Widersprich mir wenn du kannst
Da stehst du nun zwischen Abschied und Zukunft
man setzt hohe Beträge auf deinen Verstand
du pustest die Kerzen mit einem Zug aus
jemand drückt dir den Schlüssel zum Glück in die Hand
Dann wirft man dich aus dem Haus, in das Leben
und auf deinem T-Shirt steht: „Frei“
die besten Jahre ziehen schneller als Punk-Songs
an deinem inneren Auge vorbei
Ich weiß du hast längst jeden Boden verloren
unter den Füßen ein blutleeres Land
du schweigst dich beständig um jedes Bekenntnis
dein Schatten wird kleiner mit dem Rücken zur Wand
Ich weiß du bist fertig
ich weiß du hast Angst
widersprich mir doch wenn du kannst
Du meidest die Sicherheit von Horoskopen
und neidest der Welt jeden Wetterbericht
die Sternenkarten die du lange studiert hast
haben einen Fixpunkt doch du findest ihn nicht
Weil dein Kleinwagen sich jeder Ausfahrt verweigert
quälst du dich im Herzen todkrank
auf der Kriechspur dorthin wo du Sonne vermutest
durch die trostlosen Orte im Land
Dein Traumkonto leer, niemand gibt dir Kredit mehr
du ziehst dich am eigenen Schopf in den Sumpf
die Pillen versagen und an manchen Tagen
sprichst du mit dir selbst und dein Ausblick wird stumpf
Ich weiß du bist fertig
ich weiß du hast Angst
widersprich mir doch wenn du kannst
Ich weiß du bist fertig
ich weiß du hast Angst
los widersprich mir doch wenn du kannst
In den Farben der Dämmerung
Ich steh mal wieder an der Straße
Kragen hoch und Daumen raus
mit dem Blues in meiner Seele
und ich will nur noch nach Haus
Es fängt an zu schneien
und ein Reh am Straßenrand
kann sich nicht so recht entscheiden
zwischen Wald und flachem Land
Von den Scheinwerfern geblendet
macht es einen falschen Schritt
während es langsam verendet
fragt der Fahrer: Willst du mit?
Blutrot steigt die Morgensonne
ringt den dichten Nebel nieder
und ich finde mich im Zwielicht
eines jungen Tages wieder
mit der traurigen Gewissheit
ich hab noch so weit zu gehn
ohne Einfluss auf die Dinge
die rings um mich geschehn
Und ich sehe zu dem Körper
der am Seitenstreifen liegt
während neben mir der Mann
das Schutzblech grade biegt
Fliegen schwirren emsig
angelockt vom frischen Blut
und ich kann mich nicht entscheiden
zwischen Traurigkeit und Wut
Während ich so anseh
wie das Reh qualvoll verreckt
wird es vom ersten Schnee
behutsam zugedeckt
Blutrot steigt die Morgensonne
ringt den dichten Nebel nieder
und ich finde mich im Zwielicht
eines jungen Tages wieder
mit der traurigen Gewissheit
ich hab noch so weit zu gehn
ohne Einfluss auf die Dinge
die rings um mich geschehn
Heidnische Götter
Du ahnst niemals wie sehr sie sich verzehren
nach Sterblichkeit, und sei’s ein Wimpernschlag
dass Menschen sie nicht länger mehr verehren
und sei’s nur eine Stunde, sei’s ein Tag
So steigen sie herab um uns zu prüfen
ob ihre Gegenwart sich noch beweist
grad als ob sie die Menschen nur erschüfen
damit man sie dereinst willkommen heißt
Ein Abglanz nur noch früher praller Fülle
doch noch gebunden durch des Menschen Wort
gehuldigt wird dem schalen Schein der Hülle
doch die Essenz ist lang schon nicht mehr dort
Der Schwan
Wenn einem Schwan sein Ende schwant
dann putzt er sein Gefieder
ein Mensch jedoch der gleiches ahnt
der legt sich schludrig nieder
Im Leichenschauhaus
Es ruht der tote Leib in starrer Kälte
die sich von ihm nicht mehr erahnen lässt
gewaschen, grade so als ob es gälte
ihn herzurichten für ein nahes Fest
Es ist als ob sie ihm das Menschsein stehlen
mit jedem Atemzug der ihn nun streift
die Augen dämmern klagend in den Höhlen
während der Rumpf beinahe schon versteift
Er ist nicht mehr, doch war einmal gewesen
was von ihm bleibt ist grade ein Befund
ein Stück Papier und darauf kann man lesen
die Ursache und auch des Todes Stund
Und auch ein Name lässt sich darauf finden
der fortan für ihn ohne Nutzen ist
was von ihm blieb wird zeitnah schon verschwinden
nicht lang mehr bis man dann auch ihn vergisst
Eriks Gitarre im Leihhaus
Mittags raus auf einen Burger
eine rauchen, zurück ins Büro
die Akten wachsen wie Unkraut
der Ärger wächst sowieso
Draußen scheint grad die Sonne
das erste Mal dieses Jahr
da gehe ich noch ein paar Schritte
die Akten kommen ohne mich klar
Staatsanwälte lümmeln im Stehcafé
vergleichen die Abschussquoten
im Rinnstein stirbt dreckiger Schnee
im Park warten die lebenden Toten
Eriks Gitarre im Leihhaus
Mann, das versetzt mir einen Stich
Kann man es wirklich so nötig haben?
