Spuck gegen den Wind
Wenn sie sagen dass du nichts verstehst
denn du wärst nur ein Kind
hör nicht auf die Orgelpfeifen
Spuck gegen den Wind
Stellen Lehrer und Pastoren
sich wieder mal taub und blind
obwohl die Welt grad untergeht
Spuck gegen den Wind
Spuck auf die ängstlich Schweigenden
auf die vor der Macht sich Verneigenden
auf die Heuchler und auf die Durchtriebenen
die Lügner und die Ewig-Gestrig-Gebliebenen
und auf alle die noch Knechte der Kriegstreiber sind
Spuck gegen den Wind
Wenn sie glauben dass man den Frieden
durch Wegschauen wiedergewinnt
und deshalb die Wölfe gewähren lassen
Spuck gegen den Wind
Wenn die Freiheit von der sie reden
ihnen inzwischen den Fingern zerrinnt
weil sie sie wieder verhökern
Spuck gegen den Wind
Spuck auf die ängstlich Schweigenden
auf die vor der Macht sich Verneigenden
auf die Heuchler und auf die Durchtriebenen
die Lügner und die Ewig-Gestrig-Gebliebenen
und auf alle die noch Knechte der Kriegstreiber sind
Spuck gegen den Wind
Luftschiff
Flirrend tanzt das Barometer
Stimmen taumeln durch den Äther
Und es steigt und steigt und steigt
bis der Himmels sich verneigt
angesichts der Ambitionen
die ein jedes Wagnis lohnen
wenn ein Traum sich jäh erhebt
und in ferne Sphären schwebt
Der brave Bürger
Der brave Bürger stutzt sich das Gewissen.
Ins Unvermeintliche muss man sich fügen.
Egal welch Fahne sie auch immer hissen.
Man hat nie genug davon nur zu genügen.
So wurde man von klein auf schon erzogen.
Wer stramm marschiert der kommt nie aus dem Tritt.
Man wurde um so vieles schon betrogen.
Und schleppt die Wunden alter Schlachten mit.
Der brave Bürger blockt nicht das Getriebe.
Er produziert. Er folgt. Er funktioniert.
Dem Vaterland gilt allzeit seine Liebe.
Bis er ganz brav fürs Vaterland krepiert
Rock’n Roll Radio
Du und ich in meinem gelben Ford Capri
ab durch die Zone und dann Richtung Meer
Ich war grad erst knapp einundzwanzig
da lebt und liebt man als gäb es kein Hinterher
Wir cruisten rum in St. Peter Ording
und fuhren zwei Tage zu deinem Bruder auf Sylt
Wir waren so jung, wir waren so frei
und Baby, wir waren so heiß und so wild
Es ist lange her und doch brennt es noch so
Rock’n Roll Radio
Ich hab die coolen John Players geraucht
und du warst die meiste Zeit völlig bekifft
Meine Mutter war total aus dem Häuschen
und hat gefragt wo man solche Mädchen trifft
Da haben wir uns schnellstens vom Acker gemacht
In Bremervörde war eh nie sehr viel los
Die Sterne waren zwar irgendwie oben
doch der wirkliche Himmel war in deinem Schoß
Es ist lange her und doch brennt es noch so
Rock’n Roll Radio
Wenn man erwachsen wird geht so vieles verloren
Was gestern wichtig war erscheint dann so klein
Du wolltest ein Haus, einen Hund und drei Kinder
und hast verzweifelt versucht jemand anders zu sein
Wir wussten beide das kann niemals gut gehn
Nun hast du drei Kinder und bist zweimal geschieden
Ich frag mich, denkst du manchmal an die wilden Tage
und wünschst dir du wärst bei mir geblieben?
Es ist lange her und doch brennt es noch so
es brennt für immer
Rock’n Roll Radio
Die Ordnung der Dinge
Lass die Notenblätter
auf dem Ständer am Klavier
lass die toten Vögel
vor deines Vaters Tür
Lass den Ring am Finger
lass die Blumen in dem Topf
und all die wirren Bilder
lass in meinem Kopf
Lass das scharfe Schwert
in der Lederscheide
lass die wilden Pferde
draußen auf der Weide
Lass den Mond am Himmel
lass den Teller auf dem Tisch
und heb all deine Liebe
auf für mich
Man darf die Ordnung der Dinge nicht zerstören
also lass sie dort wo sie hingehören
Lass die Kommandanten
stets bei ihrem Heer
lass die weißen Schiffe
draußen auf dem Meer
Lass die müden Trinker
einfach an der Bar
lass mich besser werden
als ich vor dir war
Lass die Kruzifixe
in dem Gotteshaus
lass dem Straßensänger
den spärlichen Applaus
Lass die grünen Blätter
an dem alten Baum
bleib für alle Zeit
ein Teil von meinem Traum
Man darf die Ordnung der Dinge nicht zerstören
also lass sie dort wo sie hingehören
Lass den Zipfel Wurst
in der Kartoffelsuppe
lass die spitzen Nadeln
in der Voodoo-Puppe
Lass die Astronauten
auf dem Trip ins All
fang mich auf wie immer
wenn ich fall
Man darf die Ordnung der Dinge nicht zerstören
also lass sie dort wo sie hingehören
Ich bin mit Sturmgefühlen vertraut
Ich bin mit Sturmgefühlen vertraut
Und ich weiß was in Stürmen zerbricht
Aber ehrlich: Wer kann schon aus seiner Haut?
