Blöde Schweiz
Das höchste Gebot der Schweiz
war immer schon Neutralität
Man kümmert sich nicht darum
was in der Welt vor sich geht
egal wer da auch immer
was auch immer treibt
solange es nur außerhalb
der Landesgrenzen bleibt
Kriege? Elend? Völkermord?
Alles völlig egal
Ich sag euch was, liebe Schweizer:
Nur Feiglinge sind neutral
Der Erde letzte Stund
Der Erde letzte Stund kennt nur der Himmel
der Mensch weiß nichts und es ist besser so
es herrscht hier unten schon genug Gewimmel
man wär nicht mehr in Herz und Seele froh
Man fügt sich naht- und klaglos ins Gefilde
und nimmt die Zeit als das hin was sie ist
man hofft darauf der Himmel zeige Milde
selbst wenn man ihm zu huldigen vergisst
Ich denke oft an Hanna im April
Der Mann der mich im Spiegel grüßt
ein Fremder ohne Namen
ich ahne wohl er treibt es wüst
beim Spiel und mit den Damen
Und reiche ich die Hand ihm hin
womöglich zur Versöhnung
steht ihm nach Handel noch der Sinn
und das bedarf Gewöhnung
Ich denke oft an Hanna im April
und höre meine Stimme deutlich schwören:
Ein bessrer Mensch zu sein – das ist es was ich will
drum geh ich um dein Herz nicht zu zerstören
Der Mann der mich im Spiegel misst
trägt glänzende Gewänder
wobei er schnell und gern vergisst
er ist ein Narr – ein Blender
Und biete ich die Stirn ihm dann
dem finsteren Gesellen
dann sieht er mich voll Mitleid an
und lässs sich nicht verprellen
Ich denke oft an Hanna im April
und höre meine Stimme deutlich schwören:
Ein bessrer Mensch zu sein – das ist es was ich will
drum geh ich um dein Herz nicht zu zerstören
Ich weiß nicht was sie in mir sah
beim Blick in mein Gesicht
sie ging mir immer viel zu nah
fast dass der Spiegel bricht
Ich denke oft an Hanna im April
und höre meine Stimme leise sagen:
Wieder bei dir zu sein – das ist es was ich will
doch wag ich nicht dich je danach zu fragen
Die Liebe ist kein Fertighaus
Es gibt tausend Liebeslieder
manche höre ich gern wieder
doch sie taugen nur bedingt
wenn erst mal der Alltag winkt
Dieses Lied jedoch ist ehrlich
und für Lover unentbehrlich
denn es zeigt für Krisenzeiten
weise Lösungsmöglichkeiten
Glaubt mir : Es ist nicht gelogen
Liebe ist ein Bastelbogen
wo man kittet, reißt und klebt
wenn man erst zusammenlebt
Die Liebe ist kein Fertighaus
das man mal eben so bezieht
manch Zimmer räumt man wieder aus
bevor man Zweck und Nutzen sieht
Die Liebe ist kein Fertighaus
sie bietet nur das Fundament
danach findet man selber raus
ob man das Baugewerbe kennt
Die Ballade vom Emdener Erich
In der Bar „Zur kichernden Hyäne“
traf man sich zum Spiel am Billardtisch
auf dem Boden knirschten Sägespäne
und es roch nach Bier und Qualm und Fisch
Und der Emdener Erich mit der Hakenhand
von Fremden respektlos auch Hook genannt
schwang das Queue elegant in der einen Hand
und spielte jeden anderen glatt an die Wand
Und die Auricher Rosie, ein trauriges Weib
auf der Suche nach Wärme und Zeitvertreib
schmiegte sich für alle bewusst
an des Emdener Erichs Brust
Doch wie zu erwarten brachte sie ihm kein Glück
und er stieß verärgert und grob sie zurück
weil sie soviel Haut ihm zeigte
dass er glatt das Endspiel vergeigte
In der Bar „Zur kichernden Hyäne“
rollte manche Kugel schnell ins Loch
und als sich die Rosie schmollend trollte
rief er ihr noch nach: Ich mag dich doch
Währungsunion
Mein Lieblingswort heißt Währungsunion
der Vater lehrt es früh dem Sohn
der posaunt es außer Haus
gleich frohgemut in die Welt hinaus
Und all die Hosenscheißer warten
auf Neuigkeiten im Kindergarten
da kommen sie schon:
Währungsunion! Währungsunion!
