Zwei Herzen im Zug
Sie hockten da dicht beieinander
an einem Sonntag im Mai
und vor dem Fenster flog langsam
eine Landschaft an ihnen vorbei
Mit Wiesen und Wäldern und Kühen
und Wetter gab es dort auch
sie spürten das Rütteln und Schütteln
der Hügel in ihrem Bauch
Zwei Herzen im Zug auf der Reise
in einem Abteil zweiter Klasse
hoben sich heimlich und leise
unbemerkt ab von der Masse
Sie kamen einander recht nahe
das war nicht geprobt und geplant
und der Schaffner der sie ertappte
hat von ihrem Glück nichts geahnt
Er lochte nur grob ihre Karten
und wünschte halblaut: Gute Fahrt
doch sie hörten ihn kaum denn sie waren
schon ganz furchtbar ineinander vernarrt
Zwei Herzen im Zug auf der Reise
in einem Abteil zweiter Klasse
hoben sich heimlich und leise
unbemerkt ab von der Masse
Ein Engel
Ein Engel stieg hinab aus seiner Sphäre
er glaubte sich den Menschen nah verwand
er setzte seinen Fuß in dieses Land
wo man viel tat zu Gottes Ruhm und Ehre
Er hörte überall die Schwerter klirren
und hat darüber lange nachgedacht
dann folgte er den Heeren in die Schlacht
er glaubte nicht dass fromme Christen irren
So preschten sie dahin auf ihren Rappen
und ihre Lanzen tranken eifrig Blut
Vernichtung schworen sie der Heidenbrut
und trugen stets das Kreuz als hehres Wappen
Und seine Klinge scharf und breit
schlug unvermindert Schneisen
den Gottlosen galt zu beweisen
dies war ein Akt reiner Barmherzigkeit
Liebesspiel
Da stehst du nun und warst nicht angekündigt
als ob das für mich eine Rolle spielt
ich habe mit dir früher oft gesündigt
nur auf mein Herz hast du niemals gezielt
Bei einem neuen Namen mich zu nennen
verschafft dir keinen Vorteil, glaub es mir
so gut wie wir uns doch inzwischen kennen
sind Worte doch nicht von Bedeutung hier
Du hast gespielt mit mir und den Gefühlen
ein Narr wär ich wies ich dir nicht die Tür
und fühl mich trotzdem zwischen allen Stühlen
als ob es jemals anders war mit dir
Warum fordert dein Blick eine Entscheidung
wo er doch weiß wie schwach ich bei dir bin
doch Sehnsucht ist wie abgelegte Kleidung
ich gebe mich dir aus Gewohnheit hin
Du kannst das Feuer immer noch entfachen
doch meinem Herz bedeutet es nicht viel
du nennst das gerne einfach „Liebe machen“
ich nenne es stattdessen „Liebesspiel“
Ein Wort jagt das nächste
Ich hatte gehofft
meinen Frieden zu finden
zwischen all meinen Zeilen
spurlos zu verschwinden
und sagen zu können:
„Alles ist getan“
doch die Seele hält sich
an keinen Plan
Ein Wort jagt das nächste
und dann jagen sie mich
es scheint noch immer
nicht alles vom Tisch
nicht vergessen
und nicht vergeben
ich schreib immer noch
um mein Leben
Das hungrige Herz
treibt mich noch ohne Pause
in die Ferne
denn ich bin nirgends zuhause
nicht hier und nicht jetzt
nicht heut und bei dir
meine Heimat bleibt
ein Wort auf dem Papier
Ein Wort jagt das nächste
und es hört niemals auf
es ist größer als ich
und es nimmt seinen Lauf
ein ständiges Suchen
und Streben
ich schreib immer noch
um mein Leben
Auf dem Dampfer
In Spandau stieg ich auf den Dampfer.
Er sticht nicht in See – na egal.
Er sticht, mag man es stechen nennen,
doch wenigstens in den Kanal.
Auf dem Oberdeck ist es frostig.
Es wehen luftige Winde.
So gehe ich dann unter Deck.
Wo ich keinen Platz mehr finde.
Drum gehe ich wieder nach oben.
Wer das liest, wird es wohl so sehn
dass man keinen Dampfer bräuchte
nur um spazieren zu gehn.
Es schüttet in heftigen Schüben.
Und ich bin auf jede Art voll.
Dann sehe ich die Pfaueninsel.
