Manche Menschen

 

Manchen Menschen gelingt es

aufrecht durchs Leben zu gehen

die lassen sich nicht verderben

die taugen fürs Widerstehen

Die lassen sich nicht bestechen

die horten nicht Hab und Gut

die zeigen bescheiden innere Größe

und prahlen nicht mit ihrem Mut

 

Und mögen es auch zu wenige sein

auf dem Angesicht dieser Erde

so sind sie doch mehr als es scheint

und besser als ich jemals werde

 

Manchen Menschen gelingt es

Halt für andere Menschen zu sein

die tragen ihre Bürde mit Würde

und fischen nicht nach Schmeicheleien

Die lassen sich nicht verbiegen

die pressen sich in kein Korsett

die sind einfach nur wahrhaftig

die benötigen kein Etikett

 

Und mögen es auch zu wenige sein

auf dem Angesicht dieser Erde

so sind sie doch mehr als es scheint

und besser als ich jemals werde

 

Manchen Menschen gelingt es

scheinen sie oft auch so klein

etwas Bleibendes zu hinterlassen

und von Bedeutung zu sein

 

             Für meine Oma

 

 

 

 

 Auf den Bänken

 

Es sitzen Liebende auf den Bänken

die sich schmachtende Blicke schenken

und in ihnen schwillt ein leiser Dank

für das Vorhandensein jener Bank

 

Denn gäb es die nicht dann müssten sie stehen

und könnten sich kaum in die Augen sehen

denn sie ist einsfünfzig und er eher lang

das Bücken ging auf den Rücken - ohne Bank

 

Nur irgendwo an der Krummen Lanke

sagt die Polizei den Bänken nicht: Danke

weil die Sitzenden oft daran denken

sich in Kürze schon zu ertränken

 

 

 

 

 Weisheiten aus dem Bayernland

 

Ein Bauer besaß eine Kuh

die sagte ihm nicht sehr zu.

Er tauschte sie deshalb ein

gegen ein Huhn und ein Schwein.

 

Die waren halb so viel wert

wie ein Wachhund oder ein Pferd

so dass er den Tausch nicht genoss

und weiteren Handel beschloss.

 

Deshalb fragte er den Bauern Paul:

„Was willst du für Deinen Gaul?“

Doch der sprach voll Bauernehre:

„Sag nicht Gaul zu meiner Mähre“

 

So kam im Bayrischen Lande

kein weiterer Handel zustande

und Paul hat die Gewissheit verspürt:

Mähre wem Mähre gebührt

 

 

 

 

 Flugfeld

 

Am Flugfeld in der Morgenkühle

in unanständiger Frühe

standen zwei klapprige Stühle

und dazwischen drei klapprige Kühe

 

Der Mäher kämpft gegen das wuchernde Grün

offensichtlich vergebliche Mühe

nah dem Hangar duftet es nach Benzin

(deshalb sieht man dort keine Kühe)

 

Ein Flugzeug landet und rollt über die Bahn

während ein anderes beinah schon startet

die Kühe, die davon so gut wie nichts sahn,

ahnten dass wohl der Bauer schon wartet

 

So trotten sie gemächlich davon

mit prall gefülltem Euter

auf dem Flugfeld nahe bei Bonn

geht das Leben unaufgeregt weiter

 

 

 

 

 Es ziehen graue Stürme

 

Es ziehen graue Stürme

sie ziehen Tag und Nacht

sie ziehen über Friesland

bleib wach, mein Herz, gib Acht

 

Sie spielen mit den Booten

werfen sie hin und her

man spricht von vielen Toten

an Land und auf dem Meer

 

Sie nagen an den Deichen

sie reißen an dem Dach

du darfst ihnen nicht weichen

gib Acht, mein Herz, bleib wach

 

Sie sausen durch die Zäune

sie quälen Mensch und Tier

sie rütteln an der Scheune

sie fluten jeden Pier

 

Sie peitschen durch die Weiden

sie fegen übers Land

sie bringen Not und Leiden

halt aus, mein Herz, halt stand

 

Es ziehen graue Stürme

sei tapfer, liebes Kind

denn auch die schwersten Stürme

sind weiter nichts als Wind

 

 

 

 

And when no hope was left inside

On that starry, starry night

You took your life as lovers often do

But I could have told you, Vincent

This world was never meant

For one as beautiful as you

Now I think I know what you tried to say to me

And how you suffered for your sanity

And how you tried to set them free

They would not listen, they're not listening still

Perhaps they never will

(“Vincent”, Don McLean)


 


 

Der gelbe Strohhut

 

