Widersprich mir wenn du kannst

 

Da stehst du nun zwischen Abschied und Zukunft

man setzt hohe Beträge auf deinen Verstand

du pustest die Kerzen mit einem Zug aus

jemand drückt dir den Schlüssel zum Glück in die Hand

 

Dann wirft man dich aus dem Haus, in das Leben

und auf deinem T-Shirt steht: „Frei“

die besten Jahre ziehen schneller als Punk-Songs

an deinem inneren Auge vorbei

 

Ich weiß du hast längst jeden Boden verloren

unter den Füßen ein blutleeres Land

du schweigst dich beständig um jedes Bekenntnis

dein Schatten wird kleiner mit dem Rücken zur Wand

 

Ich weiß du bist fertig

ich weiß du hast Angst

widersprich mir doch wenn du kannst

 

Du meidest die Sicherheit von Horoskopen

und neidest der Welt jeden Wetterbericht

die Sternenkarten die du lange studiert hast

haben einen Fixpunkt doch du findest ihn nicht

 

Weil dein Kleinwagen sich jeder Ausfahrt verweigert

quälst du dich im Herzen todkrank

auf der Kriechspur dorthin wo du Sonne vermutest

durch die trostlosen Orte im Land

 

Dein Traumkonto leer, niemand gibt dir Kredit mehr

du ziehst dich am eigenen Schopf in den Sumpf

die Pillen versagen und an manchen Tagen

sprichst du mit dir selbst und dein Ausblick wird stumpf

 

Ich weiß du bist fertig

ich weiß du hast Angst

widersprich mir doch wenn du kannst

 

Ich weiß du bist fertig

ich weiß du hast Angst

los widersprich mir doch wenn du kannst

 

 

 

 

 In den Farben der Dämmerung

 

Ich steh mal wieder an der Straße

Kragen hoch und Daumen raus

mit dem Blues in meiner Seele

und ich will nur noch nach Haus

Es fängt an zu schneien

und ein Reh am Straßenrand

kann sich nicht so recht entscheiden

zwischen Wald und flachem Land

 

Von den Scheinwerfern geblendet

macht es einen falschen Schritt

während es langsam verendet

fragt der Fahrer: Willst du mit?

 

Blutrot steigt die Morgensonne

ringt den dichten Nebel nieder

und ich finde mich im Zwielicht

eines jungen Tages wieder

mit der traurigen Gewissheit

ich hab noch so weit zu gehn

ohne Einfluss auf die Dinge

die rings um mich geschehn

 

Und ich sehe zu dem Körper

der am Seitenstreifen liegt

während neben mir der Mann

das Schutzblech grade biegt

Fliegen schwirren emsig

angelockt vom frischen Blut

und ich kann mich nicht entscheiden

zwischen Traurigkeit und Wut

 

Während ich so anseh

wie das Reh qualvoll verreckt

wird es vom ersten Schnee

behutsam zugedeckt

 

Blutrot steigt die Morgensonne

ringt den dichten Nebel nieder

und ich finde mich im Zwielicht

eines jungen Tages wieder

mit der traurigen Gewissheit

ich hab noch so weit zu gehn

ohne Einfluss auf die Dinge

die rings um mich geschehn

 

 

 

 

 Heidnische Götter

 

Du ahnst niemals wie sehr sie sich verzehren

nach Sterblichkeit, und sei’s ein Wimpernschlag

dass Menschen sie nicht länger mehr verehren

und sei’s nur eine Stunde, sei’s ein Tag

 

So steigen sie herab um uns zu prüfen

ob ihre Gegenwart sich noch beweist

grad als ob sie die Menschen nur erschüfen

damit man sie dereinst willkommen heißt

 

Ein Abglanz nur noch früher praller Fülle

doch noch gebunden durch des Menschen Wort

gehuldigt wird dem schalen Schein der Hülle

doch die Essenz ist lang schon nicht mehr dort

 

 

 

 

 Der Schwan

 

Wenn einem Schwan sein Ende schwant

dann putzt er sein Gefieder

ein Mensch jedoch der gleiches ahnt

der legt sich schludrig nieder

 

 

 

 

 Im Leichenschauhaus

 

Es ruht der tote Leib in starrer Kälte

die sich von ihm nicht mehr erahnen lässt

gewaschen, grade so als ob es gälte

ihn herzurichten für ein nahes Fest

 

Es ist als ob sie ihm das Menschsein stehlen

mit jedem Atemzug der ihn nun streift

die Augen dämmern klagend in den Höhlen

während der Rumpf beinahe schon versteift

 

