Der Soundtrack meiner Generation

 

Die Faschingsprinzessin zerschneidet die Schlipse

der Büttenredner redet vom Tod

dies ist das Jahr der Apokalypse

wenn uns nicht sogar noch schlimmeres droht

 

Wer früher links war ist steht heute rechts

und der Rest der Dummen steht noch immer im Wald

man ist stolz aus Überzeugung wegen seines Geschlechts

und es gibt kein dreizehntes Monatsgehalt

 

Und der Vater ist auch nicht mehr anders als der Sohn

das ist der Soundtrack meiner Generation

 

Wenn man heute zur Wahl geht wählt man immer die Bösen

wenn man gar nicht mehr wählt ist es auch nicht gut

es kommt kein Messias um uns zu erlösen

so steigen nur der Bierkonsum und die Wut

 

Früher konnte man sich noch mit seinen Eltern zoffen

mittlerweile sind die auch nur noch arme Schweine

man ist gemeinsam schlecht dran und zutiefst betroffen

doch die Suppe auslöffeln muss jeder alleine

 

Überhaupt ist alles doch nur noch Spott und Hohn

das ist der Soundtrack meiner Generation

 

Manche wechseln die Seiten noch schneller als die Hemden

und der Freund von gestern ist heut oft der Feind

manchmal packt einen so ein Anflug von Befremden

denn ursprünglich war das alles ja mal anders gemeint

 

Wer Pech hat ist noch hier,

wer schlau war ist geflohn

das ist der Soundtrack meiner Generation

 

 

 

 

 Ich hab keinen Hut, also muss ich nicht grüßen

 

Wie angewachsen klebt das Volk

auf schlichten Gartenstühlen

und wenn nicht bald der Sommer kommt

dann wird es sich verkühlen

 

Der Grill giert nach dem ersten Fleisch

Die kalten Biere zischen

und Frauen üben sich darin

Männern was aufzutischen

 

Solch laute Garteneuphorie

lässt stille Menschen büßen

Man winkt mir als wär ich ein Schiff

doch ich hab keinen Hut, also muss ich nicht grüßen

 

 

 

 

 Reykjavík

 

Du hast beschlossen nicht bei mir zu bleiben

da muss ich dir schnell ein Liebeslied schreiben

und ich hoffe du ziehst in eine Stadt

die den passenden Klang dazu hat

 

Berlin wäre cool, aber da sind wir ja grad

Wladiwostok kann ich nicht schreiben, also Leningrad

und für den Refrain wäre es okay

gingest du nach Marseille oder nach L.A.

 

Doch es gibt Orte die es eigentlich nicht gibt

wie Reykjavik

 

Was heißt hier ich hätte das nicht zu entscheiden

später kannst du dann den Song gar nicht leiden

da ist etwas Mithilfe schon gefragt

Anchorage klingt sehr schön und ist voll angesagt

 

Vielleicht Barcelona oder besser Madrid

dann wird mein Lied möglicherweise ein Hit

aber wehe dir du ziehst nach Gladbach

da reimt sich nichts weiter drauf als Flachdach

 

Doch es gibt Orte die es eigentlich nicht gibt

wie Reykjavik

 

 

 

 

 Ein langes Leben kurz gefasst

 

Die Kindheit leidet an Kürze

Die Jugend bringt dann die Würze

Du willst wissen was du vom Alter hast?

Falten und Fürze

 

 

 

 

 Nachtgedanken in einem Vorort

 

Die Straße hat nur drei Laternen

für mehr reicht der Etat nicht

also richte man sich nach den Sternen

die geben auch schöneres Licht

 

Stündlich klappern die Kohlenlaster

auf dem Weg von der Zeche zur Stadt

störend über das Kopfsteinpflaster

und fahren streunende Katzen platt

 

Die Häuser die unmerklich beben

ducken sich in die Dunkelheit

und beherbergen schlafendes Leben

mit sturer Ernsthaftigkeit

 

 

 

 

 Unterwegs mit Jesus

 

Hannah hat einen Köter

der wirklich Jesus heißt

er ist meistens recht friedlich

sofern er nicht grade beißt

 

Mich hat er nie gebissen

ich bilde mir darauf etwas ein

und es ist nie verkehrt

der Freund von Jesus zu sein

 

Sie muss geschäftlich fort

ließ den guten Jesus bei mir

er lümmelte auf dem Sofa

und nippte an meinem Bier

 

Abends drehten wir eine Runde

kaufen uns Currywurst

er schaffte zwei mehr als ich

danach hatten wir mächtig Durst

 

Wasser kann ihn nicht reizen

was für ein edles Tier

wir teilen uns ein Sixpack

und davon trank er vier

 

Mir fehlt er heute manchmal

doch innerlich gefasst

erklär ich meinen Freunden:

Jesus war einst mein Gast

 

 

 

 

 Wir trafen uns am Kudamm

 

Wir trafen uns am Kudamm

morgens kurz nach acht

eine Zeit zu der man besser

etwas bessres macht

Wir hatten nichts vor

und wir hatten kein Geld

doch Idioten wie uns

gehört bekanntlich die Welt

 

Du hast mir was erzählt

von Familienfeiern

und um nicht nachzustehen

sprach ich von Ostereiern

Mac Doofkotz machte auf

und die Sonne kam kurz raus

uns machte weder das eine

noch das andere etwas aus

 

Wir haben dann

ganz spontan entschieden

uns heute nicht

ineinander zu verlieben

und am KadeWe

bliebst du einfach stehn

ich ging weiter

und hab dich nie mehr wiedergesehn

 

 

 

 

 Tante Hilde beschließt ihren Tod

 

Tante Hilde ist unerhört geistesgestört

an manch anderem leidet sie auch

nicht zu Unrecht ist sie deshalb empört

röntgt man den Kopf ihr anstatt den Bauch

 

Sie ist nun wirklich keine Mimose

und sie bildet sich auch nichts ein

sie macht sich nicht absichtlich in die Hose

und sie findet Doktoren gemein

 

Dem ist absolut nichts hinzuzufügen

und so dämmert sie also dahin

den Ärzten mag ihr Zustand genügen

ihr jedoch scheint er ohne Sinn

 

Sie trifft ihre eigene Diagnose

und das auch noch in Latein

dann schlüpft sie in Bluse und Hose

und beschließt nicht mehr zu sein

 

Das Herz ist ein ungezähmtes Objekt

doch es kommt darauf an wer es trägt

Tante Hilde befiehlt - weil sie es bezweckt -

ihrem Herz dass es nicht mehr schlägt

 

Und siehe da, es gehorcht aufs Wort

Onkel Albert hat dies nie getan

so gleitet sie friedlich und unbemerkt fort

und Gott fügt sich ihrem Plan

 

 

 

 

 Ein Mann ohne Kontakt zur Zeit

 

Es gibt an mir nichts zu entdecken.

Ich bin nur durch und durch gewöhnlich.

Manchmal üb ich mich im Verstecken.

Manchmal bin ich recht unversöhnlich.

 

Ich kann meine Gefühle verbergen.

Sie gehen niemanden etwas an

Ich bin zwischen Leben und Sterben

nichts als nur ein einfacher Mann.

 

Ich bin mir stets selbst treu geblieben.

Das war manchmal schlecht, manchmal gut.

Ich kann hassen und ich kann lieben.

Ich hab oft Angst, doch manchmal auch Mut.

 

Ich hab einigen nicht verziehen.

Doch hoffe dass man mir verzeiht.

Ich bleibe. Doch würde gern fliehen.

Und steh außerhalb jeder Zeit.

 

 

 

 

 Bild im Schnee

 

So leicht erschafft der Federstrich Konturen

auf einem weißen Grund aus neuem Schnee

er imitiert die Weisheit von Kulturen

dagegen bin ich tapsig wie ein Reh

und hinterlasse eben solche Spuren

 

 

 

 

 Dankbare Rolle

 

Du schreibst für mich das Drehbuch

ich lern es jeden Tag

und bleibe doch so lästig nur

dabei wie Zahnbelag

Ein Stümper ohne Anspruch

von Musen ungeküsst

der ohne dich nicht wüsste

was er ist

 

Auch wenn mich jeder bedauert

und auf ein böses Wort lauert

ich kenn meine Pflicht

und klage nicht

denn das ist daran das Tolle:

Es ist eine dankbare Rolle

 

Jeder Widerspruch

im Keim schon verpufft

ich bin bodenständig

denn du raubst mir die Luft

Und ich bin zu träge

für Revolution

mein Herz ist ein Söldner

es bekommt seinen Lohn

 

Ich springe gern durch den Reifen

mag es auch keiner begreifen

ich weiß was ich tu

genau wie du

und das ist daran das Tolle:

Es ist eine dankbare Rolle

 

 

 

 

 Von der großen weiten Welt

 

So ein Globus ist nur eine Kugel

tritt dagegen, du wirst sehn er rollt

kannst ja wenn die Lehrer mit dir schimpfen

tun als hättest du das nicht gewollt

 

Sag einfach es wäre ein Versehen

und nur deshalb saust der dumme Ball

durch die Klasse, so wie unsre Erde

es nicht anders tut draußen im All

 

Grund genug um nochmal Maß zu nehmen

triff das Ding am besten mit dem Spann

dann kann Lehrer Specht noch so sehr hechten

ohne dass er ihn je halten kann

 