Diesen gelben Strohhut trug einst ein Mann

den die Welt bis heut nicht verstehen kann

Die Anerkennung die ihm im Leben verwehrt

wird ihm bereitwillig nun zwar gewährt

 

aber geht es um die Krankheit, um die Manie

sagt man leichthin: Wahnsinn liegt nah beim Genie

Sie analysieren die Technik, die Farben

ich seh in den Bildern die Zweifel, die Narben

 

von einem der von seinen Dämonen getrieben

gelernt hat die Schlichtheit der Dinge zu lieben

und selbst als die Menschheit ihn grausam verstieß

seine Botschaft der Hoffnung für sie hinterließ

 

             Vincent van Gogh

                           *30.03.1853- †29.07.1890

 

 

 

 

 Zwei Knöpfe

 

Zwei Knöpfe an nem Hemdchen

die warn sich spinnefeind

der obere war arrogant

der untre hat geweint

 

Denn er wär so gerne oben

anstatt im Hosenbund

da war es immer dunkel

grad wie im Höllenschlund

 

Der obre Knopf hat Sonne

der untre schnuppert Fisch

und liegt man in der Wäsche

dann streiten beide sich

 

Zwei Knöpfe an nem Hemdchen

dem obren wars bequem

der untre wurd vom Bauch gequetscht

das war ihm ein Problem

 

Ne Lösung fand man keine

und mir geht durch den Kopf

ich kenn so manchen Menschen

der eignet sich als Knopf

 

 

 

 

 Ich steh immer irgendwie dazwischen

 

Ich steh immer irgendwie dazwischen

zwischen Angst und Mut und Schein und Sein

Geht es darum Lügen aufzutischen

fall ich sogar auf mich selber rein

 

Das Metier des Gauklers macht verkommen

doch das ist mir meistens einerlei

was ich tue ist genaugenommen

weiter nichts als Augenwischerei

 

Ich hab keine Weisheit zu verkünden

bestenfalls ergeh ich mich in Spott

Trost lässt sich in meiner Kunst nicht finden

Dafür wende man sich doch an Gott

 

Ich steh immer irgendwie dazwischen

zwischen Wut und Hoffnungslosigkeit

und um euch richtig eins auszuwischen

stehl ich euch mit Worten eure Zeit

 

 

 

 

 Global gesehen

 

Die Welt ist schön

denn ich hab morgen frei

ich würde gern ins Strandbad gehn

und du nach Paraguay

Man kann ja über alles reden

doch deinen Standpunkt kenn ich schon

du wirst beim Streiten immer laut

und ich hab ne Schilddrüsenfehlfunktion

 

Global gesehen

ist es doch fast das gleiche

na los geh doch nach Paraguay

wenn ich dir nicht mehr reiche

Global gesehen

bist du dann trotzdem da

Paraguay und das Strandbad

sind sich global ganz nah

 

Die Welt ist schlecht

denn ich muss ins Büro

und du schreibst mir aus Chile

da denk ich mir: So so

Erst große Töne spucken

von wegen Paraguay

und dann doch nur nach Chile

du und deine Prahlerei

 

Global gesehen

macht’s keinen Unterschied

ob es einen nach Chile

oder zur Arbeit zieht

Global gesehen

bist du noch immer da

denn mein Büro und Chile

sind sich global ganz nah

 

 

 

 

 Der Junge der ich mal war

 

Ich seh ihn im Spiegel

hätt ihn fast nicht erkannt

aber er hat mich gleich beim Namen genannt

 

Ich sage: Geh fort

doch er lacht mich nur aus

denn er ist genau wie ich hier zuhaus

 

Der Junge der ich mal war

 

Er sagt: Ich glaube

du hast ein Problem

du bist ernst und spießig und wirst viel zu bequem

 

Ich schrei ihn an:

Was kümmert das dich

geb mir selbst die Antwort: Er ist ja ich

 

Der Junge der ich mal war

 

Ich hab Angst vor ihm

werde zornig und barsch

doch er grinst mich an: Ich tret dir in den Arsch

 

Der Junge der ich mal war

 

Er sagt: Ich hab mich gar nicht gefreut

dich wiederzusehn in diesem Zustand heut

du ahnst nicht wie betrüblich es ist

mal der Mann zu werden der du bist

 

 

 

 

 Der Sinnende

 

Er saß nur da und sah zu ihr hinüber

genoss das Glück in ihren jungen Zügen

sie sah ihn nicht und so war es ihm lieber

wo der Gedanke ihm schon muss genügen

 

Ganz sicher wartete sie dort auf einen

der reich gesegnet ist und jung wie sie

er bringt zum Lachen sie oder zum Weinen

genau weiß man bei Liebenden das nie

 

