Manche Menschen
Manchen Menschen gelingt es
aufrecht durchs Leben zu gehen
die lassen sich nicht verderben
die taugen fürs Widerstehen
Die lassen sich nicht bestechen
die horten nicht Hab und Gut
die zeigen bescheiden innere Größe
und prahlen nicht mit ihrem Mut
Und mögen es auch zu wenige sein
auf dem Angesicht dieser Erde
so sind sie doch mehr als es scheint
und besser als ich jemals werde
Manchen Menschen gelingt es
Halt für andere Menschen zu sein
die tragen ihre Bürde mit Würde
und fischen nicht nach Schmeicheleien
Die lassen sich nicht verbiegen
die pressen sich in kein Korsett
die sind einfach nur wahrhaftig
die benötigen kein Etikett
Und mögen es auch zu wenige sein
auf dem Angesicht dieser Erde
so sind sie doch mehr als es scheint
und besser als ich jemals werde
Manchen Menschen gelingt es
scheinen sie oft auch so klein
etwas Bleibendes zu hinterlassen
und von Bedeutung zu sein
Für meine Oma
Auf den Bänken
Es sitzen Liebende auf den Bänken
die sich schmachtende Blicke schenken
und in ihnen schwillt ein leiser Dank
für das Vorhandensein jener Bank
Denn gäb es die nicht dann müssten sie stehen
und könnten sich kaum in die Augen sehen
denn sie ist einsfünfzig und er eher lang
das Bücken ging auf den Rücken - ohne Bank
Nur irgendwo an der Krummen Lanke
sagt die Polizei den Bänken nicht: Danke
weil die Sitzenden oft daran denken
sich in Kürze schon zu ertränken
Weisheiten aus dem Bayernland
Ein Bauer besaß eine Kuh
die sagte ihm nicht sehr zu.
Er tauschte sie deshalb ein
gegen ein Huhn und ein Schwein.
Die waren halb so viel wert
wie ein Wachhund oder ein Pferd
so dass er den Tausch nicht genoss
und weiteren Handel beschloss.
Deshalb fragte er den Bauern Paul:
„Was willst du für Deinen Gaul?“
Doch der sprach voll Bauernehre:
„Sag nicht Gaul zu meiner Mähre“
So kam im Bayrischen Lande
kein weiterer Handel zustande
und Paul hat die Gewissheit verspürt:
Mähre wem Mähre gebührt
Flugfeld
Am Flugfeld in der Morgenkühle
in unanständiger Frühe
standen zwei klapprige Stühle
und dazwischen drei klapprige Kühe
Der Mäher kämpft gegen das wuchernde Grün
offensichtlich vergebliche Mühe
nah dem Hangar duftet es nach Benzin
(deshalb sieht man dort keine Kühe)
Ein Flugzeug landet und rollt über die Bahn
während ein anderes beinah schon startet
die Kühe, die davon so gut wie nichts sahn,
ahnten dass wohl der Bauer schon wartet
So trotten sie gemächlich davon
mit prall gefülltem Euter
auf dem Flugfeld nahe bei Bonn
geht das Leben unaufgeregt weiter
Es ziehen graue Stürme
Es ziehen graue Stürme
sie ziehen Tag und Nacht
sie ziehen über Friesland
bleib wach, mein Herz, gib Acht
Sie spielen mit den Booten
werfen sie hin und her
man spricht von vielen Toten
an Land und auf dem Meer
Sie nagen an den Deichen
sie reißen an dem Dach
du darfst ihnen nicht weichen
gib Acht, mein Herz, bleib wach
Sie sausen durch die Zäune
sie quälen Mensch und Tier
sie rütteln an der Scheune
sie fluten jeden Pier
Sie peitschen durch die Weiden
sie fegen übers Land
sie bringen Not und Leiden
halt aus, mein Herz, halt stand
Es ziehen graue Stürme
sei tapfer, liebes Kind
denn auch die schwersten Stürme
sind weiter nichts als Wind
And when no hope was left inside
On that starry, starry night
You took your life as lovers often do
But I could have told you, Vincent
This world was never meant
For one as beautiful as you
Now I think I know what you tried to say to me
And how you suffered for your sanity
And how you tried to set them free
They would not listen, they're not listening still
Perhaps they never will
(“Vincent”, Don McLean)
Der gelbe Strohhut
