Jedermann

 

Jedermann steht morgens auf

wie jeden Morgen immer

Alles ist an seinem Platz

Er selbst, der Tag, das Zimmer

Jedermann ist sehr erfreut

denn ein Leben braucht Struktur

Feste Regeln, starre Ordnung

und die Diktatur der Uhr

 

Jedermann geht aus dem Haus

und nimmt den Morgenbus

Pünktlich zehn nach sieben

kommt der wie er kommen muss

Er fährt zwölf Stationen

während er die Zeitung liest

dann erwartet ihn die Stechuhr

die wie immer freundlich grüßt

 

Jedermann schließt sein Büro auf

und stellt den Kalender weiter

dann erscheint wie jeden Morgen

auch schon der Abteilungsleiter

Man spricht über dies und das

eh man sich an die Arbeit macht

Die ist manchmal so vergnüglich

dass man glatt darüber lacht

 

Jedermann liebt seinen Job

gibt es auch nur wenig Lohn

Es sind nur noch dreißig Jahre

dann geht er schon auf Pension

Der Gedanke ist bedrückend

denn was fängt man dann bloß an?

Doch ihn tröstet die Gewissheit:

Das Problem hat jedermann

 

 

 

 

 Wir haben nicht geschlechtsverkehrt

 

Ich hab ein Recht auf perverse Gedanken

und ich flüster sie dir gerne ins Ohr

du hast ein Recht auf intime Details

denn schließlich kommst du in ihnen vor

 

Ich bin eine äußerst finstre Erscheinung

verdorben und abgrundtief schlecht

war das nicht schon immer deine Meinung

falls du´s wissen willst: Du hast recht

 

Doch was mich in den Wahnsinn treibt

mir Seele und Verstand zerreibt

ist dass du nicht meine Sehnsucht stillst

und es endlich mit mir machen willst

 

Wir haben nicht geschlechtsverkehrt

du hast dich mit Herz und Kopf gewehrt

und das war ein trister Umstand

den ich ausgesprochen dumm fand

Wir haben nicht geschlechtsverkehrt

du hast mir Herz und Leib verwehrt

doch brachte deine Weigerung

meiner Lust nur eine Steigerung

 

Dass du mich einfach so zappeln lässt

obwohl du genau weißt ich will nur dich

bestätigt meine Ansicht nur noch mehr

ja du bist perverser noch als ich

 

Du weidest dich an meinen Qualen

du lässt mich warten und vergehn

zwar lieb ich diese Stärke an dir

doch ich will dich zerbrochen sehn

 

Denn was mich in den Wahnsinn treibt

mir Seele und Verstand zerreibt

ist dass du nicht meine Sehnsucht stillst

und es endlich mit mir machen willst

 

Wir haben nicht geschlechtsverkehrt

du hast dich mit Herz und Kopf gewehrt

und das war ein trister Umstand

den ich ausgesprochen dumm fand

Wir haben nicht geschlechtsverkehrt

du hast mir Herz und Leib verwehrt

doch brachte deine Weigerung

meiner Lust nur eine Steigerung

 

Ich will dich für immer besitzen

und dich foltern mit zärtlichen Worten

du sollst Tränen der Leidenschaft schwitzen

an dunklen verschwiegenen Orten

Ich will dich für immer behalten

deine geheimsten Stellen berührn

deine Träume wie Papierblumen falten

und dich in die tiefsten Abgründe führn

 

Wir haben nicht geschlechtsverkehrt

du hast dich mit Herz und Kopf gewehrt

und das war ein trister Umstand

den ich ausgesprochen dumm fand

Wir haben nicht geschlechtsverkehrt

du hast mir Herz und Leib verwehrt

doch brachte deine Weigerung

meiner Lust nur eine Steigerung

 

 

 

 

 Kaspar lauf

 

Pfingstmontag 1828 auf dem Unschlittplatz In Nürnberg

fand man einen Knaben, etwa siebzehn Jahr

der kaum aufrecht gehen konnte

gehüllt in graue Kleider, mit wirrem Blick und langem Haar

Man brachte ihn zur Wache

jemand reichte Fleisch und Bier

doch er nahm nur Brot und Wasser

das verschlang er voller Gier

 

Er schrieb seinen Namen

„Kaspar Hauser“ aufs Papier

doch der Rittmeister sprach zweifelnd:

„Er ist kaum Mensch, mehr Tier“

In den Turm des Vester Tors

sperrte man ihn ein

Kaspar du warst nie dafür bestimmt

ein freier Mensch zu sein

 

Lauf Kaspar lauf davon bevor sie dich kriegen

deine Unbedarftheit wird nie ihren Hass besiegen

auf das Unbekannte, Fremde – auf das was nicht ist wie sie

lauf Kaspar lauf, sie verstehn dich nie

 

Wärter Hiltel hat den Knaben gern gehabt

er schenkte ihm ein Spielzeugpferd aus Holz

so eines hatte Kaspar schon einmal besessen

in den Jahren im Kerker und er war darauf so stolz

Der Sohn von Wärter Hiltel freundete sich mit Kaspar an

Kaspar lernte gehen und sprach auch manches Wort

doch er wurde vorgeführt wie eine Kuriosität

bestaunt und verspottet von den Menschen im Ort

 

Und dann wurde Kaspar jahrelang herumgereicht

von Familie zu Familie und er fühlte sich verloren

ohne Wissen um seine Herkunft doch mit wachem Geist

ein Versuchsobjekt für all die Professoren

Es ging das Gerücht dass er von vornehmer Herkunft sei

während andere sagten er wär nur ein Bauer der alle betrügt

und im Oktober 1829 wurde erstmals

ein Anschlag auf Kaspars junges Leben verübt

 

Lauf Kaspar lauf davon bevor sie dich kriegen

deine Unbedarftheit wird nie ihren Hass besiegen

auf das Unbekannte, Fremde – auf das was nicht ist wie sie

lauf Kaspar lauf, sie verstehn dich nie

 

Am 14 Dezember 1833 im Hofgarten ins Ansbach

niemand hörte Kaspar schrein

ein Unbekannter stach mit scharfer Klinge

gnadenlos auf ihn ein

Drei Tage auf dem Totenbett

dann war der Kampf verloren

keiner von ihnen hat begriffen

was sie mit dir verloren

 

Kaspar, armer Kaspar

Und wenn es einen Gott gibt

der dir nie beistand in den schweren Zeiten

dann hoffe ich er lässt dich jetzt auf deinem Pferdchen

glücklich über Wolken reiten

Kaspar

 

 

 

 

 Die große Kunst des Scheiterns

 

Die große Kunst des Scheiterns

beherrsche ich wie kein Zweiter

und solange ich so gut darin bin

mache ich einfach weiter

 

Als Mitläufer hab ich wenig getaugt

und noch weniger war ich ein Führer

Ich hab dafür schon immer ein Herz gehabt

für die Träumer und für die Verlierer

 

Ich habe ein wildes Leben geführt

doch niemals war ich niederträchtig

Das Alter hat mich müde gemacht

doch auch ruhiger und bedächtig

 

Die große Kunst des Scheiterns

beherrschte ich wie kein Zweiter

und solange ich so gut darin bin

mache ich einfach weiter

 

 

 

 

 Jan Hiddink

 

Jan Hiddink lief über den Dorumer Deich

und sprach zur Dörthe: „Ich bin zwar nicht reich

doch ich arbeite hart und tu was ich kann

und wenn du mich magst, nimm mich zum Mann“

 

Die Dörthe lachte Jan Hiddink aus:

„Du hast nur eine Hütte, nicht mal ein Haus

und bist weiß Gott ein Hungerleider

ich aber trage gern teure Kleider“

 

Diese Antwort tat Jan Hiddink weh

er schnürte sein Bündel und fuhr zur See

zehn Jahre zogen sodann ins Land

bis er wieder auf dem Boden der Heimat stand

 

Mittlerweile ein Reeder und wohl betucht

hat er nach dem ergiebigsten Gut gesucht

erwarb tausend Hektar vom fruchtbarsten Land

und baute ein großes Haus nah am Strand

 

In der Zeitung erschien sein Inserat

in dem er Dienstmädchen um ihr Erscheinen bat

und es fanden sich reichlich ein

um dem noblen Herren folgsam zu sein

 

So musterte Jan Hiddink die Schar

und entdeckte ein vertrautes Augenpaar

Die Dörthe war es die ihn bat :

„Ach, Herr nehmt mich, mein Leben ist hart

 

Vier Kinder hab ich doch keinen Mann

so dass ich sie kaum ernähren kann

wir leben nur von den Beeren im Wald

es regnet durchs Dach und im Winter ist’s kalt“

 

Jan Hiddink sagte: „So soll es denn sein

kein Kind soll hungern, ich stelle dich ein

als erstes geh in die Stadt zum Schneider

und hol meiner Ehefrau teure Kleider“

 

 

 

 

Der Mai zeigt sich erbärmlich

 

Der Mai zeigt sich erbärmlich.