Ich nicht
Ich bin mit Sturmgefühlen vertraut
und ich weiß wie sie enden
Luftschlösser auf Sand gebaut
von einem König mit leeren Händen
Rio wartet
Der kleine unscheinbare Mann
mit Mantel, Hut und Brille
schleicht jeden Morgen ins Büro
beinah in aller Stille
gräbt er sich zwischen Akten ein
und keiner kann kapieren
warum ihm soviel daran liegt
mit Zahlen zu jonglieren
Er geht nur selten vor die Tür
spricht nicht mit den Kollegen
ihm liegt nur furchtbar viel daran
die Konten zu bewegen
Und Rio wartet schon auf ihn
bald lernen sie sich kennen
er muss sich nur noch von der Last
des alten Lebens trennen
Dann trägt er keinen Mantel mehr
nur Shorts noch und Sandalen
und wird vom Geld der anderen
sein eignes Glück bezahlen
Die Frau die seinen Namen trägt
und seine Hemden bügelt
die mit ihm schimpft wenn er mal raucht
und vieles ihm verübelt
die nachts sich auf die Seite rollt
ohne ihn zu berühren
kann bald schon sehen wo sie bleibt
und selbst ihr Leben führen
Er hat schon lang genug von ihr
die Jahre waren mager
bald wird auch sie sich eingestehen
er ist doch kein Versager
Und Rio wartet schon auf ihn
bald lernen sie sich kennen
er muss sich nur noch von der Last
des alten Lebens trennen
Dann trägt er keinen Mantel mehr
nur Shorts noch und Sandalen
und wird vom Geld der anderen
sein eignes Glück bezahlen
Er plant den Coup seit Jahren schon
das Fälschen und Frisieren
ein Codewort noch am Telefon
dann kann er abkassieren
Und Rio wartet schon auf ihn
jetzt lernen sie sich kennen
er hat die Spuren gut verwischt
niemand wird sie mehr trennen
Mir sind die Menschen so trüb erschienen
Ich kam in die Heimat nach recht langer Zeit
und gestehe es ganz unumwunden
so viel Seelenschmerz und so viel Leid
hab ich nirgendwo anders gefunden
Einst rief man mich zur Plicht und ins Heer
doch ich tat nicht den Gang zu den Waffen
ich verließ mein Zuhause war es auch schwer
mit ihrem Krieg hatte ich nichts zu schaffen
Und wo ich nun heute wieder hier steh
verdrücke ich still manche Träne
wie gerne ich diese Landschaft doch seh
und nach meiner Sprache mich sehne
Doch mir sind die Menschen so trüb erschienen
zerfleddert und stumpf ihr Gefieder
immer noch emsig zwar wie die Bienen
nur den Frohsinn fanden sie noch nicht wieder
Mir sind die Menschen so trüb erschienen
versehrt an Seele und Glieder
ob sie wahrhaftig nicht mehr verdienen
als meine traurigen Lieder
Dorian
Nicht Hochmut war es was mich trieb
und auch nicht Sehnsucht nach der Sünde
nur der Gedanke der mir blieb
dass ich sie vielleicht wiederfinde
Sie die in reiner Jugend blühte
nie sah ich jemals solche Pracht
ach wenn ihr Herz nur für mich glühte
und sei es auch nur eine Nacht
Ob auf den Wiesen, bei den Buchen
auch in den Nächten trüb und kalt
überall wird mein Blick nur suchen
nach ihrer herrlichen Gestalt
In allen Gassen will ich harren
kreuz jeden Fluss, dreh jeden Stein
mach ich mich dabei auch zum Narren
um ihr nur einmal nah zu sein
Ihr spottet ob meiner Gesinnung
habt Ziel und Wahrheit arg verdreht
mir liegt nur dann an Lustgewinnung
wenn sie es ist die vor mir steht
Ihr saht nie Augen die wie ihre
voll Unschuld doch mit tiefem Sinn
dagegen seid ihr nichts als Tiere
nie werf ich sie zum Fraß euch hin
Ein Schwur an den ich mich heut binde
ist auch der Preis ein großes Leid
ich ruhe erst wenn ich sie finde
kostet es mich auch alle Zeit
Ist ihre Jugend dann vergangen
und ich erkenn nicht ihr Gesicht
dann soll zur Ehre mir gelangen
dass meine Hand den Spiegel bricht