Diesen gelben Strohhut trug einst ein Mann
den die Welt bis heut nicht verstehen kann
Die Anerkennung die ihm im Leben verwehrt
wird ihm bereitwillig nun zwar gewährt
aber geht es um die Krankheit, um die Manie
sagt man leichthin: Wahnsinn liegt nah beim Genie
Sie analysieren die Technik, die Farben
ich seh in den Bildern die Zweifel, die Narben
von einem der von seinen Dämonen getrieben
gelernt hat die Schlichtheit der Dinge zu lieben
und selbst als die Menschheit ihn grausam verstieß
seine Botschaft der Hoffnung für sie hinterließ
Vincent van Gogh
*30.03.1853- †29.07.1890
Zwei Knöpfe
Zwei Knöpfe an nem Hemdchen
die warn sich spinnefeind
der obere war arrogant
der untre hat geweint
Denn er wär so gerne oben
anstatt im Hosenbund
da war es immer dunkel
grad wie im Höllenschlund
Der obre Knopf hat Sonne
der untre schnuppert Fisch
und liegt man in der Wäsche
dann streiten beide sich
Zwei Knöpfe an nem Hemdchen
dem obren wars bequem
der untre wurd vom Bauch gequetscht
das war ihm ein Problem
Ne Lösung fand man keine
und mir geht durch den Kopf
ich kenn so manchen Menschen
der eignet sich als Knopf
Ich steh immer irgendwie dazwischen
Ich steh immer irgendwie dazwischen
zwischen Angst und Mut und Schein und Sein
Geht es darum Lügen aufzutischen
fall ich sogar auf mich selber rein
Das Metier des Gauklers macht verkommen
doch das ist mir meistens einerlei
was ich tue ist genaugenommen
weiter nichts als Augenwischerei
Ich hab keine Weisheit zu verkünden
bestenfalls ergeh ich mich in Spott
Trost lässt sich in meiner Kunst nicht finden
Dafür wende man sich doch an Gott
Ich steh immer irgendwie dazwischen
zwischen Wut und Hoffnungslosigkeit
und um euch richtig eins auszuwischen
stehl ich euch mit Worten eure Zeit
Global gesehen
Die Welt ist schön
denn ich hab morgen frei
ich würde gern ins Strandbad gehn
und du nach Paraguay
Man kann ja über alles reden
doch deinen Standpunkt kenn ich schon
du wirst beim Streiten immer laut
und ich hab ne Schilddrüsenfehlfunktion
Global gesehen
ist es doch fast das gleiche
na los geh doch nach Paraguay
wenn ich dir nicht mehr reiche
Global gesehen
bist du dann trotzdem da
Paraguay und das Strandbad
sind sich global ganz nah
Die Welt ist schlecht
denn ich muss ins Büro
und du schreibst mir aus Chile
da denk ich mir: So so
Erst große Töne spucken
von wegen Paraguay
und dann doch nur nach Chile
du und deine Prahlerei
Global gesehen
macht’s keinen Unterschied
ob es einen nach Chile
oder zur Arbeit zieht
Global gesehen
bist du noch immer da
denn mein Büro und Chile
sind sich global ganz nah
Der Junge der ich mal war
Ich seh ihn im Spiegel
hätt ihn fast nicht erkannt
aber er hat mich gleich beim Namen genannt
Ich sage: Geh fort
doch er lacht mich nur aus
denn er ist genau wie ich hier zuhaus
Der Junge der ich mal war
Er sagt: Ich glaube
du hast ein Problem
du bist ernst und spießig und wirst viel zu bequem
Ich schrei ihn an:
Was kümmert das dich
geb mir selbst die Antwort: Er ist ja ich
Der Junge der ich mal war
Ich hab Angst vor ihm
werde zornig und barsch
doch er grinst mich an: Ich tret dir in den Arsch
Der Junge der ich mal war
Er sagt: Ich hab mich gar nicht gefreut
dich wiederzusehn in diesem Zustand heut
du ahnst nicht wie betrüblich es ist
mal der Mann zu werden der du bist
Der Sinnende
Er saß nur da und sah zu ihr hinüber
genoss das Glück in ihren jungen Zügen
sie sah ihn nicht und so war es ihm lieber
wo der Gedanke ihm schon muss genügen
Ganz sicher wartete sie dort auf einen
der reich gesegnet ist und jung wie sie
er bringt zum Lachen sie oder zum Weinen
genau weiß man bei Liebenden das nie