Mir fröstelt im Gemüt.

Der Kontostand ist ärmlich.

Wer weiß was mir noch blüht.

 

Mit Sicherheit nicht Rosen.

Die Miete braucht ein Weilchen.

Ich helf dem Glück mit Losen.

Vom Vermieter gibt es Veilchen.

 

Ist keine gute Richtung

in die das Leben geht.

Im Bad tropft eine Dichtung.

Der Mond ist auch zu spät.

 

Bald wird der Sommer kommen.

Er kam ja stets bisher.

Das sei ihm unbenommen.

Kümmert mich längst nicht mehr.

 

Ich habe andre Sorgen

als dass mich solches quält

wo heute und auch morgen

die Zuversicht mir fehlt.

 

 

 

 

 Familiengrab

 

Der Vater kommt von der Arbeit heim

Lisa, bring ihm die flauschigen Schuhe

Fritz, nimm ihm Tasche und Mantel ab

und Kinder: Vor allem Ruhe!

 

Keine Schulgeschichten und kein Gejammer

Das verträgt der Vater nur schlecht

Lisa, hol ihm ein kaltes Bier

Fritz, rück seinen Sessel zurecht

 

Stellt den Hocker ihm hin für seine Füße

und lasst ihn in Ruhe die Tagesschau sehn

ohne ihm mit Herumtollen und Streiterei

dabei gehörig auf die Nerven zu gehn

 

Ich bin mit dem Essen heut etwas spät dran

Sagt dem Vater ich entschuldige mich

Der Schmorbraten hat etwas länger gebraucht

doch in Kürze steht er auf dem Tisch

 

Wascht euch schon mal gründlich die Hände

Nein, der Vater muss selbiges nicht

Der hat die Hände die uns ernähren

Der tut tagein, tagaus treu seine Pflicht

 

Drei Scheiben Fleisch für den Herrn Vater

und Fritz, die kleine dort ist für dich

Lisa, wir können auf Fleisch wohl verzichten

Zappelt nicht mit den Füßen unter dem Tisch

 

War das Essen nicht köstlich? Nun seid mir artig

Denn ich geh kurz mit dem Vater nach oben

Er will dort ein kleines Nickerchen machen

Wehe man hört euch hier unten toben

 

 

 

 

 Killing Fields

 

Tod kommt aus der Luft

Ein grelles buntes Feuerwerk

Wofür starb der Mann am Kreuz?

Wofür stieg Moses auf den Berg?

 

Er nimmt dich bei Nacht

und er holt dich bei Sonnenlicht

Er macht keinen Unterschied

er sieht nicht dein Gesicht

 

Manchmal kommt er offen

manchmal bleibt er unentdeckt

und du bist für ihn nicht mehr

als ein lästiges Insekt

 

Er fragt nicht nach deinem Namen

ihn kümmert nicht wer du bist

er kommt um zu ernten

und du bist das was er frisst

 

Tod kommt aus der Luft

aber der Mensch sitzt hinterm Steuer

drückt den Knopf und lässt die Bestie los

auf dem Feld aus Feuer

 

 

 

 

 Stärker als die Nacht

 

Kein Wort das ich finde

beschreibt dich perfekt

vielleicht wurde das Wort

ja noch gar nicht entdeckt

Und ich müh mich vergeblich

ich weiß du bist da

doch meine Sprache

kommt dir nie wirklich nah

 

Hab die Regeln gebrochen

bin zu Kreuze gekrochen

und hab schließlich nur noch gedacht:

Manche Träume sind stärker als die Nacht

 

Kein Wort das ich finde

macht anderen klar

was ich in dir schon

von Anfang an sah

Und wie ich es letztendlich

auch wende und dreh

niemand wird je verstehen

was ich jetzt in dir seh

 

