Zwei Herzen im Zug

 

Sie hockten da dicht beieinander

an einem Sonntag im Mai

und vor dem Fenster flog langsam

eine Landschaft an ihnen vorbei

 

Mit Wiesen und Wäldern und Kühen

und Wetter gab es dort auch

sie spürten das Rütteln und Schütteln

der Hügel in ihrem Bauch

 

Zwei Herzen im Zug auf der Reise

in einem Abteil zweiter Klasse

hoben sich heimlich und leise

unbemerkt ab von der Masse

 

Sie kamen einander recht nahe

das war nicht geprobt und geplant

und der Schaffner der sie ertappte

hat von ihrem Glück nichts geahnt

 

Er lochte nur grob ihre Karten

und wünschte halblaut: Gute Fahrt

doch sie hörten ihn kaum denn sie waren

schon ganz furchtbar ineinander vernarrt

 

Zwei Herzen im Zug auf der Reise

in einem Abteil zweiter Klasse

hoben sich heimlich und leise

unbemerkt ab von der Masse

 

 

 

 

 Ein Engel

 

Ein Engel stieg hinab aus seiner Sphäre

er glaubte sich den Menschen nah verwand

er setzte seinen Fuß in dieses Land

wo man viel tat zu Gottes Ruhm und Ehre

 

Er hörte überall die Schwerter klirren

und hat darüber lange nachgedacht

dann folgte er den Heeren in die Schlacht

er glaubte nicht dass fromme Christen irren

 

So preschten sie dahin auf ihren Rappen

und ihre Lanzen tranken eifrig Blut

Vernichtung schworen sie der Heidenbrut

und trugen stets das Kreuz als hehres Wappen

 

Und seine Klinge scharf und breit

schlug unvermindert Schneisen

den Gottlosen galt zu beweisen

dies war ein Akt reiner Barmherzigkeit

 

 

 

 

 Liebesspiel

 

Da stehst du nun und warst nicht angekündigt

als ob das für mich eine Rolle spielt

ich habe mit dir früher oft gesündigt

nur auf mein Herz hast du niemals gezielt

 

Bei einem neuen Namen mich zu nennen

verschafft dir keinen Vorteil, glaub es mir

so gut wie wir uns doch inzwischen kennen

sind Worte doch nicht von Bedeutung hier

 

Du hast gespielt mit mir und den Gefühlen

ein Narr wär ich wies ich dir nicht die Tür

und fühl mich trotzdem zwischen allen Stühlen

als ob es jemals anders war mit dir

 

Warum fordert dein Blick eine Entscheidung

wo er doch weiß wie schwach ich bei dir bin

doch Sehnsucht ist wie abgelegte Kleidung

ich gebe mich dir aus Gewohnheit hin

 

Du kannst das Feuer immer noch entfachen

doch meinem Herz bedeutet es nicht viel

du nennst das gerne einfach „Liebe machen“

ich nenne es stattdessen „Liebesspiel“

 

 

 

 

 Ein Wort jagt das nächste

 

Ich hatte gehofft

meinen Frieden zu finden

zwischen all meinen Zeilen

spurlos zu verschwinden

und sagen zu können:

„Alles ist getan“

doch die Seele hält sich

an keinen Plan

 

Ein Wort jagt das nächste

und dann jagen sie mich

es scheint noch immer

nicht alles vom Tisch

nicht vergessen

und nicht vergeben

ich schreib immer noch

um mein Leben

 

Das hungrige Herz

treibt mich noch ohne Pause

in die Ferne

denn ich bin nirgends zuhause

nicht hier und nicht jetzt

nicht heut und bei dir

meine Heimat bleibt

ein Wort auf dem Papier

 

Ein Wort jagt das nächste

und es hört niemals auf

es ist größer als ich

und es nimmt seinen Lauf

ein ständiges Suchen

und Streben

ich schreib immer noch

um mein Leben

 

 

 

 

 Auf dem Dampfer

 

In Spandau stieg ich auf den Dampfer.

Er sticht nicht in See – na egal.

Er sticht, mag man es stechen nennen,

doch wenigstens in den Kanal.

 

Auf dem Oberdeck ist es frostig.

Es wehen luftige Winde.

So gehe ich dann unter Deck.

Wo ich keinen Platz mehr finde.

 

Drum gehe ich wieder nach oben.

Wer das liest, wird es wohl so sehn

dass man keinen Dampfer bräuchte

nur um spazieren zu gehn.

 

Es schüttet in heftigen Schüben.

Und ich bin auf jede Art voll.

Dann sehe ich die Pfaueninsel.