Er ist nicht mehr, doch war einmal gewesen

was von ihm bleibt ist grade ein Befund

ein Stück Papier und darauf kann man lesen

die Ursache und auch des Todes Stund

 

Und auch ein Name lässt sich darauf finden

der fortan für ihn ohne Nutzen ist

was von ihm blieb wird zeitnah schon verschwinden

nicht lang mehr bis man dann auch ihn vergisst

 

 

 

 

 Eriks Gitarre im Leihhaus

 

Mittags raus auf einen Burger

eine rauchen, zurück ins Büro

die Akten wachsen wie Unkraut

der Ärger wächst sowieso

Draußen scheint grad die Sonne

das erste Mal dieses Jahr

da gehe ich noch ein paar Schritte

die Akten kommen ohne mich klar

 

Staatsanwälte lümmeln im Stehcafé

vergleichen die Abschussquoten

im Rinnstein stirbt dreckiger Schnee

im Park warten die lebenden Toten

 

Eriks Gitarre im Leihhaus

Mann, das versetzt mir einen Stich

Kann man es wirklich so nötig haben?

Und klar denk ich wieder an dich

Eriks Gitarre im Leihhaus

das ist wie Einstein bei DSDS

Wie viele Kriege muss es noch geben

bevor ich dich endlich vergess?

 

Scientology lauert am Bahnhof

die Fixer hängen auf dem Klo

ich trink ein Bier aus der Büchse

Scheiße, ich sollte zurück ins Büro

Ein Kollege in Westernstiefel

kommt mir entgegen wie in „High Noon“

ich würd ihn am liebsten erschießen

der Arsch hat eh nichts zu tun

 

Staatsanwälte lümmeln noch immer

das ist fast schon bewundernswert

das Wetter wird irgendwie schlimmer

und daran ist ja nichts verkehrt

 

Eriks Gitarre im Leihhaus

Mann, das versetzt mir einen Stich

Kann man es wirklich so nötig haben?

Und klar denk ich wieder an dich

Eriks Gitarre im Leihhaus

das ist wie Einstein bei DSDS

Wie viele Kriege muss es noch geben

bevor ich dich endlich vergess?

 

 

 

 

 Jesus war ein Rockstar

 

Jesus war ein Rockstar

hatte ein besondres Flair

er begeisterte die Massen

Open Air

 

Und Maria Magdalena

hatte einen Backstage-Pass

denn sie war sein Lieblingsgroupie

alle Leute wussten das

 

Er war wie John Lennon

aber Judas war wie Paul

wer die beiden näher kannte

wusste da ist etwas faul

 

Und als es dann zum Split kam

weinten seine Fans gar sehr

Petrus sagte: „Ohne Jesus

gibt es kein Revival mehr“

 

Vielleicht ist er aus diesem Grund

am dritten Tage auferstanden

so wie Simon and Garfunkel

wieder zueinander fanden

 

Doch die Jünger waren fort

und in ihm war nur noch Leere

darum pfiff er auf das Business

und die Solo-Karriere

 

Im Grunde seines Herzens

wollt er nie ein Rockstar sein

jetzt lebt er ganz abgeschieden

und macht sich aus Wasser Wein

 

 

 

 

 Hinterlandand

 

Niemand weckt hier schlafende Hunde

Niemand pisst hier gegen den Wind

Man dreht täglich die gleiche Runde

und geht dorthin wo die anderen sind

 

Die sind nicht schwer zu entdecken

Es gibt nur ein Lokal in der Stadt

die keine finsteren Ecken

und auch sonst nichts zu bieten hat

 

In der Bücherei züchtet man Tauben

Es gab mal Bücher dort – ungefähr drei

Fremde wollen das gar nicht glauben

Fragen Sie mich, ich war dabei

 

Ich stamm aus dem Hinterland

Ich kann Ihnen zeigen

wovon alle nicht reden

die hier so eifrig schweigen

 

Die Leute hier sind ein besonderer Schlag

Denen darf man nicht vorlaut kommen

Denen wurde von einem zum andren Tag

so gut wie alles genommen

 

Die haben die Freiheit noch nicht richtig verstanden

die man ihnen nach der Wende versprach

Denen kam die Hoffnung sehr schnell abhanden

und die Äcker liegen seitdem brach

 

Die leben im Gestern und da werden sie bleiben

und Fremde, wie Sie, sind nicht gerne gesehn

Es gibt hier nichts um sich die Zeit zu vertreiben

Am besten ist wenn Sie gleich wieder gehn

 

Ich stamm aus dem Hinterland

Ich kann Ihnen zeigen

wovon alle nicht reden

die hier so eifrig schweigen

 

 

 

 