Wenn ich auch heut nicht schlafen kann
Wenn ich auch heut nicht schlafen kann
hab ich die Nacht doch gerne
mein Blick flieht durch das Fensterglas
und fängt sich ein paar Sterne
Und himmelwärts steigt auch mein Herz
von oben ist die Welt so klein
in manchen Stuben brennt noch Licht
in anderen schläft man schon ein
Und wie ein Irrlicht streife ich
in unbenannten Räumen
wenn ich auch heut nicht schlafen kann
kann ich doch träumen
Kerosin
Auf dem Schrottplatz lebt Mareike
pennt in einem roten Wagen
und ich hör die Leute sagen:
Dieses Mädchen ist verrückt
Doch wenn ich in Sommernächten
auf dem Rücksitz bei ihr liege
ist es so als ob ich fliege
wenn sie sich kurz an mich drückt
Sie duftet so nach Kerosin
nach Pech und Schwefel und Benzin
doch ihr steht das viel besser
als Veilchen und Jasmin
Oft dreht sie das Radio leise
um die Vögel nicht zu stören
und ich kann sie reden hören
mit den Blumen und dem Wind
Und wenn ich in Sommernächten
mich mit ihr im Wellblech ducke
und in ihre Augen gucke
weiß ich dass wir glücklich sind
Sie duftet so nach Kerosin
nach Pech und Schwefel und Benzin
doch ihr steht das viel besser
als Veilchen und Jasmin
Das modebewusste Zebra
Ein Zebra sprach zum Nilpferd:
„Ich kann es nicht begreifen
man trägt in diesem Sommer
eindeutig keine Streifen
Du kannst mir wirklich glauben
ich bin voll deprimiert
ich wäre soviel lieber
ganz grün/gelb kariert
schließlich bin ich eine Dame
stilbewusst und mit Niveau“
da sagte das Nilpferd :
„Ah ja, hmm, hmm, soso“
Bei Regen
Man trägt Schirm oder Mütze
sieht es auch nicht verwegen aus
und fällt man in eine Pfütze
steigt man wieder hinaus
Alles was man der Pfütze verübelt
verkehrt sich sofort in Dank
wenn man sich in ihr spiegelt
und feststellt: Was ist man doch schlank
Auch ich gehöre zu diesen Herren
die deshalb gern im Regen spazieren
und das Pfützen Perspektiven verzerren
kann mich rein gar nicht tangieren
Es war nur kurze Zeit lustig
Juliane mit dem T-Shirt von Che
und ihrem dreijährigen Sohn
Müsli am Morgen, Rotwein am Abend
und jeder Kuss wie eine Revolution
Der Abwasch in Konkurrenz zum Mount Everest
Pizzareste haben an Gläsern geklebt
(Die Pizza aß man gleich aus der Schachtel)
In diesem Berg in der Spüle hat etwas gelebt
Es war nur kurze Zeit lustig
Man soll ja alles einmal mitmachen
aber ehrlich, wer hat schon Lust
ständig zu lachen?
Steine auf Bullen zu schmeißen
ist nur dann nicht verkehrt
wenn man mit dem Scheiß nicht anfängt
sondern sich nur gegen sie wehrt
Und all die oberschlauen Genossen
die nur labern und haschen
pennten irgendwo auf dem Boden
und vergaßen sich morgens zu waschen
Es war nur kurze Zeit lustig
Man soll ja alles einmal mitmachen
aber ehrlich, wer hat schon Lust
ständig zu lachen?
Was soll aus dem Kleinen mal werden?
Der lernt von euch doch nur Mist
Der endet entweder in der Psychiatrie
oder als Terrorist
Blinder Aktionismus im Bürgeramt
Lassen Sie mich mal sehen.
Willkommen Nummer fünfhundertzehn.
Wie schnell doch vier Wochen vergehen.
Was? Sie mussten die ganze Zeit stehn?
Keine Angst, ich schick Sie nicht nach Hause.
Der Termin heute geht schon klar.
Nur noch zwei Stunden Mittagspause
dann bin ich auch schon für Sie da.
………………………………………...................
Noch da? Und Sie lächeln noch immer?
Eine Bürgerin wie ich sie mag.
Hier wird es von Tag zu Tag schlimmer.
Doch heut retten Sie mir den Tag.
Wohngeld? Da muss ich ja lachen.
Im Park sind die Bänke sehr schön.
Da trifft man freundliche Menschen
und nachts kann man die Sterne sehn.