Hab den Kopf mir zerbrochen

mit mir selber gesprochen

und dann schließlich nur noch gedacht:

Manche Träume sind stärker als die Nacht

 

Kein Wort das ich finde

wird dir gerecht

es ist stets zu klein

oder klingt nicht echt

Vielleicht liegt es daran

dass es keines gibt

ohne einzugestehen

dass man dich liebt

 

Nichts anderes hast du mir beigebracht :

Manche Träume sind stärker als die Nacht

 

 

 

 

 Das Auto

 

Die Polster sind weich

der Lack schimmert matt

ein silberner Halbton

er sieht sich nie satt

an den breiten Felgen

und der Karosserie

einen Wagen wie diesen

fuhr er noch nie

 

Noch dreißig Raten offen

bis zum Sonnenuntergang

und die Straße in die Zukunft

war noch nie so leer und lang

 

doch dann klappert der Zylinderkopf

und irgendeine Dichtung

und der Mann in seinem Auto

lebt in eine andre Richtung

 

 

 

 

 Möglichkeiten

 

Da ist der zornige Junge im Büro des Rektors

die betroffene Mutter und die Peinlichkeit

Da ist die Schulpsychologin mit den schlauen Büchern

und ein unerwarteter Knick in der Zeit

 

Das ist nur eine Phase, das geht vorüber

aber wir müssen…..blah, blah, blah, blah

Wenn man die Augen schließt und wieder öffnet

sind all die Knallköpfe nicht mehr da

 

Man kann alles bestreiten außer Möglichkeiten

Möglichkeiten sind möglich ganz gleich was geschieht

Sie sind überall im Universum

auch wenn man sie nicht immer gleich sieht

 

Da ist das Mädchen mit den Stimmen im Kopf

das seine Existenz fortwährend bereut

Da ist der Vater mit dem ledernen Gürtel

und der diplomarschige Therapeut

 

Das ist nur eine Phase, das geht vorüber

aber wir müssen…..blah, blah, blah, blah

Wenn man die Augen schließt und wieder öffnet

sind all die Knallköpfe nicht mehr da

 

Man kann alles bestreiten außer Möglichkeiten

Möglichkeiten sind möglich ganz gleich was geschieht

Sie sind überall im Universum

auch wenn man sie nicht immer gleich sieht

 

 

 

 

 Der Mensch steht falsch zu den Sternen

 

Mein Bauchgefühl hat mich nie getrogen

es warnt mich nur manchmal zu spät

wie vor Astronomen und Astrologen

die haben das Hirn mir verdreht

 

Die wollten mir den Himmel erklären

mit Bauernschläue und Leidenschaft

stattdessen musste ich sie belehren:

Nicht einmal Gott hat das je geschafft

 

Während sie mit meiner Weisheit gesegnet

sich kopfschüttelnd von mir entfernen

sage ich jedem der mir noch begegnet:

Der Mensch steht falsch zu den Sternen

 

 

 

 

 Beweise vernichten

 

Ich hab mit Geistern gesprochen und mit Hexen gefickt

und auf den Grund jedes Glases geblickt

ich hab geliebt, gelogen und unendlich gelitten

und bin auf weißen Pferden durch die Nacht geritten

 

Ich hab das Feuer gesucht und bin im Feuer verbrannt

doch ich hab die Liebe immer Liebe genannt

und nagelt man mich ans Kreuz dann werde ich lachen

ich starb schon tausendmal nur um wieder zu erwachen

 

Wer maßt sich an über mich zu richten

wer aus diesem Volk der Wilden

kann sich schon ein Urteil bilden

ohne die Beweise meiner Reise zu vernichten

 

Ich klopfte an den Toren zur Unendlichkeit

auf der Suche nach ein wenig Menschlichkeit

ich fand sie dort wo sie keiner vermutet

an Orten die zerstört waren und ausgeblutet

 

Dort wo die Verstoßenen und Aussätzigen harrten

ihr Schicksal beklagen und auf Erlösung warten

dort nur dort war ich ein Freund unter Freunden

und keiner wollte mich verraten und verleumden

 

Wer maßt sich an über mich zu richten

wer aus diesem Volk der Wilden

kann sich schon ein Urteil bilden

ohne die Beweise meiner Reise zu vernichten

 