 Robin Hoods letzte Worte

 

Nun steh ich unterm Galgenbaum

und traue meinen Augen kaum

was sich zu meinem Totenfest

für blödes Volk hier blicken lässt

 

Na ja, es kann nicht überraschen

ich füllte ihnen zwar die Taschen

doch gilt es einen hinzurichten

erinnern sie sich wohl mitnichten

 

Zwar bricht es mir durchaus das Herz

trotzdem wird’s Zeit für einen Scherz

und so seh ich den Henkersmann

mit treuen Dackelblicken an

 

Mein Herr, Sie müssen nicht erröten

bei dem Gedanken mich zu töten

doch gibt es eine Volksweisheit

für die ist jetzt die rechte Zeit

 

Wer den Henker nicht ehrt

ist die Schlinge nicht wert

Das gilt für Edelmann und Bauer

und deshalb………aua

 

 

 

 

 Wer liebt der will belogen sein

 

Es sind doch nichts als Worte

die uns im Wege stehn

so einfach zu durchschauen

und so leicht zu verdrehn

 

Wir fallen auf das Schicksal

aus Überzeugung rein

das ist nur allzu menschlich

Wer liebt der will belogen sein

 

Wir feilschen um Verständnis

handeln Verträge aus

doch es kommt letzten Endes

nichts Gutes dabei raus

 

Wir haben unsre Schwächen

gestehen sie nicht ein

das ist nur zu verständlich

Wer liebt der will verwundbar sein

 

Wir graben selbst die Gruben

und fallen gern hinein

und etwas wird uns bleiben

sei es auch noch so klein

 

Wir zähmen die Begierde

so sagt der äußre Schein

ich aber weiß es besser

Wer liebt der will belogen sein

 

 

 

 

 Mandys Mond

 

Mandy sagt: Ich hab dich gerne

und was kann uns schon geschehn

ich hab Sehnsucht nach der Ferne

willst du heut nicht mit mir gehn?

 

Ein verrücktes Kind und trotzdem

greifst du zögernd ihre Hand

folgst ihr auf geheimen Wegen

in ihr kleines Wunderland

 

Frag nicht ob die Reise lohnt

und ob dort die Liebe wohnt

es ist gut und es ist richtig

heute Nacht auf Mandys Mond

 

Mandy sagt: Du kannst mich küssen

wenn dir grade danach ist

und ich muss deshalb nicht wissen

was du denkst und wer du bist

 

Ein verrücktes Kind und trotzdem

streckst du dich nach ihrem Mund

und sie küsst dich in das Weltall

dort sind alle Träume bunt

 

Frag nicht ob die Reise lohnt

und ob dort die Liebe wohnt

es ist gut und es ist richtig

heute Nacht auf Mandys Mond

 

 

 

 

 Libero

 

Er spielt den Pass

den keiner erreicht

zuckt mit den Schultern

und nimmt es leicht

dann hebt er den Finger:

„Schiri, ich muss aufs Klo“

er darf das

denn er ist der Libero

 

Er steht im freien Raum

alles scheint wie ein Traum

und wenn man grätscht und tritt

macht er einfach nicht mit

Und der Trainer sagt traurig:

„Das ist nun mal so

er darf das

denn er ist der Libero“

 

Der Torwart kam gestern

etwas früher nach Haus

da kam der Libero

aus seinem Schlafzimmer raus

und seine Gattin

die jauchzte froh:

„Er darf in meinen Strafraum

denn er ist der Libero“

 

 

 

 

 Je weiter wir uns entfernen

 

Je weiter wir uns entfernen

desto zärtlicher wird mein Blick

er fände selbst aus den Sternen

jederzeit zu dir zurück

 

 

 

 

 Am Rand

 

Sie hat die Liebe nur gekannt

auf schmerzgekrümmte Weise

den starren Blick fest an der Wand

auf ungeplanter Reise

und wollte nach dem ersten Mal

keinen Tag weiterleben

gegen die Abscheu und die Qual

half auch kein Übergeben

 

Kein Engel Gottes der erschien

mit seinem Flammenschwert

so viel war sie dem Himmel wohl nicht wert

 

Es breitet sich ein Schweigen aus

nicht nur in ihrer Kehle

sie ist längst aus dem Elternhaus

doch mit zerstörter Seele

Die Angst kommt unverhofft bei Nacht

sie spürt die feste Hand

die hat noch immer zu viel Macht

in ihrem Leben hart am Rand

 

Sie riss die Brücken alle ein

und lässt sich ziellos treiben

die meiste Zeit ist sie allein

und möchte es auch bleiben

Auch wenn das Leben weitergeht

und manche Wunden heilen

glaubt sie es wäre längst zu spät

die Wahrheit mitzuteilen

 

Und sie kann nicht verhindern

wenn der Alptraum in ihr wühlt

dass sie sich völlig grundlos selber schuldig fühlt

 

 

 

 

 Neulich

 

Der Abend hat sich verspätet.