Und klar denk ich wieder an dich
Eriks Gitarre im Leihhaus
das ist wie Einstein bei DSDS
Wie viele Kriege muss es noch geben
bevor ich dich endlich vergess?
Scientology lauert am Bahnhof
die Fixer hängen auf dem Klo
ich trink ein Bier aus der Büchse
Scheiße, ich sollte zurück ins Büro
Ein Kollege in Westernstiefel
kommt mir entgegen wie in „High Noon“
ich würd ihn am liebsten erschießen
der Arsch hat eh nichts zu tun
Staatsanwälte lümmeln noch immer
das ist fast schon bewundernswert
das Wetter wird irgendwie schlimmer
und daran ist ja nichts verkehrt
Eriks Gitarre im Leihhaus
Mann, das versetzt mir einen Stich
Kann man es wirklich so nötig haben?
Und klar denk ich wieder an dich
Eriks Gitarre im Leihhaus
das ist wie Einstein bei DSDS
Wie viele Kriege muss es noch geben
bevor ich dich endlich vergess?
Jesus war ein Rockstar
Jesus war ein Rockstar
hatte ein besondres Flair
er begeisterte die Massen
Open Air
Und Maria Magdalena
hatte einen Backstage-Pass
denn sie war sein Lieblingsgroupie
alle Leute wussten das
Er war wie John Lennon
aber Judas war wie Paul
wer die beiden näher kannte
wusste da ist etwas faul
Und als es dann zum Split kam
weinten seine Fans gar sehr
Petrus sagte: „Ohne Jesus
gibt es kein Revival mehr“
Vielleicht ist er aus diesem Grund
am dritten Tage auferstanden
so wie Simon and Garfunkel
wieder zueinander fanden
Doch die Jünger waren fort
und in ihm war nur noch Leere
darum pfiff er auf das Business
und die Solo-Karriere
Im Grunde seines Herzens
wollt er nie ein Rockstar sein
jetzt lebt er ganz abgeschieden
und macht sich aus Wasser Wein
Hinterlandand
Niemand weckt hier schlafende Hunde
Niemand pisst hier gegen den Wind
Man dreht täglich die gleiche Runde
und geht dorthin wo die anderen sind
Die sind nicht schwer zu entdecken
Es gibt nur ein Lokal in der Stadt
die keine finsteren Ecken
und auch sonst nichts zu bieten hat
In der Bücherei züchtet man Tauben
Es gab mal Bücher dort – ungefähr drei
Fremde wollen das gar nicht glauben
Fragen Sie mich, ich war dabei
Ich stamm aus dem Hinterland
Ich kann Ihnen zeigen
wovon alle nicht reden
die hier so eifrig schweigen
Die Leute hier sind ein besonderer Schlag
Denen darf man nicht vorlaut kommen
Denen wurde von einem zum andren Tag
so gut wie alles genommen
Die haben die Freiheit noch nicht richtig verstanden
die man ihnen nach der Wende versprach
Denen kam die Hoffnung sehr schnell abhanden
und die Äcker liegen seitdem brach
Die leben im Gestern und da werden sie bleiben
und Fremde, wie Sie, sind nicht gerne gesehn
Es gibt hier nichts um sich die Zeit zu vertreiben
Am besten ist wenn Sie gleich wieder gehn
Ich stamm aus dem Hinterland
Ich kann Ihnen zeigen
wovon alle nicht reden
die hier so eifrig schweigen
Robin Hoods letzte Worte
Nun steh ich unterm Galgenbaum
und traue meinen Augen kaum
was sich zu meinem Totenfest
für blödes Volk hier blicken lässt
Na ja, es kann nicht überraschen
ich füllte ihnen zwar die Taschen
doch gilt es einen hinzurichten
erinnern sie sich wohl mitnichten
Zwar bricht es mir durchaus das Herz
trotzdem wird’s Zeit für einen Scherz
und so seh ich den Henkersmann
mit treuen Dackelblicken an
Mein Herr, Sie müssen nicht erröten
bei dem Gedanken mich zu töten
doch gibt es eine Volksweisheit