Selbst Lieschen Müller legt Konsalik zur Seite
und blickt voll Sehnsucht tränenschwer in die Weite
denn in ihrem Herzen bummert es schon:
Währungsunion!
Man hört es vom Bäcker und vom Installateur
man hört es in der Schule und beim Friseur
und jeder Chor singt mit kräftigem Ton:
Währungsunion! Währungsunion!
Frau Müller wird grade vom Nachbarn geliebt
und wundert sich dass es sowas noch gibt
ihr Mann kann das nicht, dreimal kam sie schon
und stöhnt ermattet: Währungsunion!
Mein Lieblingswort heißt Währungsunion
es ist so frei von Spott und von Hohn
es kann die Seele so herrlich befreien
besser als es zu sagen ist nur es zu schreien
Und unser Beitrag – Sie ahnen es schon -
beim nächsten Grand Prix heißt: „Währungsunion!“
Die Welt ist im Arsch
Die Welt ist im Arsch – sagte Karl –
und schien es auch so zu meinen
doch zum Glück für die Welt
Gott sei Dank nicht in seinem
Besuch vom Erbonkel.
Das ist Berlin! Die Stadt der Wunder!
Was sagt der feine Herr denn so?
Der ist wohl platt wie eine Flunder?
Und rechter Hand der Bahnhof Zoo
Augen nach vorn. Da ist das Kranzler.
Und ist man reich und prominent.
Trifft man vielleicht auch mal den Kanzler.
Zugeknöpft bis zum Oberhemd.
Und wenn wir schon von Hemden reden
dann müssen wir ins KadeWe.
Die Preise dort liegen nicht jedem.
Dem noblen Herrn tun sie nicht weh.
Und mag man sich des Nachts vergnügen
empfehle ich die Newton Bar
Sie ahnen schon, ich müsste lügen.
zu sagen dass ich dort nie war
Will man sich draller doch befassen
und sehr verschwiegen obendrein
Leben also und Leben lassen
ist Lulu sich für nichts zu fein
Nun also sind sie voll im Bilde
Nun sagen Sie doch mal ein Wort
Sind das nicht sehr schöne Gefilde?
Was sagten Sie? Sie wollen fort?
Wer nicht zur Welt kommt
Wer nicht zur Welt kommt der muss sich nicht grämen
Weiß Gott, die Welt ist wirklich voll genug
Käme man doch, müsste man sich fast schämen
Man zwängt sich einfach in den vollen Zug
Man weiß nicht, ist man denn auch zu gebrauchen
und vorgesehen in dem Weltenplan?
Anfangs kann man ja weiter nichts als krauchen
Obwohl: Mit Kriechen ist hier viel getan
Den Schöpfer und den Staat gilt es zu ehren
Als Mann zieht man deshalb oft in die Schlacht.
Die Frauen taugen einzig zum Gebären.
Seht zu, dass ihr schnell neue Helden macht.
Wer nicht zur Welt kommt hat es also besser.
Dem wird niemals irgendein Leid geschehn.
Den liefert nie ein General ans Messer.
Der muss niemals vor (s)einem Richter stehn.