Ich saß in meinem Zimmer.

Hab schon im Voraus gebetet.

Ansonsten war alles wie immer.

 

Die Katze schlich durch die Küche.

Die Autos draußen waren laut.

Vom Hof kamen Gerüche.

Und mir war nicht wohl in der Haut.

 

Das Glück klopft an alle Türen.

Wie oft hab ich das schon gehört.

Davon ist rein gar nichts zu spüren.

Es weiß wohl: Ich bin gern ungestört.

 

 

 

 

 1996

 

Ich schreib kein Gedicht mehr vor viertel nach zwei

bin immer stoned aber fühle mich high

und irgendjemand wartet im Bett

ich sag „Hallo Marlin“, sie sagt „Ich heiße Babette“

 

Keine Fluppen da wenn man sie grade braucht

klar ich hab heute schon drei Schachteln geraucht

und mein T-Shirt stinkt so nach Nikotin

das kann ich mir glatt durch die Nase ziehn

 

Im Radio spielen sie die Top Hundert

ich bin angeekelt und etwas verwundert

was für einen Scheiß unsre Jugend hört

ein Gehirnfick der alle Träume zerstört

 

Mit katholischen Mädchen spiele ich Flaschendrehn

und würd mich gern erschießen wie Kurt Cobain

denn in mir ist nichts weiter als Trauer und Wut

doch ich hab keine Knarre und auch nicht mehr den Mut

 

Ich hab Tina heute in der Klinik besucht

zehn Minuten lang hat sie mich nur verflucht

bis ich fragte „Soll ich vielleicht wieder gehn?“

da lachte sie „Es ist schön dich zu sehn“

 

Früher hingen wir oft auf dem Schrottplatz rum

ein passender Ort, wir waren jung und so dumm

und wir liebten den Geruch von Kerosin

Tina war seit fünf Jahren nicht mehr clean

 

Wir gingen eine Stunde im Park spazieren

mit der Gewissheit dass wir uns bald verlieren

und sie sagte zum Abschied „Komm nicht mehr her

das macht das Sterben nur unnötig schwer“

 

Auf dem Heimweg ist mir ein Köter begegnet

der schien auch nicht grade vom Glück gesegnet

ich sagte „Zieh Leine, sonst gibt’s einen Tritt

du denkst doch nicht wirklich ich nähme dich mit?“

 

Wir saßen eine Weile am Landwehrkanal

dann hat er sich getrollt, doch es war mir egal

ich kaufte mir ein Sixpack und Zigaretten

und verzockte einen Fuffi bei Pferdewetten

 

Daheim gammelte jemand in meinem Bett

und ich fragte „Hast Du kein Zuhause, Babette?“

da begann sie sich wütend anzuziehn

„Servus, du Arschloch, ich heiße Marlin“

 

 

 

 

 Badesaison

 

Sie nehmen jetzt Eintritt fürs Baden im Meer

ich finde das nicht so verkehrt

bei all dem Öl was darin so schwimmt

ist das Wasser doch einiges wert

 

 

 

 

 Tage vor der Furcht

 

Er ist blass geworden

und die Art wie er jetzt spricht

dieses Zögern in der Stimme

kannte ich von ihm noch nicht

Auch sein Gang ist nicht der gleiche

seine Schritte die sind klein

aber wenn er lacht dann denk ich

ich bild mir das alles ein

 

Tage vor der Furcht

und ich entdecke kleine Zeichen

flüchtig nur und ohne Anlass

die nicht zur Besorgnis reichen

 

Tage vor der Furcht

und fast ein Jahr vor dem Verfall

war er mir so gegenwärtig

schien mir einfach überall

so als wollte er die Zeit besiegen

und die Uhren rückwärts drehn

Tage vor der Furcht

kann man nur lachend überstehn

 

Und so war der große Mann

in jenen Tagen wild und laut

schlief nicht viel und ließ mich wissen

dass er keinem mehr vertraut

weil sein eigner Pulsschlag schwindelt

und der Ausschlag im Gesicht

käme nur von den Tabletten

zu bedeuten hätt er nichts

 

Tage vor der Furcht

und ständig mehren sich die Zeichen

dafür dass wir schon in Kürze

einen Wendepunkt erreichen

 