Als sie dann schließlich in den Tag entflogen

sah er ihr doch noch lange hinterher

und fühlt auf eine Art sich sehr betrogen

denn irgendwie ersehnte er doch mehr

 

 

 

 

 Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt

 

Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt

tauge nicht für den Kampf, fürs Salutieren

als man den Mut verteilte bin ich abgeblitzt

man wollte es mit mir wohl nicht riskieren

 

Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt

ich zieh nicht in den Krieg, will nicht krepieren

ich bin der, der schon beim Gedanken daran schwitzt

ich will mein Leben leben – nicht verlieren

 

Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt

hab weder Stahlskelett noch breiten Rücken

schaffe es grade mal mich wendig und gewitzt

wenn Unheil droht klammheimlich zu verdrücken

 

Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt

ich mag das auch gar nicht so recht bedauern

wer sich nach vorne drängt anstatt beizeiten flitzt

den wird die Mutter früher wohl betrauern

 

Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt

das will ich meinen Kindern auch vererben

will dass kein Orden je an ihren Jacken blitzt

kein Kind verdient fürs Vaterland zu sterben

 

 

 

 

 Freiheit vierfünfzig

 

Bei uns wird sie groß geschrieben

das suggeriert: Man ist für sie nicht blind

Und das in einem Land wo 30 Prozent

wahrscheinlich Legastheniker sind

Wenigstens lässt sie sich gut besingen

von Frau Milva und Herrn Westernhagen

na ja die beiden hatten eh keinen Grund

freiheitsmäßig irgendwas zu beklagen

 

Schon eher die Svenja aus Zwickau

denn früher hat es eine Mauer gegeben

20 Prozent haben das längst vergessen

das war in einem anderen Leben

In Guantanamo wussten sie auch nicht so recht

mit dem Begriff irgendwas anzufangen

und anderswo musste man das Wort nur flüstern

schon hat man am Strick gehangen

 

Heute heißt es gern: Freiheit ist Geld

oder umgekehrt, ganz wie sie wollen

man kann sie nicht sehen, man kann sie nicht schmecken

man muss sie auch nirgends verzollen

Ich seh sie schon für vierfünfzig

wenn ich durch den Media Markt geh

Mir ist sie nicht grundsätzlich suspekt

ich mag sie nur nicht auf CD

 

 

 

 

 Melancholie ist schlecht fürs Geschäft

 

Vor dem Fenster gibt es nichts zu sehen

da wechseln nur Raben und Krähen

der Baum ist mal grün und mal kahl

und das Ein- ist meist ein Andernmal

 

Man sieht Kinder spielen und streiten

im Wechsel der Jahreszeiten

irgendwann kommen sie nicht mehr wieder

dann sieht man ihre Schwestern und Brüder

 

Die Autos werden alt oder neuer

das Billige wird kurze Zeit teuer

dann sinkt es wieder im Preis

und ich frag mich: Was soll der Scheiß?

 

Die saisonbedinge Trauer

wird auch mit den Jahren nicht schlauer

vergesst das wenn ihr mich trefft

Melancholie ist schlecht fürs Geschäft

 

 

 

 

 Der Pilot

 

Er lief übers Rollfeld

und hat sich gewundert

warum alle blind sind

in diesem Jahrhundert

 

Und warum Reporter

nach Schlagwörtern greifen

bei ihrer Beschreibung

vom Warten in Schleifen

 

Der Himmel ist sprachlos

und einsam und weit

in den fließenden Bildern

fernab jeder Zeit

 

ein Meer ohne Küste

ein Raum ohne Türen

ein Ort um zu lieben

und sich zu verlieren

 

Und lächelnd flog im Abendrot

er in den Tod

- Adieu Pilot

 

 

 

 

 Kabul reloaded

 

Basis kommen

…hör nichts….knackt..

wiederhole…

Sichtkontakt

Drüben auf drei Uhr

seh noch nicht wie viele

Basis hört ihr mich…?

Bewegliche Ziele

 

Laufen langsam

… sehr viel Staub..

Waffen ? Waffen ?

Doch ich glaub..

Bitte wiederholen..

Weiß nicht was ich seh

sagtet ihr grad: Feuer frei?

Feuer frei .. okay

 

Mission ist beendet

hab jetzt freie Sicht

Frauen und auch Kinder?

Nein, das war ich nicht

Warum sie dort liegen?

Was heißt hier „zivil“?