Als sie dann schließlich in den Tag entflogen
sah er ihr doch noch lange hinterher
und fühlt auf eine Art sich sehr betrogen
denn irgendwie ersehnte er doch mehr
Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt
Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt
tauge nicht für den Kampf, fürs Salutieren
als man den Mut verteilte bin ich abgeblitzt
man wollte es mit mir wohl nicht riskieren
Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt
ich zieh nicht in den Krieg, will nicht krepieren
ich bin der, der schon beim Gedanken daran schwitzt
ich will mein Leben leben – nicht verlieren
Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt
hab weder Stahlskelett noch breiten Rücken
schaffe es grade mal mich wendig und gewitzt
wenn Unheil droht klammheimlich zu verdrücken
Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt
ich mag das auch gar nicht so recht bedauern
wer sich nach vorne drängt anstatt beizeiten flitzt
den wird die Mutter früher wohl betrauern
Ich bin nicht aus dem Holz aus dem man Helden schnitzt
das will ich meinen Kindern auch vererben
will dass kein Orden je an ihren Jacken blitzt
kein Kind verdient fürs Vaterland zu sterben
Freiheit vierfünfzig
Bei uns wird sie groß geschrieben
das suggeriert: Man ist für sie nicht blind
Und das in einem Land wo 30 Prozent
wahrscheinlich Legastheniker sind
Wenigstens lässt sie sich gut besingen
von Frau Milva und Herrn Westernhagen
na ja die beiden hatten eh keinen Grund
freiheitsmäßig irgendwas zu beklagen
Schon eher die Svenja aus Zwickau
denn früher hat es eine Mauer gegeben
20 Prozent haben das längst vergessen
das war in einem anderen Leben
In Guantanamo wussten sie auch nicht so recht
mit dem Begriff irgendwas anzufangen
und anderswo musste man das Wort nur flüstern
schon hat man am Strick gehangen
Heute heißt es gern: Freiheit ist Geld
oder umgekehrt, ganz wie sie wollen
man kann sie nicht sehen, man kann sie nicht schmecken
man muss sie auch nirgends verzollen
Ich seh sie schon für vierfünfzig
wenn ich durch den Media Markt geh
Mir ist sie nicht grundsätzlich suspekt
ich mag sie nur nicht auf CD
Melancholie ist schlecht fürs Geschäft
Vor dem Fenster gibt es nichts zu sehen
da wechseln nur Raben und Krähen
der Baum ist mal grün und mal kahl
und das Ein- ist meist ein Andernmal
Man sieht Kinder spielen und streiten
im Wechsel der Jahreszeiten
irgendwann kommen sie nicht mehr wieder
dann sieht man ihre Schwestern und Brüder
Die Autos werden alt oder neuer
das Billige wird kurze Zeit teuer
dann sinkt es wieder im Preis
und ich frag mich: Was soll der Scheiß?
Die saisonbedinge Trauer
wird auch mit den Jahren nicht schlauer
vergesst das wenn ihr mich trefft
Melancholie ist schlecht fürs Geschäft
Der Pilot
Er lief übers Rollfeld
und hat sich gewundert
warum alle blind sind
in diesem Jahrhundert
Und warum Reporter
nach Schlagwörtern greifen
bei ihrer Beschreibung
vom Warten in Schleifen
Der Himmel ist sprachlos
und einsam und weit
in den fließenden Bildern
fernab jeder Zeit
ein Meer ohne Küste
ein Raum ohne Türen
ein Ort um zu lieben
und sich zu verlieren
Und lächelnd flog im Abendrot
er in den Tod
- Adieu Pilot
Kabul reloaded
Basis kommen
…hör nichts….knackt..
wiederhole…
Sichtkontakt
Drüben auf drei Uhr
seh noch nicht wie viele
Basis hört ihr mich…?
Bewegliche Ziele
Laufen langsam
… sehr viel Staub..
Waffen ? Waffen ?
Doch ich glaub..
Bitte wiederholen..
Weiß nicht was ich seh
sagtet ihr grad: Feuer frei?
Feuer frei .. okay
Mission ist beendet
hab jetzt freie Sicht
Frauen und auch Kinder?
Nein, das war ich nicht
Warum sie dort liegen?
Was heißt hier „zivil“?
