Rein theoretisch
Ich stand in der Milchbar
ganz nah neben dir
hauchte in dein Ohr:
„Sag bloß hier gibt’s kein Bier?“
Du hast mich angesehen
als käme ich vom Mars
dann bist du rausgegangen
ich dachte schon das wars
Ich lief dir hinterher
da hast du dich beschwert
und mir deinen Standpunkt
sehr ausführlich erklärt
„Rein theoretisch
sind wir sehr verschieden
rein theoretisch
werd ich dich nie lieben
Rein theoretisch
kann ich dich nicht leiden
rein theoretisch
wird das auch so bleiben“
Ich stand da wie ein Trottel
kannte mich nicht mehr aus
bei dir und in der Gegend
ging deshalb nicht nach Haus
So leicht geb ich nicht auf
den Wunsch nach Bier und dir
ich hab dich vollgequatscht
bis morgens um halb vier
Ich lief dir hinterher
du hast dich nicht gewehrt
doch mir deinen Standpunkt
nochmal genau erklärt
„Rein theoretisch
sind wir sehr verschieden
rein theoretisch
werd ich dich nie lieben
Rein theoretisch
kann ich dich nicht leiden
rein theoretisch
wird das auch so bleiben“
Ich sagte: „Rein theoretisch
bin ich schön, reich und athletisch
und das Ebenbild von Supermann
aber praktisch gesehen bete ich dich an“
Da klappte dir die Klappe zu
doch nach einer Weile sagtest du:
„Rein theoretisch
sind wir nicht verschieden
rein theoretisch
könnte ich dich lieben
Rein theoretisch
finde ich dich nett
praktisch betrachtet
darfst du mit in mein Bett“
Unerreichbar (Nur ein andres Wort für Sehnsucht)
Unerreichbar aber da
nie bei mir und doch so nah
nur ein andres Wort für Sehnsucht
das bist du
Ich weiß du kennst mein Gesicht
was ich fühle ahnst du nicht
nur ein andres Wort für Sehnsucht
das bist du
Du bringst mich um den Verstand
unerreichbar deine Hand
doch ich fühl sie beinah wirklich
du bist wie ein Sonnenbrand
Wie ein Glitzern in den Augen
wie ein Prickeln auf der Haut
ein Versprechen das so fern ist
und dabei doch so vertraut
Unerreichbar aber da
nie bei mir und doch so nah
nur ein andres Wort für Sehnsucht
das bist du
Ich weiß du kennst mein Gesicht
was ich fühle ahnst du nicht
nur ein andres Wort für Sehnsucht
das bist du
Jeden Tag wenn ich dich seh
stumm an dir vorüber geh
fühle ich mich beinah glücklich
doch zugleich tut es so weh
Wie ein Flüstern in den Ohren
wie ein Kuss auf meinen Mund
es ist schön wenn ich zerfließe
und zugleich auch ungesund
Unerreichbar aber da
nie bei mir und doch so nah
nur ein andres Wort für Sehnsucht
das bist du
Ich weiß du kennst mein Gesicht
was ich fühle ahnst du nicht
nur ein andres Wort für Sehnsucht
das bist du
Ich freu mich auf jeden Tag
weiß dass ich dich sehen mag
bleibst du auch so unerreichbar
dass ich nicht zu hoffen wag
Vielleicht geht es nie vorbei
und ich komm nicht von dir frei
nur ein andres Wort für Sehnsucht
das bleibst du
Von Falken und Nachtigallen
Wie unbändig wild, wie ungestüm schön
dieses Land vom Rhein bis zur Weser
mit den Augen der Dichter muss man es sehn
(oder wenigstens ihrer Leser)
Da leuchten die Auen, da tobt die See