Erdkunde, Physik und Sport in einem

das hat vor dir niemand je gebracht

auf dem Zeugnis sollt es Einsen regnen

guck nicht so – ich hab doch nichts gemacht

 

 

 

 

 Vergessen ist Gnade

 

Ihr Bademantel hängt noch immer im Bad

sie ist seit 8 Jahren tot, doch er nimmt ihn nicht ab

und manchmal glaubt er sie im Garten zu sehn

ich frag mich warum böse Dinge

immer guten Menschen geschehn

 

Ich heb mein Glas auf den alten Mann

und wünsche ihm dass er vergessen kann

es wäre nicht schade

denn Vergessen ist Gnade

 

Da ist die Frau die sich nicht mehr nach draußen traut

mit dem Davidsstern auf ihrer Haut

sieht sie dort die pöbelnden Arschlöcher stehn

ich frag mich warum böse Dinge

immer guten Menschen geschehn

 

Ich heb mein Glas auf die alte Frau

sie wird nie vergessen, das weiß ich genau

doch es wäre nicht schade

denn Vergessen ist Gnade

 

Ich heb mein Glas auf die Liebenden und auf die Streuner

auf die Heimatlosen und auf die Zigeuner

ich heb mein Glas auf die Träumer und auf die Verlorenen

auf die von uns Gegangenen und die nie Geborenen

auf alle Geister auf ihrer Parade

denn Vergessen ist Gnade

 

 

 

 

 Höhere Mathematik

 

Einfallspinsel gleich Ausfallwinkel

und Pythagoras im Quadrat

ich kenn Wurzeln im Garten

und an den Zähnen

die zu ziehen ist nicht meine Art

 

Und ich erwies auch der Mengenlehre

Zeit meines Lebens nicht allzu viel Ehre

doch stand ich vorm Stadion mal im Gedränge

dachte ich: Boah, das ist eine Menge

 

Deshalb schimpfte Lehrer Schulze mich oft

und nannte mich: Fauler Penner

da habe ich ihn frech angegrinst:

Das ist wohl der gemeinsame Nenner

 

 

 

 

 Immer noch dieser zornige Mann

 

Greta lud uns ein

zu einer Runde Bier und Wein

quatschen über alte Zeiten

bisschen lachen – bisschen streiten

und auch du warst da wie früher

Haare schulterlang und grau

mit der gleichen scharfen Stimme

und wohl schon ein wenig blau

 

Immer noch dieser zornige Mann

der glaubt dass die Welt ihn am Arsch lecken kann

kein bisschen leiser

und kein bisschen weiser

man sieht dir den Weltschmerz noch immer gleich an

 

Es sind die aufgewärmten Geschichten

von denen die leiden und denen die richten

von denen die kämpfen und denen die schweigen

doch worum geht es wirklich – was willst du uns zeigen?

Mao ist tot und die APO vergessen

der Kampf ist vorbei – das Terrain ist vermessen

also hör auf uns damit zu erschöpfen

lass uns lieber noch ein paar Flaschen köpfen

 

Immer noch dieser zornige Mann

der glaubt dass die Welt ihn am Arsch lecken kann

kein bisschen leiser

und kein bisschen weiser

man sieht dir den Weltschmerz noch immer gleich an

 

Immer noch dieser zornige Mann

das ist nur Attitüde – sieh dich doch mal an

mit Säbeln zu rasseln

die Stimmung vermasseln

kein Wunder dass man dich nicht mehr leiden kann

 

 

 

 

 Ihr neuer BH

 

Ich bin ein Mann fürs Praktische

weiß immer was ich mache

ich habe Künstlerhände

und komme gleich zur Sache

Ob Handwerk oder Haushalt

das ist alles egal

ich brauch keine Beschreibung

für irgendein Regal

 

Ich säge und ich hämmer

ich sticke und ich stopfe

ich nagle und ich klebe

ich bohre und ich klopfe

 

Doch ihr neuer BH geht einfach nicht auf

ich komm nicht drauf

wie das Teil funktioniert

Ihr neuer BH schafft nur Verdruß

wo ist der Verschluß

ich bin voll deprimiert

 

Ob Knöpfe oder Haken

ob Band oder ob Schnalle

bisher wars kein Problem

ich öffnete sie alle

Doch nun sieht es so aus als

als glaubten ihre Brüste

ich wäre ein Idiot

der nicht mehr weiter wüßte

 

Ich schneide mit der Schere

ich reiße, zerr und zieh

doch es hilft alles nichts

das Teil öffnet sich nie

 

Ihr neuer BH geht einfach nicht auf

ich komm nicht drauf

wie das Teil funktioniert

Ihr neuer BH schafft nur Verdruß

wo ist der Verschluß

ich bin voll deprimiert

 

Baby laß mich nicht zappeln

verrat mir wie es geht

an welchem Band man ziehen muß

und welchen Nippel man da dreht

 