Es war einfach geil
wie ein Videospiel
Im Angesicht der Gegenwart
Im Angesicht der Gegenwart
da packt mich oft ein Schauer
die Stunden werden grauer
in denen man verharrt
Man muss darauf nichts geben
man kann an solchen Tagen
sich einfach lächelnd sagen
So ist nun mal das Leben
All jene die sich freuen
ob Sturm, ob Sonnenschein
die können glücklich sein
und müssen nichts bereuen
Ach, wäre das auch meine Art
das Unheil nicht zu wittern
dann müsste ich nicht zittern
im Angesicht der Gegenwart
Die Eine
Wie sie so in ihrem Ernst verloren
kurz in meiner welken Zeit verharrt
fühl ich mich erwählt und auserkoren
und bin dabei doch zu Stein erstarrt
denn wie könnte ich es jemals wagen
mir zu wünschen was mir niemals gilt
kann den eignen Anblick kaum ertragen
dort in ihrer Augen Spiegelbild
denn ich weiß sie wird nicht lang verweilen
ist schon kaum noch Teil der Gegenwart
seh sie in Gedanken schon enteilen
auf ihre mir so lieb gewordene Art
Die Maschine
Ich hab dich an eine Maschine verloren
und suche dein Lächeln auf den Monitoren
doch dort sind nur Linien und Zahlen
die ein falsches Bild von dir malen
Statt deiner Stimme ist nur die Pumpe zu hören
und ich weine weil sie deine Würde zerstören
sie halten nur noch deine Hülle am Leben
anstatt dir deinen Frieden zu geben
Ich hab dich an eine Maschine verloren
und an den Hochmut von Ärzten und Professoren
die dich zwingen zu bleiben
um ihre Studien an dir zu betreiben
Die Natriumlösung quält sich aus dem Tropf
in zerstochene Venen und steigt hoch zum Kopf
und statt deiner hab ich mir die Frage gestellt
warum man dich hier noch immer gefangen hält
Ich hab dich an eine Maschine verloren
an künstliche Augen und künstliche Ohren
mit Leuchtdioden und Kabelsträngen
die jeden Anschein von Ethik verdrängen
Deine Seele hat längst deinen Körper verlassen
und so schwer es auch fällt dieses Bild zu erfassen
ich kann keinen Sinn darin sehn
dir zu verbieten zu gehn
Schon gehört?
Schon gehört? Die Wolf ist jetzt im Frauenhaus.
Die Gute sah auch immer recht erschlagen aus.
Kein Wunder bei den Bälgern und dem Mann.
Denen sieht man das Schlechte doch an.
Schon gehört? Der Jüngste hat Autos geknackt.
Und die Ulla posiert im Internet nackt.
Glauben Sie mir, ich hab es selbst gesehen.
Gott, was ist nur mit Moral und Anstand geschehen?
Schon gehört? Der Wolf hat sich was Neues besorgt.
Die Kleine hat sich gestern bei mir eine Schere geborgt.
Jünger als seine Tochter, vielleicht 14 Jahre.
Tattoos auf den Armen und lila Haare.
Schon gehört? Das Jugendamt hat nicht reagiert.
Denen ist egal was mit solchen passiert.
Die Wolf wird sicherlich nicht friedlich ruhn.
Doch was soll man für die verwahrlosten Kinder denn tun?
Schon gehört? Die Ulla hat sich umgebracht.
Das hätte ich dann aber doch nicht gedacht.
Beerdigung ist Montag, danach Umtrunk im Eck.
Ich sammle jetzt für ein Blumengesteck.
Es regnet Rosenblätter
Lauter kleine Sterne
über unsrem Haus
leuchten für uns beide
und gehn niemals aus
Alter Baum vorm Fenster
winkt mit seinen Zweigen
um dem Licht der Sterne
den Weg zu uns zu zeigen
Und ein Wetterhahn
den´s nach Süden zieht
plumpst aufs Fensterbrett
und kräht ein Liebeslied
Es regnet Rosenblätter
in unsrer ersten Nacht
ich hab für dich daraus
ein weiches Bett gemacht
Es regnet Rosenblätter
die Sterne tanzen stumm
wie helle Wunderkerzen
auf unsren Körpern rum
Unser Freund der Wind
wünscht uns beiden Glück
und pustet all die Wolken
zum Horizont zurück
Tausend Grillen zirpen
leise für uns im Chor
und Marienkäfer
tanzen uns was vor
Und ein netter Frosch
hat gleich reagiert
und mit seinem Taktstock
die Grillen dirigiert
Es regnet Rosenblätter
in unsrer ersten Nacht
ich hab für dich daraus
ein weiches Bett gemacht
Es regnet Rosenblätter
die Sterne tanzen stumm
wie helle Wunderkerzen
auf unsren Körpern rum
Antoine
Antoine, du warst ein Suchender
und Freiheit war dir nur gegeben
wenn du in deinem Cockpit warst
dort lebtest du ein andres Leben
Die Irrungen und die Verluste
erschienen dir plötzlich so klein
was kann ein Träumer mehr verlangen
als Teil des Himmels kurz zu sein?