für die ist jetzt die rechte Zeit
Wer den Henker nicht ehrt
ist die Schlinge nicht wert
Das gilt für Edelmann und Bauer
und deshalb………aua
Wer liebt der will belogen sein
Es sind doch nichts als Worte
die uns im Wege stehn
so einfach zu durchschauen
und so leicht zu verdrehn
Wir fallen auf das Schicksal
aus Überzeugung rein
das ist nur allzu menschlich
Wer liebt der will belogen sein
Wir feilschen um Verständnis
handeln Verträge aus
doch es kommt letzten Endes
nichts Gutes dabei raus
Wir haben unsre Schwächen
gestehen sie nicht ein
das ist nur zu verständlich
Wer liebt der will verwundbar sein
Wir graben selbst die Gruben
und fallen gern hinein
und etwas wird uns bleiben
sei es auch noch so klein
Wir zähmen die Begierde
so sagt der äußre Schein
ich aber weiß es besser
Wer liebt der will belogen sein
Mandys Mond
Mandy sagt: Ich hab dich gerne
und was kann uns schon geschehn
ich hab Sehnsucht nach der Ferne
willst du heut nicht mit mir gehn?
Ein verrücktes Kind und trotzdem
greifst du zögernd ihre Hand
folgst ihr auf geheimen Wegen
in ihr kleines Wunderland
Frag nicht ob die Reise lohnt
und ob dort die Liebe wohnt
es ist gut und es ist richtig
heute Nacht auf Mandys Mond
Mandy sagt: Du kannst mich küssen
wenn dir grade danach ist
und ich muss deshalb nicht wissen
was du denkst und wer du bist
Ein verrücktes Kind und trotzdem
streckst du dich nach ihrem Mund
und sie küsst dich in das Weltall
dort sind alle Träume bunt
Frag nicht ob die Reise lohnt
und ob dort die Liebe wohnt
es ist gut und es ist richtig
heute Nacht auf Mandys Mond
Libero
Er spielt den Pass
den keiner erreicht
zuckt mit den Schultern
und nimmt es leicht
dann hebt er den Finger:
„Schiri, ich muss aufs Klo“
er darf das
denn er ist der Libero
Er steht im freien Raum
alles scheint wie ein Traum
und wenn man grätscht und tritt
macht er einfach nicht mit
Und der Trainer sagt traurig:
„Das ist nun mal so
er darf das
denn er ist der Libero“
Der Torwart kam gestern
etwas früher nach Haus
da kam der Libero
aus seinem Schlafzimmer raus
und seine Gattin
die jauchzte froh:
„Er darf in meinen Strafraum
denn er ist der Libero“
Je weiter wir uns entfernen
Je weiter wir uns entfernen
desto zärtlicher wird mein Blick
er fände selbst aus den Sternen
jederzeit zu dir zurück
Am Rand
Sie hat die Liebe nur gekannt
auf schmerzgekrümmte Weise
den starren Blick fest an der Wand
auf ungeplanter Reise
und wollte nach dem ersten Mal
keinen Tag weiterleben
gegen die Abscheu und die Qual
half auch kein Übergeben
Kein Engel Gottes der erschien
mit seinem Flammenschwert
so viel war sie dem Himmel wohl nicht wert
Es breitet sich ein Schweigen aus
nicht nur in ihrer Kehle
sie ist längst aus dem Elternhaus
doch mit zerstörter Seele
Die Angst kommt unverhofft bei Nacht
sie spürt die feste Hand
die hat noch immer zu viel Macht
in ihrem Leben hart am Rand
Sie riss die Brücken alle ein
und lässt sich ziellos treiben
die meiste Zeit ist sie allein
und möchte es auch bleiben
Auch wenn das Leben weitergeht
und manche Wunden heilen
glaubt sie es wäre längst zu spät
die Wahrheit mitzuteilen
Und sie kann nicht verhindern
wenn der Alptraum in ihr wühlt
dass sie sich völlig grundlos selber schuldig fühlt
Neulich
Der Abend hat sich verspätet.