Die ich im Traume treffe
Die ich im Traume treffe
die wirken sehr vertraut
und doch spür ich ein Frösteln
im Schlaf auf meiner Haut
Sie locken und sie rufen
mich fort mit süßem Ton
die Welt die sie erschufen
welch lieblich Illusion
Manchmal macht sich mein Herz
sich diese Welt zu eigen
am Morgen bleibt nur Schmerz
und unerfülltes Schweigen
Die letzte Rose des Sommers
Die letzte Rose des Sommers
mit den Augen eines Jungen erblickt
doch entschied der Verstand eines Mannes
dass man sie besser nicht pflückt
Ich war niemals reifer gewesen
und du warst niemals so frei
Ich weiß, du hast mir nie verziehen
doch unser Sommer ist lange vorbei
Du klingst in mir noch weiter
wie ein ungeschriebenes Lied
das danach trachtet ich solle bereuen
dass ich mich gegen die Liebe entschied
Luftschlösserlexikon
Jeder Arsch schreibt über Liebe
ich frag mich wem kann das gefallen
jeder Arsch, wirklich jeder
und ich bin der Größte von allen
Ich sollte mich wirklich schämen
wenn es sonst niemand für mich tut
jeder Arsch schreibt über Liebe
keiner schreibt halb so gut
Es gibt andere Themen
mir fällt nur grade keins ein
also schreib ich halt über Liebe
ich bin’s gewohnt peinlich zu sein
Wenn es um mich rappelt und zappelt
wenn es um mich flimmert und funkt
löst das immer so einen Reflex aus
und dann komm ich sofort auf den Punkt
Jeder Arsch schreibt über Liebe
Süße, das hast du nun davon
du bist mein neuester Eintrag
im Luftschlösserlexikon
Sprengelkiez damals
Robert hat neue Murmeln
Wie groß der Arsch sich jetzt fühlt
Man muss ihn überzeugen
dass er gleich gegen uns spielt
Dem knöpfen wir alle ab
Der wird heulend zur Mutter laufen
Die versohlt ihm entweder den Hintern
oder wird ihm gleich neue kaufen
Im ersten Fall darf man ihn trösten
Aber nur kurz und knapp
Im zweiten Fall knöpfen wir ihm
die Murmeln sofort wieder ab
Gottes Cabrio
Drei grell geschminkte Huren
in Gottes Cabrio
Jesus sagt: „Midlife Crisis okay
aber Alter, doch bitte nicht so
Dann doch eher ne Sintflut
oder ne Heuschreckenplage
aber ehrlich, drei Huren
und das am helllichten Tage?“
Gott sagt: „Junge was bist du vernagelt
Sintflut ist mir einerlei
ob es Blut regnet oder hagelt
geht mir am göttlichen Arsch voll vorbei
Jeder hat halt sein Kreuz zu tragen
der eine weniger, der andere mehr
und von dir lass ich mir nichts sagen
also komm mir nicht moralisch daher
Hast lang genug abgehangen
also geh mir nicht auf den Sack
geh doch den Sonnenschein fangen
mit deinem Apostel-Pack
Hab dich echt genug durchgefüttert
steh endlich auf eignen Füßen
außerdem ist dein Nachthemd zerknittert
dafür solltest du demütig büßen“
Drei grell geschminkte Huren
in Gottes Cabrio
verfolgten die Unterhaltung
und meinten. „Sei doch nicht so
Der Junge ist nicht so übel
schließlich macht er aus Wasser Wein
und dürfte er endlich mal ficken
würde er viel gechillter sein“
Der Sommer geht
Der Sommer geht als wär er nie gewesen
Von seinem schönen Bild bleibt nichts als Staub
Man geht zur Kammer und ergreift den Besen
Schon vorsorglich – bald fällt das erste Laub
Man fegt so in den Fugen und den Ritzen
als würde dort aus Gold urplötzlich Dreck
Man glaubt so manches lässt sich leicht besitzen
der Sommer jedoch läuft stets leichten Fußes
der Sommer läuft uns immer wieder weg
Der Sommer geht als wär er nie gewesen
Ihn kümmert nicht was uns danach verbleibt
Dann kann man noch in Reimen von ihm lesen
Die ein Idiot wie ich über ihn schreibt
Meine Astronauten-Braut
Sie hat wunderschöne Segelohren
kreist damit total verloren
um den Nordpol und durchs All
bis ich ihr zu Füßen fall
Ja sie liebt mein After-Shave
Esoterik und New Wave
Meine Astronauten-Braut
küßt den Mond und kichert laut
wenn ihr Blick total bekifft
mich dort wo es wehtut trifft
Meine Astronauten-Braut
ritzt mir Herzen in die Haut
hat mich rundum tätowiert
und mein Herz gleich einkassiert
Sie hat lila-grüne Funkelaugen
die mir schnell die Sinne rauben
wenn sie süß und schmollend guckt
und auf alle Spießer spuckt
Ja sie liebt mein Tropenhemd
Kuschelzeit mit open end
Meine Astronauten-Braut
küßt den Mond und kichert laut
wenn ihr Blick total bekifft
mich dort wo es wehtut trifft
Meine Astronauten-Braut
ritzt mir Herzen in die Haut
hat mich rundum tätowiert
und mein Herz gleich einkassiert
Sie sagt dass ein Zungenkuss
fünfzig Nächte dauern muss
und dass man danach ein Jahr
daran denken muss wie´s war
Emma Kwiatkowsky, 62
Sie steht bei Wind und Wetter
in ihrem kleinen Stand
und hält die meiste Zeit
eine Zange in der Hand
Sie dreht und wendet Würste
es zischt das Bratenfett
und gibt ihr jemand Trinkgeld
dann lächelt sie auch nett
Sie ist nie wirklich einsam
die Trinker kommen früh
doch macht ihr mit den Jahren
das lange Stehen Müh
Hat Rheuma und Arthrose
das linke Knie schmerzt übel
doch wenn man bei ihr Tränen sieht
schält sie grad eine Zwiebel
Zum Reichstag ist’s ein Katzensprung
Politiker kommen und gehn
und Emma Kwiatkowsky
wird alle überstehn
Aufruhr des Herzens
Ach, weiß sie wohl wie sehr ich mich verzehre
nach einem Wort, nach einem Blick, nach einem Kuss
ahnt sie wie leicht mein Herz noch einmal wäre
bevor sie es für immer brechen muss
Dorf am Rand der Alpen
Das Dorf liegt zwischen den Hügeln.