Antoine, du warst ein Liebender
und Liebe hast du auch gefunden
stärker als jedes Fluggerät
hat sie die Schwerkraft überwunden
Die Einsicht und die Möglichkeit
sind Bilder die einander gleichen
doch man steht immer nur dazwischen
und keines kann man je erreichen
Antoine, du warst ein Fragender
sowohl im Krieg wie auch im Frieden
bist deinen Zielen nachgejagt
und hast den leichten Weg vermieden
Du hast gekämpft, du hast gelitten
Tage allein im Wüstensand
nachdem du aus den Wolken fielst
warst du allein in Gottes Hand
Antoine, du warst ein Wissender
der seinem Stern entgegen eilt
und du hast wunderbare Träume
mit einer ganzen Welt geteilt
Du wirst ein Licht für sie stets bleiben
du hast dich in ihr Herz geschrieben
vielleicht lernt sie ja eines Tages,
wie du Antoine, wirklich zu lieben
Antoine de Saint-Exupéry
(Pilot und Schriftsteller * 29.06.1900 - † 31.07.1944)
Perlentaucher
Du liegst in diesem Zimmer
seit vielen Jahren schon
man nennt den Trakt sarkastisch
gern mal Endstation
Am Anfang hat die Schwester
oft das Radio angestellt
aber du kommst nicht mehr
zurück in diese Welt
Der Arzt sagt ich soll reden
ich glaub du hörst mich nicht
aber es gibt sonst keinen
der noch zu dir spricht
Wie ein Perlentaucher
mit immer leeren Händen
steh ich an deinem Bett
und würd es gern beenden
denn du bist inzwischen
so tief abgetaucht
zu Orten wo man keine Perlen braucht
Ich seh oft aus dem Fenster
wie sich die Jahreszeiten
im immer gleichen Wechsel
um diese Landschaft streiten
Vielleicht wird da wo du bist
der Sommer länger sein
ich wünsche mir von Herzen
du bist dort nicht allein
Man sagt mir ich soll glauben
ich weiß nur nicht woran
ich hab alles verloren
woran man glauben kann
Wie ein Perlentaucher
mit immer leeren Händen
steh ich an deinem Bett
und würd es gern beenden
denn du bist inzwischen
so tief abgetaucht
zu Orten wo man keine Perlen braucht
Ich red mit der Maschine
die dich am Leben hält
und hoffe du entkommst ihr
in eine bessre Welt
Wie ein Perlentaucher
mit immer leeren Händen
steh ich an deinem Bett
und würd es gern beenden
denn du bist inzwischen
so tief abgetaucht
zu Orten wo man keine Perlen braucht
Feiglingsfrieden
Ein Mann kauft sich ne Zeitung
ne Frau krault ihren Hund
dann sehn sie in das Grau
und denken es sich bunt
Sie schauen zu den Nachbarn
und quatschen mit dem Tisch
die Welt scheint unbeweglich
und trotzdem dreht sie sich
Er würd gern einen Film sehn
und sie viel lieber Werbung
das ist kein Missverständnis
nur Vererbung
Und dann wird mal kurz gelacht
Feiglingsfrieden abgemacht
nicht gesprochen – nicht gedacht
jeden Tag und jede Nacht
Sie trinkt ihn sich wild
er träumt sie sich niedlich
schöner Feiglingsfrieden
herrlich still und friedlich
Ein Mann krault seine Zeitung
ne Frau kauft sich nen Hund
sie haben Langeweile
und dazu allen Grund
Sie quatschen mit den Nachbarn
schauen unter den Tisch
doch dort sind nur die Hunde
Vorsicht – die lieben sich
Er würde gern ins Bett gehen
sie lieber in den Garten
man trifft sich in der Mitte
um zu warten
Und dann wird mal kurz gelacht
Feiglingsfrieden abgemacht
nicht gesprochen – nicht gedacht
jeden Tag und jede Nacht
Sie trinkt ihn sich wild
er träumt sie sich niedlich
schöner Feiglingsfrieden
herrlich still und friedlich
Ein Hund pisst auf die Zeitung
der andre auf den Tisch
der Mann schüttelt den Kopf
die Frau die wundert sich
Sie haben nicht mal Mut
für Wut oder Empörung
zucken nur mit den Schultern
und ignoriern die Störung
Er kam aus Castrop-Rauxel
Er kam aus Castrop-Rauxel