Ich hab den Himmel und die Hölle gesehn

und konnt an beiden Orten aufrecht gehen

wer mich kannte der wird es bezeugen

ich ließ mich nicht biegen, nicht brechen, nicht beugen

 

Wer maßt sich an über mich zu richten

wer aus diesem Volk der Wilden

kann sich schon ein Urteil bilden

ohne die Beweise meiner Reise zu vernichten

 

 

 

 

 Mia J. - Anhang zum Obduktionsbericht

 

Mia hatte sehr schöne Augen

in einem schönen Gesicht

diese Augen sahen vieles

ihren Mörder sahen sie nicht

 

Dem muss man zugutehalten

er ließ ihr dafür reichlich Zeit

nach zehn langen Jahren der Sehnsucht

war er des Wartens dann leid

 

Hätte sie ihn nur einmal gesehen

wäre vieles anders gekommen

nun ist dafür reichlich Zeit:

Ihre Augen hat er mitgenommen

 

 

 

 

 Für den Fanclub

 

Einmal im Monat kommt ihr zusammen

so habt ihr mich unterrichtet

ich dankte es euch mit Autogrammen

und hab ein paar Zeilen gedichtet

 

Ich bin gerührt bis in Mark und Bein

ob eurer Heldenverehrung

doch gestehe ich recht kleinlaut ein

Dafür gibt es keine Erklärung

 

Ich bin kein besserer Mensch als ihr

ich hab meine Fehler und Schwächen

doch ihr seht nur die Worte auf dem Papier

die können wohl gut für mich sprechen

 

Doch denkt sie euch fort, was bin ich dann

ich hab keine andere Gabe

dann bin ich nur noch ein einfacher Mann

so trägt man Idole zu Grabe

 

Ich weiß davon wollt ihr nichts hören

weil euch von mir sonst nichts bleibt

so werd ich die Illusion nicht zerstören

dies Gedicht wird euch nicht gezeigt

 

 

 

 

Die Kaserne

 

Sie saß am Abend gern vor der Kaserne

und sah den jungen strammen Burschen zu

die robbten durch den Matsch im Glanz der Sterne

und brüllten dabei laut: Juchhe, Juchhu

 

Wenn dann der Spieß ins Horn blies kurz nach neune

schlich sich manch Schatten übers Blumenbeet

man traf sich kurz und still in einer Scheune

war zackig nackig und doch sehr diskret

 

Und was kein Oberst wirklich je vollbrachte

gelang ihr leicht schon in der ersten Nacht

sie hat mal wild, mal zügellos, mal sachte

aus jedem Burschen einen Mann gemacht

 

Als dann die Kompanie ins Feld entrückte

winkten ihr hundert Hände fröhlich zu

während sie manche Träne doch verdrückte

brüllten die Männer laut: Juche, Juchhu 

 

 

 

 

 Gute Menschen

 

Sie sind gute Menschen. Das ist abgesegnet.

Von den Nachbarn und der Partei.

Zum Glück ist man grad solchen begegnet.

Denn denen ist man nicht einerlei.

 

Die nehmen einen sofort ins Gebet.

Um einen besser zu machen.

Egal wie viel Wein. Egal auch wie spät:

Nur nicht über sie lachen.

 

Man danke ihnen stattdessen auf Knien.

Umgehend. Besser noch: Schneller.

Wird von guten Menschen dir nicht verziehn

foltern sie dich in ihrem Keller.

 

 

 

 

 Kaninchen Karl

 

Kaninchen Karl wurde im Garten begraben

um einen Ort zum Trauern zu haben

So macht man Kinder mit dem Tod vertraut

aber Dick die Dogge hat alles versaut

 

Hat Karl ausgebuddelt und die Leiche verspeist

womit sich den Kinder allerhöchstens beweist:

Ist man im Leben auch noch so gerissen

Letztlich wird man vom Tod dann doch angeschissen

 

 

 

 

 Der Boss

 

Der Boss hat ein schönes Büro

in bester City-Lage

Air Condition auf dem Klo

in der dreißigsten Etage

 

Seine Sekretärin ist schlau

ansehnlich, jung und gesund

Versteht ihn besser als seine Frau

und macht es ihm auch mit dem Mund

 

Er weiß höher kann es nicht gehen

und diese Erkenntnis tut weh

Man sieht ihn oft am Fenster stehen

da blickt er hinab auf die Spree

 

Dann kommen die eifrigen Schleimer

um ihm die Bilanzen zu bringen

Er wirft die Ordner gleich in den Eimer

und wünscht sich den Mut zu springen

 

 

 

 

 Wo Amy ist und die Wildgänse fliegen

 

Es brennt kein Licht mehr in der Bahnhofsmission.

