So leicht legt man keinen Irren um

 

Franky hat sich einen Tripper geholt

und schluckt jetzt Penicillin

das hat er der Schlampe von gegenüber

in zehn Jahren noch nicht verziehn

Ich sag: „Wichs lieber Alter

das ist nicht so gefährlich

und außerdem, wer außer dir selbst

meint es schon mit dir ehrlich?“

 

Franky hält mich jetzt für einen Guru

und meint ich solle Unterricht geben

wo ich die Jugend erleuchte

für ein erfüllteres Leben

Er würde den Manager machen

das wär allemal besser als Büro

er verschwindet vor meiner Antwort

für drei Stunden auf dem Klo

 

Franky muss jetzt ständig kacken

liegt wohl an dem Penicillin

das hat er der Schlampe von gegenüber

in zwanzig Jahren noch nicht verziehn

Ich rate ihm zu Haferschleim

und hau mir eine Pizza rein

das wird mir Franky ganz sicher

in dreißig Jahren noch nicht verzeihn

 

 

 

 

 Als die Windräder in den Krieg zogen

 

Die Windräder haben eines Tages gedacht

„Ab heute sind wir Soldaten“

In Zweierreihen zogen sie in die Schlacht

als könnten sie es kaum erwarten

 

dem Feind wer immer das nun auch sei

endlich gegenüber zu stehen

um ihn noch ehe der Tag vorbei

vom Antlitz der Erde zu wehen

 

Der Plan war im Grunde ja auch nicht verkehrt

doch wie Feinde leider so sind

war denen das alles den Aufwand nicht wert

sie sagten nur: „Macht nicht so viel Wind“

 

 

 

 

 Synonym

 

Körperertüchtigung für Fette

ist nicht das gleiche wie

Breitensport

 

 

 

 

 Interessant

 

Juliane findet meine Texte interessant

Da liegt es doch wohl auf der Hand:

Ich finde Juliane interessant

 

So gibt dann ein das andere

und keiner gibt es zu

Sie fragt verlegen: Ich ?

Ich sag verlegen: Du

 

Andere zerreden zu leicht die Ästhetik

schieben es auf die Genetik

und manche auf das Wetter

Poesie eignet sich nie als Lebensretter

 

Juliane mag jetzt Boygroups

Ich sehne mich nach Groupies

Dafür stellt man uns sicher irgendwann vor Gericht

Jeder bekommt was er verdient

Wie maßlos ist Verzicht?

 

Manches hält

manches zerbricht

so interessant sind Juliane

und meine Texte nicht

 

 

 

 

 Golgatha

 

Kein Morgen der dem Morgen glich

an dem die Welt mich sterben sah

kein Wort das meinem Schmerz gerecht

als soviel Unrecht mir geschah

Oh Vater warum hast du mich verlassen

du lehrtest mich zu lieben, nicht zu hassen

du lehrtest mich zu sprechen

wo jede Stimme schwieg

als sei mein Leid dein Sieg

an jenem Tage in Golgatha

 

Die Dornenkrone, welch ein Hohn

für deinen dir ergebnen Sohn

ich kam als König, ging als Mann

so sah ich mich von Anfang an

und nicht erst in Golgatha

 

Maria Magdalena

wie seltsam es doch scheint

dass einzig du allein

vor meinem Tode schon um mich geweint

im Hause Simon

 

Die Sünden die ich dir vergab

der Glaube der mit mir verstarb

das Wissen und die Pein

nie so vollkommen rein zu sein

wie deine Liebe

 

Dass ich nun heut in deinem Sinn

erwacht und auferstanden bin

und niemand der sich gläubig nennt

den Klang noch meiner Stimme kennt

nur du allein Maria – meine Liebe

 

Als ich ans Kreuz genagelt war

und keinen Freund mehr um mich sah

als selbst mein Vater mich verließ

warst du mein Weg ins Paradies

an jenem Morgen in Golgatha

 

Dein liebend Herz

geleitet mich

jetzt da ich wenig königlich

jetzt da ich Mensch sein kann und Mann

sieh nicht empor – sieh mich nur an

ich bin dir gleich

Maria

geliebte Sünderin

 

 

 

 

 Flügellahm

 

Die Vergleiche hinken

hinken durch mein Haus

poltern, stolpern, fallen

mit der Tür hinaus

 

flügellahm doch furchtlos

stehen sie Spalier

und geh ich hindurch

applaudiern sie mir

 

Die Vergleiche hinken

hinken zart und fein

ich bind solche Klötze

mir ganz gern ans Bein

 

 