Lieber wäre mir ein Atoll.
Schließlich erscheint doch die Sonne.
Und mit ihr Mütter und Gören.
Ich sag ja nicht dass ich sie hasse.
Ich sag ja nur dass sie mich stören.
Ich zünde mir eine Fluppe an.
Betrachte alte Schachteln beim Mampfen.
Eine sagt: „Auch wenn das ein Dampfer ist,
guter Mann, hörn Sie auf zu dampfen“.
Harry Houdini
Mit 13 Jahren in Amerika
ein Junge mit tiefschwarzem Haar
geboren in Ungarn, hier noch fremd
der viel liest und Gewichte stemmt
Verzaubert von der Zauberei
sah er sich schon berühmt und frei
und seinen Namen auf Plakaten stehn
er wusste ihm kann nichts geschehn
Mit seinem Bruder trat er auf
nahm manches Missgeschick in Kauf
er war bekannt als Herr der Karten
doch Größeres schien auf ihn zu warten
Der Name den er sich gegeben
war nicht bestimmt für so ein Leben
auf Kleinstadtbühnen und im Zirkuszelt
ihm verlangte nach der ganzen Welt
Dies ist die Story
von Harry Houdini
dies ist die Story von seiner Vision
von keinem Käfig zu halten
keiner Klinge zu spalten
war er der Meister der Illusion
Dies ist die Story
von Harry Houdini
auch das Kapitel das niemand erzählte
Bewunderung von den Leuten
schien alles ihm zu bedeuten
doch da war etwas Dunkles das ihn allzeit quälte
Er ging nach London, fand sein Glück
und kehrte weltberühmt zurück
traf Bess und nahm sie bald zur Frau
aber sie spürte es genau
wie gespalten doch sein Wesen war
dass er die Mutter in ihr sah
und auf der Bühne sah es aus
als neidet er ihr den Applaus
Hat Kopf und Kragen stets riskiert
die Menschen waren fasziniert
wenn er mit Eleganz und Charme
selbst aus dem kleinsten Loch entkam
Kein Kerker und kein Kettenband
das seinem Zauber widerstand
er wusste daß ihm niemand gleicht
doch das hat ihm noch nicht gereicht
Dies ist die Story
von Harry Houdini
dies ist die Story von seiner Vision
von keinem Käfig zu halten
keiner Klinge zu spalten
war er der Meister der Illusion
Dies ist die Story
von Harry Houdini
auch das Kapitel das niemand erzählte
Bewunderung von den Leuten
schien alles ihm zu bedeuten
doch da war etwas Dunkles das ihn allzeit quälte
Er entlarvte manchen Scharlatan
und bastelte an seinem Plan
den niemand wirklich ernst genommen
auch seinem Tod einst zu entkommen
Er starb aus reiner Eitelkeit
lang vor seiner bestimmten Zeit
doch mancher dachte damals schon
auch das wär eine Illusion
Dies ist die Story
von Harry Houdini
der nicht bestimmt war fürs Mittelmaß
dies ist die Story
von Harry Houdini
den die Welt bis heut nicht vergaß
Dies ist die Story
von Harry Houdini
er ist viel mehr als nur eine Legende
dies ist die Story
von Harry Houdini
selbst nach seinem Tod ist sie nicht zu Ende
Ich kauf nur wegen Jenny bei Penny
Sie sieht supergut aus, ja sie hat wirklich Klasse
sitzt in ihrem Kittel hinter der Kasse
und manchmal hat sie – wirklich wahr –
lila Strähnen im Haar
Ich kauf nur wegen Jenny bei Penny
sie tippt so charmant
falsche Preise
und ihr fällt andauernd die Ware vom Band
Ich glaube sie weiß was ich für sie empfinde
wenn ich Schwarzbrot kaufe mit schimmliger Rinde
und Gemüse von dem ich rein gar nichts verstehe
nur damit ich sie sehe
Ich kauf nur wegen Jenny bei Penny
sie tippt so charmant
falsche Preise
und ihr fällt andauernd die Ware vom Band
Vielleicht werd ich es morgen endlich versuchen
kauf Unmengen Sekt und den klebrigsten Kuchen
bezahl mit einem Fünfzig Euro Schein
auf den ich schreib: Ich will bei dir sein
Ich kauf nur wegen Jenny bei Penny
sie tippt so charmant
falsche Preise
und ihr fällt andauernd die Ware vom Band
Zynismus ist die Waffe der Verzweifelten
Ich würde in Zeiten wie diesen
lieber über Liebe schreiben
Ich würde so vieles gerne….
und lass es bleiben
Ich war nie gut darin Ankläger zu sein
Meist war es mir den Aufwand nicht wert
Meine Kunst ist dafür wohl auch zu klein
Aus meinen Worten wird niemals ein Schwert
Aus meinen Zeilen schöpft niemand Hoffnung
Aus meinen Zeilen schöpft niemand Mut
Zynismus ist die Waffe der Verzweifelten.