Tage vor der Furcht

und fast ein Jahr vor dem Verfall

war er mir so gegenwärtig

schien mir einfach überall

so als wollte er die Zeit besiegen

und die Uhren rückwärts drehn

Tage vor der Furcht

kann man nur lachend überstehn

 

 

 

 

 So also war dein Ende

 

Kein Gott der dir den Schmerz nahm

in deinen letzten Tagen

kein Engel der hinab kam

um dich ins Licht zu tragen

Nur deine stumme Bitte

die dir kein Arzt erfüllte

bevor der Tod dich gnädig

in weiße Tücher hüllte

 

So also war dein Ende

davor kein Trost, nur Pein

nie sollten fremde Hände

so ohne Mitleid sein

Ein Knopf nur war zu drücken

doch keiner hat’s getan

obwohl sie jeden Tag

dich furchtbar leiden sahn

 

Kein Arzt der sich erbarmte

sie faselten von Pflicht

und auch der brave Pastor

sagte er könne nicht

Ach würden sie doch alle

an deiner Stelle sein

keinen Finger würd ich rühren

um sie vom Siechtum zu befrein

 

 

 

 

 Textmarker

 

Die Stellen die du in Büchern markierst

sagen mir gar nichts – wie Du

das Schöne an diesen Büchern ist:

Man klappt sie einfach zu

 

 

 

 

 Auf der Chaussee

 

Der Herbst war völlig verregnet.

Ich ging einsam auf der Chaussee.

Bin dem Selbstmitleid dort begegnet.

Wie erwartet tat es recht weh.

 

Es spiegelte sich in den Scheiben.

Und in den Regenpfützen.

Ich wusste es würde bleiben.

Ohne mir etwas zu nützen.

 

 

 

 

 Nie anders als zu dieser Stunde

 

Nie anders als zu dieser Stunde

in diesem Licht sollst du mich sehn

will hören es aus deinem Munde

wenn wir uns gegenüber stehn

 

Nie anders als voll von Verlangen

will ich gedenken deinem Leib

so sei auch du heut unbefangen

und gib dich mir zum Zeitvertreib

 

Nie anders als zu dieser Stunde

in diesem Licht sollst du mich sehn

denn schon der Abend birgt die Kunde

dass wir am Morgen von uns gehn

 

 

 

 

 Düsseldorf ist Selbstmord

 

Ist schon klar, mein Schatz

du brauchst einen Studienplatz

und ich seh es wirklich ein

wählerisch kann man nicht sein

Gehst du nach München

wird man dich nicht lynchen

würd ich mir auch eher

Heidelberg wünschen

 

Aber eins das geht gar nicht

auf keinen Fall

bitte nicht dort

sonst überall

 

Düsseldorf ist Selbstmord

 

Für Hamburg und Bremen

muss sich niemand schämen

Bochum und Essen

kannst du eher vergessen

Optimal wär Berlin

London oder auch Wien

selbst die Philippinen

würden Erwägung verdienen

 

Aber eins das geht gar nicht

auf keinen Fall

bitte nicht dort

sonst überall

 

Düsseldorf ist Selbstmord

 

 

 

 

 Wrack an der Autobahn

 

Da steht ein Wrack an der Autobahn

bin tagelang dran vorbeigefahrn

heut hielt ich an und bin ausgestiegen

und sah die Trümmer im Sonnenlicht liegen

 

Ich hab die Marke nicht mehr erkannt

bis auf das Chromskelett ausgebrannt

am Boden waren noch Streifen

der längst geschmolzenen Reifen

 

Ein Seitenspiegel im feuchten Gras

nur noch zersplittertes Fadenglas

in dem die Sonne sich bricht

ich sah darin mein Gesicht

 

 

 

 

 Dark Desire

 

Der Herr bindet sich die Krawatte.

Am Spiegel klebt frisches Blut.

Wie viel Spaß er doch wieder hatte.

Dafür zahlt er gerne und gut.

 

Ihm geht es nicht ums Kopulieren.

Solche Nähe kann er nicht leiden.

Um zu ejakulieren

reicht ihm das tiefe Schneiden.

 

Die Angst in den Augen zu sehen

macht ihn für das Messer bereit.

Er weiß, dass sie beide verstehen:

Eines Tages geht er zu weit.