und genau so sah er aus
morgens hatte er nen Kater
abends suchte er ne Maus
Doch die Mäuse wollten Mäuse
und da zog er ein Gesicht
denn daheim in Castrop-Rauxel
gab es solche Mäuse nicht
Wenn man nichts hat (und es trotzdem verspricht)
Es funkelt der Mond auf dem Asphalt in Scherben
zerbrochene Flaschen die man liegen ließ
sie stinken nach Trost und noch viel mehr nach Sterben
ein wenig nach Hölle und auch nach Paradies
Nachtfalter kreisen um Straßenlaternen
wo sich die Junkies die Venen zerstechen
es liegt so viel Sehnsucht in kalten Sternen
an den Orten wo Menschen und Träume zerbrechen
Ich denke daran wie es wohl mit uns wäre
und lese die Antwort in deinem Gesicht
so dass mir nichts bleibt als die quälende Leere
wenn man nichts hat und es trotzdem verspricht
Der Nachtzug quält sich der Vorstadt entgegen
und schneidet die lähmende Stille entzwei
an den Scheiben perlt ein trostloser Regen
an den müden Augen der Pendler vorbei
Die Landschaft dämmert im Zittern der Gleise
die fliehenden Schatten gleiten dahin
zu viele Gedanken auf einsamer Reise
zu Orten an denen ich längst nicht mehr bin
Ich denke daran wie es wohl mit uns wäre
und lese die Antwort in deinem Gesicht
so dass mir nichts bleibt als die quälende Leere
wenn man nichts hat und es trotzdem verspricht
Geisterstadt
Oben im Parkhaus im vierzehnten Deck
haben Emma und Lisa ein kleines Versteck
eine Plane hinter die kein Mensch jemals schaut
weil man dort seit langem schon nicht mehr baut
Vor zehn Jahren hat die Wirtschaft noch mächtig floriert
überall Spekulanten, alles subventioniert
doch der Boom ging so schnell wie er kam
und heut ist das Kaff bettelarm
Die Alten haben Erspartes, die Jungen Hartz IV
und der einzige Trost ist oft ein Kasten Bier
immer mehr Menschen verlassen den Ort
aber Emma und Lisa können nicht fort
Sie sind erst fünfzehn und ihnen ist klar
es wird auch nicht viel besser im nächsten Jahr
weil es weder Hoffnung noch Lehrstellen gibt
und sie ohnehin denken dass niemand sie liebt
Sie schütten sich zu, teilen die letzte Kippe
der Baukran schwankt im Wind, ein dürres Gerippe
er wirkt wie ein Kind das man verstieß
als die bankrotte Firma ihn stehen ließ
Emma und Lisa nehmen sich an die Hand
sie schauen hinab auf das siechende Land
und zwischen den Sternen erscheint eine Tür
Emma und Lisa sind nicht mehr hier
Ich weiß es
Sie haben dich eingewiesen
denn du hast jeden Spiegel zerstört
Du hast versucht es zu erklären
doch sie haben nicht zugehört
All diese studierten Versager
haben dich analysiert
und dann ihr Urteil getroffen
aber die Wahrheit niemals kapiert
Sie wissen nicht was du fürchtest
und wovor du beständig fliehst
Sie glauben, du hättest die Spiegel zerstört
damit du dich selbst nicht mehr siehst
Du bist nicht krank, ich weiß es
und fürs Erste hast du gesiegt
Man muss die Spiegel zerstören
wegen dem was dahinter liegt
Keines Königs Schilling
Sie nahmen ihr der Buben drei
einen nach dem andern
und schickten sie mit Speer und Schild
zu Fuß in Richtung Flandern
Es war der Zwist den Krieg nicht wert
das war‘s was alle dachten
als Eitelkeit aus Königen
zwei große Narren machte
Und als der Krieg vorüber war
wurd jedes Heim entschädigt
auf dass man sich der schweren Schuld
mit leichter Hand entledigt
Die Not war groß, der Hunger auch
und abgebrannt so manches Haus
sie aber spuckte voller Gram
vor des Königs Vasallen aus
Keines Königs Schilling
ist meine Buben wert
Bringt ihm zurück sein Blutgeld
dass er zur Hölle fährt
Die Beliebigkeit
Die Biere warm. Dein Lachen laut.