Wenigstens die führe ich manchmal gut
Der Marktplatz
Es neigen sich die Häuser in den Gassen
grad so als sei es ihnen Wunsch und Pflicht
- egal ob sie bewohnt oder verlassen -
den Weg zu weisen und die klare Sicht
auf jenen Mittelpunkt dem zu enthüllen
der suchend an den kühlen Wänden lehnt
und sein will wo die lauten Händler brüllen
und man sich stets nach solchen Fremden sehnt
die freigiebig und meist mit vollen Händen
an allen Ständen und von früh bis spät
ihr Geld für jeden dummen Tand verschwenden
so lang wie es nur irgend möglich geht
Folklore
Zerrissene Wettscheine überall
Lady geht als erste durchs Ziel
kein Idiot setzt auf eine Lady
wieder ein verlorenes Spiel
Die Bullen räumen dauernd Häuser
Joan Baez auf dem Plattenteller
wenn die Schläger das hören
räumen sie garantiert schneller
Was helfen schon Steine
wenn man eine Kalaschnikow braucht
Marla macht auf Lehramt
deshalb ist sie schnell abgetaucht
Macht ja auch keinen Fun mehr
Scheiß-Radikalenerlass
und noch vor dem 5-Uhr-Tee
Wasserwerfer und Tränengas
Wieder den Frontstadt-Blues
alles geht den Bach hinunter
Anarchie ist schon fast Nostalgie
Lummer holt sich einen runter
Die Kids sind geil auf Nike
von Demos wollen die nichts wissen
wird wohl langsam Zeit
sich nach Indien zu verpissen
Hotte züchtet berauschendes Grünzeug
in seinem VW-Bus zum Spaß
jemand sprühte aufs Heck:
„Irgendwann beißt jeder ins Gras“
Im vorletzten Rennen
bricht sich Lady ein Bein
hat sich laut Bibel halt nie ausgezahlt
unter den Ersten zu sein
Lola 15
Sie suchen mit Hunden
schon seit Tagen im Wald
ohne Resultate
die Spur ist längst kalt
Keiner hat sie gesehen
an jeder Wand hängt ihr Bild
und die Nachbarn tuscheln:
Sie ist schlecht und wild
Sensationsgeile Gaffer
wohin man auch blickt
stündlich werden neue
Gerüchte vertickt
denn sie passt nur zu gut
in das schmale Ressort
zwischen Drama-Queen
und Schulmädchen-Report
Ihr Haus wird belagert
ein Kamera-Meer
ihre Mutter weint telegen:
Kind, wir vermissen dich sehr
Man redet von Gott
und all dem Übel der Welt
doch die richtige Frage
wird von keinem gestellt
Und im Nachhinein hatte
es dann keiner gewusst
die Schuld bleibt so flüchtig
wie ein Stich in der Brust
Beim gemeinsamen Beten
bleibt der Himmel stumm
und die Presse bringt sie
ein zweites Mal um
An solchen Tagen
An solchen Tagen sterben Nachtigallen
und Regen findet dich wo du auch bist
selbst Monumente scheinen leicht zu fallen
wenn dich das Glück so gnadenlos vergisst
An solchen Tagen trifft man taube Ohren
an denen jeder Schrei sogleich zerbricht
und man erkennt – so abgrundtief verloren –
wären da Münder, sprächen sie doch nicht
An solchen Tagen funkeln keine Sterne
da macht sich nur Verzweiflung in dir breit
da ist es gleich ob Nähe oder Ferne
denn selbst der kleinste Weg erscheint zu weit
An solchen Tagen hilft dir auch kein Flehen
du bist selbst unter anderen allein
da kann man noch so tapfer zu sich stehen
an solchen Tagen möchte man nicht sein
Napalm
Er sagte: Mein Vogel heißt „Jumping Jack Flash“
ich flieg dich gern rum aber nur gegen Cash
ich zeig dir die Keys und Hemingways Bar
ich kannte ihn gut, Gott verdammt das ist wahr
Mein Vater hat halb Dresden zerstört
und von den Krauts Jahre später gehört
auf seinen Kopf gab es einen Preis
von Himmler persönlich, ich erzähl keinen Scheiß
Ich flog einen Iroquois über Vietnam
die Landebahn war eine Furche aus Schlamm
ich war fast taub, mir lief Blut aus den Ohren
doch ich hab keinen einzigen Gunner verloren"
Er sagte: "Was ich dort unten sah
war wie ein Film von Sam Peckinpah
wer sieht wie das Fleisch von den Knochen sich trennt
wird niemals vergessen wie Napalm brennt"
Schneeleoparden
Ich hab von Schneeleoparden geträumt
und berichte ich das den Leuten
sind sie sich einig in ihrer Ansicht