Lieber wäre mir ein Atoll.

 

Schließlich erscheint doch die Sonne.

Und mit ihr Mütter und Gören.

Ich sag ja nicht dass ich sie hasse.

Ich sag ja nur dass sie mich stören.

 

Ich zünde mir eine Fluppe an.

Betrachte alte Schachteln beim Mampfen.

Eine sagt: „Auch wenn das ein Dampfer ist,

guter Mann, hörn Sie auf zu dampfen“.

 

 

 

 

Harry Houdini

 

Mit 13 Jahren in Amerika

ein Junge mit tiefschwarzem Haar

geboren in Ungarn, hier noch fremd

der viel liest und Gewichte stemmt

Verzaubert von der Zauberei

sah er sich schon berühmt und frei

und seinen Namen auf Plakaten stehn

er wusste ihm kann nichts geschehn

 

Mit seinem Bruder trat er auf

nahm manches Missgeschick in Kauf

er war bekannt als Herr der Karten

doch Größeres schien auf ihn zu warten

Der Name den er sich gegeben

war nicht bestimmt für so ein Leben

auf Kleinstadtbühnen und im Zirkuszelt

ihm verlangte nach der ganzen Welt

 

Dies ist die Story

von Harry Houdini

dies ist die Story von seiner Vision

von keinem Käfig zu halten

keiner Klinge zu spalten

war er der Meister der Illusion

Dies ist die Story

von Harry Houdini

auch das Kapitel das niemand erzählte

Bewunderung von den Leuten

schien alles ihm zu bedeuten

doch da war etwas Dunkles das ihn allzeit quälte

 

Er ging nach London, fand sein Glück

und kehrte weltberühmt zurück

traf Bess und nahm sie bald zur Frau

aber sie spürte es genau

wie gespalten doch sein Wesen war

dass er die Mutter in ihr sah

und auf der Bühne sah es aus

als neidet er ihr den Applaus

 

Hat Kopf und Kragen stets riskiert

die Menschen waren fasziniert

wenn er mit Eleganz und Charme

selbst aus dem kleinsten Loch entkam

Kein Kerker und kein Kettenband

das seinem Zauber widerstand

er wusste daß ihm niemand gleicht

doch das hat ihm noch nicht gereicht

 

Dies ist die Story

von Harry Houdini

dies ist die Story von seiner Vision

von keinem Käfig zu halten

keiner Klinge zu spalten

war er der Meister der Illusion

Dies ist die Story

von Harry Houdini

auch das Kapitel das niemand erzählte

Bewunderung von den Leuten

schien alles ihm zu bedeuten

doch da war etwas Dunkles das ihn allzeit quälte

 

Er entlarvte manchen Scharlatan

und bastelte an seinem Plan

den niemand wirklich ernst genommen

auch seinem Tod einst zu entkommen

Er starb aus reiner Eitelkeit

lang vor seiner bestimmten Zeit

doch mancher dachte damals schon

auch das wär eine Illusion

 

Dies ist die Story

von Harry Houdini

der nicht bestimmt war fürs Mittelmaß

dies ist die Story

von Harry Houdini

den die Welt bis heut nicht vergaß

Dies ist die Story

von Harry Houdini

er ist viel mehr als nur eine Legende

dies ist die Story

von Harry Houdini

selbst nach seinem Tod ist sie nicht zu Ende

 

 

 

 

 Ich kauf nur wegen Jenny bei Penny

 

Sie sieht supergut aus, ja sie hat wirklich Klasse

sitzt in ihrem Kittel hinter der Kasse

und manchmal hat sie – wirklich wahr –

lila Strähnen im Haar

 

Ich kauf nur wegen Jenny bei Penny

sie tippt so charmant

falsche Preise

und ihr fällt andauernd die Ware vom Band

 

Ich glaube sie weiß was ich für sie empfinde

wenn ich Schwarzbrot kaufe mit schimmliger Rinde

und Gemüse von dem ich rein gar nichts verstehe

nur damit ich sie sehe

 

Ich kauf nur wegen Jenny bei Penny

sie tippt so charmant

falsche Preise

und ihr fällt andauernd die Ware vom Band

 

Vielleicht werd ich es morgen endlich versuchen

kauf Unmengen Sekt und den klebrigsten Kuchen

bezahl mit einem Fünfzig Euro Schein

auf den ich schreib: Ich will bei dir sein

 

Ich kauf nur wegen Jenny bei Penny

sie tippt so charmant

falsche Preise

und ihr fällt andauernd die Ware vom Band

 

 

 

 

 Zynismus ist die Waffe der Verzweifelten

 

Ich würde in Zeiten wie diesen

lieber über Liebe schreiben

Ich würde so vieles gerne….

und lass es bleiben

 

Ich war nie gut darin Ankläger zu sein

Meist war es mir den Aufwand nicht wert

Meine Kunst ist dafür wohl auch zu klein

Aus meinen Worten wird niemals ein Schwert

 

Aus meinen Zeilen schöpft niemand Hoffnung

Aus meinen Zeilen schöpft niemand Mut

Zynismus ist die Waffe der Verzweifelten.