 

 

 

 Kraniche

 

Kraniche flogen über dem Haus

und über die Stoppelfelder

majestätisch sahen sie aus

Götter im Schatten der Wälder

Mein Blick sah ihnen lange nach

einem Bild von perfektem Frieden

um mich lagen die Felder schon brach

doch mein Herz zog mit ihnen nach Süden

 

Unbeirrbar flogen sie stumm

besseren Tagen entgegen

sahen sich dabei nach mir nicht um

wir folgen nicht den gleichen Wegen

Und trotzdem war das Herz mir so schwer

beim Anblick der ziehenden Brüder

nichts auf der Welt wünsch ich mir heute mehr:

Kommt im nächsten Sommer nur wieder

 

 

 

 

 Vergib mir Herr, dann vergebe ich dir

 

Hinter den Bretterbuden am Stadtrand

fällt die Sonne vom Himmel herunter

damit ist sie da nicht so wirklich allein

früher oder später geht hier jeder unter

 

Die Kids die dort ihre Körper verkaufen

wollen nichts weiter als nur überleben

doch mehr als ein Ticket für den nächsten Tag

vermag die Zukunft hier keinem zu geben

 

Du magst über sie richten

ob ihrer Sünden

doch welch frohe Botschaft

hast du noch zu verkünden?

 

Machen wir einen Deal

heute und hier:

Vergib mir Herr

dann vergebe ich dir

 

Sie hausen in Tunneln und Blechcontainern

die Verlorenen, die Ärmsten der Armen

und warten drauf dass du endlich Zeit hast

dich ihrer frierenden Seelen zu erbarmen

 

Sie fürchten es gäbe keine bessere Welt

sie sind ohne Mut, ohne Gottvertrauen

Herr zeig dich ihnen, lass Güte walten

führ sie endlich zu den grünen Auen

 

Du magst über sie richten

ob ihrer Sünden

doch welch frohe Botschaft

hast du noch zu verkünden?

 

Machen wir einen Deal

heute und hier:

Vergib mir Herr

dann vergebe ich dir

 

 

 

 

 Wenn Astronauten Liebe machen

 

Wenn Astronauten Liebe machen

- und sie machen solche Sachen -

fühlen sie sich trotzdem bloß

- wie jeder andre - schwerelos

 

 

 

 

 Stille

 

Du sprichst so viel. In mir da ist nur Stille.

Du gibst so viel. Doch ich bin nur Verlust.

Ach, wäre doch dein kühner, starker Wille

ein großes Herz in meiner schwachen Brust.

 

Dann würde es sich gut und sicher wähnen.

Dann wäre es viel mehr als ein Fragment.

Dann würde es sich nach den Fragen sehnen

auf die es längst schon jede Antwort kennt.

 

Du liebst so sehr. In mir da ist nur Schweigen.

Dir mangelt es allein an Sachlichkeit.

Wie leicht kannst du dich doch verwundbar zeigen

in deiner stetigen Verfügbarkeit.

 

Du hättest jeden Grund mich anzuklagen.

Und sprichst mich doch von allen Sünden frei.

Ich weiß, ich sollte dir so vieles sagen.

Und sehe trotzdem stumm an dir vorbei.

 

 

 

 

Affe auf der Schauk

 

Ein Affe auf der Schaukel

knabbert an einem Keks

und fragt mich durchaus freundlich:

„Fremder, wohin des Wegs ?“

 

Ich frage mich nur kurz

ob ich halluziniere

doch dann sähe ich Frauen

und keine Tiere

 

Ich sag: „Ich will zur Arbeit“

da murmelt er: „Oh, nein

würde ich gleiches wollen

müsst ich ein Affe sein“

 

 

 

 

 Hausfrauengebet

 

Meister Proper

der du bist in der Flasche

geheiligt werde dein Name

deine Weissheit komme

der Schmutz vergehe

wie auf Kacheln

so auch auf Fliesen

 

Unser täglich Spüli

gib uns heute

und vergib uns die Kruste

wie auch wir vergeben

deinen überhöhten Preis

 

Und führe mich nicht aus der Küche

sondern erlöse mich von dem Dreck

denn dein ist die Sauberkeit

in Ewigkeit

Amen

 

 

 

 

 Wenn die Pheromone fliegen

 

Man sollte denken für mich wäre endlich

das Wesen der Liebe halbwegs verständlich

doch egal welche Zweisamkeit ich grade pflege

ein Teil von mir geht schon andere Wege

 

Manchmal will ich die Löwin

manchmal will ich das Reh

manchmal will ich nur das was ich seh

 