da strecken sich endlose Felder
da blüht das Enzian im Schnee
und es duften die Kiefernwälder
Von alledem will ich berichten
denn es mag mir wohl gefallen
doch wenn die Nebel sich lichten
singen nicht nur die Nachtigallen
Die Falken steigen noch immer empor
um Angst und Schrecken zu bringen
wie Phoenix aus der Asche kommen sie hervor
mit neuen flammenden Schwingen
Und so lange noch eine Nachtigall singt
werden sie sich gnadenlos zeigen
alles was sie in die Lüfte zwingt
ist die Sehnsucht nach dem ewigen Schweigen
Schon einmal waren sie fast so weit
und vielleicht wird es dieses Mal schlimmer
doch in diesem Land, zu jeder Zeit
gab es eine Nachtigall immer
Wenn zwei Gedanken sich finden
Es raschelt der Wind in den Weiden
in der Ferne erahnt man die Nacht
so mag ich das Leben wohl leiden
wenn dein Herz es mir rosarot macht
Wir hocken tief in uns versunken
und nehmen die Mücken nicht wahr
die von unsrem Blut schon betrunken
tanzen in deinem wallenden Haar
Wenn zwei Gedanken sich finden
erkennt man den Sinn allen Seins
und ist erst die Scheu überwunden
sind sie eins
Sie stört nicht wirklich
Sie stört nicht wirklich
sie hat nur das Talent
das Falsche zu sagen
so lang bis man flennt
aber mach dir nichts draus
mein Bester
sonst ist sie ganz okay
deine Schwester
Sie weiß einfach alles
sie ist ja auch älter
ich will „Yesterday“ hörn
sie „Helter Skelter“
und wenn du mal kurz
aus dem Zimmer bist
träum ich davon
dass sie mich küsst
Sie stört nicht wirklich
war ja immer schon da
nur manchmal da ist sie
doch echt sonderbar
Da behandelt sie uns
als wären wir Hunde
und legt den Finger
grinsend in jede Wunde
Sie weiß einfach alles
sie ist ja auch älter
nur ihre Augen
wurden etwas kälter
und wenn du mal kurz
aus dem Zimmer bist
sieht sie mich manchmal an
und erzählt sehr viel Mist
Sie stört nicht wirklich
ist ja auch hier zu Haus
aber in letzter Zeit
sieht sie oft traurig aus
Doch das kümmert dich nicht
mein Bester
schließlich ist sie nur
deine Schwester
Mit Pinguinen kegelt man nicht
Auf einer Forschungsreise in die Antarktis
lag unser Schiff fest, gefangen im Eis
und wir mussten dort überwintern
so ein Scheiß
Dort gab es keine Kneipen
und keine Frauen
wir konnten uns nur
eine Kegelbahn bauen
Neun Pinguine
guckten verdutzt
denn wir haben sie
als Kegel benutzt
Doch mit Pinguinen kegelt man nicht
denn sie machen dabei so ein dummes Gesicht
da kann man nicht anders, da muß man lachen
und kann keine Punkte machen
Wenn die Eiskugel rollt
hopsen diese Flegel
einfach zur Seite
sowas tut kein Kegel
Und wenn wir mal treffen
dann ärgern sie sich
und werfen nach uns
mit Fisch
Mit Pinguinen kegelt man nicht
sie machen dabei so ein dummes Gesicht
und sie verstehen auch nicht die Regeln
man kann mit denen einfach nicht kegeln
Wie es mir beliebt
Ich kann doch schreiben wie es mir beliebt
von Dingen ganz egal ob es sie gibt
von geliebten Menschen und von ungeliebten Tagen
oder umgekehrt – wer soll mich schon verklagen?