Den Aufstieg hab ich lange schon satt.
Solche Landschaften müsste man bügeln.
Dann wären sie fast norddeutsch-platt.
Es mangelte mir dann noch an Stränden.
Der Boden ließe sich entsprechend bereiten.
Man müsste, um das Werk zu vollenden,
den Atlantik nur etwas umleiten.
So ließen die Alpen sich fast ertragen.
Doch man kann sich die Mühe auch sparen
und stattdessen an Urlaubstagen
gleich nach Schleswig Holstein fahren.
Der verschobene Friedhofsgang
Gar überfällig ist schon lang
wieder einmal der Friedhofsgang
und ich gestehe, ich bereue
dass ich ihn stets auf Neue scheue
Grundlos wird er ja nicht vertagt
wenn mich der Durchfall grade plagt
oder der Frühjahrsputz erzwingt
dass man mit Schwamm und Besen ringt
Es gibt halt manche Dringlichkeit
außerdem haben Tote Zeit
und was ich mir auch vorgenommen:
Einmal muss ich ohnehin kommen
Ich sehe was was du nicht siehst
Ich sehe was was du nicht siehst:
Ich sehe mich
Zahlen
Im Lotto knapp eine Zahl daneben
Vorbei der Traum von einem bessren Leben
doch schon am nächsten Wochenende
hofft man erneut auf die große Wende
Alter, Blutdruck, Kontostand
Aktienkurse und IQ
Zahlen haben alles in der Hand
sind mächtiger als ich und du
Ich hasse Zahlen, Zahlen kümmert nicht
wer unter ihrer Last zusammenbricht
Zahlen erfüllen ihre Pflicht
ganz wertfrei und neutral
Ihnen ist alles scheißegal
Einst sind hier lange Menschenschlangen
den letzten Weg ins KZ gegangen
Ihnen wurden Nummern tätowiert
Ich bete dass dies niemals mehr passiert
Alter, Blutdruck, Kontostand
Aktienkurse und IQ
Zahlen haben alles in der Hand
sind mächtiger als ich und du
Ich hasse Zahlen, Zahlen kümmert nicht
wer unter ihrer Last zusammenbricht
Zahlen erfüllen ihre Pflicht
ganz wertfrei und neutral
Ihnen ist alles scheißegal
Ob Wahlergebnis oder Gen-Defekt
alles wird von Zahlen abgedeckt
damit man garantiert auch nicht vergisst
Zahlen bestimmen wer man ist
Leere See der Nacht
Du bist irgendwo da draußen
und ich hab an dich gedacht
und dass wir uns wiederfinden
in der leeren See der Nacht
Dass wir uns nicht mehr verlieren
und für immer Freunde bleiben
und wie früher unsre Namen
in das Meer der Sterne schreiben
Dass wir uns daran erinnern
wie wir diesen Weg gegangen
und dass wir noch einmal losziehn
und probiern den Wind zu fangen
Du bist irgendwo da draußen
und ich hab an dich gedacht
und dass wir uns wiederfinden
in der leeren See der Nacht
An einem Freitag im Mai
Du hast Cola getrunken
und mir zugewunken
doch ich ging vorbei
- an einem Freitag im Mai
Und dein Lachen so blond
schlich mir lang hinterher
auf dem Weg durch die Dünen
hinunter zum Meer
An einem Freitag im Mai
wär es möglich gewesen
eine Seite im Buch
deiner Liebe zu lesen
- vielleicht
An einem Freitag im Mai
war ich reichlich verwirrt
und hätte mich gern
nochmal zu dir verirrt
- ganz leicht
Du hast Storys geschrieben
von Menschen die lieben
doch ich sah vorbei
- an einem Freitag im Mai
Und dein Lachen so jung
lief mir lang hinterher
aber ich ging zu schnell
und es fand mich nicht mehr
An einem Freitag im Mai
wär es möglich gewesen
eine Seite im Buch
deiner Liebe zu lesen
- vielleicht
An einem Freitag im Mai
war ich reichlich verwirrt
und hätte mich gern
noch mal zu dir verirrt
- ganz leicht
Maiblumen
Maiblumen sind ein scheues Gewächs
trachte nicht danach sie zu pflücken
Im Grunde ist es schon beinah zu viel
sie überhaupt zu erblicken
Die Binderin
Sie bindet ihrem Mann die Krawatte.