Ich kann Ihnen nichts bescheiden.
Und mit Sicherheit nicht positiv.
So etwas gilt es zu vermeiden.
Und Ihr Unglück ist nur relativ.
Doch wie wäre es mit einem Kaffee?
Ich schließ hier einfach zu.
Wo ich die Arbeit eh niemals schaffe.
Ich heiß Martin und wie heißt Du?
Die Sterne werden bluten
Ich hab mit Gott gepokert
er hat zu viel riskiert
und ehe er sich recht besann
da war es schon passiert
Das As in meinem Ärmel
das sah der Alte nicht
nun ist er ziemlich fertig
hat Tränen im Gesicht
Er könnte mir fast leid tun
doch wie gesagt: Nur fast
denn schließlich hat der Zocker
grad eure Welt verprasst
Die Sterne werden bluten
doch ich tanz auf dem Tisch
und schicke seine Engel
ab morgen auf den Strich
Der Alte wird mein Hofnarr
der Himmel restauriert
die Sterne werden bluten
denn jetzt wird abkassiert
Nun jammert er gar schrecklich
doch mir macht das nichts aus
ich rate ihm zu beichten
in einem Gotteshaus
Ich werde ihn begleiten
falls ich den Papst dort treff
kann ich ihm gleich verklickern
er hat nen neuen Chef
Ich krieg jetzt beinah Mitleid
mit diesem armen Mann
was fangen seine Schäfchen
bloß ohne Hoffnung an?
Die Sterne werden bluten
doch ich tanz auf dem Tisch
und schicke seine Engel
ab morgen auf den Strich
Der Alte wird mein Hofnarr
der Himmel restauriert
die Sterne werden bluten
Vom Verdacht der Vernunft
Vom Verdacht der Vernunft
wurden wir freigesprochen
Und was war der Beweis?
Zwei Herzen die gebrochen
Missmutige Moleküle
Missmutige Moleküle
schämen sich ihrer Gefühle
schließlich ist klar definiert
dass ihnen so was nicht passiert
Klar sie dürfen sich verbinden
ohne etwas zu empfinden
aber mehr geht wirklich nie
ist doch alles nur Chemie
Das sag mal den Molekülen
wenn sie sich grad einsam fühlen
in so einer Sommernacht
wo man besser Liebe macht
Sie hören Helene Fischer
und sind sich ganz plötzlich sicher:
Liebe ist schön, Chemie ist Mist
egal wie molekü(h)l man ist
Bewaffnet
Ich bin bewaffnet
mit Stift und Papier
doch ich schieße nicht scharf
dafür bin ich nicht hier
Aus eurem Papierkrieg
halt ich mich heraus
ich mal hinterher
das Schlachtfeld bunt aus
Unversöhnt
Nur Zorn im Blick, dahinter stete Leere
gebückt, gebeugt vom harten Waffengang
der Jugend kam ein Weltkrieg in die Quere
davon wurd er an Leib und Seele krank
Sibirien, drei Winter unter Tage
geplagt von Skorbut, Wundstarrkrampf und Ruhr
ganz ohne Trost in aussichtsloser Lage
bis ihn der Zug zurück nach Mühlheim fuhr
Die Frau die ihn am Bahnsteig „Liebster“ nannte
erschrak vor seinem hageren Gesicht
er war ein Fremder den sie kaum erkannte
doch sie hielt sich an ihre Ehepflicht
Er schrie im Schlaf, aber er schwieg am Tage
sein dürrer Leib bot keinen Halt bei Nacht
das Leben mit ihm war nur Last und Plage
doch sie hat selten an sich selbst gedacht
Er ging nicht aus dem Haus, trank ohne Maßen
doch schlug sie nie und wurde auch nicht laut
und wenn sie schweigend auf dem Sofa saßen
wünschte sie sich in eine fremde Haut
Er starb so lautlos wie er mit ihr lebte
ein Husten und dann kurz nochmal gestöhnt
er starb so lautlos wie er lebte
- unversöhnt
Neuschnee
Nicht verwunderlich dass man am Sessellift
oft auf die Gattung Skihase trifft
doch heutzutage zieht es mich eher schon
in die Reihen der Glühweinfraktion
Da hab ich dann darüber nachgedacht
warum man aus Pudeln meist Mützen macht
und ob jemand der hier standsicher Slalom fährt
in der wirklichen Welt davon noch lange zehrt
Neuschnee in den Augen tut anfangs weh
doch man weiß ja es ist nur Schnee
und wenn man sich die Augen reibt
gibt es nicht was von ihm noch übrigbleibt
Wenn man das weiß dann fällt einem ein
er könnt ein Synonym für Liebe sein
und schließlich hat man auch geschnallt:
Neuschnee ist viel weniger kalt
Protestbewegung
Ich bin eine Protestbewegung
Ich stell was auf die Beine
Und zwar meistens mich selbst
und das auch noch alleine
Ich stell mich auf die Beine
fühl ich mich auch unsäglich
- wenn das mal kein Protest ist -
und das vollzieh ich täglich!