 

 

 Freaks wie wir

 

Du siehst in ihren Blicken was man von dir denkt

und bist doch froh dass jemand dir Beachtung schenkt

denn dass dich jemand sieht war dir bisher nicht klar

du dachtest immer du wärst völlig unsichtbar

Dein Daddy hat dir eine Therapie bezahlt

da hast du jeden Tag ein neues Bild gemalt

leider fand er sie wären ziemlich krank

drum liegen sie versteckt in seinem Kleiderschrank

 

Ich lauf den ganzen Tag verträumt und stumm

mit einem leeren Tagebuch im Kreis herum

und bleib dabei genauso unbeschrieben

es ist nur folgerichtig dass wir zwei uns lieben

 

Freaks wie wir die geben auf sich acht

damit das Leben sie bloß nicht gewöhnlich macht

sie trotzen der Vernunft wenn’s sein muss mit Gewalt

und sind einander Licht und Halt

 

Ich glaub Realität findet nicht wirklich statt

sie ist nur ein Begriff auf meinem Krankenblatt

der dort genauso unbestimmbar bleibt

wie die Tabletten die man mir verschreibt

Die Welt besteht aus Mustern die man erst erkennt

wenn sie der Blick beständig in die Netzhaut brennt

wo alles sich neu ordnet und zerfließt

wenn man für einen Augenblick die Augen schließt

 

Du fängst manchmal die Schatten an der Wand

allein durch eine Geste deiner Hand

die Kälte wird dadurch ganz einfach fortgetrieben

es ist nur folgerichtig dass wir zwei uns lieben

 

Freaks wie wir die geben auf sich acht

damit das Leben sie bloß nicht gewöhnlich macht

sie trotzen der Vernunft wenn’s sein muss mit Gewalt

und sind einander Licht und Halt

 

 

 

 

 Was Gott wenn ich nicht wäre?

 

Was Gott wenn ich nicht wäre?

Wenn ich das Leben vermied?

Machte es einen Unterschied?

Reichte es dir nicht zur Ehre?

 

Was Gott wenn ich nicht wäre?

Gäbe es einen Ersatz?

Nähme jemand dann meinen Platz?

Oder wäre dort nur Leere?

 

 

 

 

 Lublin

 

Die verstörten Augen

unschuldig groß

begraben in Mutters

staubigem Schoß

In der Hand eine Puppe

und Wladimir spricht:

"Was auch immer geschieht

macht hier unten kein Licht"

 

Die Mauern knirschen

Putz fällt herab

Hanna kauert im Dreck

und die Luft wird zu knapp

Ihre Hand hält die Puppe

niemand sonst ist mehr da

und sie ruft in das Dunkel:

"Wo bist du Mama?"

 

Zwei Wochen später

gräbt man sie aus

und ein deutscher Soldat

findet die Puppe

und nimmt sie mit nach Haus

 

 

 

 

 Schmetterlinge im Schnee

 

Mir tränen die Augen? Was du nicht sagst

Keine Sorge es ist nur der Rauch

Sehr aufmerksam, danke – nett dass du fragst

Ob ich dich...? Noch immer? Doch...auch

 

Komm wir spielen ein Spiel

sag mir was ich seh

halt die Augen dir zu

zähl bis zehn und dann geh

 

Da liegen Schmetterlinge im Schnee

und mein Herz ist ein einsamer Reiter

Mir brennt das Gesicht. Wir zwei? Lieber nicht.

Der Weg führt bis hier und nicht weiter

 

 

 

 

 Angebot und Nachfrage

 

Wir züchten kleine Hitlers.

Die sind wirklich ganz niedlich.

Vielleicht für ihren Garten?

Auf Wunsch auch völlig friedlich.

 

Ob arrogant und eitel.

Sensibel oder zart.

Na klar, mit Seitenscheitel

und Oberlippenbart.

 

Die können schön marschieren.

Bis zum Wadenkrampf.

Und jede Zeile rezitieren

aus: Mein Kampf.

 

Wir züchten kleine Hitlers.

Im Dutzend gibt’s Rabatt

denn es wäre doch traurig

wenn jemand keinen hat.

 

Werben sie ihre Freunde.

Verschenken sie ein paar.

Ein jeder gute Deutsche

verdient ein Exemplar.

 

Auch Freunde aus dem Ausland

leiden hier keine Not.

Wir haben Putin, Kim und Erdogan

im Sonderangebot.

 

Wir züchten kleine Hitlers.

Biologisch abbaubar.

Nun sagen sie mal selbst:

Ist das nicht wunderbar?

