Sieben in einer Reihe
Wir sind sieben in einer Reihe
wir schwingen synchron unsre Beine
Warum sag ich dir das? Bitte verzeihe
und zürne mir nicht weil ich weine
Ich bin nicht klug genug fürs Büro
und für das andre fehlt mir die Brust
aber tanzen kann ich mehr als eben so
das bereitet mir Freude und Lust
Die Herren klatschen laut in die Hände
und geben sich dabei vornehmlich
doch hat unser Tanz dann sein Ende
bin ich weiter nichts als gewöhnlich
Vornehmlich und vornehm ist nicht das Gleiche?
Ich bin immer dankbar wenn man mich korrigiert
Ich weiß dass ich dir schon bald nicht mehr reiche.
Doch heute wird jeder Champagner probiert.
Wir sind sieben in einer Reihe
und die Opas und Väter und Enkel
glotzen so gierig wie Haie
auf unsre parfümierten Schenkel
Mephistos Gebet
Ach Herr du nennst mich bös und schlecht
und für die Menschen ungesund
dies ist gewiss dein gutes Recht
doch wisse auch dass dieser Mund
gar schonungslos die Wahrheit spricht
und ich nichts für die Folgen kann
du predigst gerne den Verzicht
ich tu den Menschen das nicht an
So ist es selbstverständlich nur
dass wer nicht strebt nach Mittelmaß
sondern von besserer Natur
sich schnell besinnt auf Lust und Spaß
und deshalb mir leicht zugetan
den Dingen tief geht auf den Grund
und sich nicht hält an deinen Plan
und nichts vernimmt von deiner Kund
Du machst die Menschen gerne klein
vertröstest sie auf morgen
bei mir dürfen sie einfach sein
vorhanden statt verborgen
Brauch keinen Diener, keinen Knecht
hab auch nichts zu verkünden
ich sag den Menschen nur : Seid echt
und lebt mit euren Sünden
Das Paradies wollen sie jetzt
nicht erst im nächsten Leben
das ist es was man an mir schätzt
Ich würd es ihnen geben
Deshalb bin ich auch so beliebt
hör bloß auf zu erzählen
dass es mein Angebot nur gibt
als Tausch für ihre Seelen
Ich bin ein Händler so wie du
wir beide konkurrieren
warum gibst du nicht einfach zu
auch du willst nur kassieren
Ich mach es einfach billiger
und auch viel mehr Reklame
das macht die Menschen williger
bin halt ein Markenname
Ghostwriter
Für deine lieben Worte hab Dank
ich lege sie zu der Wäsche im Schrank
da liegen sie sicher und trocken
bei meinen Hemden und Socken
Und ich kann verstehen warum du mir schreibst
dass du mich zwar liebst aber trotzdem nicht bleibst
ich bin nicht so dumm wie ich manchmal schein
ich behalt nur mein Wissen gerne für mich allein
und an Tagen wie diesen fällt mir nichts besseres ein
als der Ghostwriter des Teufels zu sein
Ich kenn manches Herz das sich danach verzehrt
dass man es nicht aus eitlen Gründen begehrt
doch für jede Liebe die ich kenne gilt
Sie ist weiter nichts als mein Spiegelbild
und vielleicht fällt mir nie mehr etwas besseres ein
als der Ghostwriter des Teufels zu sein
Nervöse Souffleuse
Da sitzt man der Kunst sehr zugetan
im Rang oder auch im Parkett
und wünschte sich dass die Julia
nicht grade heut Durchfall hätt‘
Zwar gibt es eine Vertretung
doch die verhaspelt sich schwer
und steht da mit rotem Kopf
als wenn sie ein Bratapfel wär
Das ließe sich wohl noch verschmerzen
denn es gibt einen tieferen Ort
wo jemand hockt und das Textbuch hält
und aushilft mit fehlendem Wort
Aber die nervöse Souffleuse
ist leider auch nicht vom Fach
noch gestern war sie Friseuse
und in Grammatik ganz schwach
Der Romeo zuckt mit den Schultern
sein Gegenüber bleibt stumm
so nimmt er vorweg den Schluss schon
und stöhnt: Gleich bring ich mich um
Julia solle dazu etwas sagen
so die Meinung im Publikum
doch sie bleibt wie im ganzen Akt schon
bratapfelrot und recht stumm
Das ließe sich wohl noch verschmerzen
denn es gibt einen tieferen Ort
wo jemand hockt und das Textbuch hält
und aushilft mit fehlendem Wort
Aber die nervöse Souffleuse
ist leider auch nicht vom Fach
noch gestern war sie Friseuse
und in Grammatik ganz schwach
Der Abend bleibt ein Fiasko
der Intendant verliert den Verstand