Das Klimakterium des Sommers
Der Sommer gibt sich verwegen
Der macht keine halben Sachen
Man denkt sich: Das wird sich schon legen
Und noch kann man darüber lachen
Er kümmert sich nicht um Mensch und Natur
bei all seiner inneren Hitze
Nur anfangs taugt seine Temperatur
noch für Ignoranz oder Witze
Doch sind erst ein paar Wochen vergangen
begreift man was wirklich passiert
und man beginnt zu bangen
ob die Menschheit bald ganz dehydriert
Gefängnisse
Sie reden nicht gut von einem wie mir.
Das bringt mich oft in Bedrängnis.
Sie tun so als sei ich ein wildes Tier.
Doch jeder Mensch hat sein eignes Gefängnis.
Meines war aus Gittern. Und ist verschwunden.
Die Freiheit vermag mich nicht zu kränken.
Ihres dagegen wird nie überwunden.
Man weiß es bei dem was sie denken
Wichtige Leute
Neulich erst hat mir jemand gesagt:
Schreiben Sie doch mal von wichtigen Leuten
Ich hab mich seitdem ständig gefragt:
Was mag das wohl bedeuten?
Ist da die Rede von den Bankdirektoren?
Von Politikern und Generälen?
Zählt man dazu auch Professoren?
Es gilt bedacht auszuwählen
Früher hätte ich das nicht ernst genommen
Diese Einmischung in mein Revier
Und meine Antwort wäre prompt gekommen:
Tu ich doch - ich schreib von mir
Solche Späße werd ich mir verkneifen
denn ich habe inzwischen bedacht:
Wenn die Leute sie nicht begreifen
bin ich der einzige der darüber lacht
Wichtige Leute nehmen sich zu wichtig
Die können mir gut gestohlen bleiben
Dagegen erscheint es mir durchaus richtig
von bedeutenden Leuten zu schreiben
Und dass wir uns nicht falsch verstehen
bei der Definition von bedeutenden Leuten
Die müssen nicht übers Wasser gehen
Es reicht aus wenn sie mir etwas bedeuten
Der letzte Sommertag am Meer
Das war der letzte Sommertag. Wir gingen
an einem Fluss. Der mündete im Meer.
Wo Möwenschwärme eifrig Fische fingen.
Und mich berührte dieser Anblick sehr.
Dir lag nicht viel an Meeren und an Flüssen.
Denn dafür warst du einfach viel zu jung.
Dir lag viel mehr am Streicheln und am Küssen.
Das taten wir dann bis zur Dämmerung.
Mittag mit Frank
Der Chef de Cuisine trägt heut Schürze
die Nudeln schaun ihn misstrauisch an
er feuert eine Ladung Gewürze
bis keine Nudel sich mehr wehren kann
Wir wollen noch zu Hertha-Bayern
vor ausverkauftem Haus
da sollte man vorher schon feiern
denn siegreich geht das selten aus
Die Nudeln kämpfen ums Überleben
das Wasser ist übergekocht
aber darauf muss man nichts geben
Wasser hab ich eh nie gemocht
Frank sieht es wohl so ähnlich
er sagt: Ein Bier und ein Korn
ich frage ihn: Bist du dämlich?