Und anschließend Blumen den ganzen Tag.
Abends bindet sie ihm einen Bären auf
indem sie so tut als ob sie ihn noch mag.
Gegenverkehr
Mitten auf der Straße träumt ein herrenloser Hund
von der leeren Rasenfläche drüben in dem kleinen Rund
und er möchte die paar Schritte scheinbar allzu gerne wagen
weil sich keiner findet ihn dorthin zu tragen
denn es mangelt hier an Freiraum und an grünem Ampellicht
und für herrenlose Hunde bremsen Autofahrer nicht
Er bellt aus purer Gegenwehr
mitten in den Gegenverkehr
er rennt, er jault, er fällt
Scheiß – Welt
Mitten auf der Straße liegt ein totgefahrner Hund
und man wirft ihn von der Fahrbahn auf das kleine grüne Rund
Ziel erreicht möchte man meinen – aber bitte doch nicht so
hundert Autos hupen wütend – um den Hund weint nur ein Floh
der betäubt dort in der klaffend tiefen Wunde klebt
er hat durch ein Wunder überlebt
Er schimpft aus purer Gegenwehr
mitten in den Gegenverkehr
er springt, er spuckt, er fällt
Scheiß-Welt
Das Regal
Die Bücher sind längst gelesen.
Gelesen und schon vergessen.
Früher ist es besser gewesen.
Jedenfalls an heute gemessen.
Da haben auch Fotos gestanden.
Heut stehen sie da nicht mehr.
Ich weiß nicht wohin sie verschwanden.
Früher ist nicht lange her.
Längst sind die Jahre eingestaubt
und mahnen noch aus dem Regal.
Alles woran man noch gestern geglaubt
ist heute egal.
Schattenboxer
Licht aus alten Gaslaternen
fängt den Morgennebel ein
und die Schatten der Fassaden
fallen in das Grau hinein
wo sie unbestimmt verblassen
wenn der Dunst nach oben steigt
und die Stadt ihr müdes Lächeln
einen Augenblick lang zeigt
Züge halten, Züge fahren
Menschen kommen, Menschen gehn
und die Zeit lässt Zwischenräume
zwischen Sein und Schein entstehn
Was gekommen ist geblieben
was geblieben treibt dahin
und ich weiß dass ich nichts weiter
als ein Schattenboxer bin
Aus dem Rinnstein tropfen Düfte
aus den Fenstern stürzen Klänge
und vermischen sich zu Leben
in der Straßen trister Enge
wo sie namenlos verweilen
aufdringlich und ungehemmt
bis der harte Regen eintrifft
und sie ins Vergessen schwemmt
Züge halten, Züge fahren
Menschen kommen, Menschen gehn
und die Zeit lässt Zwischenräume
zwischen Sein und Schein entstehn
Was gekommen ist geblieben
was geblieben treibt dahin
und ich weiß dass ich nichts weiter
als ein Schattenboxer bin
Ob in Dresden
Die Stadt macht einen ungefragt besoffen
die Reisekasse ist in Kürze leer
du kannst deshalb auf Nachricht von mir hoffe :
Das Geld ist aus, ach Mutter schick mir mehr
Ich lernte viel, nicht das zwar was ich sollte
doch immerhin Mariechen nennt mich klug
mag sein dass sie nur meine Börse wollte
die hat sie jetzt, damit ist es genug
Ob in Dresden im Schnee, in Augsburg im Klee
oder beim Weißbier in München
ob in den Alpen oder am Bodensee
ich vermag mir nicht mehr zu wünschen
als das was ich hab
mein tägliches Brot
den Sonnenaufgang
und das Abendrot
Ich kenne Hamburg nun auf eine Weise
wie es wohl bestenfalls ein Seemann tut
die Minnie war diskret doch nicht sehr leise