der Herr von der Presse notiert
„Äußerst extravagant“
Und der nervösen Souffleuse
ist jeder aus vollem Herz böse
dabei ist sie doch so eine Nette
und sagt: Ich bin gerne Souflette
Speedy
Der Hof stinkt wie eine Kloake
die Japaner hocken auf dem Balkon
futtern Reis und trinken Sake
ab und an macht sich einer davon
Akito kann so bös schauen
als ob er zur Yakuza gehört
aber man kann ihm vertrauen
er ist auf seine Art ehrenwert
Er liefert preiswert und zuverlässig
er ist ein Meister auf seinem Gebiet
er ist nie laut oder gehässig
und Freunde haben bei ihm Kredit
Speedy, die Nacht ist ein buntes Gewitter
brennende Drachen tanzen über der Stadt
aber der Morgen schmeckt trostlos und bitter
ich hab diese billigen Ausreden satt
Speedy, du bist dabei dich zu killen
glaubst du ich seh mir das noch länger an
der Stoff, die Spritzen, die bunten Pillen
was denkst du wie lang ich dich noch auffangen kann
Suki kommt manchmal von gegenüber
damit ich ihr deutsche Geschichte erklär
und in manchen Momenten wäre mir lieber
sie wär mein Mädchen, dann wär‘s nicht so schwer
Sie sorgt sich um dich und macht dir Tee
und manchmal putzt sie dein Zimmer
ich seh ihr zu und es tut verdammt weh
denn es wird von Tag zu Tag schlimmer
Wie lange soll das noch so gehen
tu nicht so als wär das des Schicksals Lauf
du bist klug genug um zu verstehen
wenn du nicht aufhörst dann gehst du drauf
Speedy, die Nacht ist ein buntes Gewitter
brennende Drachen tanzen über der Stadt
aber der Morgen schmeckt trostlos und bitter
ich hab diese billigen Ausreden satt
Speedy, du bist dabei dich zu killen
glaubst du ich seh mir das noch länger an
der Stoff, die Spritzen, die bunten Pillen
was denkst du wie lang ich dich noch auffangen kann
War es nicht?
War es nicht als liefen wir durch Träume
und die Welt ward nur für uns gemacht?
Wir lagen im Schutz vertrauter Bäume
und bewunderten der Sterne Pracht
War es nicht ein Staunen wie von Kindern
das uns unbeirrbar einst umgab?
Jeden Schmerz konnte die Liebe lindern
Liebe die ich heute nicht mehr hab
War es nicht als wär es ein Versprechen
dass man sich im Leben nie verlässt?
Ist es nicht als hielt ich dich selbst heute
immer noch in meinen Träumen fest?
Höllenfeuer
Ich bin nicht objektiv genug
um über andere zu richten
denn es gibt Personen
da würde es sich lohnen
mich in der Hölle als Heizer zu verpflichten
Der schweigende Mann
Das Herz ein Zug, dem Bahnhof längst entkommen.
Die Landschaft drum herum ein Flächenbrand.
Das Ziel, den Weg schon lang vorweggenommen
und im Gesichtsfeld nichts als dürres Land.
Ein Ort, zwei Menschen, keine Möglichkeiten.
Die Fahrt ein stetes Reißen an den Weichen.
Und vor dem Fenster ungenutzte Zeiten.
Der Fahrplan fort – kein Rastplatz zu erreichen.
Die Notbremse gezogen. Und kreischend hält der Zug.
Die Frau steigt aus und steht auf eignen Beinen.
Sie schafft sich neue Wege. Davon gibt es genug.
Dem Mann will dies nicht recht erscheinen.
Er schaut ihr nach. Sie floh auf halber Strecke.
Er würd ihr gern ihr Ticket noch mal zeigen.
Jedoch sie biegt schon um die nächste Ecke.
Ihm bleibt im leeren Zug allein sein Schweigen.
An die Vorfahren
Ihr habt uns nicht viel hinterlassen
Und das wenige war auch noch schlecht
Nun müssen wir uns damit befassen
Aus dem Unrecht machtet ihr Recht
So stehen wir da mit den Schulden
Und der Rest der Welt starrt uns an
Dass sie uns überhaupt dulden
ist mehr als man hoffen kann
Ihr habt Wind geerntet und Sturm gesät
doch dem Wind ist das eine zu eigen:
Dass er sich oft unverhofft dreht
um seine Unberechenbarkeit zu zeigen
Ihr habt die Welt in Schutt und Asche gelegt
um dann verantwortungslos zu versterben
Die Bürde die jeder von uns heute trägt
macht uns schuldlos zu euren Erben
Zu lernen aus den Fehlern die ihr gemacht
bleibt uns Gottverdammten als Pflicht
Hattet ihr dieses Schicksal für uns erdacht?