das hätte irgendwas zu bedeuten
Das war es dann schon mit der Einigkeit
denn geht es ans interpretieren
erzählt mir jeder eine andre Geschichte
das soll doch wer will kapieren
Hätte ich von Scarlett Johansson geträumt
müsste man nicht so viel raten
von daher beneide ich jene ein wenig
die eben dieses taten
Den Schneeleoparden ist das wohl gleich
weil sie Scarlett Johansson nicht kennen
ich hab festgestellt dass Traumdeutung müde macht
also gehe ich wieder pennen
Ein Komiker namens Ernst
Ein Komiker namens Ernst
hat mir sein Leid geklagt
„Mein Name passt nicht zum Beruf“
hat er traurig gesagt
Das ist absolut nicht komisch
sonst würd ich das hier nicht schreiben
und hab dabei sehr viel Mühe
noch halbwegs ernst zu bleiben
Zweite Abfahrt links hinterm Mond
Wieder Freitag und ich hab genug von den Leuten
die mir auf den Sack gehn, mir gar nichts bedeuten
ich will heute von meinem Leben nichts wissen
will einer Göttin das Hinterteil küssen
und fahren soweit mich mein Wagen noch trägt
bis mich die Liebe erschlägt
Im Rauch von französischen Zigaretten
will ich für dich meine Zukunft verwetten
und wenn du mir nicht sofort den Himmel versprichst
spucke ich dir mein Herz ins Gesicht
Steig ein, fass mich an
und schenk mir dein Schweigen
dann werd ich dir Inseln
hinterm Horizont zeigen
Zweite Abfahrt links hinterm Mond
und dann weiter
mach das Fenster auf
und die Beine noch breiter
Ich will dich dort fühlen
wo du vergisst
was für ein braves Mädchen
du sonst immer bist
Es ist heiß und dein Kopf kann dir nicht mehr erklären
wogegen sich unsere Körper nicht wehren
wir sind eins mit der Straße, den Sternen, dem Wind
und ich küsse dich feucht, hungrig und blind
Bleib hier, fass mich an
teil mit mir das Fieber
dann spürst du das Wunder
in dir immer wieder
Zweite Abfahrt links hinterm Mond
und dann weiter
mach das Fenster auf
und die Beine noch breiter
Ich will dich dort fühlen
wo du vergisst
was für ein braves Mädchen
du sonst immer bist
Mittsommer
Mittsommer ist ein elendes Fest
für einen Vogel so ganz ohne Nest
für einen Wandervogel wie mich
man säuft mich immer unter den Tisch
Alle Länder in Skandinavien
ähneln doch sehr leeren Stadien
wo sich höchstens ein Maikäfer sonnt
doch die Frauen sind wenigstens blond
Jemand wie ich der kommt schon rum
und denkt: Lieber strohblond als strohdumm
und da muss ich ganz ehrlich sagen
gibt’s in Skandinavien nichts zu beklagen
Mittsommer wäre ein elendes Fest
wenn keines der Mädchen sich küssen lässt
aber in Dänemark, Norwegen, Schweden
küssen die freundlichen Mädchen fast jeden
Mittsommer ist mein Lieblingsfest
was sich wirklich einfach behaupten lässt
zwischen Solveig und Frida
Nächstes Jahr komme ich wieder
Die lieben Verwandten
Man trifft sich zur Weihnacht und Ostern
und bei manchem Geburtstag sehr gern
bleibt den Rest der Zeit sich gewogen
und fern
Das Tantchen reist nur erster Klasse
denn anders ziemt es sich nicht
Vetter Gustav ist meist knapp bei Kasse
erster Klasse reist der sicher nicht
Der Franz kommt stets mit dem Flieger
es sei denn der fällt aus wegen Schnee
dann kann er nur telefonieren
denn er lebt weit fort in Übersee
Sind endlich dann alle beisammen
hockt man an der großen Tafel
und ergeht sich blasiert und sehr vornehm
in Geschwafel
Das Tantchen hat viel zu berichten
es war bei den Windsors zum Tee
der Franz grüßt froh aus dem Hörer
er kam nicht - wie gesagt - wegen Schnee
Die Mutter schleppt Kaffee und Torte herbei
Onkel Fritz pafft eine Zigarre
die Kleinen schmieren sich mit Sahne voll
ansonsten: Fast Leichenstarre
Vater hat viel zu proklamieren
schließlich ist er jetzt Prokurist
er erklärt es zwanzig Minuten
ich weiß noch immer nicht was das ist
Sind sie spät endlich alle gegangen
bringt mich die Mutter zu Bett
und fragt: Wie hat es Dir gefallen?