aber es ging mir bei ihr richtig gut
Allein das Kochen war nicht ihre Sache
wir hatten auch meist besseres im Sinn
und manchmal wenn verkatert ich erwache
denk ich dass ich noch immer bei ihr bin
Ob in Dresden im Schnee, in Augsburg im Klee
oder beim Weißbier in München
ob in den Alpen oder am Bodensee
ich vermag mir nicht mehr zu wünschen
als das was ich hab
mein tägliches Brot
den Sonnenaufgang
und das Abendrot
Aber Seewind pfeift gar kalt durch meine Lungen
der Doktor sagt : Wer so lebt wird nicht alt
ach Mutter warte nicht auf deinen Jungen
es ist gewiss : Der Teufel holt ihn bald
Lumpensammler
Kid Chaos ist mal wieder völlig abgedreht
tanzt auf den Tischen bis gar nichts mehr geht
und drei Blondinen stehen vor dem Männerklo
Ich sag: „Ich hab nen Steifen und trotzdem Niveau“
Die eine ist zu stoned, die andre ist zu alt
doch eine reicht die man im Stehen knallt
Mit dreißig Jahren ist es wohl erlaubt
dass man anstatt an Gott nur an sich selber glaubt
Ich bin ein Lumpensammler und nicht stolz darauf
denn Lumpen gibt es hier in dieser Stadt zuhauf
aber man tut es oder tut es nicht
und es wird auch nicht besser wenn man davon spricht
Kid Chaos ist am Morgen wieder völlig blank
und sieht mich an als wäre ich die Deutsche Bank
Er ist auf Turkey und braucht einen Trip
ich steck ihm einen Fuffi in den roten Slip
Es ist egal woran man irgendwann krepiert
wer kein Kassierer ist der wird halt einkassiert
also tanz ich mal wieder auf dem Rand der Klinge
und frage mich wie lang ich das noch bringe
Ich bin ein Lumpensammler und nicht stolz darauf
denn Lumpen gibt es hier in dieser Stadt zuhauf
aber man tut es oder tut es nicht
und es wird auch nicht besser wenn man davon spricht
Backstage
Ein Roadie hängt verträumt am Absperrgitter
Sein Fuß ahnt jeden Beat schon lang voraus
Der Blick zur Bühne: Melancholisch-bitter
Er weiß: Drei Songs – dann ist die Chose aus
Er nimmt die Gibson zärtlich aus dem Kasten
Diese Geliebte war ihm niemals treu
Er ziert sich sehr beim Streicheln und beim Tasten :
Denn er entdeckt sie immer wieder neu
Und draußen auf der Bühne röhrt der Sänger
die letzten Zeilen in das weite Rund
Der Roadie kennt das Stück schon sehr viel länger
ihm kommt es auch viel leichter aus dem Mund
Er nimmt die Gibson und macht sich vom Acker
Juristisch: Zwischen Diebstahl und Betrug
Jedoch sie war zu lang bei diesem Macker
der sie respektlos in der Kiste trug
Zwei Liebende im Glanz der Silbersterne
Er zupft die harten Jahre von ihr frei
Der schlanke Hals dankt ihm den Einsatz gerne
und schreit zur Bühne hin: Arschloch goodbye
Das eigentliche Leben
Ein Fisch auf der Zeitung vom gestrigen Tag
die auf dem Holztisch in der Markthalle lag
starrt aus toten Augen auf den einsamen Mann
der den Weg nach Hause nicht mehr finden kann
und die Trinker stehen schon am Morgen Spalier
zwischen dem letzten Korn und dem ersten Bier
Eine trostlose Sonne spinnt goldene Fäden
auf den Schaufensterscheiben der billigen Läden
als wolle ihr Licht all jene erlösen