Mit Sicherheit nicht
Zu lernen aus den Fehlern der Väter
war vielen Generationen schon Pflicht
Und doch wurden die Opfer zu Tätern
Man lernt nur eins: Die Menschheit lernt nicht
Irgendwann schießen die Spatzen zurück
Sie säen nicht, sie ernten nicht
doch Gott ernährt sie auch
und ich geb unumwunden zu
das ist der Trost den ich grad brauch
Denn um mich hockt das Bauernvolk
und plant grad sehr solide
Der eine faselt was von Schrot
doch der Chor brüllt: Pestizide
Ich wünsche einen Guten Tag
doch ganz bestimmt kein Glück
Irgendwann, so hoffe ich,
schießen die Spatzen mal zurück
Boxerweisheit
Der Trainer sprach zum Boxer:
Du brauchst dich nicht zu schämen
denn schon die Bibel weiß
Geben ist seliger als Nehmen
Der Mensch schlechthin
Der Mensch muss alles übertreiben.
Das schlichte Sein ist ihm ein Graus.
Er möchte gleich Geschichte schreiben.
Und das geht meistens nicht gut aus.
Selbst die Natur will er besitzen.
Und selbstverständlich auch das All.
Will Kerben in die Sterne ritzen.
Was schert ihn schon der Sündenfall.
Er will sich über Gott erheben.
Und strebt nach der Unsterblichkeit.
Grad als gehöre ihm das Leben.
Er schwelgt in Unzufriedenheit.
Der Mensch muss alles übertreiben.
Doch ist bedeutungslos geblieben.
Mehr wird von ihm nicht übrig bleiben.
Er hat sich selber übertrieben.
An einem Strand
Gemeinsam lauschend dem Wellenklang
gingen wir schweigend am Ufer entlang
und die Sterne tanzten wie schimmernde Glut
reflektierend auf der wogenden Flut
Treibgut - angespült und fortgerissen -
weckte in mir Sehnsucht nach dem Wissen
dass wir irgendwann an anderen Stränden
uns wiederfänden
Seltsam ins Leben gestellt
Ich wurde etwas seltsam ins Leben gestellt
und mir kam wohl manches abhanden
wär ich ein Flugzeug in dieser Welt
- ich vergäße zu landen
Der Liebe stille Stürme
Der Liebe stille Stürme
hast du in mir entfacht
die Worte die ich türme
sind stärker als die Nacht
Sind größer als wir beide
je waren, werden, sind
und wenn ich von dir scheide
dann legt sich auch der Wind
Die lieben Nachbarn
Herr Schmidt wohnt in der zweiten Etage.
Und übt stundenlang Violine.
Es gibt einen Grund dass ich das ertrage.
Der wohnt im Dritten. Und ist seine Cousine.
Die ist mit der Querflöte vertraut.
Zudem kann sie auch geigen.
Besser als ihr Cousin. Und nicht so laut.
Aber das werde ich ihm verschweigen.
Drei
Da stehen drei traurige Männer
am Imbiss und trinken Bier
Drei, sagt man, wäre immer einer zu viel
Ich geh dazu, jetzt sind wir vier
Dann können wir gemeinsam rätseln
in welche Zweiergruppen wir uns teilen
Zwei, die in Kürze nach Hause gehn
und zwei die glauben
die Welt lässt sich eh nicht mehr heilen
Der eine bekommt plötzlich Hunger
den nenne ich fortan Pommes-Fritz
der andere ist so traurig
der lacht selbst über solch einen Witz
Der dritte wird schließlich wütend
wirft die Bierflasche gegen die Wand
Das wird ihm vom Haushaltsgeld abgehn
wobei, ich muss erst einmal fragen,
erheben die hier auf die Flaschen überhaupt Pfand?
Eine Flasche ist nun also kaputt
bleiben genau noch sieben
drei sind aus Glas
vier haben keinen Spaß
Solche Nächte muss man einfach lieben
Standrechtlich
Ich sitze in einem Verschlag
Halbnackt und angekettet
Heut ist der zwölfte Tag
Ich weiß dass mich niemand rettet
Wo sind meine Kameraden?