 

 

 

 

 Du bist all die Fremden

 

Wir haben viel Zeit miteinander verbracht

du hast mich oft an den Rand des Wahnsinns gebracht

da ist vieles was ich dir niemals verzeih

du bist noch Teil meines Lebens – doch ich bin von dir frei

Du hast mich klein gemacht um selbst größer zu scheinen

deine Ignoranz brachte mich oft zum Weinen

ich hab so lang versucht das Gute in dir zu sehen

doch mein Herz begann längst eigene Wege zu gehen

 

Du bist all die Fremden

die nur Schattenrisse sind

die am Rand des Bildes bleiben

Irrwege im Labyrinth

Du bist all die Fremden

die nur blenden und sich häuten

die mir Narben hinterließen

und mir längst nichts mehr bedeuten

 

Ich hab mir Mühe gegeben um dich zu ergründen

doch da war nichts von Wert für mich zu finden

ich hab mich traurig in eine Ecke verkrochen

und vieles in mir ist in den Jahren zerbrochen

Du hieltest mich immer wie einen Hund an der Leine

doch ich bin nicht so wehrlos wie ich dir erscheine

ich kämpf nicht mehr um uns, ich kämpf nur noch für mich

denn in deiner Welt dreht sich doch nur alles um dich

 

Du bist all die Fremden

die nur Schattenrisse sind

die am Rand des Bildes bleiben

Irrwege im Labyrinth

Du bist all die Fremden

die nur blenden und sich häuten

die mir Narben hinterließen

und mir längst nichts mehr bedeuten

 

Ich hab am Anfang viel zu viel in dir gesehen

wollte dir nur gefallen und dich verstehen

doch all die Mühe und Liebe war so vergebens

doch ich hasse dich nicht – du bist noch Teil meines Lebens

 

Du bist all die Fremden

die nur Schattenrisse sind

die am Rand des Bildes bleiben

Irrwege im Labyrinth

Du bist all die Fremden

die nur blenden und sich häuten

die mir Narben hinterließen

und mir längst nichts mehr bedeuten

 

 

 

 

 Gott ist ein Laptop

 

Zuckerberg, Dell und Jobs

die drei Weisen aus dem Abendland

durchquerten die Wüste der Unwissenheit

und führten uns in das Heilige Land

 

Wir wurden online erleuchtet

lebendig sein heißt eingeloggt

und Bill Gates hat uns Jüngern

die zehn Gebote gebloggt

 

Das Orakel von Delphi heißt Google

was immer man liest es ist wahr

und Gott ist ein Laptop,

Gott ist ein Smartphone

und das Internet ist der Altar

 

Die ganze Welt ist ein Netzwerk

das virtuell erzittert

bis auch der letzte Zweifler

endlich facebooked und twittert

 

Wir beten täglich zur Firewall

dass uns kein Virus befällt

und das Apple im Garten Eden

die Kontrolle behält

 

Das Orakel von Delphi heißt Google

was immer man liest es ist wahr

und Gott ist ein Laptop,

Gott ist ein Smartphone

und das Internet ist der Altar

 

 

 

 

 Verwildert

 

Trag mich nicht mehr in deinen Gedanken

ich bin es nicht wert – du liebst dich kaputt

ich kann dir die Zeit deiner Treue nicht danken

alles zerfällt – es bleibt nur der Schutt

Klammer dich nicht an Erinnerungsfetzen

richte dich auf und komm von mir los

ich würde dich nur immer wieder verletzen

stell dich vor mir niemals mehr selber bloß

 

Denn ich bin verwildert – im Herz, in der Seele

ich hab keinen Anstand – kenne keine Moral

ich hab es satt dass ich dich so sehr quäle

warum triffst du nicht eine bessere Wahl

 

Versuch mich nicht mehr in dein Weltbild zu rücken

mir war dieser Rahmen von jeher zu klein

warum nur baust du mir immer noch Brücken

gesteh dir die Nutzlosigkeit endlich ein

Verweiger dich nicht meinem letzten Geständnis

ich will von dir keine Absolution

geh einfach dahin – akzeptier mein Bekenntnis

und erwarte von mir keinen besseren Lohn

 

Denn ich bin verwildert – im Herz, in der Seele

ich hab keinen Anstand – kenne keine Moral

ich hab es satt dass ich dich so sehr quäle

warum triffst du nicht eine andere Wahl

 

 

 

 

 Schande des Dschungels

 

Es gibt da so einen Politiker

zu dem fällt mir spontan ein:

Man muss nicht Tarzan heißen

um König der Affen zu sein

 