Und dass ich keine Prosa schreib
nehme man mir nicht krumm
Herr G. der einst mein Lehrer war
weiß sehr genau warum
Verzweifelt hat er manches Mal
- doch stets im Guten - nur gemeint:
Interpunktion, geschätzter Kopf
wird Ihnen nie ein enger Freund
Wenn er heut meine Werke liest
- vielleicht nun schon im Altersheim -
macht er bei einem Glase Wein
sich sicher seinen eignen Reim
Für seine offenen Worte
und erst recht sein offenes Ohr
gilt nach all den Jahren
mein Dank ihm nach wie vor
Woran die Banken kranken
Gäb es auf dummes Grinsen Zinsen
wären Bänker wohl alle reich
geht auch alles voll in die Binsen
ihnen ist das doch ganz gleich
Sie verscherbeln selbst den Obdachlosen
die im Stadtpark wohnen
eine Versicherung für den Haushalt
und kassieren die Provisionen
Und ich hab so den Gedanken
woran Banken wirklich kranken
- überall auf der Welt -
ist am Geld
Da war Oma Erna
die viel zu spät entdeckte
dass der Aktienfond der Bank
ganz kläglich verreckte
Hast du Kohle auf dem Konto sind sie scharf darauf
dir ganz schnell Kredite anzudrehen
aber wenn du dann plötzlich mal etwas klamm bist
wollen sie die Kohle sofort wiedersehen
Und ich hab so den Gedanken
woran Banken wirklich kranken
- überall auf der Welt -
ist am Geld
Und wie jeder weiß
gibt’s leider
überall
einen Herrn Schneyder
und dann hat man
die Bescherung
doch der Richter sagt:
Bewährung
Und ich hab so den Gedanken
woran Banken wirklich kranken
- überall auf der Welt -
ist am Geld
Ode an ein kühles Bier
So mancher der schöpft seine Kraft
allein aus kühlem Gerstensaft
dagegen ist auch nichts zu sagen
kann er sich noch halbwegs betragen
Doch weicht die Sprache einem Lallen
mag das schon nicht mehr zu gefallen
und jetzt ist Vorsicht angebracht
bevor man sich zum Affen macht
Man sollte seine Grenzen kennen
und dann die Spreu vom Weizen trennen
doch allen Suffköpfen zum Trost:
Ich kann das auch nicht. Prost.
Sehenswürdigkeiten
Es lässt sich nicht bestreiten
dass Sehenswürdigkeiten
einen Reiz ausüben
und den Verstand oft trüben
Mancher steht vor dem Tower
und wird regelrecht sauer
weil Herr Charles ganz distinguiert
nicht für ein Foto posiert
Und bei den Pyramiden
ist es ebenso
da sieht man reichlich Sand
doch keinen Pharao
Und man denkt sich
beim Postkartenschreiben
man könnte in Zukunft
gleich zuhause bleiben
Jena
Wenn man eine Frau hat
die erfolgreich ist
aber immer traurig
weil sie ihr Zuhaus vermisst
und man selbst ist grad
beruflich nicht so eingespannt
da liegt die Lösung
doch quasi auf der Hand
Ich folgte Dora nach Dortmund
ich ging mit Brit nach Madrid
ich zog mit Lisa nach Pisa
doch das jetzt mach ich nicht mit
Ich will nicht nach Jena, Verena
Verschobener Frühling
Der Frühling wurde wieder mal verschoben
da geht man besser gar nicht aus dem Haus
man hört die Leute schluchzen oder toben
und wer sich’s leisten kann der wandert aus
Man trägt am besten lange Unterhosen
und schütze auch die Nase und die Ohren
schenken Verliebte sich derzeit mal Rosen
dann sind sie garantiert noch tiefgefroren
Es schimpfen alle auf das doofe Klima
- manche auf sprachlich niederem Niveau -
die Pinguine jedoch denken: „Prima
da fühlt man sich doch heimatlich im Zoo“
Der Frühling wurde wieder mal verschoben
da kann man sich das Osterfest glatt schenken
man blickt sehr missmutig mal kurz nach oben
und möchte gar nicht an den Sommer denken
Wohin man blickt nur Trauer und Empörung
weil sich der Frühling grottentief blamiert
manch einer wittert auch eine Verschwörung
und meint das wär politisch motiviert
Das lasst mal bitte nicht den Frühling hören
der hat uns doch noch niemals ernst genommen
und wenn wir uns jetzt über ihn empören
wird er vielleicht erst im September kommen
Abblendlicht
Du hast angerufen
doch er nahm nicht ab
auch sein Anrufbeantworter
schweigt wie ein Grab
War nicht das erste Mal
war schon öfter so
und du hast den Verdacht
er wär anderswo
Und ein Hund auf der Straße
macht ein böses Gesicht
im Abblendlicht
Du hast rumgestanden
aus dem Fenster gesehn
zu nervös
um dir Zigaretten zu drehn
und ein Heini im Radio
säuselte froh
er liebe die Liebe
ja so - ohoho
Und du hättest dort draußen
jetzt auch kein schönes Gesicht
im Abblendlicht
Spucken
Man denkt wir Dichter wären bloß
verhärmte lichtscheue Gesellen
die mit einem trockenen Schoß
sich nie der Wirklichkeit stellen
Aber was wissen jene denn schon
von wilden Gefühlen die wallen
wenn zu unsrem verdienten Lohn
die Herzen zu Füßen uns fallen?