Wenigstens die führe ich manchmal gut

 

 

 

 

 Der Marktplatz

 

Es neigen sich die Häuser in den Gassen

grad so als sei es ihnen Wunsch und Pflicht

- egal ob sie bewohnt oder verlassen -

den Weg zu weisen und die klare Sicht

 

auf jenen Mittelpunkt dem zu enthüllen

der suchend an den kühlen Wänden lehnt

und sein will wo die lauten Händler brüllen

und man sich stets nach solchen Fremden sehnt

 

die freigiebig und meist mit vollen Händen

an allen Ständen und von früh bis spät

ihr Geld für jeden dummen Tand verschwenden

so lang wie es nur irgend möglich geht

 

 

 

 

 Folklore

 

Zerrissene Wettscheine überall

Lady geht als erste durchs Ziel

kein Idiot setzt auf eine Lady

wieder ein verlorenes Spiel

 

Die Bullen räumen dauernd Häuser

Joan Baez auf dem Plattenteller

wenn die Schläger das hören

räumen sie garantiert schneller

 

Was helfen schon Steine

wenn man eine Kalaschnikow braucht

Marla macht auf Lehramt

deshalb ist sie schnell abgetaucht

 

Macht ja auch keinen Fun mehr

Scheiß-Radikalenerlass

und noch vor dem 5-Uhr-Tee

Wasserwerfer und Tränengas

 

Wieder den Frontstadt-Blues

alles geht den Bach hinunter

Anarchie ist schon fast Nostalgie

Lummer holt sich einen runter

 

Die Kids sind geil auf Nike

von Demos wollen die nichts wissen

wird wohl langsam Zeit

sich nach Indien zu verpissen

 

Hotte züchtet berauschendes Grünzeug

in seinem VW-Bus zum Spaß

jemand sprühte aufs Heck:

„Irgendwann beißt jeder ins Gras“

 

Im vorletzten Rennen

bricht sich Lady ein Bein

hat sich laut Bibel halt nie ausgezahlt

unter den Ersten zu sein

 

 

 

 

 Lola 15

 

Sie suchen mit Hunden

schon seit Tagen im Wald

ohne Resultate

die Spur ist längst kalt

Keiner hat sie gesehen

an jeder Wand hängt ihr Bild

und die Nachbarn tuscheln:

Sie ist schlecht und wild

 

Sensationsgeile Gaffer

wohin man auch blickt

stündlich werden neue

Gerüchte vertickt

denn sie passt nur zu gut

in das schmale Ressort

zwischen Drama-Queen

und Schulmädchen-Report

 

Ihr Haus wird belagert

ein Kamera-Meer

ihre Mutter weint telegen:

Kind, wir vermissen dich sehr

Man redet von Gott

und all dem Übel der Welt

doch die richtige Frage

wird von keinem gestellt

 

Und im Nachhinein hatte

es dann keiner gewusst

die Schuld bleibt so flüchtig

wie ein Stich in der Brust

Beim gemeinsamen Beten

bleibt der Himmel stumm

und die Presse bringt sie

ein zweites Mal um

 

 

 

 

 An solchen Tagen

 

An solchen Tagen sterben Nachtigallen

und Regen findet dich wo du auch bist

selbst Monumente scheinen leicht zu fallen

wenn dich das Glück so gnadenlos vergisst

 

An solchen Tagen trifft man taube Ohren

an denen jeder Schrei sogleich zerbricht

und man erkennt – so abgrundtief verloren –

wären da Münder, sprächen sie doch nicht

 

An solchen Tagen funkeln keine Sterne

da macht sich nur Verzweiflung in dir breit

da ist es gleich ob Nähe oder Ferne

denn selbst der kleinste Weg erscheint zu weit

 

An solchen Tagen hilft dir auch kein Flehen

du bist selbst unter anderen allein

da kann man noch so tapfer zu sich stehen

an solchen Tagen möchte man nicht sein

 

 

 

 

 Napalm

 