Und es fahren nur noch wenige Züge.

Ein paar Saisonarbeiter versaufen den Lohn.

Ich kenn das alles schon zu Genüge.

 

Der Mond sieht aus wie ein trauriger Tramp

und die Möwen kreischen am Hafen.

Ich geh hinüber zu dem einsamen Camp

wo die Freunde der Nacht auf mich warten.

 

Sie fragen mich wo ich gern wäre auf Erden

die Gefährten die dort mit mir am Feuer liegen

und ich sag: Wenn Träume je Wirklichkeit werden

bin ich wo Amy ist und die Wildgänse fliegen

 

Ich schlaf schon zu lang unter fremden Sternen

trotz dem Versprechen das ich ihr gab.

Es gibt nichts mehr zu entdecken oder zu lernen.

Ich habe nichts wenn ich sie nicht mehr hab.

 

Sie fragen mich wo ich gern wäre auf Erden

die Gefährten die heut mit mir am Feuer liegen

und ich sag: Wenn Träume je Wirklichkeit werden

bin ich wo Amy ist und die Wildgänse fliegen

 

 

 

 

 Nimm mich nicht immer so persönlich

 

Heul doch nicht ständig

in dein dämliches Kissen

da bekomm ich ja fast noch

so etwas wie ein Gewissen

 

und das brauche ich nicht

dafür bist du zu gewöhnlich

nimm dich endlich zusammen

und nimm mich nicht immer so persönlich

 

 

 

 

 Fräuleins in frivolen Gedichten

 

Fräuleins in frivolen Gedichten

mancher fragt sich: Wo find ich die nur?

Verrat ich es ihm? Mitnichten

Das ist höhere Literatur

 

Fräuleins in frivolen Gedichten

sind mehr liebenswert als kokett

selten Tanten, viel eher Nichten

und mitunter schläfrig im Bett

 

Fräuleins in frivolen Gedichten

keusch oft und noch unerfahren

wie könnte ich über sie richten

wo so oft sie hilfreich mir waren?

 

 

 

 

 Helden

 

Sie scharrten sich um ihn beinah wie Tauben

dabei gab er ihnen kein Stückchen Brot

es war nur der Geruch – denn der ließ glauben –

er wisse mehr als sie – und zwar vom Tod

 

Er trug verwegen eine Augenklappe

sein linker Arm jedoch der hat gefehlt

mit rechts schrieb er – er war ja nicht aus Pappe –

und hat dabei sehr frei heraus erzählt

 

Die Zahl der Feinde die er traf am Himmel

führt jeden der es einmal recht bedenkt

zum Schluss da oben wär so viel Gewimmel

dass unten niemand mehr befiehlt und lenkt

 

Wenn man die Zahl wirklich genau betrachtet

müsst es ein Krieg von vielen Welten sein

na ja, er wird halt gerne angeschmachtet

wer bin ich denn zu sagen: Halte ein

 

So werden dann aus fünf auch schnell mal hundert

doch soll man das nun irgendeinem melden?

Ich registriere es und bin verwundert

doch andrerseits: Wofür hat man denn Helden?

 

 

 

 

 Der Nebel

 

Mit sechzig die ersten Symptome

er hat sich dabei nichts gedacht

es war ja auch beinah alltäglich

nichts was nicht jeder mal macht

Einen Geburtstag vergessen

einen Namen oder ein Gesicht

das kann doch jedem passieren

so schlimm ist das nicht

 

Der Verfall kam schleichend

und es gab kein Mittel dagegen

heute fragt er sich oft

Wo ist mein Leben?

 

Der Nebel ist grausam und immer präsent

kriecht durch die Gedanken und saugt permanent

wie ein Schwamm die Vergangenheit auf

und dahinter nimmt die Dunkelheit ihren Lauf

 

Die Frau neben ihm eine Fremde

sie zeigt ihm Fotographien

auf denen sie beide gemeinsam sind

doch er möchte nichts weiter als fliehn

Irgendwohin wo es einsam ist

und wo keiner von ihm verlangt

dass er sich für jede Gefälligkeit

mit schlechtem Gewissen bedankt

 

Der Verfall schreitet fort

und es gibt kein Mittel dagegen

heute fragt er sich oft

Hatte ich je ein Leben?