 

 

 

 

 Was bis heute geschah…

 

Angst kann man nicht lernen, die hat man

nur manchmal glaubt man sie wäre nicht da

und spürt das Bedürfnis jemandem zu erklären

was bis heute geschah

 

Man pfuscht im Drehbuch des eigenen Lebens herum

und das Ergebnis wird täglich suspekter

vielleicht wäre das Ende irgendwie noch zu retten

mit dem richtigen Art-Director

 

Ob Drama oder Komödie

man bleibt darin stets Statist

und man mag für das Publikum hoffen

dass es den Film schnell wieder vergisst

 

Da sind viele weiße Stellen im Script

und manches was man gestrichen hat

am Ende bleibt man unter dem Strich

nur ein unbeschriebenes Blatt

 

Angst kann man nicht lernen, die hat man

nur manchmal glaubt man sie wäre nicht da

und spürt das Bedürfnis jemandem zu erklären

was bis heute geschah

 

 

 

 

 Die große weiße Hoffnung

 

In der zweiten Runde

voll eine aufs Kinn.

Und was macht der Schlaffi?

Legt sich hin.

 

Tausend für ein Ticket.

Ich hab Pay TV

Kostet nur knapp zwanzig.

Bin halt schlau.

 

Schon der Flug nach Vegas

hätt mich ruiniert.

Und nach dieser Show

wär ich voll deprimiert.

 

Will der Sack jetzt pennen?

Wir sind schon bei Acht.

Komm mal auf die Beine.

Sonst: Gute Nacht.

 

Dafür hab ich mir

den Wecker nun gestellt.

Für so eine Lusche.

Die abkassiert und fällt.

 

All die großen Sprüche.

All die Manneskraft.

In der zweiten Runde.

Das hätt‘ ich auch geschafft.

 

Die große weiße Hoffnung.

Da trägt man sie hinaus.

Die Zukunft für uns Weiße

sieht Scheiße aus.

 

 

 

 

 So weit – so gut – so schön

 

Judas sprach zu Jesus:

„Alter nimm es nicht so eng

wenn ich dich in Kürze linke

sondern sieh es als Geschenk

denn wir Künstler haben leider

ein ureigenes Problem

man mag uns erst wenn wir tot sind

das ist äußerst unbequem

 

Heute kräht kein Hahn nach dir

aber morgen schon dreimal

und darum hab ich zu deinem Wohl

keine andre Wahl“

 

So weit – so gut – so schön

genauso ist´s geschehn

so schön – so weit – so gut

man weiß wofür man´s tut

so gut – so schön – so weit

alles zu seiner Zeit

soso

 

Jesus sprach zu Judas:

„30 Kröten nennst du Lohn?

das reicht grad mal ein paar Wochen

denk mal an die Inflation

Mich so billig zu verraten

kränkt doch mächtig meinen Stolz

dafür hängt sich meines Wissens

niemand tagelang ans Holz

 

Schreib ich meine Memoiren

kommst du ganz schlecht dabei weg

ich werd heilig und unsterblich

doch von dir spricht man als Depp“

 

So weit – so gut – so schön

genauso ist´s geschehn

so schön – so weit – so gut

man weiß wofür man´s tut

so gut – so schön – so weit

alles zu seiner Zeit

soso

 

Der Herr im Himmel sagte :

„Ich mag euch beide nicht

der eine faselt was von Silber

und der andere vom Licht“

So weit – so schlecht

na ja

 

 

 

 

 Die Heimat

 

Ein grünes Blatt dem Baum entrissen

aus Mutters Garten, nahm ich mit

um von der Heimat stets zu wissen

so dass ich nie an Heimweh litt

 

Und Kieselsteine aus dem Bach

wo ich als kleines Kind gespielt

so dass ich schlafend und auch wach

mich immer wie zuhaus gefühlt

 

Und letztlich der Geliebten Kuss

damit mir nicht verloren geht

dass ich bald wiederkehren muss

dorthin wo meine Wiege steht

 

 

 

 

 Junge Christen aus aller Welt

 

Neulich im Olympiastadion

ganz schön viele Leute

und ich fragte mich verwundert :

Spielt denn Hertha heute?

Doch es waren keine Hooligans

die dort die Fahnen hissten

nein, nein, nein

es waren junge Christen

 

Junge Christen aus der ganzen Welt

zu Gast in unsrer Stadt

schön dass es so was

mal gegeben hat

Die zerkloppen auch nicht

wie die Stones das Mobiliar

sie benehmen sich gesittet

ist doch klar

 

Ich bin dageblieben

fand das auch sehr schön

lieber junge Christen

als Phil Collins sehn

Ginge es nach mir

dann kommt ruhig wieder

ich find euch sehr nett

und mag eure Lieder

 

Junge Christen aus der ganzen Welt

ob reich oder bankrott

kamen zueinander

und sie lobten Gott

Ich find das sympathisch

und auf alle Fälle

mag ich Jesus lieber

als Guido Westerwelle

 

 

 

 

 Strippenzieher

 