Ich bräuchte sie jetzt in der Not
Ich hab Schuld auf mich geladen
Es stinkt hier nach Pisse und Kot
Wenn sie bei Schlägen es doch nur beließen
Doch sie kümmert es nicht ob man weint
Schon bald werden sie mich erschießen
Der Grund: Feigheit vor dem Feind
Wenn dies mein Vater erführe
wüsste ich wohl was mir droht
Der ist wie die Offiziere
Der schlüge mich sofort tot
Und wäre er hier, er ginge
mit dem Kommando an die Gewehre
Mein Vater verzeiht viele Dinge
doch keinen Sohn ohne Ehre
Zehn Minuten vorm Wunderland
Die Straße steht in Flammen
die kein Regen löschen kann
Du liegst schlafend auf dem Rücksitz
und der Tod lächelt dich an
Doch noch bin ich etwas schneller
auf dem Weg nach Lissabon
Er und ich wir wissen beide:
Heute fahr ich ihm davon
Du atmest flach, du atmest wenig
doch ich lass dich jetzt nicht gehn
weder Narr noch König
werden mir im Wege stehn
Wir sind zehn Minuten vorm Wunderland
sind dem Teufel davongerannt
gib nicht auf, ich halt deine Hand
Nur noch zehn Minuten zum Wunderland
Die Strasse endet plötzlich
alle Lichter gehen aus
doch ich brauche keinen Kompass
Baby, ich bring uns nach Haus
Und der Tod ist angepisst
weil ich einen Vorsprung hab
Heute nimmt er dich nicht mit
in ein feuchtes kaltes Grab
Du atmest flach, du atmest wenig
doch ich lass dich jetzt nicht gehn
weder Narr noch König
werden mir im Wege stehn
Wir sind zehn Minuten vorm Wunderland
sind dem Teufel davongerannt
gib nicht auf, ich halt deine Hand
Nur noch zehn Minuten zum Wunderland
Vorweihnacht
Aus den Wolken trudeln müde die Sekunden
auf dem Gehsteig tobt ein Krieg im Kleinformat
Menschen haben sich im Schutz der Nacht gefunden
ihre Schritte auf dem Asphalt klingen hart
Und die Engel hinter Glas sind nur aus Pappe
weiter nichts als einfach nur Dekoration
nur ein schlechter Film - schon fällt die letzte Klappe
und die Züge quälen sich zur Endstation
Zimtverseuchte Düfte die wie Bombenpilze steigen
kleben in den Tannenzweigen die sich erdwärts neigen
und im Meer von tausend Kerzen
sind die Ängste und die Schmerzen
wie ein Spiegelbild der Welt und der Rest ist Schweigen
Maria ging für alle Zeit im Dornenwald verloren
ihr Kind bleibt ungeboren
wir werden nicht erlöst, errettet und getröstet sein
- wir sind allein
Die Verwirrten
Still sitzen sie auf den Bänken.
Und hören den Vögeln zu.
Keiner weiß was sie denken.
Niemand jedoch gibt das zu.
Im Park da lässt man sie wandeln.
Doch jemand ist immer dabei.
Solche muss niemand behandeln.
Sie sind genügsam und frei.
Man nennt sie die Verwirrten.
Die man nicht entlassen kann.
Wenn aber die Ärzte sich irrten:
Was dann?
Schaumstoff
Der Mann hinter der Glaswand
ähnelt einem Reptil
sie haben viele Fragen
doch er bestimmt das Spiel
Von Wölfen und von Lämmern
erzählt er heut nichts mehr
sein Blick trinkt grad die Nacht aus
er atmet tief und schwer
Er flüstert in die Stille:
Ich mag wenn sie mich hassen
und es gibt 50 Arten
den Körper zu verlassen
Für mich war es nur Schaumstoff
ihr Blick war viel zu jung
doch Tiger und Gazelle
vereinten sich im Sprung
Ihr neidet mir das Wissen
und sehnt euch nach der Macht
ich fand den goldenen Schlüssel
zum Schattenspiel der Nacht
Der Mann hinter der Glaswand
zeigt auf das Mikrofon
Ihr fangt den Klang von Stimmen
und hört doch keinen Ton
Die Wahrheit liegt im Schweigen
es spricht kein Gott zu mir
ich bin nicht wie ihr denkt
ich bin genau wie ihr
Er flüstert in die Stille:
Ich mag wenn sie mich hassen
und es gibt 50 Arten
den Körper zu verlassen
Für mich war es nur Schaumstoff
ihr Blick war viel zu jung
doch Tiger und Gazelle
vereinten sich im Sprung
Ihr neidet mir das Wissen
und sehnt euch nach der Macht
ich fand den goldenen Schlüssel
zum Schattenspiel der Nacht
Stolzer als die Sterne
Stolzer als die Sterne
schreitest du dahin
auf all jenen Wegen
die auch ich gegangen bin
Was man dabei lernt
wenn die Zeit verrinnt
ist vor allem das:
Zu viel Stolz macht blind
Heimwärts am Wochenende
Die Woche ist vorüber.
