Krankheit

hat alle gepackt

man steht unter Strom

und fühlt sich halbnackt

denn das Spotlight

ist ein hungriges Messer

wenn es dich benutzt

geht es dir besser

 

Ich traf ihn im Kempinski

er zahlte mit Scheck

hatte Pickel wie Krater

und sah schnell weg

Sein Bodyguard

verriet mir den Grund:

Man legt ihm die Worte

druckreif in den Mund

 

Die elektrische Krankheit

hat alle gepackt

man schwimmt mit dem Strom

und wird abgewrackt

denn das Spotlight

ist ein modisches Tier

wenn du nicht mehr „in“ bist

will es nichts mehr von dir

 

 

 

 Ihr hattet ihn einmal geliebt

 

Ihr hattet ihn einmal geliebt

das war vor langer Zeit

denn er war ein Versprechen

auf die Ewigkeit

 

Er trug eure Last

und gab euch Lebensmut

ihr hattet ihn einmal geliebt

es endete nicht gut

 

Ihr hattet ihn einmal geliebt

doch das ist lange her

er gab euch Trost und Zuversicht

und noch so vieles mehr

 

Er heilte eure Kranken

und brach mit euch das Brot

ihr hattet ihn einmal geliebt

nun ist er tot

 

Ihr hattet ihn einmal geliebt

das war vor langer Zeit

denn er wies euch die Richtung

er gab euch Sicherheit

 

Er ist für euch gestorben

das ist schon lange her

ihr hattet ihn einmal geliebt

nun liebt ihr ihn nicht mehr

 

 

 

 

 Flieg mit den Raben

 

Flieg mit den Raben

flieg mit den Raben

Weißt du nicht dass Raben

reine Seelen haben?

 

Steig mit den Raben

mach dich auf mein Kind

Steig mit den Raben

und reite den Wind

 

Flieg mit den Raben

flieg mit den Raben

Lass dich himmelwärts

zu bessren Orten tragen

 

Flieg mit den Raben

flieg mit den Raben

Weißt du nicht dass Raben

reine Seelen haben?

 

 

 

 

 Gästebuch

 

An manchem Urlaubsdomizil

- davon gab‘s in den Jahren viel -

erblickte ich - gleich einem Fluch -

so ein verdammtes Gästebuch

 

Vom Gastgeber sehr gern gesehn

sollen darin nette Worte stehn

und so reimten schon Hinz und Kunz

absurden Plunz

 

Man schrieb wie höchst erfreut man sei

dass man sein weiches Frühstücksei

mit einem Löffel löffeln kann

(als tät man das nur dann und wann)

 

Man rühmte Wetter, Bett und Bad

und Air und Flair der nahen Stadt

und dass die Sonne morgens winkt

und abends dann wieder versinkt

 

Man schrieb so manchen Blödsinn nieder

(ein jeder schrieb er käm gern wieder)

das einzige was ich verstand

war ein Klecks gemalt von Kinderhand

 

Doch wirkt das Teil wie ein Magnet

(drum besah ich es von früh bis spät)

mir juckte es in jedem Finger

(ich hasse die verfluchten Dinger)

 

Auch ich ließ eine Botschaft hier

ich schrieb sie auf das Klopapier:

Ich möchte dankbar sagen

Mein Arsch schätzt die drei Lagen

 

 

 

 Blüten

 

Es zeigen sich die Farben wilder Blüten

dem Wanderer der in die Heide blickt

und ohne dass sie sich darum bemühten

haben sie seine Sinne sehr verzückt

 

Ach, wie sie da so knospen, wie sie sprießen

ein Liebreiz wie er keinen gleichen kennt

wenn Farben zögernd ineinander fließen

bevor ein Windhauch sie dann wieder trennt

 

Wie gern lässt er sich doch bei ihnen nieder

und wird ein Teil von ihrem Farbenspiel

er findet längst Vergessenes dort wieder

und ihn durchströmt ein zärtliches Gefühl

 