Wie immer sag ich: Es war nett
Meer aus Asche
Dies muss ein Meer aus Asche sein
sagte der Greis zu mir
und stürzte in die Fluten
ich blieb alleine hier
Die Sonne über mir am Himmel
ging auf und wieder unter
und ab und zu da warf sie auch
ein wenig Licht zu mir hinunter
Ich las in alten Büchern
von einem der mir glich
er stellte sich wie ich es tat
die Frage : Warum ich ?
Die letzten Seiten fehlten
doch war das Ende klar
ich hob die Hand zum Gruß
obwohl dort niemand war
Aus der Lava krochen Kröten
an das Tageslicht hinaus
und sie spien ihre Gedärme
und ihre faulen Seelen aus
Würmer wälzten sich im Sand
Geier stürzten auf die Knochen
ich warf mein Herz ins Meer
und das Meer begann zu kochen
Dies muss ein Meer aus Asche sein
sagte das Kind zu mir
und ich spürte während es verschwand
wie ich allmählich den Verstand verlier
Vor meinen Augen tanzten Bilder
ich war ein Teil der Büffelherde
und während alles um mich starb
grub ich mich ein in die Erde
Blut lief aus meinen Wunden
ich trank davon zu viel
meine Haut wurde zu Stein
und ich wurde zum Reptil
Ich wälzte mich in der Asche
mein Blick war tot und leer
ich war kein Mensch mehr
und ich kroch zurück ins Meer
Es rief mich eine Sehnsucht
Es rief mich eine Sehnsucht her
die ist nicht zu benennen
sie machte mir das Herz so schwer
drohte mich zu verbrennen
Sie ist nicht Freude, ist nicht Leid
und birgt auch keine Kunde
sie ist im flinken Spiel der Zeit
der Schlag der letzten Stunde
So streck ich meine Füße aus
und lasse mich hier nieder
so also hat dann mein Zuhaus
mich doch schlussendlich wieder
Umdrehungen pro Minute
Meine Waschmaschine macht
1000 rpm
mein Plattenspieler
33 1/3
Ich habe sie gekreuzt
Jetzt singen die Stones
keine schmutzigen Lieder mehr
und klingen
wie Micky Maus
Wie wir sprechen würden
Zwei Gläser Wein goss ich uns ein
- für dich darf es ein Guter sein -
und dann hab ich mir vorgestellt
du wärst noch Teil von meiner Welt
Du würdest nach der Schule fragen
und ich würde wohl „Geht so“ sagen
dann würdest du mir was berichten
vermutlich seltsame Geschichten
Du würdest vieles wissen wollen
mir manches Lob vielleicht auch zollen
weil ich – wohl ganz in deinem Sinn –
dir nicht ein bisschen ähnlich bin
Du würdest warten auf ein Zeichen
bis wir uns dann die Hände reichen
und unsre eignen Wege gehn
nur wird das alles nie geschehn
Tiergarten, 11.00 MEZ
Die ganze Stadt ist heut geflaggt
überall Straßensperren
Mütter die emsig ihre Brut
zur Aussichtsplattform zerren
Da stehen sie nun ratlos rum
mit Fähnchen in der Hand
was kümmert sie ein Präsident?