Strippenzieher ziehen Strippen

ja sie ziehn von früh bis spät

und sie ziehen auch noch weiter

wenn es scheinbar nicht mehr geht

 

Strippenzieher ziehen Strippen

und sie ziehen nicht zu knapp

und verheddern sich die Strippen

schneiden sie die Strippen ab

 

Strippenzieher ziehen Strippen

welch ein grausames Geschäft

und ich würde gerne sagen:

Passt auf das ihr sie nicht trefft

 

Doch die Warnung wär vergeblich

denn euch ist so klar wie mir:

An den Strippen die sie ziehen

hängen wir

 

 

 

 Bach – Fluss - Meer

 

Zuerst ist Liebe nur wie ein Bach

zaghaft und schüchtern küsst sie dich wach

zeigt dir ganz leise

den Anfang der Reise

zuerst ist Liebe nur wie ein Bach

 

Später ist Liebe dann wie ein Fluss

reißend am Anfang – versiegend am Schluss

bringt dich aus dem Tritt

spült dich fort – nimmt dich mit

später ist Liebe dann wie ein Fluss

 

Doch schließlich ist Liebe so wie das Meer

du hältst sie fest - gibst sie nie wieder her

denn am Ende der Reise

macht sie dich weise

am Ende ist Liebe so wie das Meer

 

Zuerst ist Liebe nur wie ein Bach

zaghaft und schüchtern küsst sie dich wach

doch schließlich ist Liebe so wie das Meer

du hältst sie fest - gibst sie nie wieder her

 

 

 

 

 Mein Juli-Mädchen

 

Auf deinen Lippen Morgentau

und Feuer unterm Mieder

ich log für dich den Himmel blau

immer und immer wieder

 

Küsste dir Blumen in das Haar

und Sonne auf die Wangen

bis unsre Zeit gekommen war

und viel zu schnell vergangen

 

Mein Juli-Mädchen weißt du noch

die Spiele die wir spielten

viel mehr noch als was wir verloren

schmerzt mich was wir behielten

 

In deinen Blicken kaum noch echt

lag weder Glück noch Treue

ich bog die Wahrheit uns zurecht

an jedem Tag aufs Neue

 

Raubte dir Lügen aus dem Mund

nur um mich selbst zu hören

und fühlte mich dabei gesund

mich langsam zu zerstören

 

Mein Juli-Mädchen weißt du noch

die Spiele die wir spielten

viel mehr noch als was wir verloren

schmerzt mich was wir behielten

 

 

 

 

 Das Fenster

 

Ich hab ein Fenster. Das muss ich nicht haben.

Denn da blickt man zum Friedhof heraus.

Wann immer sie da einen begraben

klingelt die Glocke aus dem Bett mich hinaus.

 

Das wäre praktisch am Montag um sieben.

Denn da müsste ich ins Büro.

Doch meistens wär ich lieber liegengeblieben.

Aber das ziemt sich nicht so.

 

Schließlich kann ich noch aufrecht stehen.

Dort ist man in der Horizontalen.

Vielleicht sollte ich heute mal gehen

um meine Schulden beim Fritz zu bezahlen.

 

 

 

 

 Fütterung eines deutschen Nachkriegssäuglings

 

Ein Happs für den Opa, Lagerkommandant

ein Happs für die Oma, Todesengel genannt

ein Happs für den Onkel, Doktor der Euthanasie

ein Happs für den Papa, den kriegen sie nie

 

Iss was wir haben, iss es geschwind

und werde stark wie der Führer, mein Kind

 

 

 

 

 Die Laterne

 

Die Laterne, ich trug sie am Martinstag

in meinen winzigen Händen

der Vater war es der sie mir gab

ach, möge ihr Licht niemals enden

 

Ein Knabe war ich, fünf Jahre grad alt

wir sangen fröhliche Lieder

war es auch dunkel und bitterkalt

hätt ich diese Zeit doch nur wieder

 

Verloschen war bald ihr tröstendes Licht

verklungen die fröhlichen Lieder

was aus ihr wurde, ich weiß es nicht

ich sah meine Laterne nie wieder

 

Nun wo ich hier liege, vom Alter müd

tanzt vor meinem Fenster ein Licht

ich seh wie es leuchtet, ich seh wie es glüht

ach, meine Laterne, verlasse mich nicht

 

 

 

 

 Wie klein erscheint die Liebe uns jetzt

 

Wie klein erscheint die Liebe uns jetzt

da sie endgültig vorüber

anfangs da stürzte man sich ohne Netz

mitten in sie hinein – kopfüber

 