 

Der Nebel ist grausam und immer präsent

kriecht durch die Gedanken und saugt permanent

wie ein Schwamm die Vergangenheit auf

und dahinter nimmt die Dunkelheit ihren Lauf

 

All die guten Worte und die Tabletten

können ihn nicht vor der Dunkelheit retten

und er weiß irgendwann vergisst er sogar

dass er überhaupt je gewesen war

 

 

 

 

 Männer ohne Hüte

 

Männer ohne Hüte! Meine Güte!

Sind wir hier vielleicht im Senegal?

All die Form um die man sich bemühte

ist den kahlen Köpfen wohl egal.

 

Keinen Anstand und auch keine Sitte.

Das tut der Gesellschaft nicht sehr gut.

Bescheidener war niemals eine Bitte:

Wer ein Mann ist trag gefälligst Hut.

 

Ergibt man sich so seinen Neurosen

ist es sicher nicht mehr allzu weit

und die Frauen tragen plötzlich Hosen

statt wie es sich ziemt Rock oder Kleid.

 

 

 

 

 Sterne und Wissenschaft

 

Wenn die Dunkelheit ihre Schatten verstreut

und die Stimmen sich langsam entfernen

naht jene Stunde die mich herzlich freut

und ich blicke empor zu den Sternen

Noch ist es zu hell um sie gut zu erkennen

doch man weiß ja um ihre Gegenwart

ich könnte sie alle beim Namen benennen

und ordnen nach Größe und Art

 

Die Wissenschaft macht uns gerne klar

dass wir sie ja nicht wirklich sehen

denn ihr Licht braucht bis hier viel mehr als ein Jahr

ach das mag doch wer will verstehen

Ich sehe sie also sind sie auch da

und seh ich sie nicht sind sie`s auch

da wird mir wieder mal sonnenklar

wie wenig ich die Wissenschaft brauch

 

 

 

 

 Was ich vom Glück nicht weiß

 

Der Gnädigsten biss ein Labrador

zärtlich ein Stück Fleisch aus dem Ohr

Kommt vor

Sie hat stark geblutet und laut gekichert:

„Alfred, sind wir dagegen versichert?“

Alfred tut was er muss

und gibt ihr den Gnadenschuss

 

Was ich vom Glück nicht weiß

macht die Pferde nicht scheu

und die Pizza nicht heiß

denn die Sonne scheint so oder so

und in Italien sogar am Po

 

Nahe von Flensburg am Straßenrand

hat sich ein fahrender Musikant

die Zehen verbrannt

Üblicherweise hilft gegen solch ein Problem

Brandsalbe oder Sonnencreme

doch der Dödel hatte nur Zahncreme dabei

auwei

 

Was ich vom Glück nicht weiß

macht die Pferde nicht scheu

und die Pizza nicht heiß

denn die Sonne scheint so oder so

und in Italien sogar am Po

 

Neulich traf ich bei einem Rockertreffen

meine Tanten anstatt meine Neffen

denn während die Kleinen brav studieren

wollten die Mütter mal etwas Neues probieren

 

Was ich vom Glück nicht weiß

macht die Pferde nicht scheu

und die Pizza nicht heiß

denn die Sonne scheint so oder so

und in Italien sogar am Po

 

 

 

 

 Die besseren Leute

 

Ich bin zu dumm es dir zu erklären

also frag lieber nicht, Kind

warum solche wie die Hornschuhs

einfach bessere Leute sind

 

Die essen nicht mit den Fingern

und haben eine eigne Toilette

und wenn die uns nicht grüßen

nennt sich das wohl Etikette

 

Du darfst solchen niemals zürnen

Denen sagt man von Herzen Dank

dass sie im gleichen Haus wohnen

Trotz all dem Gestank

 

Man öffnet denen die Türen

und senke dabei den Blick

und wenn sie die Nasen nicht rümpfen

ist das unser höchstes Glück

 

Die tragen Schuhe aus Leder

und laufen nicht barfuß herum

Die gehen sogar in die Oper

Vor denen macht man sich gern krumm

 