Er sagte: Mein Vogel heißt „Jumping Jack Flash“

ich flieg dich gern rum aber nur gegen Cash

ich zeig dir die Keys und Hemingways Bar

ich kannte ihn gut, Gott verdammt das ist wahr

 

Mein Vater hat halb Dresden zerstört

und von den Krauts Jahre später gehört

auf seinen Kopf gab es einen Preis

von Himmler persönlich, ich erzähl keinen Scheiß

 

Ich flog einen Iroquois über Vietnam

die Landebahn war eine Furche aus Schlamm

ich war fast taub, mir lief Blut aus den Ohren

doch ich hab keinen einzigen Gunner verloren"

 

Er sagte: "Was ich dort unten sah

war wie ein Film von Sam Peckinpah

wer sieht wie das Fleisch von den Knochen sich trennt

wird niemals vergessen wie Napalm brennt"

 

 

 

 

 Schneeleoparden

 

Ich hab von Schneeleoparden geträumt

und berichte ich das den Leuten

sind sie sich einig in ihrer Ansicht

das hätte irgendwas zu bedeuten

 

Das war es dann schon mit der Einigkeit

denn geht es ans interpretieren

erzählt mir jeder eine andre Geschichte

das soll doch wer will kapieren

 

Hätte ich von Scarlett Johansson geträumt

müsste man nicht so viel raten

von daher beneide ich jene ein wenig

die eben dieses taten

 

Den Schneeleoparden ist das wohl gleich

weil sie Scarlett Johansson nicht kennen

ich hab festgestellt dass Traumdeutung müde macht

also gehe ich wieder pennen

 

 

 

 

 Ein Komiker namens Ernst

 

Ein Komiker namens Ernst

hat mir sein Leid geklagt

„Mein Name passt nicht zum Beruf“

hat er traurig gesagt

 

Das ist absolut nicht komisch

sonst würd ich das hier nicht schreiben

und hab dabei sehr viel Mühe

noch halbwegs ernst zu bleiben

 

 

 

 

 Zweite Abfahrt links hinterm Mond

 

Wieder Freitag und ich hab genug von den Leuten

die mir auf den Sack gehn, mir gar nichts bedeuten

ich will heute von meinem Leben nichts wissen

will einer Göttin das Hinterteil küssen

und fahren soweit mich mein Wagen noch trägt

bis mich die Liebe erschlägt

 

Im Rauch von französischen Zigaretten

will ich für dich meine Zukunft verwetten

und wenn du mir nicht sofort den Himmel versprichst

spucke ich dir mein Herz ins Gesicht

 

Steig ein, fass mich an

und schenk mir dein Schweigen

dann werd ich dir Inseln

hinterm Horizont zeigen

 

Zweite Abfahrt links hinterm Mond

und dann weiter

mach das Fenster auf

und die Beine noch breiter

Ich will dich dort fühlen

wo du vergisst

was für ein braves Mädchen

du sonst immer bist

 

Es ist heiß und dein Kopf kann dir nicht mehr erklären

wogegen sich unsere Körper nicht wehren

wir sind eins mit der Straße, den Sternen, dem Wind

und ich küsse dich feucht, hungrig und blind

 

Bleib hier, fass mich an

teil mit mir das Fieber

dann spürst du das Wunder

in dir immer wieder

 

Zweite Abfahrt links hinterm Mond

und dann weiter

mach das Fenster auf

und die Beine noch breiter

Ich will dich dort fühlen

wo du vergisst

was für ein braves Mädchen

du sonst immer bist

 

 

 

 

 Mittsommer

 

Mittsommer ist ein elendes Fest

für einen Vogel so ganz ohne Nest

für einen Wandervogel wie mich

man säuft mich immer unter den Tisch

 

Alle Länder in Skandinavien

ähneln doch sehr leeren Stadien

wo sich höchstens ein Maikäfer sonnt

doch die Frauen sind wenigstens blond

 

Jemand wie ich der kommt schon rum

und denkt: Lieber strohblond als strohdumm

und da muss ich ganz ehrlich sagen

gibt’s in Skandinavien nichts zu beklagen

 

Mittsommer wäre ein elendes Fest

wenn keines der Mädchen sich küssen lässt

aber in Dänemark, Norwegen, Schweden

küssen die freundlichen Mädchen fast jeden

 

Mittsommer ist mein Lieblingsfest

was sich wirklich einfach behaupten lässt

zwischen Solveig und Frida

Nächstes Jahr komme ich wieder

 

 

 

 

 Die lieben Verwandten

 

Man trifft sich zur Weihnacht und Ostern

und bei manchem Geburtstag sehr gern

bleibt den Rest der Zeit sich gewogen

und fern

 