Und man ist knapp bei Kasse.
Daheim wär man jetzt lieber.
So bucht man Zweite Klasse.
Packt seine sieben Sachen.
Sind es auch nur knapp vier.
Noch einmal Durchzug machen.
Dann nichts wie weg von hier.
Am Bahnhof herrscht Gedränge.
So dass man flucht und schwitzt.
Man kämpft sich durch die Menge.
Und hofft dass man bald sitzt.
Doch leider muss man stehen.
Und das drei Stunden lang.
Man sollte es wohl so sehen:
Stehen macht keinen krank.
Der Rucksack schmerzt am Rücken.
Ein Kind nörgelt enthemmt.
Kein Platz sich zu verdrücken.
Und auch das Fenster klemmt.
Am Zielort stehen die Brüder.
Mutter und Vater auch.
Man kommt stets gerne wieder.
Meistens mit leerem Bauch.
Daheim wartet der Braten.
Und auch das Kinderzimmer.
Man kann es kaum erwarten.
So war’s und bleibt’s für immer.
Mit einer Flasche am Ufer im Mai
Krank quält sich der Rauch zum Himmel
schwarzer Husten der Fabrik
kräuselt sich und stürzt ins Nasse
bleiern schmeckt des Fortschritts Sieg
Enten drehen Eiterhälse
kollidiern mit totem Fisch
Pseudo-Krupp verfolgt die Kinder
Danke - ich verpisse mich
Geigerzähler tanzen Techno
Kühe mampfen Leuchtegras
und die Radioaktivisten
wünschen blechern Seuchenspaß
Mit einer Flasche am Ufer im Mai
wink ich das Leben vorbei
trinke mich müde und heule mich blind
mit den sterbenden Schwänen im Wind
Frösche blähen Pockenbäuche
in der warmen Morgenglut
knallen, platzen und verspritzen
Sumpfgas, Methanol und Blut
Unbehelligt schrumpft das Leben
ätzend fließt der braune Schleim
die Natur wird unnatürlich
geht den Menschen auf den Leim
Mit einer Flasche am Ufer im Mai
wink ich das Leben vorbei
trinke mich müde und heule mich blind
mit den sterbenden Schwänen im Wind
Ich hab mir Menschen ausgedacht
Ich hab mir Menschen ausgedacht
Menschen mit Fehlern und Launen
Ich hab sie so menschlich gemacht
da kann man nur staunen
Große und Kleine
Schlanke und Dicke
Es sind alles meine
die ich da erblicke
Kluge und Dumme
Männer und Frauen
Schwätzer und Stumme
Alle schön anzuschauen
Menschen mit Problemen
die sich abgrundtief schämen
und Frohnaturen
die eifrig zechen und huren
Ich hab mir Menschen ausgedacht
Menschen mit Stärken und Schwächen
Ich hab sie so menschlich gemacht
sie können träumen und sprechen
Ich hab mir Menschen ausgedacht
doch mehr als ihnen Leben zu schenken
hat es mir Freude gemacht
sie wieder wegzudenken
Früher hast du nie (sagt er)
Dass sie sich heut treffen
muss ein Zufall sein
er will etwas sagen
viel fällt ihm nicht ein
Früher hast du nie sagt er
die Haare kurz getragen
früher hast du nie sagt er
ein Küsschen abgeschlagen
Früher hast du nie sagt er
ein gutes Buch gelesen
früher bist du nie sagt er
zu mir so kalt gewesen
Früher hast du nie sagt er
früher hast du nie
früher hast du nie sagt er
nein ganz sicher nicht
Früher hast du nie sagt er
zum Essen Wein bestellt
früher hast du nie sagt er
getan was dir gefällt
Früher hast du nie sagt er
die Nägel dir lackiert
früher warst du nie sagt er
an mir nicht interessiert
Dass sie sich heut trafen
macht nicht sehr viel Sinn
er redet wie immer
sie hört nicht mehr hin
Früher hast du nie sagt er
früher hast du nie
früher hast du nie sagt er
nein ganz sicher nicht
Früher hast du nie sagt er
doch da hat sie gelacht
Früher hast du nie sagt sie
über mich nachgedacht
Bücken
Wann endlich lernst du es dich tief zu bücken?
Der größte Teil der Menschheit wurd dafür gemacht
Am Anfang zieht es noch etwas im Rücken
Du musst halt üben, was hast du gedacht ?