Denen gehören im Zweifel Geschäfte

und meistens sind sie sehr studiert

Die werfen mit Wörtern um sich

die unsereins kaum buchstabiert

 

Man sei denen stets unterwürfig

denn deine Mutter kam jüngst darauf:

Solange solche hier wohnen

wertet deren Nähe uns auf

 

 

 

 

 Ein Fremdwort

 

Ein Fremdwort zeigte sich bemüht

sich einfach einzufügen

doch ganz egal was es auch tat

das schien nicht zu genügen

 

Es suchte ohne Unterlass

und fand doch keinen Platz

die andren Worte schubsten es

einfach aus jedem Satz

 

Ein Fremdwort stand ganz ratlos da

es schien jeden zu stören

und wollte dabei weiter nichts

als nur dazugehören

 

Ein Fremdwort stand verloren da

fand keine Akzeptanz

was irgendwie zu ahnen war

denn es hieß Toleranz

 

 

 

 

 Das Fabeltier weint lautlos

 

Wir warben mal wieder mit Glasperlen

und haben den Häuptling als Geisel genommen

zu dessen eigener Sicherheit

wenn die Motorsägen erst kommen

 

Dieses Land ist keinen Händedruck wert

bei der geografischen Lage

ganz abgesehen von den Temperaturen

und der verdammten Moskitoplage

 

Das Fabeltier weint lautlos im Wald

es ist das letzte seiner Art

es ist wunderschön, es ist uralt

und hat sich niemals gepaart

 

Wir haben Tabletten gegen Durchfall dabei

und bewaffneten uns mit Gewehren

man weiß ja nicht welche grausamen Götzen

diese strohdummen Völker verehren

 

Die lassen sich einfach nicht missionieren

und sind auf ihre Einfachheit stolz

Sie nennen uns die weißen Teufel

dabei wollen wir nichts als ein wenig Holz

 

Das Fabeltier weint lautlos im Wald

es ist das letzte seiner Art

es ist wunderschön, es ist uralt

und hat sich niemals gepaart

 

 

 

 

 Katie

 

Katie, ich schreib dir aus Freiburg

ich hab hier mein eigenes Zimmer

Sie glauben es ginge mir besser

doch die Träume werden nur schlimmer

 

Ich muss mit den andren nicht reden

doch sie wünschen sich dass ich es tu

Manchmal verlässt mein Geist meinen Körper

und ich seh mir von außen zu

 

Das kann man gar nicht beschreiben

man muss es selbst erleben

Es ist beängstigend und berauschend

ein Gefühl zwischen Sterben und Schweben

 

Katie, ich würde gern wissen

ob du mich noch immer vermisst

Hab lang nichts von dir gehört

ich weiß gar nicht was mit dir ist

 

Lernst du fleißig fürs Abi?

Oder gehst du öfter mal aus?

Ich würde dich so gerne sehen

doch man lässt uns nicht aus dem Haus

 

Vielleicht hast du längst einen andern

irgendwie könnte ich es verstehn

Man sagt mir hier, es wäre besser

nur noch nach vorne zu sehn

 

Katie, das war es für heute

du weißt, schreiben fiel mir stets schwer

doch ich gebe mir wirklich Mühe

Katie, du fehlst mir so sehr

 

 

 

 

 Nacht der tausend Sterne

 

Nacht der tausend Sterne

unerfülltes Schweigen

Schatten die dir Bilder

eines fremden Lebens zeigen

Und du stehst da, nur ein Mädchen

mit dem Rücken an der Wand

tausend Träume fort

vom Nimmerland

 

Du kannst fliegen, du kannst fliegen

doch du weißt nicht mehr wohin

und ich würde für dich sterben

weil ich dir so ähnlich bin

 

Nacht der tausend Sterne

unbedachte Zeichen

Zweifel die ganz langsam

der Versuchung weichen

Und ich steh da, nur ein Junge

der sich nicht finden kann

auf dem langen Weg

von einem Kind zu einem Mann

 

Ich will fliegen, ich will fliegen

doch ich weiß nicht wie es geht

und du wendest deinen Blick ab

denn du ahnst es ist zu spät

 

Nacht der tausend Sterne

lange schon vergangen

mir ist nie gelungen

so wie du den Wind zu fangen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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