Das Tantchen reist nur erster Klasse

denn anders ziemt es sich nicht

Vetter Gustav ist meist knapp bei Kasse

erster Klasse reist der sicher nicht

 

Der Franz kommt stets mit dem Flieger

es sei denn der fällt aus wegen Schnee

dann kann er nur telefonieren

denn er lebt weit fort in Übersee

 

Sind endlich dann alle beisammen

hockt man an der großen Tafel

und ergeht sich blasiert und sehr vornehm

in Geschwafel

 

Das Tantchen hat viel zu berichten

es war bei den Windsors zum Tee

der Franz grüßt froh aus dem Hörer

er kam nicht - wie gesagt - wegen Schnee

 

Die Mutter schleppt Kaffee und Torte herbei

Onkel Fritz pafft eine Zigarre

die Kleinen schmieren sich mit Sahne voll

ansonsten: Fast Leichenstarre

 

Vater hat viel zu proklamieren

schließlich ist er jetzt Prokurist

er erklärt es zwanzig Minuten

ich weiß noch immer nicht was das ist

 

Sind sie spät endlich alle gegangen

bringt mich die Mutter zu Bett

und fragt: Wie hat es Dir gefallen?

Wie immer sag ich: Es war nett

 

 

 

 

 Meer aus Asche

 

Dies muss ein Meer aus Asche sein

sagte der Greis zu mir

und stürzte in die Fluten

ich blieb alleine hier

Die Sonne über mir am Himmel

ging auf und wieder unter

und ab und zu da warf sie auch

ein wenig Licht zu mir hinunter

 

Ich las in alten Büchern

von einem der mir glich

er stellte sich wie ich es tat

die Frage : Warum ich ?

Die letzten Seiten fehlten

doch war das Ende klar

ich hob die Hand zum Gruß

obwohl dort niemand war

 

Aus der Lava krochen Kröten

an das Tageslicht hinaus

und sie spien ihre Gedärme

und ihre faulen Seelen aus

Würmer wälzten sich im Sand

Geier stürzten auf die Knochen

ich warf mein Herz ins Meer

und das Meer begann zu kochen

 

Dies muss ein Meer aus Asche sein

sagte das Kind zu mir

und ich spürte während es verschwand

wie ich allmählich den Verstand verlier

Vor meinen Augen tanzten Bilder

ich war ein Teil der Büffelherde

und während alles um mich starb

grub ich mich ein in die Erde

 

Blut lief aus meinen Wunden

ich trank davon zu viel

meine Haut wurde zu Stein

und ich wurde zum Reptil

Ich wälzte mich in der Asche

mein Blick war tot und leer

ich war kein Mensch mehr

und ich kroch zurück ins Meer

 

 

 

 

 

 Es rief mich eine Sehnsucht

 

Es rief mich eine Sehnsucht her

die ist nicht zu benennen

sie machte mir das Herz so schwer

drohte mich zu verbrennen

 

Sie ist nicht Freude, ist nicht Leid

und birgt auch keine Kunde

sie ist im flinken Spiel der Zeit

der Schlag der letzten Stunde

 

So streck ich meine Füße aus

und lasse mich hier nieder

so also hat dann mein Zuhaus

mich doch schlussendlich wieder

 

 

 

 

 Umdrehungen pro Minute

 

Meine Waschmaschine macht

1000 rpm

mein Plattenspieler

33 1/3

 

Ich habe sie gekreuzt

 

Jetzt singen die Stones

keine schmutzigen Lieder mehr

und klingen

wie Micky Maus

 

 

 

 

 Wie wir sprechen würden

 

Zwei Gläser Wein goss ich uns ein

- für dich darf es ein Guter sein -

und dann hab ich mir vorgestellt

du wärst noch Teil von meiner Welt

 

Du würdest nach der Schule fragen

und ich würde wohl „Geht so“ sagen

dann würdest du mir was berichten

vermutlich seltsame Geschichten

 

Du würdest vieles wissen wollen

mir manches Lob vielleicht auch zollen

weil ich – wohl ganz in deinem Sinn –

dir nicht ein bisschen ähnlich bin

 

Du würdest warten auf ein Zeichen

bis wir uns dann die Hände reichen

und unsre eignen Wege gehn

nur wird das alles nie geschehn

 

 

 

 

 Tiergarten, 11.00 MEZ

 

Die ganze Stadt ist heut geflaggt

überall Straßensperren

Mütter die emsig ihre Brut

zur Aussichtsplattform zerren

Da stehen sie nun ratlos rum

mit Fähnchen in der Hand

was kümmert sie ein Präsident?