Es war einfach geil

wie ein Videospiel

 

 

 

 

 Im Angesicht der Gegenwart

 

Im Angesicht der Gegenwart

da packt mich oft ein Schauer

die Stunden werden grauer

in denen man verharrt

 

Man muss darauf nichts geben

man kann an solchen Tagen

sich einfach lächelnd sagen

So ist nun mal das Leben

 

All jene die sich freuen

ob Sturm, ob Sonnenschein

die können glücklich sein

und müssen nichts bereuen

 

Ach, wäre das auch meine Art

das Unheil nicht zu wittern

dann müsste ich nicht zittern

im Angesicht der Gegenwart

 

 

 

 

 Die Eine

 

Wie sie so in ihrem Ernst verloren

kurz in meiner welken Zeit verharrt

fühl ich mich erwählt und auserkoren

und bin dabei doch zu Stein erstarrt

 

denn wie könnte ich es jemals wagen

mir zu wünschen was mir niemals gilt

kann den eignen Anblick kaum ertragen

dort in ihrer Augen Spiegelbild

 

denn ich weiß sie wird nicht lang verweilen

ist schon kaum noch Teil der Gegenwart

seh sie in Gedanken schon enteilen

auf ihre mir so lieb gewordene Art

 

 

 

 

 Die Maschine

 

Ich hab dich an eine Maschine verloren

und suche dein Lächeln auf den Monitoren

doch dort sind nur Linien und Zahlen

die ein falsches Bild von dir malen

 

Statt deiner Stimme ist nur die Pumpe zu hören

und ich weine weil sie deine Würde zerstören

sie halten nur noch deine Hülle am Leben

anstatt dir deinen Frieden zu geben

 

Ich hab dich an eine Maschine verloren

und an den Hochmut von Ärzten und Professoren

die dich zwingen zu bleiben

um ihre Studien an dir zu betreiben

 

Die Natriumlösung quält sich aus dem Tropf

in zerstochene Venen und steigt hoch zum Kopf

und statt deiner hab ich mir die Frage gestellt

warum man dich hier noch immer gefangen hält

 

Ich hab dich an eine Maschine verloren

an künstliche Augen und künstliche Ohren

mit Leuchtdioden und Kabelsträngen

die jeden Anschein von Ethik verdrängen

 

Deine Seele hat längst deinen Körper verlassen

und so schwer es auch fällt dieses Bild zu erfassen

ich kann keinen Sinn darin sehn

dir zu verbieten zu gehn

 

 

 

 

 Schon gehört?

 

Schon gehört? Die Wolf ist jetzt im Frauenhaus.

Die Gute sah auch immer recht erschlagen aus.

Kein Wunder bei den Bälgern und dem Mann.

Denen sieht man das Schlechte doch an.

 

Schon gehört? Der Jüngste hat Autos geknackt.

Und die Ulla posiert im Internet nackt.

Glauben Sie mir, ich hab es selbst gesehen.

Gott, was ist nur mit Moral und Anstand geschehen?

 

Schon gehört? Der Wolf hat sich was Neues besorgt.

Die Kleine hat sich gestern bei mir eine Schere geborgt.

Jünger als seine Tochter, vielleicht 14 Jahre.

Tattoos auf den Armen und lila Haare.

 

Schon gehört? Das Jugendamt hat nicht reagiert.

Denen ist egal was mit solchen passiert.

Die Wolf wird sicherlich nicht friedlich ruhn.

Doch was soll man für die verwahrlosten Kinder denn tun?

 

Schon gehört? Die Ulla hat sich umgebracht.

Das hätte ich dann aber doch nicht gedacht.

Beerdigung ist Montag, danach Umtrunk im Eck.

Ich sammle jetzt für ein Blumengesteck.

 

 

 

 

 Es regnet Rosenblätter

 

Lauter kleine Sterne

über unsrem Haus

leuchten für uns beide

und gehn niemals aus

Alter Baum vorm Fenster

winkt mit seinen Zweigen

um dem Licht der Sterne

den Weg zu uns zu zeigen

 

Und ein Wetterhahn

den´s nach Süden zieht

plumpst aufs Fensterbrett

und kräht ein Liebeslied

 

Es regnet Rosenblätter

in unsrer ersten Nacht

ich hab für dich daraus

ein weiches Bett gemacht

Es regnet Rosenblätter

die Sterne tanzen stumm

wie helle Wunderkerzen

auf unsren Körpern rum

 

Unser Freund der Wind

wünscht uns beiden Glück

und pustet all die Wolken

zum Horizont zurück

Tausend Grillen zirpen

leise für uns im Chor

und Marienkäfer

tanzen uns was vor

 

Und ein netter Frosch

hat gleich reagiert

und mit seinem Taktstock

die Grillen dirigiert

 

Es regnet Rosenblätter

in unsrer ersten Nacht

ich hab für dich daraus

ein weiches Bett gemacht

Es regnet Rosenblätter

die Sterne tanzen stumm

wie helle Wunderkerzen

auf unsren Körpern rum

 

 

 

 

 Antoine

 

Antoine, du warst ein Suchender

und Freiheit war dir nur gegeben

wenn du in deinem Cockpit warst

dort lebtest du ein andres Leben

Die Irrungen und die Verluste

erschienen dir plötzlich so klein

was kann ein Träumer mehr verlangen

als Teil des Himmels kurz zu sein?