die zusammengerollt auf den Parkbänken dösen
und in der Ferne trommelt ganz leise
die S-Bahn ihr Lied auf die glühenden Gleise
Die Schulen öffnen schon mancherorten
pflichtbewusst und verschlafen die Pforten
anderswo erwachen in Fabriken Maschinen
um in stoischer Demut der Menschheit zu dienen
und dem einsamen Mann fällt nichts weiter ein
als auch in Zukunft einsam zu sein
Meidet die Pop-Kultur
Klampfen-Harry und Folkrock-Susanne
liegen vereint auf der Startbahn West
ihre Mission ist wichtig und heilig
ehrlich und engagiert ihr Protest
Sie schmettern Verse die furchtbar holpern
singen laut gegen das Unrecht an
mit den zwei Akkorden die sie fehlerfrei können
doch es kommt ja wohl nur auf den Inhalt an
Erst kommen die Bullen und dann ein Producer
sie kriegen Bewährung und einen Vertrag
nun stehen sie beide staunend im Studio
während ich ihnen noch mahnend sag:
Bittet meidet die Pop-Kultur
glaubt mir sie korrumpiert euch nur
lauft weiter barfuß und raucht euren Shit
doch schreibt bloß keinen Hit
Klampfen-Harry trägt jetzt ein Hawaiihemd
Folkrock-Susanne ist frisch frisiert
und für ein Foto in der neuen „Bravo“
haben sie noch mal nostalgisch posiert
vor dem Atomkraftwerk bei den Genossen
so bleibt ihr Image noch halbwegs heil
Harry schlug mit der Klampfe gegen das Werkstor
„Gott schütze das Playback – was kling ich jetzt geil“
Sie sagen den Fans wie schön dieses Land sei
und jeder könne es hier zu was bringen
man dürfte nur nicht auf der Straße rumhängen
statt zu protestieren sollee man lieber singen
Klampfen-Harry, Folkrock-Susanne
ich seh euch im Fernsehn fast jeden Tag
und sie spielen im Radio dieses Scheißlied
und ihr hört nicht zu was ich euch immer sag:
Bittet meidet die Pop-Kultur
glaubt mir sie korrumpiert euch nur
lauft weiter barfuß und raucht euren Shit
doch schreibt bloß keinen Hit
Wohlgeratene Söhne
Wir haben wohlgeratene Söhne
die bald hoch angesehen studieren
nachdem sie vorher im Ausland
von der Freiheit noch ein Stückchen probieren
Sie bilden sich unter Fremden
das schadet sicher nicht der Reputation
Auch dort waschen Frauen ihre Hemden
so wie hier für billigen Lohn
Wir haben wohlgeratene Söhne
mit sehr dezenten Affären
Die wissen sich zu behaupten
und im Notfall auch richtig zu wehren
Die regeln ihre Belange
mit Scheckbuch und mit Verstand
und läuft etwas aus dem Ruder
dann nehmen wir es halt in die Hand
Wir haben wohlgeratene Söhne
die unsre wohlgemeinten Schläge noch spüren
Wir lehrten sie den rechten Weg
schon bald werden sie herrschen und führen
Wir bewachen allzeit ihre Schritte
manchmal wird uns vor Freude fast klamm
All diese vorzüglichen Äpfel
fielen wirklich nicht weit vom Stamm
Das Mädchen
Das Mädchen läuft herum vor meinem Fenster
sieht ständig hoch und winkt mir zu
das Mädchen läuft herum als würd es warten
und es sieht aus wie du
ja es sieht aus wie du
Das Mädchen redet lange mit den Leuten
die meisten leben schon seit Jahren hier
und wenn sie mit den Fingern auf mich deuten
hat das was zu bedeuten?
Was sagen sie von mir?