sie wärn lieber im Legoland

 

Die Dächer schwer bewaffnet

der Platz vorm Tor geräumt

der ganze Park bis hin zum Zoo

bewacht und eingezäunt

Der Autokorso nähert sich

ein Helikopter dröhnt

ein Tag der wohl Geschichte schreibt

heut wird sich ausgesöhnt

 

Das Militärorchester spielt

die Hymne mit sehr viel Tamtam

da werden manche Augen feucht

und Veteranen stehen stramm

Ein Grüppchen das laut protestiert

- dafür muss man sich schämen -

lässt sich doch ohne Widerstand

mal kurz in Schutzhaft nehmen

 

Dann kommt der große Augenblick

für einen ziemlich kleinen Mann

ich frage mich wie so ein Wicht

der Welt den Frieden bringen kann

Ich schüttel mich vor Lachen

man schüttelt sich die Hände

der Dolmetscher schüttelt den Kopf

und faselt was von „Wende“

 

Die Fotografen prügeln sich

das also ist nun der Moment

den man bald in der Tagesschau

ergreifend und historisch nennt

Jemand umarmt mich und er schluchzt:

„Ab heute sind wir frei“

und wenn ich einmal Enkel hab

sag ich: „Ich war dabei“

 

 

 

 

 Der Traum den du verloren hast

 

Ich bin das Glück das du verpasst

bin der Zwiespalt den du hasst

bin die Versuchung die dich lockt

und der Frevel der dich schockt

Ich bin der Weg den du nicht gehst

bin das was du nicht verstehst

ich bin ständig in dir zu Gast

ich bin der Traum den du verloren hast

 

Ich bin der Zweifel der dich quält

bin die Muse die dich beseelt

ich bin dein Zorn und deine Wut

bin dein Leib und auch dein Blut

Ich bin das Feuer in dem du brennst

bin das Ziel das du nicht kennst

ich bin ständig in dir zu Gast

ich bin der Traum den du verloren hast

 

Ich bin das Kind das du nie geboren

bin der Freund den du verloren

ich bin was immer du nicht bist

bin all das was du vermisst

ich bin was du nicht lieben kannst

bin dein Leid und deine Angst

ich bin ständig in dir zu Gast

ich bin der Traum den du verloren hast

 

Ich bin das Wort das du nicht sagst

bin die Frage die du nicht fragst

ich bin der Sommer der nie kam

bin die Kraft die man dir nahm

ich bin all das was du verfluchst

bin was du vergeblich suchst

ich bin ständig in dir zu Gast

ich bin der Traum den du verloren hast

 

Ich bin das Kind das du nie geboren

bin der Freund den du verloren

ich bin was immer du nicht bist

bin all das was du vermisst

ich bin was du nicht lieben kannst

bin dein Leid und deine Angst

ich bin ständig in dir zu Gast

ich bin der Traum den du verloren hast

 

 

 

 

 Nomaden der See

 

Es dringt ihr Lied aus windgepeitschten Kehlen

über des Meeres Weite in der Nacht

so wie die Schreie von verdammten Seelen

die ewig streben nach des Himmels Pracht

 

Wenn sie mit leichten Schwingen sich erheben

und gleiten dann vereint in einem Zug

- Gefährten die am Rand der Sterne leben -

neide ich ihnen ihren freien Flug

 

Doch ganz egal wie hoch sie dann auch steigen

am Ende kehren sie zur Erde wieder

vielleicht ja nur um meinem Blick zu zeigen:

Wer hoch empor will den zieht es nur nieder

 

Möwen – ihr seid mir so vertraute Brüder

vom eignen Stolz berauscht, unsagbar dreist

erhaben und mit glänzendem Gefieder

ein Schwarm der doch nur um sich selber kreist

 

 

 

 

 Der gute Onkel

 

Der gute Onkel meint es gut

mit allem was er sagt und tut

Er kann dir vieles zeigen

und du musst nichts als schweigen

 

Der gute Onkel meint es gut

Sei doch nicht so, ist doch nur Blut

und überhaupt, es tut ihm leid

Er kauft dir auch ein neues Kleid

 

Der gute Onkel meint es gut

Sag ihm nur nicht wie weh es tut

denn wenn er dich nicht haben kann

fasst er deine kleine Schwester an

 

 

 

 

 Kult

 

„Bukowski ist Kult“, sagt so ein Pickelgesicht

auf dem Hocker neben mir an der Bar

in einer dreckigen Pinte auf St. Pauli

zwischen diesem und dem kommenden Jahr

 