Wenn die Pheromone fliegen

sagt ein Blick: „Du kannst mich kriegen

wann du willst und überall“

Erst kommt die Lust und dann der Fall

Dieser Zustand ist nun weiß Gott nicht behaglich

 

was mir gestern noch lieb war ist heute schon fraglich

ich wünschte ich wär gegen Schönheit immun

denn ich weiß mit Liebe hat es überhaupt nichts zu tun

 

Manchmal will ich die Löwin

manchmal will ich das Reh

manchmal will ich nur das was ich seh

 

Wenn die Pheromone fliegen

sagt ein Blick: „Du kannst mich kriegen

wann du willst und überall“

Erst kommt die Lust und dann der Fall

 

 

 

 

 Mais

 

Maisfelder machen mich melancholisch

außer in Filmen nach Stephen King

denn da wird im Mais immer blutig gemeuchelt

und das ist dann nicht so wirklich mein Ding

 

Ich mag den Gedanken dort einfach zu stehen

und jedes einzelne Maiskorn zu zählen

so würde ein ganzes Leben vergehen

und man müsste sich nicht mit der Wirklichkeit quälen

 

Solche Forschung gewänne zwar keinen Preis

doch wenigstens müsste man niemals hungern

aber sieht mich ein Elternteil dort im Mais

ruft es: „Kind hör auf rumzulungern“

 

Ich hab Streit stets so gut es ging vermieden

auch wenn mir mein Standpunkt durchaus richtig schien

Um des lieben Friedens willens hab ich entschieden

ich betrachte den Mais nur noch auf Fotografien

 

 

 

 

 Es ballt sich

 

Es ballt sich etwas und bleibt unbenannt

in allen Städten und in jedem Land

es ballt sich gewaltig und permanent

doch niemand kann sagen dass er es kennt

 

Es ballt sich erst klein und wird dann groß

in jedem Gehirn und in jedem Schoss

in allen Winkeln und in allen Ecken

kann man plötzlich derart Geballtes entdecken

 

Es ballt sich immer weiter, es ballt sich zusammen

wär es ein Feuer, die Welt stünd in Flammen

es ballt sich ohne Pause und ohne Ruh

es ballt sich mächtig, direkt auf uns zu

 

Es ballt sich etwas, die Welt kann es sehn

und weigert sich dennoch es zu verstehn

es gilt jedem Einzelnen und jeder Zunft

es ballt sich, es ballt sich, ach wär es nur die Vernunft

 

 

 

 

 Living in a box

 

Wecken um acht

und vor dem Fenster ein Strand

es wird viel gelacht

das hab ich so nie gekannt

Die Spritzen tun gut

die Schwestern sind nett

sie machen mir Mut

und mein Bett

 

Grüß Cora von mir

und wie hieß gleich das Kind ?

Ich bin gerne hier

manchmal hör ich den Wind

dann denk ich an Bremen

und unser Zuhaus

Ob sie sich noch schämen?

Ich weiß ich komm hier nie raus

 

 

 

 

 Meine Geliebte

 

Meine Geliebte

ich trage dich fort

wie eine schlafende Katze

wie ein kostbares Wort

wie ein Rosenblatt

wie ein wärmendes Licht

ich trag dich bei mir

und verliere dich nicht

 

Meine Geliebte

ich nehme dich mit

jeden endlosen Weg

jeden winzigen Schritt

auf den Straßen aus Gold

auf den Wegen aus Stein

ich halte dich fest

und lass dich nie allein

 

Meine Geliebte

ich geb auf dich acht

jeden mühsamen Tag

jede frostige Nacht

im zärtlichsten Glück

im heftigsten Streit

liebe ich dich

jetzt und für alle Zeit

 

 

 

 

 Spätere Scheidung nicht ausgeschlossen

 

Ein Sinatra-Imitator auf dem Weg nach Kiel und zu sich selbst

und eine Dame die ein Mann zu lang im Regen stehen ließ

auf einer Autobahn-Raststätte in Schleswig-Holstein

sie trank Kaffee, er trank Cola und sie fühlten sich gemeinsam mies

 

Er wusste dass er’s nicht mehr zur Gala schaffen würde

dabei hatte er die Gage schon im Voraus einkassiert

sie hatte einen Wadenkrampf vom langen Stehen am Straßenrand

und ihr Make-up war wie Kriegsbemalung aber absolut verschmiert

 

Sie waren die einzigen Gäste und kamen ins Gespräch

draußen hat’s noch immer wie aus Kübeln gegossen

er sagte: Lass uns heiraten und ein Wohnmobil kaufen

spätere Scheidung nicht ausgeschlossen

 

Sie fand diese Idee sogar noch witziger als ihn

überhaupt was soll man sonst an so einem blöden Tag auch machen

er sah recht gut aus, zwar nicht wie Sinatra sondern wie Götz George

hatte gute Tischmanieren und er brachte sie zum lachen

 

Gestern noch hätte sie wohl erst bei ihrer Mutter nachgefragt

aber sie war jetzt in dieser Stimmung: No risk – no fun

und während er Ringe bastelte aus Coladosen-Verschlüssen

sagte sie: Okay ich nehm dich gern zum Mann

 

Die Bedienung gratulierte mit einem Gratis-Tortenstückchen

und dann haben sie’s mit Apfelsaft und Blütentee begossen

inzwischen war der Regen auch weniger geworden

späterer Sonnenschein nicht ausgeschlossen

 

 

 

 

 Wann wollen wir jemals bescheiden sein?