Und immer Mittelpunkt der Meute
Im Frohsinn wirkst du sehr vertraut
so kennt man dich nicht erst seit heute
Du taugst weiß Gott zur Kumpanei
zum Scherzen und zum Schenkelklopfen
du bist mit vollem Herz dabei
und verschmähst keinen guten Tropfen
Doch legt sich die Betriebsamkeit
dann macht sich etwas andres breit
was du auch tust es kehrt stets wieder
und es zieht dich gar grausam nieder
Und das ist die Beliebigkeit
ein Geist der keinen Geist befreit
im Schatten deiner Heiterkeit
da lauert sie auf ihre Zeit
Die Autos schnell. Die Mädchen jung.
Und keine Zeit um zu Verweilen.
Ein Panther, immer auf dem Sprung
ein Akrobat auf hohen Seilen
Die Börse voll. Das Grinsen breit.
Man spürt an dir stets das Vitale
und du trotzt jeder Spießigkeit
und flegelst dich durch das Banale
Doch endet die Notwendigkeit
tust du dir manchmal ziemlich leid
und kommst dir selber in die Quere
in dieser gottverdammten Leere
Dann bleibt nur die Beliebigkeit
und sie begrüßt dich hoch erfreut
egal wie tief man auch bereut
dagegen ist sie schon gefeit
Heilige Nacht
Draußen toben die Flocken
durch die Heilige Nacht
drinnen ist‘s warm und trocken
und das Bett frisch gemacht
Mutter blickt in die Ferne
Vater starrt in den Wein
Mögen die guten Sterne
mit meinen Brüdern sein
Ob sie wohl hungern und frieren
in der Heiligen Nacht?
Mögen sie nie die Hoffnung verlieren
Zärtlich sei ihrer gedacht
Im Fenster stehen die Kerzen
und führen mit etwas Glück
jene die in unseren Herzen
in die verlorene Heimat zurück
Der Tag an dem Franky etwas Schlaues sagte
Unsere Stammkneipe heißt „Bei Mutta“
Dort schmeckt das Bier wie Bier halt schmeckt
Der Billardtisch ist frei oder nicht
auf jeden Fall ist er nicht gedeckt
Die Musicbox hat einen Defekt
und der Effekt ist fürchterlich
Man hört knapp zwanzig Minuten
Ich liebe dich dich dich dich dich dich
Gestern war der Lieferant erkrankt
und das Bier deshalb aus
Franky dachte nach und er sagte:
„Kein Bier hab ich auch zuhaus
Flüchtige Bestandsaufnahme
Wir sind uns nah. Doch sehnen uns nach Weiten.
Ein jeder von uns kläglich wie ein Wurm.
Wir lieben nicht die Wege die wir schreiten.
In uns, um uns und überall ist Sturm.
Er reißt an uns, wird stärker mit den Jahren.
Wir leisten nur pro forma Widerstand.
Vergaßen was wir füreinander waren.
Es liegt kein Trost in einer schwachen Hand.
Wir werden alt hinter den schweren Gittern
und wähnen uns dabei in Sicherheit.
Während wir aneinander sehr verbittern
leben wir nur noch von geborgter Zeit
Weser-Ems-Kanal
Da stand sie nun mit festem Willen zur Schönheit
am Busbahnhof morgens um acht
ihre Freundinnen gingen jetzt gerade zur Schule
oder haben noch schnell etwas Petting gemacht
Sie blickte sich noch einmal wehmütig um
zu der Koppel mit den traurigen Pferden
in einem Land wo es einfacher ist
Popstar anstatt Friseuse zu werden
Eine Landschaft zog am Fenster vorbei
sie sah das alles zum letzten Mal
ihr Geld würde nicht bis Spanien reichen
doch weiter als bis zum Weser-Ems-Kanal
Die anderen standen rauchend auf dem Schulhof
und fragten sich wo sie bleibt
kann sein wenn sie weiter als bis Frankreich kommt
dass sie ihnen mal ein paar Worte schreibt
Sie steckte sich einen Knopf ins Ohr
und hörte melancholische Lieder
ihre Eltern dachten daheim sicherlich:
In ein paar Stunden kommt sie doch wieder
Eine Landschaft zog am Fenster vorbei
doch das war ihr jetzt ziemlich egal
sie wusste die große weite Welt
beginnt hinterm Weser-Ems-Kanal
Bevor du gehst hast du mich schon verlassen
Ein Schweigen sagt oft mehr als tausend Worte.