sie wärn lieber im Legoland
Die Dächer schwer bewaffnet
der Platz vorm Tor geräumt
der ganze Park bis hin zum Zoo
bewacht und eingezäunt
Der Autokorso nähert sich
ein Helikopter dröhnt
ein Tag der wohl Geschichte schreibt
heut wird sich ausgesöhnt
Das Militärorchester spielt
die Hymne mit sehr viel Tamtam
da werden manche Augen feucht
und Veteranen stehen stramm
Ein Grüppchen das laut protestiert
- dafür muss man sich schämen -
lässt sich doch ohne Widerstand
mal kurz in Schutzhaft nehmen
Dann kommt der große Augenblick
für einen ziemlich kleinen Mann
ich frage mich wie so ein Wicht
der Welt den Frieden bringen kann
Ich schüttel mich vor Lachen
man schüttelt sich die Hände
der Dolmetscher schüttelt den Kopf
und faselt was von „Wende“
Die Fotografen prügeln sich
das also ist nun der Moment
den man bald in der Tagesschau
ergreifend und historisch nennt
Jemand umarmt mich und er schluchzt:
„Ab heute sind wir frei“
und wenn ich einmal Enkel hab
sag ich: „Ich war dabei“
Der Traum den du verloren hast
Ich bin das Glück das du verpasst
bin der Zwiespalt den du hasst
bin die Versuchung die dich lockt
und der Frevel der dich schockt
Ich bin der Weg den du nicht gehst
bin das was du nicht verstehst
ich bin ständig in dir zu Gast
ich bin der Traum den du verloren hast
Ich bin der Zweifel der dich quält
bin die Muse die dich beseelt
ich bin dein Zorn und deine Wut
bin dein Leib und auch dein Blut
Ich bin das Feuer in dem du brennst
bin das Ziel das du nicht kennst
ich bin ständig in dir zu Gast
ich bin der Traum den du verloren hast
Ich bin das Kind das du nie geboren
bin der Freund den du verloren
ich bin was immer du nicht bist
bin all das was du vermisst
ich bin was du nicht lieben kannst
bin dein Leid und deine Angst
ich bin ständig in dir zu Gast
ich bin der Traum den du verloren hast
Ich bin das Wort das du nicht sagst
bin die Frage die du nicht fragst
ich bin der Sommer der nie kam
bin die Kraft die man dir nahm
ich bin all das was du verfluchst
bin was du vergeblich suchst
ich bin ständig in dir zu Gast
ich bin der Traum den du verloren hast
Ich bin das Kind das du nie geboren
bin der Freund den du verloren
ich bin was immer du nicht bist
bin all das was du vermisst
ich bin was du nicht lieben kannst
bin dein Leid und deine Angst
ich bin ständig in dir zu Gast
ich bin der Traum den du verloren hast
Nomaden der See
Es dringt ihr Lied aus windgepeitschten Kehlen
über des Meeres Weite in der Nacht
so wie die Schreie von verdammten Seelen
die ewig streben nach des Himmels Pracht
Wenn sie mit leichten Schwingen sich erheben
und gleiten dann vereint in einem Zug
- Gefährten die am Rand der Sterne leben -
neide ich ihnen ihren freien Flug
Doch ganz egal wie hoch sie dann auch steigen
am Ende kehren sie zur Erde wieder
vielleicht ja nur um meinem Blick zu zeigen:
Wer hoch empor will den zieht es nur nieder
Möwen – ihr seid mir so vertraute Brüder
vom eignen Stolz berauscht, unsagbar dreist
erhaben und mit glänzendem Gefieder
ein Schwarm der doch nur um sich selber kreist
Der gute Onkel
Der gute Onkel meint es gut
mit allem was er sagt und tut
Er kann dir vieles zeigen
und du musst nichts als schweigen
Der gute Onkel meint es gut
Sei doch nicht so, ist doch nur Blut
und überhaupt, es tut ihm leid
Er kauft dir auch ein neues Kleid
Der gute Onkel meint es gut
Sag ihm nur nicht wie weh es tut
denn wenn er dich nicht haben kann
fasst er deine kleine Schwester an
Kult
„Bukowski ist Kult“, sagt so ein Pickelgesicht
auf dem Hocker neben mir an der Bar
in einer dreckigen Pinte auf St. Pauli
zwischen diesem und dem kommenden Jahr
Jetzt wartet er auf Beifall der nicht kommt
und das wird ihm spätestens klar
als ich ihm freundlich erkläre
dass Bukowski ein beschissener Wichser war
Er starrt mich an wie ein Goldfisch auf Ecstasy
und stottert „D-D-Du das find ich sowas von daneben“
Ich nippe an meinem Heineken
und sag: „So ist es eben“
„Es ist spät“ sagt das Pickelgesicht
und blickt auf eine imaginäre Uhr
Ich sage: „Ich hoffe, Du Blödmann
studierst was anderes als Literatur“
Und den Rest der Nacht frage ich mich
wer hat wohl daran schuld
dass jemand auf die Idee kommt
Bukowski sei Kult
Genau unter dieser Laterne
Sie sagen, Sie zahlen für Fakten?