 

Von dem Kleid das du trägst, kann jene die es nähte

ihre Kinder nicht einen Tag lang ernähren

Zwanzigmal getragen, dann gibst du es weg

Wann lernst du den Wert der Dinge zu ehren?

 

Wir vergessen den Wasserhahn fest zuzudrehen

Es kostet uns ja nicht allzu viel Geld

Woran wir dabei jedoch nicht denken

Es gibt Menschen ohne Wasser auf dieser Welt

 

Die laufen zu weit entfernten Brunnen

ist das Wasser dort auch dreckig und verseucht

Sie tragen es heim in ihre ärmlichen Dörfer

und wissen doch dass es zum Leben kaum reicht

 

Und dann gibt es da die großen Konzerne

Sie stehlen den Menschen das Wasser und das Land

Wir sind weit entfernt von den leidenden Völkern

und reichen ihnen niemals wirklich die Hand

Wir leben im Überfluss mit der Verschwendung

und gestehen uns das viel zu selten nur ein

dabei reicht oft schon die einfache Frage

Wann wollen wir jemals bescheiden sein?

 

 

 

 

 Mal eben in die Provinz

 

Der Gustav schaut sehr verwundert

drei Sekunden von Null bis auf Hundert

man kommt sehr viel schneller ans Ziel

nimmt man ein solches Automobil

 

Na klar, es ist nur geliehen

doch sei mir dies heut verziehen

denn Gustav wird blass vor Neid

da genieße ich diese Zeit

 

Im Heck da hocken die Nichten

und bewundern die Tannen und Fichten

das versetzt meinem Herz einen Stich

Warum bewundern sie denn nicht mich?

 

Vielleicht tun dies ja die Neffen

die wir in Kürze am Müggelsee treffen

und danach geht es dann heiter

umtriebig ins Umland weiter

 

Doch ich warne schon mal die Nichten

bevor die Wälder sich lichten:

Ihr findet heut keinen Prinz

Brandenburg ist Provinz

 

 

 

 

 Deutschland bierernst

 

Keine leichte Jugend

Frohsinn stets tabu

Schweigen eine Tugend

besser man hört zu

was die Alten sagen

die waren dabei

kennen alle Fragen

Henne oder Ei

 

Doch alle vier Jahre wird das Land erhellt

da stehn wir im Fokus einer ganzen Welt

und so manche Weisheit ist eine sehr banale:

Mindestens Halbfinale

 

Sag nicht Brandt, nicht Wehner

das macht sie nur sauer

wenn du schon reden musst

dann sag Beckenbauer

Sie feiern in Bayern

und auch im Revier

ewig blühn die Wälder

ewig fließt das Bier

 

Endlich wieder stolz sein

und Prestigegewinn

fragt man dich nach Wembley

 

 

 

 

 Kastanien

 

Jemand spricht von dreißig Grad im Schatten.

Vielleicht öffne ich ja einen Knopf.

Obwohl wir hier keinen Schatten hatten.

Schon seit Stunden. Oder nur im Kopf.

 

Ich seh Leute auf den Wiesen gammeln

Können sicher nur Studenten sein.

Ich jedoch muss hier Kastanien sammeln.

Manchmal ist das Leben hundsgemein.

 

Und dann schleppe ich die Plastiktüten

voll Kastanien mühsam Richtung Zoo.

Jemand sagt: „Gott wird es Dir vergüten“

Weiß Gott auch: Ich brauche jetzt ein Klo?

 

 

 

 

 Stief-

 

Christian hat einen Bruder

der ist uns entschieden zu alt

seine Freundin ist ein rechtes Luder

gewiss verführt sie mich bald

 

Ich werde mich dem tapfer fügen

ich hab ja keine andere Wahl

zugegeben ich müsste lügen

doch ich träum von ihr manches Mal

 

Ich sage nicht was ich dann mache

es ist genau das was ihr denkt

doch es ist allein meine Sache

das geschieht wenn man Feuer fängt

 

Ich habe mich gut vorbereitet

meine Unterhose ist täglich frisch

und wenn sich darin etwas weitet

heißt das: Ich liebe dich

 

Da lacht sie, die dumme Pute

und meint ich wär noch ein Kind

da schrumpft mir gehörig die Rute

und ich troll mich geschwind

 