Wie sie lechzen, wie sie gucken
wild um meine Worte tollen
ich kann gar nicht so viel spucken
wie sie Speichel lecken wollen
Wechsel der Gezeiten
Da stehst du wie der neue Morgen
erwartungsvoll vor meiner Tür
du weißt dein Anblick macht mir Sorgen
und dabei kannst du nichts dafür
Du hältst das was du fühlst für Liebe
du irrst dich und du merkst es bald
auf unsre Art da sind wir Diebe
ich bin für dich doch viel zu alt
Ich mag mit dir deshalb nicht streiten
wir kommen stets zum selben Punkt
das ist der Wechsel der Gezeiten
ich bin zu einsam, du zu jung
Ich bin mit Sicherheit erfahren
und weiß genau wohin das führt
auch dass wir uns zu nah schon waren
du hast mein Herz so tief berührt
Es wär so leicht dir nachzugeben
zu tun als wärst du was ich brauch
doch taugen wir nicht für solch Leben
und irgendwann spürst du das auch
Ich mag mit dir deshalb nicht streiten
wir kommen stets zum selben Punkt
das ist der Wechsel der Gezeiten
ich bin zu einsam, du zu jung
Ich sehne mich nach deiner Jugend
und du suchst einen festen Halt
Dummheit ist sicher keine Tugend
noch hab ich mich in der Gewalt
Doch es ist schwer zu widerstehen
ich weiß nicht wie lang ich es kann
ich darf dich niemals wiedersehen
und weiß genau ich sterbe dann
Ich mag mit dir deshalb nicht streiten
wir kommen stets zum selben Punkt
das ist der Wechsel der Gezeiten
ich bin zu einsam, du zu jung
Totensonntag
Die Schenke geschlossen, der Marktplatz verwaist
als wär der ganze Ort mal eben verreist
nur der Dorfdepp sitzt vor dem Rathaus und singt
und ich würd ihm gern sagen wie schön das doch klingt
Ich weiß was die Bürger an solchem Tag treiben
und würd wenn ich könnte auf der Autobahn bleiben
ich kenne die Sitten und die Gebräuche
das Böse verbreitet sich wie eine Seuche
Die Hinterwäldler im Unterholz
macht ihr Aberglaube ganz stolz
und so mancher Tourist
wird hier seit Jahren vermisst
Es ist Totensonntag und jetzt grölen sie wieder
verbotene Worte und heidnische Lieder
und die Jungfrau steht gefesselt am Pfahl
und erwartet das Ritual
Der Bürgermeister hebt den silbernen Dolch
und häutet damit einen lebenden Molch
die Kinder tanzen um die lodernde Glut
und aus Luzifers Schale trinken sie Blut
Das ist der Tag wo sie ihre Schatten verlieren
sich mit Geistern paaren und verlustieren
wo sie sabbern und geifern und plärren
sie segnen die Götzen und spotten den Herren
Die Hinterwäldler im Unterholz
macht ihr Aberglaube ganz stolz
und so mancher Tourist
wird hier seit Jahren vermisst
Es ist Totensonntag und jetzt grölen sie wieder
verbotene Worte und heidnische Lieder
und die Jungfrau steht gefesselt am Pfahl
und erwartet das Ritual
Während der Pfaffe leib- und seelenfeist
das neugeborene Lamm verspeist
und bei Vollmond die Knochen auf dem Friedhof vergräbt
hat die Nonne sich zu den Schakalen gelegt
Es ist Totensonntag und jetzt grölen sie wieder
verbotene Worte und heidnische Lieder
und die Jungfrau steht gefesselt am Pfahl
und erwartet das Ritual
Tanztee
Sie sagte: „Komm mit zum Tanztee
und mach nicht so ein Gesicht“
Ich antwortete: „Tut mir leid
aber das kann ich nicht.