Das Mädchen scheint dem Tag die Zeit zu stehlen
ich steh nur hier und seh dem Treiben zu
würd es jetzt gehen dann würde es mir fehlen
genau wie du
ja so wie du
Das Mädchen geht am Abend in den Garten
und legt die Beine auf den Plastiktisch
das Mädchen scheint auf irgendwas zu warten
genau wie ich
ja so wie ich
Paul der Psychologe
Paul ist Psychologe
dafür hat er studiert
nun kann er dir verraten
was dich so deprimiert
Er sagt es sei das Leben
darauf schießt du dich tot
du siehst Paul hatte recht
nun ist alles im Lot
Unvermittelbar
30 Jahre krumm gemacht auf der Werft in Bremerhaven
jetzt ist alles dicht und die Kräne schlafen
Seitdem trinkt er viel, kommt oft spät nach Haus
und sagt seinem Spiegel: Mit Wracks kenn ich mich aus
Die Dame vom Amt ist gebildet und nett
und sie bedauert dass sie wieder nichts hätt‘
Aber in dem Alter das sei sonnenklar
wär einer wie er unvermittelbar
Wie ein Stempel, wie ein Zeichen, eine Narbe auf der Haut
wie ein Vorwurf der im Raum steht, unausgesprochen laut
brennt sich dieses Wort tief in ihn ein
er will nicht mehr unvermittelbar sein
Nicht im Traum hätt‘ er an so was je gedacht
morgens stets der Erste, niemals blau gemacht
„In die Hände spucken“ war seine Devise
was zum Teufel kann er denn für die Wirtschaftskrise
Das Ersparte aufgebraucht, jeden Cent ab jetzt umdrehn
und am ersten jeden Monats in der Schlange stehn
er trägt schwer an der Gewissheit sein Alter wäre eine Hürde
und er fragt die Dame ernst: Was ist mit meiner Menschenwürde
Wie ein Stempel, wie ein Zeichen, eine Narbe auf der Haut
wie ein Vorwurf der im Raum steht, unausgesprochen laut
brennt sich dieses Wort tief in ihn ein
er will nicht mehr unvermittelbar sein
Vogelperspektive
Aus der Vogelperspektive
wirkt der Mensch nicht mehr sehr groß
Ja, man möchte beinah sagen:
Sogar bedeutungslos
Könnte jemand von dort oben
sich zeitgleich da unten sehen
würde er das Universum
besser als vorher verstehen
Und er würde Demut lernen
denn er wäre sich gewiss:
In dem Großen und dem Ganzen
ist er nur ein Fliegenschiss
Eines armen Seemanns arme Mutter
Eines armen Seemanns Mutter
kaufte Eier, Milch und Butter
denn die Leute die sie trafen
riefen: Liese liegt im Hafen!
Liese war ein alter Kutter
darauf fuhr der Sohn der Mutter
manchmal kurz und manchmal lang
raus auf See zum Krabbenfang
Und aus Eiern, Milch und Butter
backte flink die arme Mutter
für den Jungen einen Kuchen
doch er kam sie nicht besuchen
Also lief sie schnell zum Hafen
und die Leute die sie trafen
klagten laut in einem fort:
Weh, dein Junge fiel von Bord
Augenblicke
So viele Bilder – so neu und so schön.
Bilder die kommen und wieder gehn.
Manche mit Worten nicht zu beschreiben.
Ich wünschte, sie würden bleiben.
In meiner Erinnerung, meinen Gedanken.
Als gäbe es keine Mauern und Schranken.
Als ginge die Zeit niemals vorbei.
In solchen Momenten bin ich frei.
Neugierig staunend, fast wie ein Kind
greife ich nach den Worten im Wind
als würden sie ein Teil von mir sein
und mich von allen Lasten befrein.
Der Sinn des Lebens, beinah zu erfassen
im stillen Zauber der engen Gassen,
meine Augen die fast ungläubig schauen
auf das Palmenmeer und die strahlenden Frauen.
Ich versuch diese Bilder in mir festzuhalten
und all die Magie die sie entfalten
auf dass sie mir immer Freude bereiten
in freudlosen Zeiten.
Herbstgedichte
Wie viele Herbstgedichte
muss man wohl schreiben
bis es endlich gelingt
dabei fröhlich zu bleiben?
Ich versuch das jedes Mal
doch werd stets sentimental
und ich weiß das ist dem Herbst
so was von egal
Mach mir ein Kind
Ich komm fast zu spät
und stelle mich vor
das erste Date
schon haucht sie mir ins Ohr:
Mach mir ein Kind
oder auch zwei
nur mach irgendwas
denn der Abend ist fast vorbei
So geht es mir
bei Frauen fast immer
egal ob auf der Straße
oder in meinem Zimmer
Mach mir ein Kind
oder auch zwei
nur mach irgendwas
denn der Abend ist fast vorbei
Neulich am Telefon
hatte sich jemand verwählt
und kaum dass ich abnahm
mir ganz selbstverständlich erzählt:
Mach mir ein Kind
oder auch zwei
nur mach irgendwas
denn der Abend ist fast vorbei