Da duftete selbst die Kloake nach Rosen

und der Straßenlärm war Musik

im Kopf war ein herrliches Brausen und Tosen

während der Verstand selig schwieg

 

Da gab es nur uns und den wohligen Schein

alles andre war ausgeblendet

wir wollten nicht mehr mit anderen sein

und dachten nie dass es so endet

 

Gewohnheit ist ein grausames Tier

unaufhörlich verschlingt es die Stunden

und was es mal gab zwischen dir und mir

haben wir nicht mehr wiedergefunden

 

Wir erinnern uns auf Tiefste verletzt

an das was wir nicht mehr haben

wie klein erscheint die Liebe uns jetzt

wo wir sie endgültig begraben

 

 

 

 

 Wrestling

 

Baseball hab ich nie verstanden

weder praktisch noch theoretisch

aber ich liebe es trotzdem

„Home Run“ klingt so poetisch

 

Football dagegen ist öde

da steht man meistens nur rum

nicht zu verwechseln mit Soccer

wer das verwechselt ist dumm

 

Wrestling treibt mich in den Wahnsinn

denn ich sah vorher noch nie

solch wirres Durcheinander

meist männlicher Anatomie

 

 

 

 

 Das Mögliche

 

Ein leeres Blatt und viele Möglichkeiten

der Tag dehnt sich und spuckt mich wieder aus

der Weg zu frisch noch um ihn zu beschreiten

führt in der Ferne und das heißt: Nach Haus

 

Ich habe keine Stunde zu verschenken

die Kunst ist launisch, schlimmer als ein Kind

ich habe mancherlei wohl zu bedenken

bis meine Worte weise Worte sind

 

Es mahnt die Zeit mit gnadenlosen Fängen

und auch wenn ich mich winde wie ein Aal

der Geist lässt sich nicht zwingen oder drängen

und meine Wünsche sind ihm sehr egal

 

Was haben wir gestritten und gerungen

dabei ging es doch nur um ein Gedicht

das Unmögliche ist mir oft gelungen

das Mögliche jedoch gelingt mir nicht

 

 

 

 

 Tränen mit Schirm

 

Tränen mit Schirm

auf dem Weg in die Stadt

es ist kalt vor dem Haus

und der Gehweg ist glatt

Eine fällt auf die Schnauze

und bleibt lieber hier

doch die andern gehn weiter

sie woll´n ja zu dir

 

Tränen mit Schirm

genug für ein Fass

schick ich dir rüber

werd bloß nicht nass

Tränen mit Schirm

für dich geweint

behalte den Schirm

bis die Sonne mal scheint

 

Tränen mit Schirm

sitzen jammernd im Bus

da gibt die eine

der andren nen Kuss

Die zwei fahren weiter

die andern steigen aus

sie wollen ja schließlich

zu dir nach Haus

 

Tränen mit Schirm

genug für ein Fass

schick ich dir rüber

werd bloß nicht nass

Tränen mit Schirm

für dich geweint

behalte den Schirm

bis die Sonne mal scheint

 

Tränen mit Schirm

stehen vor nem Lokal

und eine die sagt :

"Ey jetzt wartet doch mal"

Sie geht einen trinken

und liegt unterm Tisch

nun sind nur zwei übrig

zwei Tränen für dich

 

Tränen mit Schirm

genug für ein Fass

schick ich dir rüber

werd bloß nicht nass

Tränen mit Schirm

für dich geweint

behalte den Schirm

bis die Sonne mal scheint

 

Tränen mit Schirm

stehen vor deiner Tür

und die eine grinst frech :

"Du was sollen wir hier?"

Sie stellen den Schirm ab

und philosophiern :

"Warum sollte man für dich

eine Träne verliern?"

 

Tränen mit Schirm

genug für ein Fass

schickte ich dir

doch was sollte das?

Tränen mit Schirm

weshalb bloß geweint?

Ich brauch keinen Schirm

die Sonne sie scheint

 

 

 

 

Das dumme Lächeln der Gegenwart

 

Manchmal ist da eine Ferne in mir

die kann kein Mensch je erreichen

du hast dafür ein feines Gespür

vielleicht weil wir uns so sehr gleichen

 

Trotz der Masken die wir für andere tragen

sind wir uns doch bestens bekannt

wir müssen so manches uns gar nicht sagen

es liegt doch ganz klar auf der Hand

 

Grad als wenn wir eine Seele uns teilen

und wären auf ewig verbunden

so dass wir beieinander verweilen

in leichten und in schweren Stunden

 

Wir finden in uns ein tiefes Vertrauen

denn wir sind von ganz besonderer Art

wir überwinden die Angst und das Grauen

und das dumme Lächeln der Gegenwart

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

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