Es ist wie Sport und es braucht nur Gewöhnung
Und mit der Zeit erkennt man auch den Sinn
Dann feiern Leib und Kopf freudig Versöhnung
und man bekommt das Bücken sehr leicht hin
Du solltest dabei auch niemals vergessen:
In Deutschland wurd das Bücken kultiviert
An dieser Kunst lässt sich das Volk gern messen
dabei ist es ganz gleich wer grad regiert
Und bringst du es zur Perfektion im Bücken
- du bist dann sozusagen fortgeschritten -
dann wird es dich befriedigend entzücken
und du verlangst nach immer neuen Tritten
Dann braucht es Ducken noch und Leisetreten
den lieben langen Tag von früh bis spät
dann bist du hier geduldet und erbeten
ein Deutscher halt wie er im Buche steh
Die Blumenverkäuferin
Sie steht zwischen Stadtbahn und Netto
gegenüber von der Synagoge
hat manch guten Ratschlag in petto
Oft hält sie auch nur Monologe
Sie berät die hilflosen Frauen
wie den flatterhaften Galan
auf ihr Urteil kann man vertrauen
und nichts wirft sie aus der Bahn
Sie hat zwei Männer begraben
Keine Kränze sind je schöner gelungen.
Im Krieg verlor sie ihren Knaben.
Sie sieht ihn oft in anderen Jungen.
Sie rät den Männern zu Rosen.
Nichts anderes wollen die nämlich.
Den Frauen rät sie zu Mimosen.
Denn die sind den Männern recht ähnlich.
Doch ganz gleich nun ob Tulpen, ob Nelken
und egal wie oft sie zu ihnen spricht
Sie weiß dass alle Blumen verwelken
Von den Träumen weiß man das nicht
Ich hätte dir so gerne
Ich hätte dir so gerne....
nur einmal...
und noch mal…
ich weiß nicht..
wer weiß schon...
und überhaupt wieso
Vielleicht lieber doch nicht…
nicht heute...
warum nicht…
ich weiß nicht…
das läuft uns ja nicht weg…
Ich könnte vielleicht ja…
ein bisschen…
ich weiß nicht…
ach soll ich…
oder lieber nicht...
Ich hätte dir so gerne...
nur etwas…
du weißt schon…
oder vielleicht nicht…
Ich glaube ich lass es…
du denkst sonst…
ich wäre...
ach was weiß denn ich...
Ich könnte dich ständig…
doch heute
da denk ich
ich sollte lieber nicht
Ach ich glaub ich will doch
Diven
Mit Diven ist es wie mit Oliven
Mancher kann sie vertragen
Mir liegen sie schwer im Magen
Als ich dir Gras und Erde gab
Ich hab den Platz gefunden
wo unser Haus bald stehen wird
hab stumm den Himmel angesehn
und wusste ich hab nicht geirrt
Die Berge hoch - die Täler grün
und in der Ferne rauscht das Meer
ich hab mein Leben lang gespürt
ich komme irgendwann hierher
Ich gab dir Lehm und Wasser
ich gab dir Holz und Stein
und da hast du gewusst
dies Haus wird unsre Heimat sein
Ein festes Dach als Schutz
vor Sturm und Schnee und Regen
ein warmes Feuer im Kamin
und dann noch Gottes Segen
Die Tür jedoch laß offen
selbst wenn es stürmt und schneit
der Gast den ich erwarte
weiß dann: Ich bin bereit
Ich gab dir Lehm und Wasser
ich gab dir Holz und Stein
und da hast du gewusst
dies Haus wird unsre Heimat sein
Und als ich dir Gras und Erde gab
hast du gewusst: Dies wird mein Grab
Höhere Töchter
Sie wissen nur selten Kluges zu sagen
dafür jedoch sind sie wohl parfümiert
und gewohnt die dünnsten Kleidchen zu tragen
ohne zu klagen dass man in ihnen friert
In ihren Augen ist immer Silvester
sie funkeln und leuchten das ganze Jahr
und sie binden sich mal leichter mal fester
goldene Bändchen ins duftende Haar
Höhere Töchter haben keine Tiefen
ihnen fiel im Leben alles zu leicht
Prinzessinnen die auf rosa Wolken einschliefen
unendlich behütet und bodenlos seicht
Ihre zarten Finger sind stets in Bewegung
trotzdem wird man von ihnen höchst selten bewegt
sie tun sich zu schwer mit der leichtesten Regung
sie würden selbst noch lächeln wenn man sie erschlägt
Ihr Lebenszweck besteht im Gefallen
sie fügen sich artig manch lästiger Pflicht
selbst wenn wilde Gefühle rings um sie wallen
ihre Contenance verlieren sie nicht
Höhere Töchter haben keine Tiefen
ihnen fiel im Leben alles zu leicht
Prinzessinnen die auf rosa Wolken einschliefen