 

 

 

 Schulmedizin

 

Sie versprechen dir Heilung und ein langes Leben

neue Organe wollen sie dir geben

es kostet dich nichts als eine Unterschrift

und schon trinkst Du Satans Gift

Ich weiß keiner von uns kommt wirklich davon

in den Händen der Hure von Babylon

wir sind schmutzig und unrein und ohne Gewissen

und ich lege dir eine Rose aufs Kissen

 

dann geh ich hinaus in den blutroten Morgen

um Zigaretten und Benzin zu besorgen

und ich kehre nicht um, ich spiele das Spiel

so sind die Regeln, so lautet der Deal

 

Schulmedizin darauf kannst du wetten

kann deinen Arsch vor der Hölle nicht retten

wir sind einfach dran, wir sind viel zu alt

unser Blut ist längst kalt

 

Du weißt daß alle Straßen in der Wüste enden

wo schöne Gaukler deine müden Augen blenden

und jemand kam den langen Weg von Nazareth

und wacht die ganze Nacht an deinem Totenbett

Ich weiß keiner von uns kann diesem Ort entfliehn

wo uns die Schatten gierig ins Verderben ziehn

wir waren dumm, wir haben es ja so gewollt

nun bleiben uns nichts weiter als die Rose und der Colt

 

dann gehn wir dahin wo uns niemand helfen kann

dort fängt die Zeit des Leidens und des Feuers an

und ganz egal wie sehr wir um Erlösung flehn

wir werden niemals mehr das Licht des Himmels sehn

 

 

 

 

 Anna Schmidt

 

Ich kannte sie noch als Anna Schmidt

Heute nennt sie sich Chantal

Mit sehr weich gesprochenen A’s

und ein klein wenig Hall

 

Sie ist im Internet sehr präsent

Dort hab ich sie wiedergefunden

Sie ist gesprächiger als damals in der Schule

50 Euro für knapp zwei Stunden

 

 

 

 

 Vor Verdun

 

Sie liegen vereint im Schützengraben

das Sturmgewehr in der Hand

sie sprechen nicht von der Angst die sie haben

Sie rufen: „Fürs Vaterland!“

 

Sie sind Söhne und sie sind Väter

die man in der Heimat vermisst

sie sind Opfer und sie sind Täter

wer weiß schon genau was er ist?

 

Mancher Leiche, behangen mit Orden,

rinnt noch das Blut aus dem Mund

und wie immer wenn Völker sich morden

weiß hinterher keiner den Grund

 

 

 

 

 Im Wattenmeer

 

Es ist als würd sich die Natur verneigen

vor ihrem Schöpfer zur Erinnerung

die Wasser die dort sinken und dort steigen

von dieser hin zu jener Dämmerung

 

vermitteln uns ein flüchtiges Verstehen

vom Kreislauf den das Leben für uns schreibt

ein permanentes Kommen oder Gehen

es gibt nichts was jemals beständig bleibt

 

 

 

 

 Hölderlin

 

Hölderlin, du wilder Sohn der Sterne

ewig wirst du unvergessen sein

dein war das Geschenk der wirren Ferne

diese Welt war deinem Geist zu klein

 

Hölderlin, du Hüter dunkler Flammen

edler Sohn von mäßigem Geschlecht

es zählt nicht woher die Menschen stammen

Freiheit ist ihr höchstes Gut und Recht

 

Hölderlin, du König ohne Krone

unverstanden doch zutiefst verehrt

nimm von mir nun dies Gedicht zum Lohne

wer nach dem Höchsten strebt lebt nicht verkehrt

 

                                                                     Friedrich Hölderlin

                                                                                 *20.03.1770 - †07.06.1843

 

 

 

 

 Sterbebett

 

Lächelnd dankt sie der Lüge

die mein Mund ihr bringt

doch weiß sie um die Wahrheit wohl

wenn erst ihr Blick in meinen sinkt

 

und draußen singen Nachtigallen

das kann selbst heute ihr gefallen

wo sie darauf wartet

dass ihr eignes Lied verklingt

 

 

 

 

 Schuldig

 

Ich bin schuldig

ich möchte mich nicht verteidigen

ihre Intelligenz nicht beleidigen

ich bin so schuldig dass es mir schon fast

im Gesicht geschrieben steht

ich bin schuldig

so schuldig wie es nur irgend geht

 

Ich bin schuldig des Hochmuts

und der Völlerei

auch von Wollust und Neid

spreche ich mich nicht frei

ich bin schuldig

so schuldig wie es nur geht

 