Christian hat einen Bruder

aber alles andre ging schief

es lief total aus dem Ruder

klar, sein Bruder ist ja nur: Stief-

 

 

 

 

 Norderoogsand

 

Du bist nicht Meer

du bist nicht Land

bist dennoch Wasser nur

und Sand

du dehnst dich aus

und weichst zurück

ergreifst das Herz

verwirrst den Blick

 

Du tanzt der Elemente Tanz

im Sonnenlicht, im Sternenglanz

egal wie hoch die Wogen branden

du bleibst bestimmbar und vorhanden

 

Du bist nicht Erde

bist nicht See

nur eine flüchtige Idee

die dich an diese Küste band

Norderoogsand

 

 

 

 

 Wer weiß ob wir existieren

 

Wer weiß ob wir existieren

liegt das so klar auf der Hand

weil wir schwitzen, weil wir frieren

das sagt uns nur der Verstand

 

Doch grad der lässt sich bestreiten

Beispiele gibt es genug

was vermag uns noch zu leiten

zwischen Wahrheit und Betrug

 

Weil wir hoffen, weil wir lieben

weil wir Götterspeise essen

das ist zu pauschal geblieben

und lässt sich recht schnell vergessen

 

Weil wir gehen, weil wir bleiben

weil es Schicksal gibt und Pflicht

weil Poeten davon schreiben

nein, das ist es sicher nicht

 

Weil wir unser Herz verlieren

weil der Ozean so schäumt

wer weiß ob wir existieren

vielleicht sind wir nur geträumt

 

 

 

 

 Marco kehrt heim

 

Marco kehrt heim

in einer silbernen Kiste

jeder der ihn vermisste

findet sich ein

dort auf dem Rollfeld

beim mausgrauen Flieger

wissen sie jetzt

Krieg kennt keine Sieger

 

Und der Minister

rückt sich ins Bild

sagt dass sein Bedauern

den Eltern gilt

und dass Marco starb

für eine sehr edle Sache

sei ihnen ein Trost

- dass ich nicht lache

 

Marco kehrt heim

und kann nicht mehr erzählen

dass die Beine ihm fehlen

und wie er starb ganz allein

im Trommelfeuer

von Granaten zerfetzt

Krieg kennt keine Sieger

begreifen sie es jetzt?

 

Und der Minister

spricht sein Mitgefühl aus

doch die anderen Jungen

holt er nicht nach Haus

Vielleicht sollte jeder

der so etwas entscheidet

erst selbst an die Front

und sehn wie man leidet

 

Marco kehrt heim

in einer silbernen Kiste

jeder der ihn vermisste

findet sich ein

und dann hisst man die Fahne

der er Treue schwor

und für die er sein Leben

völlig sinnlos verlor

 

 

 

 

 Dinge bilden ein Muster

 

Das Universum das du kennst

wenn du in meinem T-Shirt pennst

ist auch nicht anders als der Rest

ich beweis es dir und halt dich fest

 

Schau an die Wand, die Schatten fliegen

selbst wenn wir ganz still hier liegen

und ich weiß nicht was du fühlst

wenn du so nah hier bei mir bist

doch die Welt ist wie sie ist

ist wie sie ist

 

Dinge bilden ein Muster

das hat oft einen Wert

oder es ist verkehrt

das liegt nur an der Sicht

Dinge bilden ein Muster

das hat oft einen Wert

aber wie man’s erklärt

das weiß ich wirklich nicht

 

Was du von mir zu wissen glaubst

wenn du mir meine Worte raubst

und sie einfach zu deinen machst

nur weil du keine eignen hast

macht mich noch nicht originell

dafür geht alles viel zu schnell

vielleicht geht’s gut, vielleicht geht’s schief

wenigstens ist es intensiv

 

Schau an die Wand, die Schatten fliegen

selbst wenn wir ganz still hier liegen

und ich weiß nicht was du fühlst

wenn du so nah hier bei mir bist

doch die Welt ist wie sie ist

ist wie sie ist

 

Dinge bilden ein Muster

das hat oft einen Wert

oder es ist verkehrt

das liegt nur an der Sicht

Dinge bilden ein Muster

das hat oft einen Wert

aber wie man’s erklärt

das weiß ich wirklich nicht

 

 

 

 

 Gendern – Die nächste Phase

 

Ich will jetzt auch mal gendern!

Echt!

Alles lässt sich ändern!

Nicht nur das Geschlecht!

 

Ab morgen bin ich Fisch.

Und hau allen auf die Flossen

die mir noch menschlich kommen.

Auf jetzt Kampfgenossen!

 

Ich bin auch nicht mehr deutsch.

Sondern nur noch global.

Muss jetzt nur noch entscheiden:

Sprotte oder Aal!