unendlich behütet und bodenlos seicht
Sie schmeicheln dem Auge doch spotten der Liebe
sie taugen für Träume, nicht für den Altar
ohne eigenen Willen und innere Triebe
sind sie nur schön aber sie sind nicht wahr
Höhere Töchter haben keine Tiefen
ihnen fiel im Leben alles zu leicht
Prinzessinnen die auf rosa Wolken einschliefen
unendlich behütet und bodenlos seicht
14. März
Es liegt das Land wie hingeträumt
und später dann vergessen
Der letzte Schnee wurd fortgeräumt
nun liegt dort Müll stattdessen
Den Schwänen ist das Brot zu hart
am liebsten würfen sie’s zurück
aber das ist nicht ihre Art
Da denkt man sich: Zum Glück
Vor einer Kirche wird geflennt
beim Anblick einer stolzen Braut
vielleicht weil mancher grad erkennt:
Ach, hätt ich mich doch auch getraut
Ein Flieger sieht die Welt von oben
und ist berauscht von ihrer Pracht
Manches lässt sich wunderbar loben
hat man sich weit davon gemacht
Ich würde gern der Flieger sein
die Welt mit seinen Augen sehen
Sie wäre schön, sie wäre klein
und mir könnte kein Leid geschehen
Denn ich würd mich von ihr entfernen
und wenn die Bilder erst verblassen
würd ich im Angesicht von Sternen
die Welt ganz einfach Welt sein lassen
Traurige Gedanken
Traurige Gedanken lungern durch die Straßen
suchen einen Nachtclub oder ein Klavier
hatten mal ein Ziel, das sie jedoch vergaßen
und so klopfen sie einfach an meine Tür
Sie verlangen einen Drink
und auch noch was zu Rauchen
ich flüster verlegen:
„Ich kann euch nicht brauchen“
doch das kümmert sie nicht wirklich
denn sie wissen nicht wohin
und nerven mich so lange
bis ich traurig bin
Traurige Gedanken
nimm dich bloß in Acht
wenn sie dich belästigen
grade in der Nacht
Sie sind sogar der Meinung
du müsstest dich bedanken
für ihre Gegenwart
traurige Gedanken
Traurige Gedanken sitzen auf der Parkbank
lesen Schnulzen und mampfen Mon Cherie
sie sehen so aus als wären sie stark krank
oder litten an Melancholie
Sie fallen müd auf’s Sofa
oder gleich ins Bett
ich flüster verärgert:
„Ihr seid gar nicht nett“
doch das schert sie nicht ein bisschen
übles Lumpenpack
aus lauter Langeweile
gehen sie mir auf den Sack
Traurige Gedanken
nimm dich bloß in Acht
wenn sie dich belästigen
grade in der Nacht
Sie sind sogar der Meinung
du müsstest dich bedanken
für ihre Gegenwart
traurige Gedanken
Zorn
Sag mir, was ist das für ein Land
wo Menschen grad noch existieren
vom Betteln und vom Flaschenpfand
und nachts auf einem Bahnhof frieren
Ich seh wie sie den Müll durchwühlen
ihr Leben nur noch eine Bürde
ich frag mich was sie dabei fühlen
hat nicht jeder ein Recht auf Würde
Wir sind im Aufschwung sagen alle
doch ich fühl mich als ob ich falle
wir sind nicht Gottes Gnade wert
er richtet uns durch Gideons Schwert
Es ist nur Zorn der bleibt
Zorn der mich vorwärts treibt
Zorn der sich nicht verstellt
ich sprüh ihn wie Agent Orange
auf die Mauern meiner Welt
Sag mir, was ist das für ein Land
in dem die Gierigen regieren
ein Land so fest in Feindeshand
wieder bereit sich zu verlieren
Wir werden Tag für Tag für Tag bestohlen
wir fügen uns und bleiben stumm
Geschichte kann sich wiederholen
und unser Schweigen bringt uns um
Wir sind im Aufschwung sagen alle
doch ich fühl mich als ob ich falle
wir sind nicht Gottes Gnade wert
er richtet uns durch Gideons Schwert
Es ist nur Zorn der bleibt
Zorn der mich vorwärts treibt
Zorn der sich nicht verstellt
ich sprüh ihn wie Agent Orange
auf die Mauern meiner Welt
In den Wolken deiner Seele
In den Wolken deiner Seele
spielt ein Gnom auf dem Klavier
er wirft Messer nach der Sonne
und ist traurig wegen dir
weil dein Blick ihn nicht beachtet
weil dein Herz ihn nicht erkennt
obwohl euch viel mehr verbindet
als euch trennt
Und er spielt mit wunden Fingern
Symphonien ein Leben lang
doch du willst nicht seine Liebe
- nur den Klang
Urgroßeltern
Ihr kommt stets mit Schokolade.