 

Antoine, du warst ein Liebender

und Liebe hast du auch gefunden

stärker als jedes Fluggerät

hat sie die Schwerkraft überwunden

Die Einsicht und die Möglichkeit

sind Bilder die einander gleichen

doch man steht immer nur dazwischen

und keines kann man je erreichen

 

Antoine, du warst ein Fragender

sowohl im Krieg wie auch im Frieden

bist deinen Zielen nachgejagt

und hast den leichten Weg vermieden

Du hast gekämpft, du hast gelitten

Tage allein im Wüstensand

nachdem du aus den Wolken fielst

warst du allein in Gottes Hand

 

Antoine, du warst ein Wissender

der seinem Stern entgegen eilt

und du hast wunderbare Träume

mit einer ganzen Welt geteilt

Du wirst ein Licht für sie stets bleiben

du hast dich in ihr Herz geschrieben

vielleicht lernt sie ja eines Tages,

wie du Antoine, wirklich zu lieben


 

                                       Antoine de Saint-Exupéry

                                                                                (Pilot und Schriftsteller * 29.06.1900 - † 31.07.1944)

 

 

 

 

 Perlentaucher

 

Du liegst in diesem Zimmer

seit vielen Jahren schon

man nennt den Trakt sarkastisch

gern mal Endstation

Am Anfang hat die Schwester

oft das Radio angestellt

aber du kommst nicht mehr

zurück in diese Welt

 

Der Arzt sagt ich soll reden

ich glaub du hörst mich nicht

aber es gibt sonst keinen

der noch zu dir spricht

 

Wie ein Perlentaucher

mit immer leeren Händen

steh ich an deinem Bett

und würd es gern beenden

denn du bist inzwischen

so tief abgetaucht

zu Orten wo man keine Perlen braucht

 

Ich seh oft aus dem Fenster

wie sich die Jahreszeiten

im immer gleichen Wechsel

um diese Landschaft streiten

Vielleicht wird da wo du bist

der Sommer länger sein

ich wünsche mir von Herzen

du bist dort nicht allein

 

Man sagt mir ich soll glauben

ich weiß nur nicht woran

ich hab alles verloren

woran man glauben kann

 

Wie ein Perlentaucher

mit immer leeren Händen

steh ich an deinem Bett

und würd es gern beenden

denn du bist inzwischen

so tief abgetaucht

zu Orten wo man keine Perlen braucht

 

Ich red mit der Maschine

die dich am Leben hält

und hoffe du entkommst ihr

in eine bessre Welt

 

Wie ein Perlentaucher

mit immer leeren Händen

steh ich an deinem Bett

und würd es gern beenden

denn du bist inzwischen

so tief abgetaucht

zu Orten wo man keine Perlen braucht

 

 

 

 

 Feiglingsfrieden

 

Ein Mann kauft sich ne Zeitung

ne Frau krault ihren Hund

dann sehn sie in das Grau

und denken es sich bunt

Sie schauen zu den Nachbarn

und quatschen mit dem Tisch

die Welt scheint unbeweglich

und trotzdem dreht sie sich

 

Er würd gern einen Film sehn

und sie viel lieber Werbung

das ist kein Missverständnis

nur Vererbung

 

Und dann wird mal kurz gelacht

Feiglingsfrieden abgemacht

nicht gesprochen – nicht gedacht

jeden Tag und jede Nacht

Sie trinkt ihn sich wild

er träumt sie sich niedlich

schöner Feiglingsfrieden

herrlich still und friedlich

 

Ein Mann krault seine Zeitung

ne Frau kauft sich nen Hund

sie haben Langeweile

und dazu allen Grund

Sie quatschen mit den Nachbarn

schauen unter den Tisch

doch dort sind nur die Hunde

Vorsicht – die lieben sich

 

Er würde gern ins Bett gehen

sie lieber in den Garten

man trifft sich in der Mitte

um zu warten

 

Und dann wird mal kurz gelacht

Feiglingsfrieden abgemacht

nicht gesprochen – nicht gedacht

jeden Tag und jede Nacht

Sie trinkt ihn sich wild

er träumt sie sich niedlich

schöner Feiglingsfrieden

herrlich still und friedlich

 