Auch Faulheit und Geiz

hatten stets ihren Reiz

und mein Zorn

war enorm

ich bin schuldig

so schuldig wie es nur geht

 

Ich hab jede Sünde

mehrfach begangen

und in vollem Bewusstsein

damit angefangen

ich bin schuldig

so schuldig wie es nur geht

 

Und so beug ich mein Haupt

Hohes Gericht

aber bitte vergessen Sie nicht

welch mildernder Umstand

trotz allem noch für mich spricht

 

Ich war schuldig

und zwar zu jeder Zeit

auch der Liebe

und der Menschlichkeit

 

 

 

 

 Wildgänse

 

Ein grauer Schleier über grauen Häusern.

Die Landschaft wirkt fast wie ein Aquarell.

In Wäschekörben stapelt sich der Alltag.

Der Himmel wird nie wirklich richtig hell.

 

Auf Höfen hausen drei Generationen.

So tief verwurzelt mit dem kargen Land.

Die Köpfe tief gesenkt vor den Ikonen

beten sie um den Mut zum Widerstand.

 

Sie würden eher einem Zaren dienen

als diesem so verhassten Mann

für dessen Schuld sie hart und bitter sühnen

und der dem Land nur Feuer bringen kann.

 

Die Wildgänse sind alle fortgeflogen.

Die Taiga liegt im stillen Abendschein.

Ein Kind, um seine Zukunft längst betrogen,

schläft sanft zu Balalaikaklängen ein.

 

 

 

 

 Eden brennt

 

Die Harley-Madonna öffnet ihr Haar

nur an diesem besonderen Tag im Jahr

dann sammeln sich die Soldaten am Fluss

und kämpfen um einen Kuss

Sie wirft eine blutrote Rose ins Wasser

der Himmel wird schwarz, doch der Mond wird blasser

ein Wanderer schreitet durchs steinige Tal

und die Kinderprinzessin weint wieder einmal

 

Ein Balg des Teufels im Feuer geboren

wer es nur ansieht ist für immer verloren

es nimmt seine Mutter zur Braut

und saugt ihr das Blut aus der Haut

 

Und der Narr haucht es jedem ins Ohr den er kennt:

„Eden brennt“

 

Entweihte Priester liegen erschlagen

für die Geier bereit in den eisigen Tagen

und hundert Galgen am Wegesrand

weisen den Weg ins Niemandsland

Der Wanderer klettert über die Leichen

und kann doch niemals das Ufer erreichen

wo die Madonna sich lachend entblößt:

„Komm in mich dann wirst du erlöst“

 

Und das Balg des Teufels wächst und gedeiht

im Zeichen der Schlange spürt es seine Zeit

es tötet die Mutter, es braucht sie nicht mehr

es hat stattdessen längst ein eigenes Heer

 

Und der Narr haucht es jedem ins Ohr den er kennt :

„Eden brennt“

 

Der Schlächter führt die Armee der Hölle

durch die Länder der Welt wie eine blutige Welle

und die Kinderprinzessin in ihrem Palast

wird von unvorstellbarer Kälte erfasst

Nur der Wanderer steht zwischen ihr und dem Grauen

wie lang kann sie auf seine Kraft noch vertrauen

er kniet vor ihr nieder „Herrin segnet mein Schwert

Euer Leben ist mir tausend Tode wert“

 

Und der Narr lacht dem Schlächter ins Ohr:

„Seht Euch vor“

 

 

 

 

Die Gewissheit der Liebe

 

Ich weiß von Mut, von Hoffnung und Glauben

und von der Suche nach dem ewigen Licht

die Dummheit der Menschen mag mir vieles rauben

die Gewissheit der Liebe raubt sie mir nicht

 

 

 

 

 Finde mich

 

Finde mich wenn ich in leichten Schuhen

zwischen windbewegten Gräsern lauf

und am Kiosk wo die Fischer sitzen

etwas Brot und Zigaretten kauf

Wenn ich mich dann in die Dünen lege

bis das Sonnenlicht die Fluten küsst

ist das Glück für mich beinah vollkommen

es fehlt jetzt nur noch dass du bei mir bist

 

Finde mich wenn ich im Beiboot schlafe

sanft geschaukelt von dem Wellenspiel

mit dem warmen Wind in meinen Haaren

und dem Mondlicht westwärts überm Kiel

Wenn ich meinem eignen Herzschlag lausche

bis die Zeit mich in der Welt vergisst

ist die Freiheit unvermutet greifbar

es fehlt jetzt nur noch dass du bei mir bist

 