Fakten hab ich mehr als genug.
Meistens fragt man nach den Nackten.
Doch dafür bin ich zu klug.
Sie verkneifen sich grad ein Grinsen?
Klug ist was andres als schlau.
Und nun will ich von Ihnen Zinsen.
Ob sie mich unterschätzten? Genau!
Genau unter dieser Laterne
stand die besagte Lilli Marleen
Ich hatte sie wirklich gerne.
Und gewiss doch: Sie war durchaus schön
So eine kann man schon verklären
mit Worten und mit Gesang.
Ich würde andere Leute ehren
wenn es ginge sogar lebenslang.
Doch das schert euch nicht, Schreiberlinge..
Ihr bastelt gern an der Legende.
Ich weiß so einige Dinge.
Vom ihrem Anfang bis zu ihrem Ende.
Genau unter dieser Laterne
stand die besagte Lilli Marleen
Ich hatte sie wirklich gerne.
Das wird heute keiner verstehn
So habt ihr nun eure Legende
sie beflügelt eure Phantasie
doch ihre fordernden Hände
die spürtet ihr nie
Bastarde und Hurensöhne
Ich hatte heut den schönen Traum
die Menschheit wär erwacht
und hätte endlich radikal
total klar Schiff gemacht
Durch das Netz ihrer Vergeltung
ist nicht der kleinste Fisch geschlüpft
man hat die Schuldigen gefunden
und sofort aufgeknüpft
Es war ein guter Traum
Bastarde und Hurensöhne
an den nächsten Baum
All die Trader, all die Broker
all die Spekulanten
für deren Profitgier
ganze Ernten brannten
All die Kriegstreiber und Warlords
Waffenhändler, Diktatoren
die gekauften Lobbyisten
und ihre Mentoren
Es war ein guter Traum
Bastarde und Hurensöhne
an den nächsten Baum
Die Schmierigen, die Gierigen
Ausbeuter der Dritten Welt
das korrupte Pack von Politikern
jeder Einzelne wurde gestellt
Es war ein guter Traum
Bastarde und Hurensöhne
an den nächsten Baum
Mir fällt ein Stein vom Herzen
Mir fällt ein Stein vom Herzen
Mir ist plötzlich so leicht
Ich wollte dich verschmerzen
und hab es nicht erreicht
Was ich auch tat und dachte
Was ich auch trank und trieb
Egal wie laut ich lachte
ich hatte dich zu lieb
Die Zeit heilt alle Wunden
Ich hab es nicht geglaubt
Doch mich nun selbst gefunden
geschüttelt und entstaubt
Mir fällt ein Stein vom Herzen
Ich gesteh mir Frohsinn zu
Und kann nun leichthin scherzen:
Der Stein – das warst du
Was weiß denn schon so ein junger Mann….?
Mittellose Mädchen und käufliche Frauen
ziehen niemanden wirklich gern ins Vertrauen
was ich mittlerweile recht gut begreifen kann
aber was weiß denn schon so ein junger Mann?
Der rennt heute der Liebe so schnell hinterher
als gäbe es morgen auf der Welt keine mehr
Nur ein Narr strengt sich unnötig an
aber was weiß denn schon so ein junger Mann?
Der neigt zu Schwärmerei und Übertreibung
dafür gibt es manchmal kaum eine Beschreibung
Der will alles sofort anstatt irgendwann
aber was weiß denn schon so ein junger Mann?