Ein Hund pisst auf die Zeitung

der andre auf den Tisch

der Mann schüttelt den Kopf

die Frau die wundert sich

Sie haben nicht mal Mut

für Wut oder Empörung

zucken nur mit den Schultern

und ignoriern die Störung

 

 

 

 

 Er kam aus Castrop-Rauxel

 

Er kam aus Castrop-Rauxel

und genau so sah er aus

morgens hatte er nen Kater

abends suchte er ne Maus

 

Doch die Mäuse wollten Mäuse

und da zog er ein Gesicht

denn daheim in Castrop-Rauxel

gab es solche Mäuse nicht

 

 

 

 

 Wenn man nichts hat (und es trotzdem verspricht)

 

Es funkelt der Mond auf dem Asphalt in Scherben

zerbrochene Flaschen die man liegen ließ

sie stinken nach Trost und noch viel mehr nach Sterben

ein wenig nach Hölle und auch nach Paradies

 

Nachtfalter kreisen um Straßenlaternen

wo sich die Junkies die Venen zerstechen

es liegt so viel Sehnsucht in kalten Sternen

an den Orten wo Menschen und Träume zerbrechen

 

Ich denke daran wie es wohl mit uns wäre

und lese die Antwort in deinem Gesicht

so dass mir nichts bleibt als die quälende Leere

wenn man nichts hat und es trotzdem verspricht

 

Der Nachtzug quält sich der Vorstadt entgegen

und schneidet die lähmende Stille entzwei

an den Scheiben perlt ein trostloser Regen

an den müden Augen der Pendler vorbei

 

Die Landschaft dämmert im Zittern der Gleise

die fliehenden Schatten gleiten dahin

zu viele Gedanken auf einsamer Reise

zu Orten an denen ich längst nicht mehr bin

 

Ich denke daran wie es wohl mit uns wäre

und lese die Antwort in deinem Gesicht

so dass mir nichts bleibt als die quälende Leere

wenn man nichts hat und es trotzdem verspricht

 

 

 

 

 Geisterstadt

 

Oben im Parkhaus im vierzehnten Deck

haben Emma und Lisa ein kleines Versteck

eine Plane hinter die kein Mensch jemals schaut

weil man dort seit langem schon nicht mehr baut

 

Vor zehn Jahren hat die Wirtschaft noch mächtig floriert

überall Spekulanten, alles subventioniert

doch der Boom ging so schnell wie er kam

und heut ist das Kaff bettelarm

 

Die Alten haben Erspartes, die Jungen Hartz IV

und der einzige Trost ist oft ein Kasten Bier

immer mehr Menschen verlassen den Ort

aber Emma und Lisa können nicht fort

 

Sie sind erst fünfzehn und ihnen ist klar

es wird auch nicht viel besser im nächsten Jahr

weil es weder Hoffnung noch Lehrstellen gibt

und sie ohnehin denken dass niemand sie liebt

 

 

Sie schütten sich zu, teilen die letzte Kippe

der Baukran schwankt im Wind, ein dürres Gerippe

er wirkt wie ein Kind das man verstieß

als die bankrotte Firma ihn stehen ließ

 

Emma und Lisa nehmen sich an die Hand

sie schauen hinab auf das siechende Land

und zwischen den Sternen erscheint eine Tür

Emma und Lisa sind nicht mehr hier

 

 

 

 

 Ich weiß es

 

Sie haben dich eingewiesen

denn du hast jeden Spiegel zerstört

Du hast versucht es zu erklären

doch sie haben nicht zugehört

 

All diese studierten Versager

haben dich analysiert

und dann ihr Urteil getroffen

aber die Wahrheit niemals kapiert

 

Sie wissen nicht was du fürchtest

und wovor du beständig fliehst

Sie glauben, du hättest die Spiegel zerstört

damit du dich selbst nicht mehr siehst

 

Du bist nicht krank, ich weiß es

und fürs Erste hast du gesiegt

Man muss die Spiegel zerstören

wegen dem was dahinter liegt

 

 

 

 Keines Königs Schilling

 

Sie nahmen ihr der Buben drei

einen nach dem andern

und schickten sie mit Speer und Schild

zu Fuß in Richtung Flandern

 

Es war der Zwist den Krieg nicht wert

das war‘s was alle dachten

als Eitelkeit aus Königen

zwei große Narren machte

 

Und als der Krieg vorüber war

wurd jedes Heim entschädigt

auf dass man sich der schweren Schuld

mit leichter Hand entledigt

 

Die Not war groß, der Hunger auch

und abgebrannt so manches Haus

sie aber spuckte voller Gram

vor des Königs Vasallen aus

 

Keines Königs Schilling

ist meine Buben wert

Bringt ihm zurück sein Blutgeld

dass er zur Hölle fährt

 

 

 

 

 Die Beliebigkeit

 

Die Biere warm. Dein Lachen laut.