Jetzt wartet er auf Beifall der nicht kommt

und das wird ihm spätestens klar

als ich ihm freundlich erkläre

dass Bukowski ein beschissener Wichser war

 

Er starrt mich an wie ein Goldfisch auf Ecstasy

und stottert „D-D-Du das find ich sowas von daneben“

Ich nippe an meinem Heineken

und sag: „So ist es eben“

 

„Es ist spät“ sagt das Pickelgesicht

und blickt auf eine imaginäre Uhr

Ich sage: „Ich hoffe, Du Blödmann

studierst was anderes als Literatur“

 

Und den Rest der Nacht frage ich mich

wer hat wohl daran schuld

dass jemand auf die Idee kommt

Bukowski sei Kult

 

 

 

 

 Genau unter dieser Laterne

 

Sie sagen, Sie zahlen für Fakten?

Fakten hab ich mehr als genug.

Meistens fragt man nach den Nackten.

Doch dafür bin ich zu klug.

 

Sie verkneifen sich grad ein Grinsen?

Klug ist was andres als schlau.

Und nun will ich von Ihnen Zinsen.

Ob sie mich unterschätzten? Genau!

 

Genau unter dieser Laterne

stand die besagte Lilli Marleen

Ich hatte sie wirklich gerne.

Und gewiss doch: Sie war durchaus schön

 

So eine kann man schon verklären

mit Worten und mit Gesang.

Ich würde andere Leute ehren

wenn es ginge sogar lebenslang.

 

Doch das schert euch nicht, Schreiberlinge..

Ihr bastelt gern an der Legende.

Ich weiß so einige Dinge.

Vom ihrem Anfang bis zu ihrem Ende.

 

Genau unter dieser Laterne

stand die besagte Lilli Marleen

Ich hatte sie wirklich gerne.

Das wird heute keiner verstehn

 

So habt ihr nun eure Legende

sie beflügelt eure Phantasie

doch ihre fordernden Hände

die spürtet ihr nie

 

 

 

 

 Bastarde und Hurensöhne

 

Ich hatte heut den schönen Traum

die Menschheit wär erwacht

und hätte endlich radikal

total klar Schiff gemacht

 

Durch das Netz ihrer Vergeltung

ist nicht der kleinste Fisch geschlüpft

man hat die Schuldigen gefunden

und sofort aufgeknüpft

 

Es war ein guter Traum

Bastarde und Hurensöhne

an den nächsten Baum

 

All die Trader, all die Broker

all die Spekulanten

für deren Profitgier

ganze Ernten brannten

 

All die Kriegstreiber und Warlords

Waffenhändler, Diktatoren

die gekauften Lobbyisten

und ihre Mentoren

 

Es war ein guter Traum

Bastarde und Hurensöhne

an den nächsten Baum

 

Die Schmierigen, die Gierigen

Ausbeuter der Dritten Welt

das korrupte Pack von Politikern

jeder Einzelne wurde gestellt

 

Es war ein guter Traum

Bastarde und Hurensöhne

an den nächsten Baum

 

 

 

 

 Mir fällt ein Stein vom Herzen

 

Mir fällt ein Stein vom Herzen

Mir ist plötzlich so leicht

Ich wollte dich verschmerzen

und hab es nicht erreicht

 

Was ich auch tat und dachte

Was ich auch trank und trieb

Egal wie laut ich lachte

ich hatte dich zu lieb

 

Die Zeit heilt alle Wunden

Ich hab es nicht geglaubt

Doch mich nun selbst gefunden

geschüttelt und entstaubt

 

Mir fällt ein Stein vom Herzen

Ich gesteh mir Frohsinn zu

Und kann nun leichthin scherzen:

Der Stein – das warst du

 

 

 

 

 Was weiß denn schon so ein junger Mann….?

 

Mittellose Mädchen und käufliche Frauen

ziehen niemanden wirklich gern ins Vertrauen

was ich mittlerweile recht gut begreifen kann

aber was weiß denn schon so ein junger Mann?

 

Der rennt heute der Liebe so schnell hinterher

als gäbe es morgen auf der Welt keine mehr

Nur ein Narr strengt sich unnötig an

aber was weiß denn schon so ein junger Mann?

 

Der neigt zu Schwärmerei und Übertreibung

dafür gibt es manchmal kaum eine Beschreibung

Der will alles sofort anstatt irgendwann

aber was weiß denn schon so ein junger Mann?