Ich saß in meinem Zimmer.
Hab schon im Voraus gebetet.
Ansonsten war alles wie immer.
Die Katze schlich durch die Küche.
Die Autos draußen waren laut.
Vom Hof kamen Gerüche.
Und mir war nicht wohl in der Haut.
Das Glück klopft an alle Türen.
Wie oft hab ich das schon gehört.
Davon ist rein gar nichts zu spüren.
Es weiß wohl: Ich bin gern ungestört.
1996
Ich schreib kein Gedicht mehr vor viertel nach zwei
bin immer stoned aber fühle mich high
und irgendjemand wartet im Bett
ich sag „Hallo Marlin“, sie sagt „Ich heiße Babette“
Keine Fluppen da wenn man sie grade braucht
klar ich hab heute schon drei Schachteln geraucht
und mein T-Shirt stinkt so nach Nikotin
das kann ich mir glatt durch die Nase ziehn
Im Radio spielen sie die Top Hundert
ich bin angeekelt und etwas verwundert
was für einen Scheiß unsre Jugend hört
ein Gehirnfick der alle Träume zerstört
Mit katholischen Mädchen spiele ich Flaschendrehn
und würd mich gern erschießen wie Kurt Cobain
denn in mir ist nichts weiter als Trauer und Wut
doch ich hab keine Knarre und auch nicht mehr den Mut
Ich hab Tina heute in der Klinik besucht
zehn Minuten lang hat sie mich nur verflucht
bis ich fragte „Soll ich vielleicht wieder gehn?“
da lachte sie „Es ist schön dich zu sehn“
Früher hingen wir oft auf dem Schrottplatz rum
ein passender Ort, wir waren jung und so dumm
und wir liebten den Geruch von Kerosin
Tina war seit fünf Jahren nicht mehr clean
Wir gingen eine Stunde im Park spazieren
mit der Gewissheit dass wir uns bald verlieren
und sie sagte zum Abschied „Komm nicht mehr her
das macht das Sterben nur unnötig schwer“
Auf dem Heimweg ist mir ein Köter begegnet
der schien auch nicht grade vom Glück gesegnet
ich sagte „Zieh Leine, sonst gibt’s einen Tritt
du denkst doch nicht wirklich ich nähme dich mit?“
Wir saßen eine Weile am Landwehrkanal
dann hat er sich getrollt, doch es war mir egal
ich kaufte mir ein Sixpack und Zigaretten
und verzockte einen Fuffi bei Pferdewetten
Daheim gammelte jemand in meinem Bett
und ich fragte „Hast Du kein Zuhause, Babette?“
da begann sie sich wütend anzuziehn
„Servus, du Arschloch, ich heiße Marlin“
Badesaison
Sie nehmen jetzt Eintritt fürs Baden im Meer
ich finde das nicht so verkehrt
bei all dem Öl was darin so schwimmt
ist das Wasser doch einiges wert
Tage vor der Furcht
Er ist blass geworden
und die Art wie er jetzt spricht
dieses Zögern in der Stimme
kannte ich von ihm noch nicht
Auch sein Gang ist nicht der gleiche
seine Schritte die sind klein
aber wenn er lacht dann denk ich
ich bild mir das alles ein
Tage vor der Furcht
und ich entdecke kleine Zeichen
flüchtig nur und ohne Anlass
die nicht zur Besorgnis reichen
Tage vor der Furcht
und fast ein Jahr vor dem Verfall
war er mir so gegenwärtig
schien mir einfach überall
so als wollte er die Zeit besiegen
und die Uhren rückwärts drehn
Tage vor der Furcht
kann man nur lachend überstehn
Und so war der große Mann
in jenen Tagen wild und laut
schlief nicht viel und ließ mich wissen
dass er keinem mehr vertraut
weil sein eigner Pulsschlag schwindelt
und der Ausschlag im Gesicht
käme nur von den Tabletten
zu bedeuten hätt er nichts
Tage vor der Furcht
und ständig mehren sich die Zeichen