Dann sucht er Trost und den sucht er bei mir
und er findet nirgendwo bessren als hier
denn ich sag ihm sodann:
Keine Sorge, auch du wirst einmal ein alter Mann
Mein bleiches weiches Henkerskind
Es zerrt der Wind an meinem Haar
von dem nicht viel verblieben
ahnst du wie jung und schön ich war
verdorben und durchtrieben
und wie ich nur zum Zeitvertreib
mit meinen Säften protzte
dir bleibt nur dieser welke Leib
der deiner Schönheit trotzte
Mein bleiches weiches Henkerskind
knüpf zärtlich mir die Schlinge
und dreh den Hals um mir geschwind
wenn ich von Liebe singe
wenn ich von Liebe singe
Es zerrt die Zeit an meinem Sein
und wird es bald auch enden
gestehe ich doch lachend ein:
Ich mag mich gern verschwenden
auch wenn ich hier fast reglos häng
du kannst mich wohl bewegen
wenn ich mich näher zu dir dräng
dann gib mir deinen Segen
Mein bleiches weiches Henkerskind
knüpf zärtlich mir die Schlinge
und dreh den Hals um mir geschwind
wenn ich von Liebe singe
wenn ich von Liebe singe
Nun leg den Strick um mein Genick
mit weicher Hand und hartem Blick
und wenn der Fall den Hals mir bricht
dann wein um unsre Liebe nicht
Die Stolpernden, die Fallenden
Manchmal da tut das Glück mir leid
weil man es ständig jagt
Es hat doch keinem was getan
es wurde nie gefragt
ob es wem was versprochen hat
das hat es sicher nicht
trotzdem zerrt man so lang daran
bis es irgendwann zerbricht
Die Stolpernden, die Fallenden,
die völlig Bodenlosen
die wissen wie man Glück verträgt
nämlich in kleinen Dosen
Niemand braucht es rund um die Uhr
man braucht es nicht mal täglich
denn Glück im schieren Überfluss
ist völlig unerträglich
Egal wie man es definiert
es ist nicht Pflicht, nicht Lohn
mitunter tarnt es sich sogar
und bleibt dann Illusion
Denn Glück ist wie ein scheues Tier
es lässt sich nicht gern fangen
erst wenn du nicht mehr danach suchst
kannst du’s vielleicht erlangen
Die Stolpernden, die Fallenden,
die völlig Bodenlosen
die wissen wie man Glück verträgt
nämlich in kleinen Dosen
Niemand braucht es rund um die Uhr
man braucht es nicht mal täglich
denn Glück im schieren Überfluss
ist völlig unerträglich
Rettungssanitäter
Es war ein guter Job
Ich hab ihn gern betrieben
Es hat mich stolz gemacht
dass mich die Menschen lieben
Dem Teufel stets zu trotzen
und dass ich Leben rette
Der Showdown mit dem Tod
und danach die Zigarette
Ich bin berufsunfähig
und das tut ganz schön weh
Ich bin nur noch ein Wrack
Schuld ist die AFD
Es gab da einen Notfall
und ich war schnell vor Ort
Man fragt ja nicht nach Namen
und wischt Bedenken fort
Ich wollte doch nur helfen
und wer hätte schon gedacht
wie krank die Mund-zu-Mund-Beatmung
eines Arschlochs macht
Method Acting
Ich hab mich der Liebe genähert
von allen erdenklichen Seiten
um mich so gut es geht
auf sie vorzubereiten
und als ich glaubte ich wäre perfekt
- oder wenigstens beinah gewesen -
habe ich leider - zu spät - entdeckt :
Ich hab das Drehbuch gar nicht gelesen
Urheberrecht
Rein rechtlich betrachtet
sollten Sie es nicht wagen
- ja nicht einmal daran denken -
Gott zu verklagen
denn er hat auf Ihr Leben
ob nun gut oder schlecht
ganz ohne Zweifel
das Urheberrecht
Auf Berge und Täler
auf Meere und Bäume
auf Hoffnung und Wut
und auf Ihre Träume
egal ob man wach ist
oder ob man pennt
Gott hat auf alles
ein Patent
Und wir hätten
mit ziemlicher Sicherheit
auch ein Problem
mit der Zuständigkeit
und Prozesskostenhilfe
die gibt es nicht
auch nicht auf Antrag
beim Jüngsten Gericht
Überdenken Sie bitte
noch einmal die Lage
ich mein es nur gut
wenn ich Ihnen sage
Gott hat auf Ihr Dasein
ob nun gut oder schlecht
ganz ohne Frage
das Urheberrecht