In ihrer Schlichtheit dennoch so vollkommen

bieten sie ohne Scheu sich immer dar

er fühlt manch schwere Last von sich genommen

und er verfällt dem Zauber ganz und gar

 

 

 

 

So lang die Liebe zu mir spricht

 

So lang die Liebe zu mir spricht

widme ich ihr manches Gedicht

Erst wenn sie sich mir nicht mehr zeigt

bleib ich dem Schreiben abgeneigt

 

 

 

 

 Traum vom Aufstand der Klofrauen

 

Der Staatssekretär in der Vorabendsendung

sprach: Dies ist eine Zeit der Verblendung

darum geht in die Kirche, kauft Nussbaummöbel

zahlt Steuern, zeugt Kinder und schießt auf den Pöbel

 

Und in jeder Zeitung konnte man lesen

Schuld am Krieg sind die andern gewesen

Ich träumte vom grenzenlosen Vertrauen

in weißgekleidete duftende Frauen

 

die sprachen bei der Arbeit kein einziges Wort

und spülten die Scheiße für immer fort

Und am Morgen hab ich es groß in der Zeitung gefunden:

Der Staatssekretär ist leider verschwunden

 

 

 

 

 Leichentücher

 

Bring Leichentücher, Vater

wir brauchen noch viel mehr

Es blieb nicht sehr viel übrig

von unsrem stolzen Heer

 

Gemetzelt faulen Körper

im scharfen Totenwind

die fest darauf vertrauten

dass sie die Schlachter sind

 

Nun sind die großen Mäuler

für alle Zeiten stumm

Wer mit dem Schwert lebt, Vater

kommt durch das Schwert auch um

 

Bring Leichentücher, Mutter

hier liegt unsre Armee

Es ist das Blut der Schuldigen

in dem ich knietief steh

 

Es rotten ihre Knochen

dort wo man fiel und sank

ist nicht viel mehr geblieben

als wesender Gestank

 

Bringt noch mehr Leichentücher

Manchen erkenn ich wieder

Auf diesem Feld des Todes

liegen auch meine Brüder

 

 

 

 

 Ich und Malte Matuschek

 

Ich und Malte Matuschek

hauten vierzehn Whisky weg

am fünfzehnten hab ich genippt

da war Malte schon umgekippt

 

 

 

 Ich tu es doch auch für dich

 

Mama ich muss los

draußen steht der LKW

Zupf mir nicht am Kragen

das tut richtig weh

Ja, ich hab ganz sicher

warme Socken eingepackt

auch den Zahnputzbecher

nein, ich dusch nicht nackt

 

Siehst du dort den Großen?

Das ist mein General

der weiß was da los ist

der war da schon mal

Kein Grund sich zu fürchten

er gibt auf mich acht

er weißt wie man schießt

und wie man Betten macht

 

Ich tu es doch auch für dich

unser aller Freiheit verteidigen

und zu fragen warum grade wir

würde alle beleidigen

 

Ich tu es doch auch für dich

es hat bestimmt Sinn und Zweck

denn wenn dem nicht so wäre

müssten wir doch nicht weg

 

Mama, du kannst mir glauben

der Einsatz ist humanitärer Natur

und die Handgranaten

sind zur Sicherheit nur

Wir müssen bestimmt nicht schießen

doch wenn wär es kein Problem

irgendjemand wird uns schon sagen

wann und auf wen

 

Siehst du dort den Großen?

Das ist mein General

Er sagt wir wären jetzt Männer

und der Feind könne uns mal

Die haben doch nicht einmal Laser

die schießen da drüben mit Schrot

was soll mir da schon passieren?

Mama, ich lache mich tot

 

Ich tu es doch auch für dich

wir verstehn was von diesen Sachen

dafür wurden wir doch trainiert

irgendjemand muss es schließlich machen

 

Ich tu es doch auch für dich

sie sagen ich sei ein Held

ich tu es doch auch für dich

für Deutschland und die freie Welt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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