dafür dass wir schon in Kürze
einen Wendepunkt erreichen
Tage vor der Furcht
und fast ein Jahr vor dem Verfall
war er mir so gegenwärtig
schien mir einfach überall
so als wollte er die Zeit besiegen
und die Uhren rückwärts drehn
Tage vor der Furcht
kann man nur lachend überstehn
So also war dein Ende
Kein Gott der dir den Schmerz nahm
in deinen letzten Tagen
kein Engel der hinab kam
um dich ins Licht zu tragen
Nur deine stumme Bitte
die dir kein Arzt erfüllte
bevor der Tod dich gnädig
in weiße Tücher hüllte
So also war dein Ende
davor kein Trost, nur Pein
nie sollten fremde Hände
so ohne Mitleid sein
Ein Knopf nur war zu drücken
doch keiner hat’s getan
obwohl sie jeden Tag
dich furchtbar leiden sahn
Kein Arzt der sich erbarmte
sie faselten von Pflicht
und auch der brave Pastor
sagte er könne nicht
Ach würden sie doch alle
an deiner Stelle sein
keinen Finger würd ich rühren
um sie vom Siechtum zu befrein
Textmarker
Die Stellen die du in Büchern markierst
sagen mir gar nichts – wie Du
das Schöne an diesen Büchern ist:
Man klappt sie einfach zu
Auf der Chaussee
Der Herbst war völlig verregnet.
Ich ging einsam auf der Chaussee.
Bin dem Selbstmitleid dort begegnet.
Wie erwartet tat es recht weh.
Es spiegelte sich in den Scheiben.
Und in den Regenpfützen.
Ich wusste es würde bleiben.
Ohne mir etwas zu nützen.
Nie anders als zu dieser Stunde
Nie anders als zu dieser Stunde
in diesem Licht sollst du mich sehn
will hören es aus deinem Munde
wenn wir uns gegenüber stehn
Nie anders als voll von Verlangen
will ich gedenken deinem Leib
so sei auch du heut unbefangen
und gib dich mir zum Zeitvertreib
Nie anders als zu dieser Stunde
in diesem Licht sollst du mich sehn
denn schon der Abend birgt die Kunde
dass wir am Morgen von uns gehn
Düsseldorf ist Selbstmord
Ist schon klar, mein Schatz
du brauchst einen Studienplatz
und ich seh es wirklich ein
wählerisch kann man nicht sein
Gehst du nach München
wird man dich nicht lynchen
würd ich mir auch eher
Heidelberg wünschen
Aber eins das geht gar nicht
auf keinen Fall
bitte nicht dort
sonst überall
Düsseldorf ist Selbstmord
Für Hamburg und Bremen
muss sich niemand schämen
Bochum und Essen
kannst du eher vergessen
Optimal wär Berlin
London oder auch Wien
selbst die Philippinen
würden Erwägung verdienen
Aber eins das geht gar nicht
auf keinen Fall
bitte nicht dort
sonst überall
Düsseldorf ist Selbstmord
Wrack an der Autobahn
Da steht ein Wrack an der Autobahn
bin tagelang dran vorbeigefahrn
heut hielt ich an und bin ausgestiegen
und sah die Trümmer im Sonnenlicht liegen
Ich hab die Marke nicht mehr erkannt
bis auf das Chromskelett ausgebrannt
am Boden waren noch Streifen
der längst geschmolzenen Reifen
Ein Seitenspiegel im feuchten Gras
nur noch zersplittertes Fadenglas
in dem die Sonne sich bricht
ich sah darin mein Gesicht
Dark Desire
Der Herr bindet sich die Krawatte.
Am Spiegel klebt frisches Blut.
Wie viel Spaß er doch wieder hatte.
Dafür zahlt er gerne und gut.
Ihm geht es nicht ums Kopulieren.
Solche Nähe kann er nicht leiden.
Um zu ejakulieren
reicht ihm das tiefe Schneiden.
Die Angst in den Augen zu sehen
macht ihn für das Messer bereit.
Er weiß, dass sie beide verstehen:
Eines Tages geht er zu weit.