Er probiert es noch einmal von vorn
Drei Bier sind ein gutes Ergebnis
mit Korn hab ich nichts im Sinn
die Nudeln sind ein Erlebnis
niemand sonst hunzt Nudeln so hin
Im Stadion sitzen wir später
wie zwei begossene Pudel
der Schiri ist ein Übeltäter
Frank brüllt: Dir tret ich in die Nudel
Das lässt sich nicht überbieten
0:3 gegen Berlin
und die drei schwarzen Nieten
streiten mit dem Chef de Cuisine
Schlaflos
Nun schleppt die Nacht mir die Träume an
nun wo ich doch kaum schlafen kann
doch ich brauch einen Traum
so kümmert es mich kaum
vielleicht heb ich ihn auf für irgendwann
Der Fabrikant
Er sitzt an seinem Schreibtisch, raucht Zigarre
und lächelt Richtung Ahnengalerie
Harte Gesichter, wie in Leichenstarre
Er schuf nicht, doch er erbte – so wie sie
Der erste Patriarch ist fast vergessen
Man lästerte sogar: Er hatte Herz
Die Nachkommen jedoch dachten indessen:
Das ist nicht wahr. Das ist ein übler Scherz
Der Fabrikant ergötzt sich an Tabellen
Gewinne werden ständig maximiert
Es gibt in dem Betrieb nie freie Stellen
Niemand riskiert dass er den Job verliert
Er zahlt seit jeher nichts als Hungerlöhne
und sind die Väter kränklich oder tot
verschlingt der Moloch eben ihre Söhne
Ein Schicksal das hier jedem Armen droht
Der Fabrikant jedoch rafft ohne Ende
nie mangelte es ihm an Wein und Brot
Er schuf nichts durch die Arbeit seiner Hände
ihn kümmert nicht das Elend und die Not
Vielleicht werden sie eines Tages kommen
vielleicht werden sie kein Pardon ihm geben
vielleicht werden ihm Hab und Gut genommen
vielleicht bleibt ihm nichts als sein nacktes Leben
Monster
Als Kind hast du dir vorgemacht
es kämen Monster in der Nacht
du suchtest sie vor Angst ganz krank
unterm Bett und im Kleiderschrank
Aber du hast schnell festgestellt
die wahren Monster dieser Welt
die lächeln und verstellen sich
und sehen aus wie du und ich
So viele Monster hier auf Erden
die es gilt zu bekämpfen
ohne selbst eins zu werden
Damaskus, Bagdad und Beirut
heilige Kriege, blinde Wut
mit Tyrannen manchen Pakt geschlossen
und trotzdem weiter Blut vergossen
In Langley haben sie die Listen
der Warlords und der Terroristen
sie schicken Drohnen auf die Reise
und töten auf die gleiche Weise
So viele Monster hier auf Erden
die es gilt zu bekämpfen
ohne selbst eins zu werden
Moral ist billig heutzutage
und niemand ist mehr unbeteiligt
sie sagen dass in solcher Lage
der Zweck immer die Mittel heiligt
Die Nacht legt ihren Mantel nieder
Die Nacht legt ihren Mantel nieder
der Morgen trägt ein frisches Hemd
wie jeden Tag erwach ich wieder
und bleib mir bis zum Abend fremd
Des Tages Licht mag uns wohl leiten
manchen verleiht es sicher Ruh
doch mir fällt schon seit allen Zeiten
die Dunkelheit viel leichter zu
Ich zürne nicht der Sonne Blüte
und ihren hellen frohen Schein
doch nur die Nacht erweist die Güte
von allen Schatten frei zu sein
Rorschach hat sich geirrt
Ich sehe die Madonna
sie trinkt von meinem Blut
sie bringt der Welt das Feuer
ich fühl mich neu und gut
Ich weiß dies ist ein Zeichen
das niemand sonst erkennt
sie wissen nicht dass Gott
mich oft beim Namen nennt
Sie machen sich Notizen
und schreiben den Bericht
sie sehen nur die Maske
die Schönheit sehn sie nicht
Sie folgen falschen Fährten
verwundert und verwirrt
weil ihnen niemand klarmacht
Rorschach hat sich geirrt
Der Garten Gethsemane
vom Regen überschwemmt
die Sprache der Propheten
bleibt ihnen ewig fremd
Sie haben ihre Bücher
die ohne Antwort sind
ich sehe Judas weinen
um Gottes schönstes Kind
Sie diagnostizieren
suchen einen Beleg
und haben nicht begriffen
Krankheit ist der Weg
Sie folgen falschen Fährten
verwundert und verwirrt
weil ihnen niemand klarmacht
Rorschach hat sich geirrt
Bei zehn noch auf den Beinen
Kutte sagt: Boxen ist wie Sex
und schlägt auf den Sandsack ein
da zum Sex mindestens zwei gehören
muss das wohl Masturbation sein
Meine Gedanken sind ihm zu hoch
er sagt: Komm doch mal in den Ring
ich sag: Also blaue Augen
sind nur bei Frauen mein Ding
Jeder Morgen ist Sparring
der Rest des Tages bringt wenig Glück
das Leben ist ein zu harter Gegner
es schlägt schnell und trocken zurück
Immer eins in die Fresse
da dürfen Jungs auch mal weinen
am Ende zählt nur eins
Sei bei zehn noch auf den Beinen
Weltanschauung