Und immer Mittelpunkt der Meute

Im Frohsinn wirkst du sehr vertraut

so kennt man dich nicht erst seit heute

 

Du taugst weiß Gott zur Kumpanei

zum Scherzen und zum Schenkelklopfen

du bist mit vollem Herz dabei

und verschmähst keinen guten Tropfen

 

Doch legt sich die Betriebsamkeit

dann macht sich etwas andres breit

was du auch tust es kehrt stets wieder

und es zieht dich gar grausam nieder

 

Und das ist die Beliebigkeit

ein Geist der keinen Geist befreit

im Schatten deiner Heiterkeit

da lauert sie auf ihre Zeit

 

Die Autos schnell. Die Mädchen jung.

Und keine Zeit um zu Verweilen.

Ein Panther, immer auf dem Sprung

ein Akrobat auf hohen Seilen

 

Die Börse voll. Das Grinsen breit.

Man spürt an dir stets das Vitale

und du trotzt jeder Spießigkeit

und flegelst dich durch das Banale

 

Doch endet die Notwendigkeit

tust du dir manchmal ziemlich leid

und kommst dir selber in die Quere

in dieser gottverdammten Leere

 

Dann bleibt nur die Beliebigkeit

und sie begrüßt dich hoch erfreut

egal wie tief man auch bereut

dagegen ist sie schon gefeit

 

 

 

 

 Heilige Nacht

 

Draußen toben die Flocken

durch die Heilige Nacht

drinnen ist‘s warm und trocken

und das Bett frisch gemacht

 

Mutter blickt in die Ferne

Vater starrt in den Wein

Mögen die guten Sterne

mit meinen Brüdern sein

 

Ob sie wohl hungern und frieren

in der Heiligen Nacht?

Mögen sie nie die Hoffnung verlieren

Zärtlich sei ihrer gedacht

 

Im Fenster stehen die Kerzen

und führen mit etwas Glück

jene die in unseren Herzen

in die verlorene Heimat zurück

 

 

 

 

Der Tag an dem Franky etwas Schlaues sagte

 

Unsere Stammkneipe heißt „Bei Mutta“

Dort schmeckt das Bier wie Bier halt schmeckt

Der Billardtisch ist frei oder nicht

auf jeden Fall ist er nicht gedeckt

 

Die Musicbox hat einen Defekt

und der Effekt ist fürchterlich

Man hört knapp zwanzig Minuten

Ich liebe dich dich dich dich dich dich

 

Gestern war der Lieferant erkrankt

und das Bier deshalb aus

Franky dachte nach und er sagte:

„Kein Bier hab ich auch zuhaus

 

 

 

 

 Flüchtige Bestandsaufnahme

 

Wir sind uns nah. Doch sehnen uns nach Weiten.

Ein jeder von uns kläglich wie ein Wurm.

Wir lieben nicht die Wege die wir schreiten.

In uns, um uns und überall ist Sturm.

 

Er reißt an uns, wird stärker mit den Jahren.

Wir leisten nur pro forma Widerstand.

Vergaßen was wir füreinander waren.

Es liegt kein Trost in einer schwachen Hand.

 

Wir werden alt hinter den schweren Gittern

und wähnen uns dabei in Sicherheit.

Während wir aneinander sehr verbittern

leben wir nur noch von geborgter Zeit

 

 

 

 

 Weser-Ems-Kanal

 

Da stand sie nun mit festem Willen zur Schönheit

am Busbahnhof morgens um acht

ihre Freundinnen gingen jetzt gerade zur Schule

oder haben noch schnell etwas Petting gemacht

 

Sie blickte sich noch einmal wehmütig um

zu der Koppel mit den traurigen Pferden

in einem Land wo es einfacher ist

Popstar anstatt Friseuse zu werden

 

Eine Landschaft zog am Fenster vorbei

sie sah das alles zum letzten Mal

ihr Geld würde nicht bis Spanien reichen

doch weiter als bis zum Weser-Ems-Kanal

 

Die anderen standen rauchend auf dem Schulhof

und fragten sich wo sie bleibt

kann sein wenn sie weiter als bis Frankreich kommt

dass sie ihnen mal ein paar Worte schreibt

 

Sie steckte sich einen Knopf ins Ohr

und hörte melancholische Lieder

ihre Eltern dachten daheim sicherlich:

In ein paar Stunden kommt sie doch wieder

 

Eine Landschaft zog am Fenster vorbei

doch das war ihr jetzt ziemlich egal

sie wusste die große weite Welt

beginnt hinterm Weser-Ems-Kanal

 

 

 

 

 Bevor du gehst hast du mich schon verlassen

 

Ein Schweigen sagt oft mehr als tausend Worte.