Was bis heute geschah…
Angst kann man nicht lernen, die hat man
nur manchmal glaubt man sie wäre nicht da
und spürt das Bedürfnis jemandem zu erklären
was bis heute geschah
Man pfuscht im Drehbuch des eigenen Lebens herum
und das Ergebnis wird täglich suspekter
vielleicht wäre das Ende irgendwie noch zu retten
mit dem richtigen Art-Director
Ob Drama oder Komödie
man bleibt darin stets Statist
und man mag für das Publikum hoffen
dass es den Film schnell wieder vergisst
Da sind viele weiße Stellen im Script
und manches was man gestrichen hat
am Ende bleibt man unter dem Strich
nur ein unbeschriebenes Blatt
Angst kann man nicht lernen, die hat man
nur manchmal glaubt man sie wäre nicht da
und spürt das Bedürfnis jemandem zu erklären
was bis heute geschah
Die große weiße Hoffnung
In der zweiten Runde
voll eine aufs Kinn.
Und was macht der Schlaffi?
Legt sich hin.
Tausend für ein Ticket.
Ich hab Pay TV
Kostet nur knapp zwanzig.
Bin halt schlau.
Schon der Flug nach Vegas
hätt mich ruiniert.
Und nach dieser Show
wär ich voll deprimiert.
Will der Sack jetzt pennen?
Wir sind schon bei Acht.
Komm mal auf die Beine.
Sonst: Gute Nacht.
Dafür hab ich mir
den Wecker nun gestellt.
Für so eine Lusche.
Die abkassiert und fällt.
All die großen Sprüche.
All die Manneskraft.
In der zweiten Runde.
Das hätt‘ ich auch geschafft.
Die große weiße Hoffnung.
Da trägt man sie hinaus.
Die Zukunft für uns Weiße
sieht Scheiße aus.
So weit – so gut – so schön
Judas sprach zu Jesus:
„Alter nimm es nicht so eng
wenn ich dich in Kürze linke
sondern sieh es als Geschenk
denn wir Künstler haben leider
ein ureigenes Problem
man mag uns erst wenn wir tot sind
das ist äußerst unbequem
Heute kräht kein Hahn nach dir
aber morgen schon dreimal
und darum hab ich zu deinem Wohl
keine andre Wahl“
So weit – so gut – so schön
genauso ist´s geschehn
so schön – so weit – so gut
man weiß wofür man´s tut
so gut – so schön – so weit
alles zu seiner Zeit
soso
Jesus sprach zu Judas:
„30 Kröten nennst du Lohn?
das reicht grad mal ein paar Wochen
denk mal an die Inflation
Mich so billig zu verraten
kränkt doch mächtig meinen Stolz
dafür hängt sich meines Wissens
niemand tagelang ans Holz
Schreib ich meine Memoiren
kommst du ganz schlecht dabei weg
ich werd heilig und unsterblich
doch von dir spricht man als Depp“
So weit – so gut – so schön
genauso ist´s geschehn
so schön – so weit – so gut
man weiß wofür man´s tut
so gut – so schön – so weit
alles zu seiner Zeit
soso
Der Herr im Himmel sagte :
„Ich mag euch beide nicht
der eine faselt was von Silber
und der andere vom Licht“
So weit – so schlecht
na ja
Die Heimat
Ein grünes Blatt dem Baum entrissen
aus Mutters Garten, nahm ich mit
um von der Heimat stets zu wissen
so dass ich nie an Heimweh litt
Und Kieselsteine aus dem Bach
wo ich als kleines Kind gespielt
so dass ich schlafend und auch wach
mich immer wie zuhaus gefühlt
Und letztlich der Geliebten Kuss
damit mir nicht verloren geht
dass ich bald wiederkehren muss
dorthin wo meine Wiege steht
Junge Christen aus aller Welt
Neulich im Olympiastadion
ganz schön viele Leute
und ich fragte mich verwundert :
Spielt denn Hertha heute?