Der Arme hat unrecht, der Reiche hat recht
nur ein Narr stellt das jemals in Frage
die Welt ist wie sie ist und sie ist schlecht
und das seit Anbeginn aller Tage
Hat man das erst einmal begriffen
sei auf Moral und Anstand gepfiffen
ein jeder kämpft nur für sich allein
und das Lamm beugt sich dem Schwein
Ich vermag keinen Trost euch zu dichten
Gibt es Trost fragt ihr – es gibt ihn mitnichten
deshalb sorgt meine Weltanschauung
bei meinen Lesern auch nie für Erbauung
Der Inquisitor betet
Gott aller Seelen erbarme dich meiner
lass mich dem Fegefeuer entgehn
keine Seele war jemals reiner
allen Sünden konnte ich widerstehn
Die meisten Gebote hab ich nie gebrochen
ich schied mich als Mensch vom unheiligen Tier
ich hab stets in deinem Namen gesprochen
und für deine Herrlichkeit wirkte ich hier
Ich hab jeden Ketzer ans Kreuz geschlagen
und Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt
auf den Kreuzzügen hab ich dein Zeichen getragen
und trug den Glauben in das Heilige Land
Gott aller Seelen gewähre mir Milde
für dich hab ich gefoltert und hab ich gequält
für dich trug ich treu das Schwert und den Schilde
du hast mich zu deinem Schlächter erwählt
Pfefferminzland
Er war ein Handelsvertreter
für Damenunterwäsche
und flötete in Mutters Ohr:
„Ich weiß wovon ich spreche
Und wenn es Ihnen recht ist
probieren wir´s mal an
die Rechnung schicken wir
dann später Ihrem Mann“
Und dieser weiche Stoff
lag gut auf ihrer Haut
da hat sie sich dem Fremden
gleich völlig anvertraut
Mit einem rosaroten Kombi
sind die beiden durchgebrannt
während Vater grad verkatert
beim Sozialamt Schlange stand
Als er abends torkelnd heimkam
stand kein Essen auf dem Herd
und ich hab so gut ich konnte
ihm die Sache gleich erklärt
Er starrte in die Glotze
tat als gäbe es mich nicht
und ihm lief etwas feuchtes
nach unten durchs Gesicht
Ob Träne oder Speichel
konnte ich nicht richtig sehn
und dann hat er geschrien :
„Du Sau kannst doch nicht gehn“
Und eine Visitenkarte
lag mitten im Karton:
„Dessous von Müller – traumhaft
da fliegt man glatt davon“
Und der rosarote Kombi
stand allein im Sternenschimmer
auf dem Parkplatz vor dem Motel
und da lachte wer im Zimmer
als zwei Körper sich entdeckten
in dem weichen trüben Licht
waren die Falten Schnee von gestern
denn mit Müller gibt’s die nicht
Aus Mangel an Beweisen
Morgens blickst du dir den Tag müd
suchst das Glück in einer Flasche
und ich steh hier knietief ängstlich
an dem Strand aus Schutt und Asche
fang die Botschaft ab und heule
mit den Wölfen – ich vergaß
wenn du mich vom Schlitten abwirfst
dann auch ihnen wohl zum Fraß
Wo ist unser Gang zu neuen Ufern
der das Schweigen bricht – die Wellen teilt
wer hat uns verleugnet und verraten
warum fühl ich mich noch nicht verheilt?
Schuldig – aus Mangel an Beweisen
vor Liebe blind und krank
bin ich schuldig – lebenslang
Abends trinkst du dir die Welt still
steckst das Leben in die Tasche
und ich stehe hier und hoffe
dass ich etwas Glück erhasche
schipp den Staub aus deinen Träumen
hülle mich in Ungeduld
ich will sagen: Sei nicht kleinlich
doch ich meine: Du bist schuld
Wo ist dein Versprechen stummer Nähe
wo das Band das uns auf ewig eint
wie perfekt ist diese taube Leere
die mir fast wie ein Verbrechen scheint?
Schuldig – aus Mangel an Beweisen
vor Liebe blind und krank
bin ich schuldig – lebenslang
Oberschicht an der Unterhavel
Es gibt Bowle zur Begrüßung im Pavillon.
Geflissentlich wird sie übersehen.
An den Bäumen baumeln die Lampions.
Die haben bessere Zeiten gesehen.
Der Graf kommt noch mit eignem Chauffeur.
Seinen Rolls den musste er leasen.
Der Weg zum Ufer fällt ihm recht schwer.
Doch das vergisst er an Tagen wie diesen.
Ein Serviermädchen lockt ihn mit Häppchen
und er schaut es begehrlich an.
„Graf! Alter Freund! Die ist kein Schnäppchen
wie ich aus Erfahrung wohl sagen kann.“
Der Anton ist es – Minister a.D.
der jovial auf die Schulter ihn klopft.
Die tut dem Graf seit Wochen schon weh.
so dass die Crême Fraîche vom Schnittchen ihm tropft
Die Hauskapelle ist weit über sechzig
und trifft schon seit Jahren kaum einen Ton
Man könnte sagen der Sparzwang rächt sich
Zum Glück gibt es noch das Grammophon
Madame Toussier wirbelt ihre Boa.
Immer noch Diva, doch inzwischen verblüht
Etwas zu krampfhaft haucht sie „Aloa“.