Ein Liebesschwur wird oftmals nur gehaucht.

Wer liebt öffnet dem andren eine Pforte.

Für Abschied hat es nie ein Wort gebraucht.

 

Wer mag den Sinn dahinter schon ergründen?

Vorbei ist das was sich nicht halten lässt.

Was einst gefunden lässt sich nicht mehr finden.

Hält man am Glauben auch verzweifelt fest.

 

Bevor du gehst hast du mich schon verlassen.

Mit dieser Wahrheit bin ich aufgewacht.

Und kann es immer noch nicht richtig fassen

wie einsam einen Liebe schließlich macht.

 

 

 

 

 Die Dinge die ich dir nie sagte

 

Die Dinge die ich dir nie sagte

die Worte die ich dir nie schrieb

die Fragen die ich niemals fragte

alles was ich dir schuldig blieb

 

pack ich in eine große Kiste

und die versenke ich im Meer

Wenn das die dumme Liebe wüsste

dann spränge sie gleich hinterher

 

 

 

 

 Die Busfahrt

 

Sie saßen nebeneinander.

Zehn Stunden in einem Bus.

Sie duftete nach Oleander.

Also wie eine Frau duften muss.

 

Ihn umgab ein Hauch von kaltem Rauch.

Und sein After Shave war recht schwer.

Ein wenig nach Schweiß roch er auch.

Nach ein paar Stunden Fahrt dann noch mehr.

 

Sie hätt gern aus dem Fenster gesehen.

Da saß er und er war groß und feist.

Sie dagegen war ein zierliches Wesen.

Ihn bitten? Das wäre doch dreist.

 

Sie las so ein Buch wie nur Frauen es mögen.

Er schmatze genüsslich ein Ei.

Draußen zogen derweil antike Bögen

leider nicht an ihrem Auge vorbei.

 

Kaum hatte sie ein wenig geschlummert

spürte sie einen Griff – ziemlich roh

und es wurde laut an der Scheibe gebummert:

„Pause! Wer muss aufs Klo?“

 

Es gab nur eines und man musste lang stehen.

und er stöhnte: „Tut doch gut wenn man scheißt.“

Sie war durchaus geneigt es anders zu sehen

aber wenn man mit Meckermann reist….

 

 

 

 

 Wenn Liebende lügen

 

Ich seh es in deinen Zügen

ich les es in deinem Blick

deine Worte sind nichts als Lügen

nun nimm meine Lügen zurück

 

Dass wir uns gar nichts bedeuten

nichts Ernstes je zwischen uns war

so sagen wir es vor den Leuten

ganz sicher und ruhig und klar

 

Doch immer wenn wir dann scheiden

tun unsre Herzen die Wahrheit doch kund

wie sehr wir lieben und leiden

trotz all dieser Lügen im Mund

 

 

 

 

 Buschmann

 

Im Traum sah ich den Buschmann

pfeilschnell und ganz allein

lief er durch grünes Sumpfland

und über kahlen Stein

War nackt und voller Lehm

die Augen schnitten tief

das Nebelband entzwei

dort wo ich lag und schlief

 

Und seine starke Hand

auf meine Stirn gepresst

hielt meine Welt zusammen

hielt sicher mich und fest

Er sprach mit seinen Blicken

vom Aufstieg und vom Fall

vom Schicksal meiner Rasse

und von dem Licht im All

 

Er warf den Bumerang

und teilte Meer und Land

danach war alles leer

wo er noch eben stand

Und ich griff wie im Fieber

vom Donner beinah taub

nach Sternen die erloschen

im kargen Wüstenstaub

 

Und dann war ich der Buschmann

pfeilschnell und ganz allein

lief ich durch grünes Sumpfland

und über kahlen Stein

 

 

 

 

 Das Alter

 

Da sind die alten Mütter.

Und niemand kommt zu Besuch.

Das Alter macht einsam und bitter.

Das Alter ist ein grausamer Fluch.

 

Da sind die alten Väter

die sich bisweilen gestatten

von den Zeiten zu träumen

als sie noch Träume hatten.

 

Da sind die alten Kinder.

Die sind nur was sie sind.

Im schlimmsten Falle alt.

Im besten Falle Kind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

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