Doch es waren keine Hooligans
die dort die Fahnen hissten
nein, nein, nein
es waren junge Christen
Junge Christen aus der ganzen Welt
zu Gast in unsrer Stadt
schön dass es so was
mal gegeben hat
Die zerkloppen auch nicht
wie die Stones das Mobiliar
sie benehmen sich gesittet
ist doch klar
Ich bin dageblieben
fand das auch sehr schön
lieber junge Christen
als Phil Collins sehn
Ginge es nach mir
dann kommt ruhig wieder
ich find euch sehr nett
und mag eure Lieder
Junge Christen aus der ganzen Welt
ob reich oder bankrott
kamen zueinander
und sie lobten Gott
Ich find das sympathisch
und auf alle Fälle
mag ich Jesus lieber
als Guido Westerwelle
Strippenzieher
Strippenzieher ziehen Strippen
ja sie ziehn von früh bis spät
und sie ziehen auch noch weiter
wenn es scheinbar nicht mehr geht
Strippenzieher ziehen Strippen
und sie ziehen nicht zu knapp
und verheddern sich die Strippen
schneiden sie die Strippen ab
Strippenzieher ziehen Strippen
welch ein grausames Geschäft
und ich würde gerne sagen:
Passt auf das ihr sie nicht trefft
Doch die Warnung wär vergeblich
denn euch ist so klar wie mir:
An den Strippen die sie ziehen
hängen wir
Bach – Fluss - Meer
Zuerst ist Liebe nur wie ein Bach
zaghaft und schüchtern küsst sie dich wach
zeigt dir ganz leise
den Anfang der Reise
zuerst ist Liebe nur wie ein Bach
Später ist Liebe dann wie ein Fluss
reißend am Anfang – versiegend am Schluss
bringt dich aus dem Tritt
spült dich fort – nimmt dich mit
später ist Liebe dann wie ein Fluss
Doch schließlich ist Liebe so wie das Meer
du hältst sie fest - gibst sie nie wieder her
denn am Ende der Reise
macht sie dich weise
am Ende ist Liebe so wie das Meer
Zuerst ist Liebe nur wie ein Bach
zaghaft und schüchtern küsst sie dich wach
doch schließlich ist Liebe so wie das Meer
du hältst sie fest - gibst sie nie wieder her
Mein Juli-Mädchen
Auf deinen Lippen Morgentau
und Feuer unterm Mieder
ich log für dich den Himmel blau
immer und immer wieder
Küsste dir Blumen in das Haar
und Sonne auf die Wangen
bis unsre Zeit gekommen war
und viel zu schnell vergangen
Mein Juli-Mädchen weißt du noch
die Spiele die wir spielten
viel mehr noch als was wir verloren
schmerzt mich was wir behielten
In deinen Blicken kaum noch echt
lag weder Glück noch Treue
ich bog die Wahrheit uns zurecht
an jedem Tag aufs Neue
Raubte dir Lügen aus dem Mund
nur um mich selbst zu hören
und fühlte mich dabei gesund
mich langsam zu zerstören
Mein Juli-Mädchen weißt du noch
die Spiele die wir spielten
viel mehr noch als was wir verloren
schmerzt mich was wir behielten
Das Fenster
Ich hab ein Fenster. Das muss ich nicht haben.
Denn da blickt man zum Friedhof heraus.
Wann immer sie da einen begraben
klingelt die Glocke aus dem Bett mich hinaus.
Das wäre praktisch am Montag um sieben.
Denn da müsste ich ins Büro.
Doch meistens wär ich lieber liegengeblieben.
Aber das ziemt sich nicht so.
Schließlich kann ich noch aufrecht stehen.
Dort ist man in der Horizontalen.
Vielleicht sollte ich heute mal gehen
um meine Schulden beim Fritz zu bezahlen.
Fütterung eines deutschen Nachkriegssäuglings
Ein Happs für den Opa, Lagerkommandant
ein Happs für die Oma, Todesengel genannt
ein Happs für den Onkel, Doktor der Euthanasie
ein Happs für den Papa, den kriegen sie nie
Iss was wir haben, iss es geschwind
und werde stark wie der Führer, mein Kind
Die Laterne
Die Laterne, ich trug sie am Martinstag
in meinen winzigen Händen
der Vater war es der sie mir gab
ach, möge ihr Licht niemals enden
Ein Knabe war ich, fünf Jahre grad alt
wir sangen fröhliche Lieder
war es auch dunkel und bitterkalt
hätt ich diese Zeit doch nur wieder
Verloschen war bald ihr tröstendes Licht
verklungen die fröhlichen Lieder
was aus ihr wurde, ich weiß es nicht
ich sah meine Laterne nie wieder
Nun wo ich hier liege, vom Alter müd
tanzt vor meinem Fenster ein Licht
ich seh wie es leuchtet, ich seh wie es glüht