Das soll sinnlich wirken doch klingt nur bemüht.
Von Jahr zu Jahr wird der Kreis etwas kleiner.
Und der Graf meint, ein wenig verwundert:
„Die Zeit wird auch ständig gemeiner
letztes Jahr waren wir noch hundert.
Vorbei die Zeit der gewagten Tänze
Vorbei der verbotene Sprung in den Busch.
Die Brüste sind schlaff, genau wie die Schwänze.
Und das ganze Buffet ist auch nur noch Pfusch.
Heilige Hinterlist
Zahl Ablass, Bruder
sei dabei
von deinen Sünden
kauf dich frei
All das gehört
zum großen Plan
wen kümmert schon
was du getan?
Der Klerus nährt wohl seine Meister
und jeder Schilling macht sie feister
Würde ihr Werk von Ehre sein
wie fett würde ihr Gott dann sein?
Zahl für deine Sünden
zahl damit man sie vergisst
zahl dass die Pastoren künden
dass du frei von Tadel bist
Heilige Hinterlist
Sei demütig
senk deinen Kopf
füll eifrig
ihren Betteltopf
egal ob Silber
oder Gold
dann bleibt ihr Wohlwollen
dir hold
So geh dahin mit ihrem Segen
auf allen Pfaden, allen Wegen
welch Bosheit dir auch innewohnt
wer zahlt der wird dafür belohnt
Zahl für deine Sünden
zahl damit man sie vergisst
zahl dass die Pastoren künden
dass du frei von Tadel bist
Heilige Hinterlist
Mamas neuer Mann
Mamas neuer Mann
schaut mich so seltsam an
und bin ich mit ihm allein
schließe ich im Bad mich ein
Er sagt ich sei prüde
er sagt ich sei schön
er sagt er würde
gern mehr von mir sehn
Mamas neuer Mann
fasst mich manchmal an
als wär’s nebenbei
mir ist nicht wohl dabei
Er will mit mir ins Kino
oder spazieren gehn
und Mama nickt erfreut
zu blöd um’s zu verstehn
Mamas neuer Mann
ist nicht auf Mama scharf
ständig fragt er mich
ob er mich küssen darf
Er kramt in meiner Wäsche
er kommt nackt in mein Zimmer
Mama hört mir nicht zu
und es wird täglich schlimmer
Mamas neuer Mann
ist nun endlich froh
heut früh warf er sich auf mich
und kam in meinem Po
Schöne Stadt
Es gibt einen Bahnhof mit einem Kiosk
da stehn alte Männer um einen zu saufen
man kann da zur Not auch eine Zeitung
Zigaretten oder Kaugummis kaufen
Und wenn ein Zug kommt sehn fremde Gesichter
gelangweilt aus dem Fenster hinaus
es gibt keinen Grund hier auszusteigen
man lädt meistens nur die Postsäcke aus
Ich fahr mit dem Fahrrad über die Gleise
der Kies knirscht dann leise
und ich komm kaum vom Fleck
ich hab fast vergessen
Zeit zum Abendessen
vielleicht komm ich morgen ein Stück weiter weg
Dies ist eine schöne Stadt
das kann man schon sagen
gefaltet passt sie in einen Prospekt
den kann man an alte Menschen verschicken
und schreiben
dass man hier glücklich verreckt
Es gibt einen Teich – da sind sogar Enten
und schenkt man ihnen ein Vollkornbrot
posieren sie für ein romantisches Foto
schnabelumschlungen vorm Abendrot
Im Park sitzen Rentner und sprechen mit Blumen
ich weiß nicht ob die so scharf darauf sind
sie kräuseln die Blätter, kriegen dicke Hälse
und hängen die Köpfchen genervt in den Wind
Ich fahr mit dem Fahrrad über den Rasen
ich hab solchen Phasen
da werd ich ganz wild
man darf hier nicht liegen
keinen Grashalm verbiegen
das steht hochamtlich auf einem Schild
Dies ist eine schöne Stadt
das kann man schon sagen
gefaltet passt sie in einen Prospekt
den kann man an alte Menschen verschicken
und schreiben
dass man hier glücklich verreckt
Es gibt eine Schule die darf man besuchen
dort lernt man wie man im Leben besteht
man darf dort nicht rauchen, nicht dösen, nicht fluchen
und wehe man kommt fünf Minuten zu spät
Menschen stehn abends vor ihren Häusern
gießen die Blumen, schauen über den Zaun
ob alles in Ordnung ist bei den Nachbarn
man kann seinem Nächsten hier blind vertraun
Dies ist eine schöne Stadt
das kann man schon sagen
gefaltet passt sie in einen Prospekt
den kann man an alte Menschen verschicken
und schreiben
dass man hier glücklich verreckt