 

Jetzt hab ich es! Genau!

Nennt mich: Universales Kabeljau

 

 

 

 

 Westhafen

 

Hey schau das Getreidesilo steht noch

nur heut heißt das Zeug Cerealien

und wo es früher nach Weizen roch

stinkt es jetzt nur noch nach Fäkalien

Und Amerika, Rico, ist auch nicht so fern

wie damals vor zwanzig Jahren

wenn ich in den Spiegel seh oder dich anguck

fass ich kaum wie jung wir mal waren

 

Wo die Disco war wird heut Trödel verramscht

und Joe’s Pinte ist lang schon geschlossen

wir haben damals aus Langeweile

seine Scheiben mit nem Katschi beschossen

Und weißt du noch wie Anna uns in diesen Zeiten

mehr geraubt hat als nur den Verstand

wir wollten sie beide doch sie zog mit so nem Fuzzi

bei Nacht und Nebel Richtung Disneyland

 

Hey Westhafen du altes scheußliches Monster

von den Jahren erschöpft und zerfressen

du siehst nicht gut aus, tut mir leid das zu sagen

nun sag bloß du hast uns schon vergessen

Ey wir sind‘s doch nur die verrückten Zwei

die sich rumdrückten auf deinen Kähnen

mit geschnorrten Kippen, geklautem Fusel

und hunderttausend bescheuerten Plänen

 

Wo sie früher am Fruchthof die Container parkten

stapelt sich heute Schrott in die Höhe

und der Kran auf den wir damals immer stiegen

ist fort soweit ich das sehe

Na ja heut müssen wir das nicht mehr haben

diesen Blick von ganz oben auf alles herab

denn es lebt nicht mehr viel von dem alten Zauber

und es ist still hier wie in einem Grab

 

Die haben den Kanal irgendwie umgeleitet

die Lastkähne stehn heut im Osten

ich hab irgendwann in der Zeitung gelesen

das wär günstiger so von wegen der Kosten

Doch uns beide, Rico, hat keiner gefragt

ob wir etwas dagegen haben

sie schickten uns nicht mal ein Telegramm

um die Geister hier zu begraben

 

Hey Westhafen du altes scheußliches Monster

von den Jahren erschöpft und zerfressen

du siehst nicht gut aus, tut mir leid das zu sagen

nun sag bloß du hast uns schon vergessen

Ey wir sind‘s doch nur die verrückten Zwei

die sich rumdrückten auf deinen Kähnen

mit geschnorrten Kippen, geklautem Fusel

und hunderttausend bescheuerten Plänen

 

Ich hab gehört Anna hätte fünf Kinder

wär zweimal geschieden und hätte studiert

damals warn wir beide so unglaublich nah dran

noch ein paar Wochen dann wär was passiert

Vielleicht wollte sie nicht zwischen uns wählen

und nahm deshalb den leichten Weg raus

und jetzt wo wir wieder hier stehen

wünschte ich sie käme endlich nach Haus

 

Ich heul nicht, Rico, hab nur was im Auge

das liegt an dem dämlichen Wind

komm lass uns gehen, wir stehn schon zu lang hier

wo wir doch keine Kinder mehr sind

 

 

 

 

 Abschied auf Raten

 

Ich war den anderen immer suspekt

weil ich nur soff, aber niemals Drogen nahm

ich sah Tina und Stella zu in jenem Sommer

zählte die Einstiche auf jedem Arm

Sie sagten das Zeug bringe sie zu den Sternen

ich sagte dass ich das nicht wirklich brauch

ein Song von Springsteen, ein paar Flaschen Becks

und wilder Sex schaffen das auch

 

Wir drei wollten immer irgendwo hin

und sind immer nirgendwo angekommen

ich hab zu wenig Gedichte geschrieben

die Girls haben zu viel Amphetamine genommen

Von dem restlichen Scheiß mal gar nicht zu reden

klar, es ist schön wenn dein Daddy nicht geizt

aber Stella, der Arsch könnte mich adoptieren

mich hätte dieser Dreck trotzdem nie gereizt

 

Man braucht etwas um sich festzuhalten

aber wir drei sind wie ein IKEA-Regal

wir fallen immer wieder auseinander

und irgendwann ist dir alles egal

Die besten Dinge sind die die dich töten

und dies war so ein lausiges Jahr

ich sähe euch gerne so verrückt wie früher

mit all dem Glitter und den Blumen im Haar

 

Ihr werdet niemals heilige Madonnen

und ich werd niemals Hemingway sein

Träume sind billig, Träume sind Lügen

am Ende sterben wir alle allein

Man sagt wir seien alle Gottes Kinder

und zu viel Liebe bringt einen um

also verzeih, Gott, wenn ich dich frage:

Warum? Vater, warum?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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