Eure Haut ist faltig und weich.
Wir stehen wie bei einer Parade.
Und beschenken euch damit reich.
Denn euch ging so vieles verloren.
Mancher große Traum wurde klein.
Vielleicht wurden wir nur geboren
um eure Erlösung zu sein.
Gekämmt, geputzt und gestriegelt.
Freundlich und unerfahren.
So wurde manch Schicksal besiegelt
damals in den grausamen Jahren.
Habt ihr eure Kinder behütet?
Habt ihr sie dem Führer verwehrt?
Ihr fühlt euch durch uns vergütet?
Ihr seid unsre Liebe nicht wert.
Ihr kommt mit Schokolade
um die Stammbücher neu zu schreiben.
Dafür sind wir uns zu schade.
Im Hals soll sie euch steckenbleiben.
Lilien
Es ist kein Zufall, Bro
Was hast du dir dabei gedacht?
Sie waren bei mir im Büro
und das Haus wird überwacht
Du sollst dich nicht entschuldigen
sie wollen nur ihr Geld
Du weißt wie schnell ein Kopf rollt
wenn die Münze erst mal fällt
Sie wissen wo dein Wagen parkt
Sie kennen auch Maria schon
und alles was ich sonst noch weiß
sag ich dir nicht am Telefon
Es werden Lilien sein
es werden immer Lilien sein
und nur ein Name bleibt von dir
auf einem kalten Stein
Es ist kein Zufall, Bro
und du ziehst uns damit hinein
Dachtest du, damit kommst du durch?
So dumm kann man nicht sein
Alles hat Konsequenzen
Was geschieht ist deine Schuld
Diese Männer haben eines nicht
und das ist – wie du weißt – Geduld
Sie wissen wo dein Wagen parkt
Sie kennen auch Maria schon
und alles was ich sonst noch weiß
sag ich dir nicht am Telefon
Es werden Lilien sein
es werden immer Lilien sein
und nur ein Name bleibt von dir
auf einem kalten Stein
IBAN, BIC und Tan und Pin
IBAN, BIC und Tan und Pin
gehn mir nicht mehr aus dem Sinn
was mein Leben schwerer macht
Ich sag oft beim Liebesakt:
Fünf-Null-Sieben-Sechs-Drei-Acht
Eins von deinen Blättern
Die Streifenhörnchen hinter dicken Schilden
regeln die Meinung und auch den Verkehr
dies ist kein Platz um sich weit fortzubilden
ein jeder Lufthauch schreit nach Gegenwehr
Ich möchte hier nur durch, ich will nicht bleiben
ich trage keine Waffen, keinen Stein
will meinen Namen nicht auf Listen schreiben
ich will nur pünktlich auf der Arbeit sein
Doch du stehst da mit deinen jungen Jahren
und einem Batzen Blätter in der Hand
ich will von deren Inhalt nichts erfahren
ich leb nicht wirklich schlecht in diesem Land
Auch die Parolen die hier alle flöten
wollen mir nichts sagen, ich will einfach fort
der Asphalt ist schon langsam am Erröten
dies ist nicht rechte Zeit, nicht rechter Ort
Als dann ein Schlagstock deinen Schädel spaltet
und jeder sagt du wärst selbst schuld gewesen
hab ich eins von den Blättern schnell gefaltet
und ich verspreche dir: Ich werd es lesen
Asche im Tee
Wir sitzen hier in deutlicher Abwehr
verkrampft bis zum Kopf hoch und meiden das Licht
die Worte die unsere Lippen verlassen
verdampfen uns sofort im Gesicht
Du zerknüllst unbewusst die Serviette
ich zermalme die Kekse so klein ich nur kann
und wir sehn uns nur über den Umweg
im Glas der dreckigen Scheibe an
Die Asche im Tee schwamm auch schon mal besser
und wir waren jünger beim letzten Mal
damals gab es hier wenigstens saubere Messer
doch wir sind nicht hungrig – also ist es egal
Wir sitzen hier und scheuen den Erstschlag
Waren die Stühle schon damals so tief?
Vielleicht sollten wir es einfach verschieben
und schicken uns stattdessen lieber einen Brief
Der Kellner will sicher heut auch noch nach Hause
und in einer Stunde fährt der letzte Bus
ich zahle die Rechnung – du holst meinen Mantel
wir machen einfach ein andres Mal Schluss