ach, meine Laterne, verlasse mich nicht
Wie klein erscheint die Liebe uns jetzt
Wie klein erscheint die Liebe uns jetzt
da sie endgültig vorüber
anfangs da stürzte man sich ohne Netz
mitten in sie hinein – kopfüber
Da duftete selbst die Kloake nach Rosen
und der Straßenlärm war Musik
im Kopf war ein herrliches Brausen und Tosen
während der Verstand selig schwieg
Da gab es nur uns und den wohligen Schein
alles andre war ausgeblendet
wir wollten nicht mehr mit anderen sein
und dachten nie dass es so endet
Gewohnheit ist ein grausames Tier
unaufhörlich verschlingt es die Stunden
und was es mal gab zwischen dir und mir
haben wir nicht mehr wiedergefunden
Wir erinnern uns auf Tiefste verletzt
an das was wir nicht mehr haben
wie klein erscheint die Liebe uns jetzt
wo wir sie endgültig begraben
Wrestling
Baseball hab ich nie verstanden
weder praktisch noch theoretisch
aber ich liebe es trotzdem
„Home Run“ klingt so poetisch
Football dagegen ist öde
da steht man meistens nur rum
nicht zu verwechseln mit Soccer
wer das verwechselt ist dumm
Wrestling treibt mich in den Wahnsinn
denn ich sah vorher noch nie
solch wirres Durcheinander
meist männlicher Anatomie
Das Mögliche
Ein leeres Blatt und viele Möglichkeiten
der Tag dehnt sich und spuckt mich wieder aus
der Weg zu frisch noch um ihn zu beschreiten
führt in der Ferne und das heißt: Nach Haus
Ich habe keine Stunde zu verschenken
die Kunst ist launisch, schlimmer als ein Kind
ich habe mancherlei wohl zu bedenken
bis meine Worte weise Worte sind
Es mahnt die Zeit mit gnadenlosen Fängen
und auch wenn ich mich winde wie ein Aal
der Geist lässt sich nicht zwingen oder drängen
und meine Wünsche sind ihm sehr egal
Was haben wir gestritten und gerungen
dabei ging es doch nur um ein Gedicht
das Unmögliche ist mir oft gelungen
das Mögliche jedoch gelingt mir nicht
Tränen mit Schirm
Tränen mit Schirm
auf dem Weg in die Stadt
es ist kalt vor dem Haus
und der Gehweg ist glatt
Eine fällt auf die Schnauze
und bleibt lieber hier
doch die andern gehn weiter
sie woll´n ja zu dir
Tränen mit Schirm
genug für ein Fass
schick ich dir rüber
werd bloß nicht nass
Tränen mit Schirm
für dich geweint
behalte den Schirm
bis die Sonne mal scheint
Tränen mit Schirm
sitzen jammernd im Bus
da gibt die eine
der andren nen Kuss
Die zwei fahren weiter
die andern steigen aus
sie wollen ja schließlich
zu dir nach Haus
Tränen mit Schirm
genug für ein Fass
schick ich dir rüber
werd bloß nicht nass
Tränen mit Schirm
für dich geweint
behalte den Schirm
bis die Sonne mal scheint
Tränen mit Schirm
stehen vor nem Lokal
und eine die sagt :
"Ey jetzt wartet doch mal"
Sie geht einen trinken
und liegt unterm Tisch
nun sind nur zwei übrig
zwei Tränen für dich
Tränen mit Schirm
genug für ein Fass
schick ich dir rüber
werd bloß nicht nass
Tränen mit Schirm
für dich geweint
behalte den Schirm
bis die Sonne mal scheint
Tränen mit Schirm
stehen vor deiner Tür
und die eine grinst frech :
"Du was sollen wir hier?"
Sie stellen den Schirm ab
und philosophiern :
"Warum sollte man für dich
eine Träne verliern?"
Tränen mit Schirm
genug für ein Fass
schickte ich dir
doch was sollte das?
Tränen mit Schirm
weshalb bloß geweint?
Ich brauch keinen Schirm
die Sonne sie scheint
Das dumme Lächeln der Gegenwart
Manchmal ist da eine Ferne in mir
die kann kein Mensch je erreichen
du hast dafür ein feines Gespür
vielleicht weil wir uns so sehr gleichen
Trotz der Masken die wir für andere tragen
sind wir uns doch bestens bekannt
wir müssen so manches uns gar nicht sagen
es liegt doch ganz klar auf der Hand
Grad als wenn wir eine Seele uns teilen
und wären auf ewig verbunden
so dass wir beieinander verweilen
in leichten und in schweren Stunden
Wir finden in uns ein tiefes Vertrauen
denn wir sind von ganz besonderer Art
wir überwinden die Angst und das Grauen
und das dumme Lächeln der Gegenwart