Finde mich bevor ich mich verliere

solange ich noch unvollkommen bin

presse deinen Mund auf meine Lippen

und gib dich haltlos meiner Sehnsucht hin

Finde mich und halt mich fest für immer

fang mit mir ein neues Leben an

liebe mich als gäbe es kein morgen

finde mich – weil niemand sonst es kann

 

Finde mich wenn ich den Schienen folge

ohne Pläne für den nächsten Tag

und die Leute meinen Anblick meiden

weil ich keinen feinen Anzug trag

Wenn der Schlamm der aufgeweichten Pfade

die zerschlissnen Wanderstiefel frisst

weiß ich dass ich keinem etwas schulde

es fehlt jetzt nur noch dass du bei mir bist

 

Finde mich bevor ich mich verliere

solange ich noch unvollkommen bin

presse deinen Mund auf meine Lippen

und gib dich haltlos meiner Sehnsucht hin

Finde mich und halt mich fest für immer

fang mit mir ein neues Leben an

liebe mich als gäbe es kein morgen

finde mich – weil niemand sonst es kann

 

 

 

 

 Mach es weg

 

Der möblierte Herr

hat mich angefasst

und dann…

dann hat er nicht aufgepasst

 

So ein Dreck!

Und jetzt sagt er:

Mach es weg

 

Ich wollt es Mama sagen

doch er sagt: Sei still

Er fragt mich nicht

was ich denn will

 

So ein Dreck!

Er sagt nur:

Mach es weg

 

Er gibt mir Geld

und eine Adresse

und sagt er schlägt mich

wenn ich ihn erpresse

 

So ein Dreck!

Ich behalt es, Du Arsch

Geh weg!

 

 

 

 

 Erstschlagserklärung

 

„Ich bitte Sie“ sagt der Minister

und wird dabei nahezu intim

„so ein Erstschlag hat auch was Gutes

und ist durchaus legitim

 

Weil Angriff die beste Verteidigung ist

und damit das Öl auch morgen noch fließt

es gibt tausend Gründe

und unsere Kinder

werden uns irgendwann danken

- beim Tanken“

 

 

 

 

 Britta

 

Ein Foto von Hilde Meier

im Rucksack der Heilsarmee

ich lief in Richtung Cuxhaven

und auf den Dünen lag Schnee

Vergaß die Kühe zu melken

und meiner Mutter zu schreiben

ich wollte nur noch vergessen

und möglichst unerkannt bleiben

 

Ein halb erfrorener Engel

saß zitternd am Straßenrand

ich pflückte ihm eine Blume

da ist er mir nachgerannt

 

Britta - teilte meine Zeit

und ihre Zigaretten

wir schliefen warm und weich

auf moosbedeckten Betten

ich und Britta

Britta - teilte meinen Weg

und ihre Illusionen

wir träumten oft davon

an einem Strand zu wohnen

ich und Britta

 

Ein Foto von Hilde Meier

treibt im Nordostseekanal

ich hab sie lang schon vergessen

ihr Blondschopf ist mir egal

An Mutter denke ich manchmal

doch zugegeben nicht oft

sie hockt jetzt sicher vorm Ofen

und hat auf Nachricht gehofft

 

Ein glücklich lächelnder Engel

läuft singend neben mir her

wir zwei sind Freunde geworden

auf unsrem Weg Richtung Meer

 

Britta - teilte meine Zeit

und ihre Zigaretten

wir schliefen warm und weich

auf moosbedeckten Betten

ich und Britta

Britta - teilte meinen Weg

und ihre Illusionen

wir träumten oft davon

an einem Strand zu wohnen

ich und Britta

 

 

 

 

 Der gute Neger

 

Gespräche im Stadion

oder am Tresen

sind immer schon

sehr erhellend gewesen

 

Man hört von der Empörung

über offene Grenzen

und von den Bimbos

mit riesigen Schwänzen

 

Doch ein Rassist

greift vermittelnd ein

denn der gute Neger

spielt für ihren Verein

 

 

 

 

 Hippokrates

 

Einst haben die Herren Doktoren geschworen

zunächst die Menschen zu heilen

bevor sie zum Golfplatz enteilen

 

doch das Handicap bei Kassenpatienten

verläuft linear zum Verfall der Renten

und der dreieinhalbfache Satz

gehört auf die Rechnung

und nicht auf den Platz

 

also hat man sich mal eben besprochen

und den Eid dann eilig gebrochen

und in ihrer Erklärung konnte man lesen:

Hippokrates ist halt kein Golfer gewesen

 

 

 

 