Ein Liebesschwur wird oftmals nur gehaucht.
Wer liebt öffnet dem andren eine Pforte.
Für Abschied hat es nie ein Wort gebraucht.
Wer mag den Sinn dahinter schon ergründen?
Vorbei ist das was sich nicht halten lässt.
Was einst gefunden lässt sich nicht mehr finden.
Hält man am Glauben auch verzweifelt fest.
Bevor du gehst hast du mich schon verlassen.
Mit dieser Wahrheit bin ich aufgewacht.
Und kann es immer noch nicht richtig fassen
wie einsam einen Liebe schließlich macht.
Die Dinge die ich dir nie sagte
Die Dinge die ich dir nie sagte
die Worte die ich dir nie schrieb
die Fragen die ich niemals fragte
alles was ich dir schuldig blieb
pack ich in eine große Kiste
und die versenke ich im Meer
Wenn das die dumme Liebe wüsste
dann spränge sie gleich hinterher
Die Busfahrt
Sie saßen nebeneinander.
Zehn Stunden in einem Bus.
Sie duftete nach Oleander.
Also wie eine Frau duften muss.
Ihn umgab ein Hauch von kaltem Rauch.
Und sein After Shave war recht schwer.
Ein wenig nach Schweiß roch er auch.
Nach ein paar Stunden Fahrt dann noch mehr.
Sie hätt gern aus dem Fenster gesehen.
Da saß er und er war groß und feist.
Sie dagegen war ein zierliches Wesen.
Ihn bitten? Das wäre doch dreist.
Sie las so ein Buch wie nur Frauen es mögen.
Er schmatze genüsslich ein Ei.
Draußen zogen derweil antike Bögen
leider nicht an ihrem Auge vorbei.
Kaum hatte sie ein wenig geschlummert
spürte sie einen Griff – ziemlich roh
und es wurde laut an der Scheibe gebummert:
„Pause! Wer muss aufs Klo?“
Es gab nur eines und man musste lang stehen.
und er stöhnte: „Tut doch gut wenn man scheißt.“
Sie war durchaus geneigt es anders zu sehen
aber wenn man mit Meckermann reist….
Wenn Liebende lügen
Ich seh es in deinen Zügen
ich les es in deinem Blick
deine Worte sind nichts als Lügen
nun nimm meine Lügen zurück
Dass wir uns gar nichts bedeuten
nichts Ernstes je zwischen uns war
so sagen wir es vor den Leuten
ganz sicher und ruhig und klar
Doch immer wenn wir dann scheiden
tun unsre Herzen die Wahrheit doch kund
wie sehr wir lieben und leiden
trotz all dieser Lügen im Mund
Buschmann
Im Traum sah ich den Buschmann
pfeilschnell und ganz allein
lief er durch grünes Sumpfland
und über kahlen Stein
War nackt und voller Lehm
die Augen schnitten tief
das Nebelband entzwei
dort wo ich lag und schlief
Und seine starke Hand
auf meine Stirn gepresst
hielt meine Welt zusammen
hielt sicher mich und fest
Er sprach mit seinen Blicken
vom Aufstieg und vom Fall
vom Schicksal meiner Rasse
und von dem Licht im All
Er warf den Bumerang
und teilte Meer und Land
danach war alles leer
wo er noch eben stand
Und ich griff wie im Fieber
vom Donner beinah taub
nach Sternen die erloschen
im kargen Wüstenstaub
Und dann war ich der Buschmann
pfeilschnell und ganz allein
lief ich durch grünes Sumpfland
und über kahlen Stein
Das Alter
Da sind die alten Mütter.
Und niemand kommt zu Besuch.
Das Alter macht einsam und bitter.
Das Alter ist ein grausamer Fluch.
Da sind die alten Väter
die sich bisweilen gestatten
von den Zeiten zu träumen
als sie noch Träume hatten.
Da sind die alten Kinder.
Die sind nur was sie sind.
Im schlimmsten Falle alt.
Im besten Falle Kind.