 

Dann sucht er Trost und den sucht er bei mir

und er findet nirgendwo bessren als hier

denn ich sag ihm sodann:

Keine Sorge, auch du wirst einmal ein alter Mann

 

 

 

 

 

 Mein bleiches weiches Henkerskind

 

Es zerrt der Wind an meinem Haar

von dem nicht viel verblieben

ahnst du wie jung und schön ich war

verdorben und durchtrieben

und wie ich nur zum Zeitvertreib

mit meinen Säften protzte

dir bleibt nur dieser welke Leib

der deiner Schönheit trotzte

 

Mein bleiches weiches Henkerskind

knüpf zärtlich mir die Schlinge

und dreh den Hals um mir geschwind

wenn ich von Liebe singe

wenn ich von Liebe singe

 

Es zerrt die Zeit an meinem Sein

und wird es bald auch enden

gestehe ich doch lachend ein:

Ich mag mich gern verschwenden

auch wenn ich hier fast reglos häng

du kannst mich wohl bewegen

wenn ich mich näher zu dir dräng

dann gib mir deinen Segen

 

Mein bleiches weiches Henkerskind

knüpf zärtlich mir die Schlinge

und dreh den Hals um mir geschwind

wenn ich von Liebe singe

wenn ich von Liebe singe

 

Nun leg den Strick um mein Genick

mit weicher Hand und hartem Blick

und wenn der Fall den Hals mir bricht

dann wein um unsre Liebe nicht

 

 

 

 

 Die Stolpernden, die Fallenden

 

Manchmal da tut das Glück mir leid

weil man es ständig jagt

Es hat doch keinem was getan

es wurde nie gefragt

ob es wem was versprochen hat

das hat es sicher nicht

trotzdem zerrt man so lang daran

bis es irgendwann zerbricht

 

Die Stolpernden, die Fallenden,

die völlig Bodenlosen

die wissen wie man Glück verträgt

nämlich in kleinen Dosen

Niemand braucht es rund um die Uhr

man braucht es nicht mal täglich

denn Glück im schieren Überfluss

ist völlig unerträglich

 

Egal wie man es definiert

es ist nicht Pflicht, nicht Lohn

mitunter tarnt es sich sogar

und bleibt dann Illusion

Denn Glück ist wie ein scheues Tier

es lässt sich nicht gern fangen

erst wenn du nicht mehr danach suchst

kannst du’s vielleicht erlangen

 

Die Stolpernden, die Fallenden,

die völlig Bodenlosen

die wissen wie man Glück verträgt

nämlich in kleinen Dosen

Niemand braucht es rund um die Uhr

man braucht es nicht mal täglich

denn Glück im schieren Überfluss

ist völlig unerträglich

 

 

 

 

 Rettungssanitäter

 

Es war ein guter Job

Ich hab ihn gern betrieben

Es hat mich stolz gemacht

dass mich die Menschen lieben

 

Dem Teufel stets zu trotzen

und dass ich Leben rette

Der Showdown mit dem Tod

und danach die Zigarette

 

Ich bin berufsunfähig

und das tut ganz schön weh

Ich bin nur noch ein Wrack

Schuld ist die AFD

 

Es gab da einen Notfall

und ich war schnell vor Ort

Man fragt ja nicht nach Namen

und wischt Bedenken fort

 

Ich wollte doch nur helfen

und wer hätte schon gedacht

wie krank die Mund-zu-Mund-Beatmung

eines Arschlochs macht

 

 

 

 

 Method Acting

 

Ich hab mich der Liebe genähert

von allen erdenklichen Seiten

um mich so gut es geht

auf sie vorzubereiten

 

und als ich glaubte ich wäre perfekt

- oder wenigstens beinah gewesen -

habe ich leider - zu spät - entdeckt :

Ich hab das Drehbuch gar nicht gelesen

 

 

 

Urheberrecht

 

Rein rechtlich betrachtet

sollten Sie es nicht wagen

- ja nicht einmal daran denken -

Gott zu verklagen

denn er hat auf Ihr Leben

ob nun gut oder schlecht

ganz ohne Zweifel

das Urheberrecht

 

Auf Berge und Täler

auf Meere und Bäume

auf Hoffnung und Wut

und auf Ihre Träume

egal ob man wach ist

oder ob man pennt

Gott hat auf alles

ein Patent

 

Und wir hätten

mit ziemlicher Sicherheit

auch ein Problem

mit der Zuständigkeit

und Prozesskostenhilfe

die gibt es nicht

auch nicht auf Antrag

beim Jüngsten Gericht

 

Überdenken Sie bitte

noch einmal die Lage

ich mein es nur gut

wenn ich Ihnen sage

Gott hat auf Ihr Dasein

ob nun gut oder schlecht

ganz ohne Frage

das Urheberrecht

 

 

 

 

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