 Zwei Dicke auf der Brücke

 

Zwei Dicke auf der Brücke

von Angesicht zu Angesicht

sie fanden keine Lücke

und weichen wollten beide nicht

 

Der eine sprach: "Ich kam vor dir"

Der andre sprach: "Nein, ich"

So standen beide lange hier

und schimpften fürchterlich

 

Unter hinter ihnen war es laut

weil eine Menschenmenge

sich bis weit an die Ufer staut

in furchtbarem Gedränge

 

Zwei Dicke in der Mitte

anstatt nun nachzugeben

haben sie sich gestritten

wie’s oftmals ist im Leben

 

Keiner wich einen Meter weit

man spuckte, fluchte - boxte auch

und rieb sich eine lange Zeit

dort Aug in Aug und Bauch an Bauch

 

Zwei Dicke auf der Brücke

von Angesicht zu Angesicht

sie fanden keine Lücke

und weichen wollten beide nicht

 

Und dass sie heut dort nicht mehr stehn

liegt an der Schwerkraft Tücke:

Der Klügere gibt schließlich nach

In diesem Fall: Die Brücke

 

 

 

 

 Vor dem Fenster

 

Vor dem Fenster klopft der Regen

und es weht ein harter Wind

wie soll ich zum Schlaf mich legen

ohne Wissen um mein Kind?

 

In der Fremde seit drei Jahren

trägt es Stahlhelm und Gewehr

und was ich seitdem erfahren

macht mir meine Träume schwer

 

Ward fürs Leben doch geboren

und von äußerst sanfter Art

heut kauert es halb erfroren

irgendwo bei Stalingrad

 

Vor dem Fenster klopft der Regen

und es weht ein harter Wind

wie soll ich zum Schlaf mich legen

ohne Wissen um mein Kind?

 

 

 

 

 Der Steiger

 

Du und dieser Berg – fast ein Leben

und Liebe ist es ganz sicher nicht

oft warst du nah dran aufzugeben

doch treu erfüllst du deine Pflicht

 

Du kennst jeden Balken im Stollen

und kommen die Männer herab

weil sie müssen, nicht weil sie wollen

klingt das wie Gelächter im Grab

 

Dieser Berg hat eine Seele

doch vor andren gibst du das nicht zu

manchmal wird dir eng in der Kehle

und er raubt dir Willen und Ruh

 

Längst wächst er auch in deinen Lungen

klaglos hast du das akzeptiert

er wurde von dir nie bezwungen

er hat dich nur akzeptiert

 

 

 

 

 21 Gramm

 

Ein Wissenschaftler hat festgestellt

die Seele wiegt 21 Gramm

ich denke an Auschwitz und Buchenwald

an Verdun und an Vietnam

Die Erde müsste so leicht sein

dass sie die Umlaufbahn verlässt

Wohin also gehen die Seelen?

Oder besser: Was hält sie hier fest?


 

 

Anmerkung des Autors:

1901 wog der amerikanische Wissenschaftler

Duncan MacDougall sechs sterbende Patienten

und stellte fest, dass der Gewichtsverlust

zwischen den lebendigen und den toten

Patienten 21 Gramm betrug.

MacDougall folgerte, dass dies das Gewicht

der Seele sein müsse. Er vergiftete später

fünfzehn Hunde und stellte bei ihnen keinen

Gewichtsverlust fest. Er glaubte deshalb, dass

Hunde keine Seele besäßen.

 

 

 

 

 Lothringen

 

Immer wenn die Geschichte nach Ehrfurcht verlangt

verspüre ich so ein Zittern

und ich hab tausendfach den Tabletten gedankt

wie leicht wär es sonst zu verbittern

 

angesichts dieser Felder im Wind

wo sie noch immer jener gedachten

die vor Vaterlandsstolz so völlig blind

bereit waren einander zu schlachten

 

Hier schlugen sie sich die Schädel ein

zwei Völker die Hölderlin lesen

und auch Meister Heine hat hier einen Schrein

vergangen ist längst was gewesen

 

Doch immer noch lässt die Angst mich nicht los

die Angst vor dem ewigen Schweigen

vielleicht reicht ein Gedanke doch bloß

den Verdammten aus den Gräbern zu steigen

 

 

 

 

 Kilometerstein dreizehn

 

Spätsommer in den Wiesen

es glitzert Morgentau

in jenen Paradiesen

auf die ich achtlos schau

während der Hänger rollt

und mein Vater spricht

„Das hab ich nicht gewollt“

doch ich hör ihn nicht

 

Und da ist nichts was uns verbindet

auf dem endlos grauen Band

und der trostlos langen Reise

durch ein unerforschtes Land

 

Kilometerstein dreizehn

dreizehn – so wie ich

davor steht die Welt still

dahinter dreht sie sich

und die Träne im Auge

kommt nur vom Wind

denn ich glaube

ich bin vieles – nur kein Kind

 

Die Schmetterlinge fliegen

überall blüht der Raps

und Vater sagt: „Wir kriegen

bei Kutte einen Schnaps“

Das Geld ist längst versoffen

der Tank ist beinah leer

uns bleibt nur noch das Hoffen

ihm auf den Tod, mir auf das Meer

 

Und da ist nichts was uns verbindet

auf dem endlos grauen Band

und der trostlos langen Reise

durch ein unerforschtes Land

 

Kilometerstein dreizehn

dreizehn – so wie ich

davor steht die Welt still

dahinter dreht sie sich

und die Träne im Auge

kommt nur vom Wind

denn ich glaube

ich bin vieles – nur kein Kind

 

In der Frontscheibe spiegelt

sich ein müdes Gesicht

es nannte mich Sohn

doch ich kannte es nicht

Es war mir so fremd

wie die Straße voraus

und es fährt in den Tod

doch ich steig vorher aus

 

Kilometerstein dreizehn

dreizehn – so wie ich

davor steht die Welt still

dahinter dreht sie sich

und die Träne im Auge

kommt nur vom Wind

denn ich glaube

ich bin vieles – nur kein Kind

 

 

 

 

 Glück

 

Ein Mann zeigt sich von seiner besten Seite

- sehr einfach wenn man reichlich davon hat -

die Frau jedoch sucht kurzerhand das Weite

das Wunder findet also heut nicht statt

 

Ich bin ein Schuft weil ich im Stillen jubiliere

ja ich missgönnte ihm von Herzen diesen Fang

weiß nicht ob ich mein Glück bei ihr probiere

zunächst jedoch sag ich dem Schicksal Dank

 

So nah – so dicht – so beinah beieinander

wir drei an diesem Tisch – dem guten Stück

der Augen Blicke kreisten umeinander

und fanden etwas herrenloses Glück

 

Ein Glück das sich vom nahen Tresen neigte

uns neckte, rief und lockte zuckersüß

das sich recht vorteilhaft ganz unumwunden zeigte

und uns dann völlig unverhofft verließ

 

Die Dame fort und der Galan betroffen

die Gläser leer – und das Gefühl vertraut

ich nehme teil an seinem klammen Hoffen

dass man dem Glück erneut ins Auge schaut

 

Vielleicht schon morgen hier an diesem Tische

kann´s sein dass es uns wieder sehr bewegt

wir werden weiter zappeln wie die Fische

wenn uns die Gunst der Stunde sanft erschlägt

 

 

 

 

 Komm vorbei

 

Komm vorbei wenn der Sommer nicht mehr kommt

komm vorbei, denn einer muss ja kommen

komm vorbei und denk dir nichts dabei

ich hab die Tabletten pünktlich eingenommen

 

Komm vorbei und bleib nicht draußen stehen

komm vorbei, du liegst mir auf der Seele

komm vorbei und denk dir nichts dabei

wenn ich wieder mal den gleichen Mist erzähle

 

Komm vorbei und frag nicht deinen Anwalt

komm vorbei und spuck mir ins Gesicht

komm vorbei und denk dir nichts dabei

ganz so schlecht war es mit uns doch nicht

 

 

 

 

 Unterbodenschutz

 

Blasser Mann im schwarzen Wagen

die Musik kaum zu ertragen

die Antenne rollt sich ein

und lässt ihn im Nichts allein

 

Die Düsen sprühn

das Wachs tropft flach

von irgendwo

aufs Autodach

 

Kein Wasserspiel

kein Frühlingsputz

er braucht nur Unterbodenschutz

kein Farbentraum

kein Sonntagsschmutz

sondern nur Unterbodenschutz

 

Ein Band rollt los

das Auto auch

und Wasser schießt

quer aus dem Schlauch

Es trommelt laut

ein nasser Schwall

verdeckt den Blick

nach überall

 

Der Mann lacht laut

und sieht nicht hin

er fühlt sich feucht

so mittendrin

 

Kein Wasserspiel

kein Frühlingsputz

er braucht nur Unterbodenschutz

kein Farbentraum

kein Sonntagsschmutz

sondern nur Unterbodenschutz

 

Waschparadies

verwunschener Ort

wasch mich nicht weg

spül mich nur fort

 

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