Tee trinken und Tanzen
nervt einzeln schon kolossal
aber beides auf einmal
ist dann schon beinahe fatal“
Für Annett in Altona
Ich bin in meinen Jugendjahren
oft flussauf- und abwärts gefahren
von Lüneburg nach Cuxhafen
wo wir andere Elbschiffer trafen
Da wurde gesungen, da wurde gelacht
Grog und Rum gesoffen die ganze Nacht
und manch ehrliches Friesengewächs
stand noch grad auf den Beinen, morgens um sechs
Dann ging es zum Fischmarkt mit mächtig Radau
nicht nur die Forellen waren da blau
und mein Vater sprach mit ernstem Gesicht:
„Die Rieke liebt dich – liebst du sie denn nicht ?“
Ach, es ist ganz egal welchen Himmel ich sah
mein Herz blieb für immer in Altona
in der winzigen Kammer und dem schmalen Bett
bei Annett
Sie sagten: "Die schlag dir bloß schnell aus dem Kopf
die hat zu viel Flausen unter dem Schopf
die taugt nicht für Haus, für Hof und für Herd
eine wie der ist die Treue nichts wert
Die Rieke jedoch wird dir Kinder gebären
und hält die Traditionen in Ehren
das ist keine die sich feine Kleider kauft
die wurde mit Elbwasser getauft
Die braucht kein Geschmeide und keine Perlen
die schaut sich nicht um nach anderen Kerlen
die hat Tränen beim Abschied und beim Wiedersehn
und wird durch dick und dünn mit dir gehn"
Ach, es ist ganz egal welchen Himmel ich sah
mein Herz blieb für immer in Altona
in der winzigen Kammer und dem schmalen Bett
bei Annett
Ach Kuddel, ach Smutje, ihr habt ja so recht
dieses Mädchen ist anders, doch nennt es nicht schlecht
auch wenn es nicht taugt für Haus, Hof und Herd
an diesem Körper ist nichts verkehrt
Es ist ganz egal welchen Himmel ich sah
mein Herz blieb für immer in Altona
in der winzigen Kammer und dem schmalen Bett
bei Annett
Meine Aura
Gestern in den Niederlanden
da kam mir etwas abhanden
und ich biete Dank und Geld
wenn man danach Ausschau hält
Meine Aura ist verschwunden
Hat sie irgendwer gefunden?
Hat sie irgendwer gesehn?
Sie ist unbeschreiblich schön
Ob die Herren Polizisten
einen Ratschlag für mich wüssten
welcher Fluchtweg näher lag
Amsterdam oder Den Haag?
Meine Aura ist entwichen
man hörte ein leises Zischen
dann entschwand sie ganz gekonnt
irgendwo am Horizont
Lässt sie sich nicht wiederfinden
werd ich das nicht überwinden
ich werd weinen, betteln, schreien
und ihr nie die Flucht verzeihen
Meine Aura ist verschwunden
schon seit fünfundzwanzig Stunden
Hat sie irgendwer gesehn?
Sie ist einfach wunderschön
Vogelmord
Eine Amsel wurd erdrosselt
und man rief den Kommissar
er war irgendwie ne Mischung
zwischen Buchmeise und Star
Flog gleich quer über den Tatort
und dann sprach er sehr bedächtig:
Nach dem allerersten Eindruck
ist fast jeder hier verdächtig
Dann verhörte er die Zeugen
und hat ziemlich schnell gerafft
die gemeuchelte Frau Amsel
galt als äußerst flatterhaft
Nun kamen die Assistenten
vorneweg Inspektor Reiher
und der zeigte auf die Leiche:
„Denk mal die holt gleich der Geier“
Herr Storch war schnell aus dem Schneider
sein Gewissen war ganz rein
denn er stand zur Tatzeit grade
dumm herum auf einem Bein
Und der Hühnerhabicht Hugo
hauchte: „Sowas tät ich nie“
doch das klang nicht so recht glaubhaft
ohne jedes Alibi
In der Eiche saß Frau Eule
fern von jeder Pietät
sprach sie: „Glaubt nicht dass ich heule
ich weiß was hier vor sich geht
Diese Amsel war ne Schlampe
hat Herrn Papagei benutzt
und da ist es wohl kein Wunder
wenn man ihr die Flügel stutzt“
War dies schon des Rätsels Lösung
fragte man nun Mamagei
doch die schüttelte das Köpfchen :
„Lasst den Papa wieder frei“
Und der Kommissar entdeckte
frischen Dreck im Amselnest
und nahm ohne lang zu zögern
gutgelaunt den Schmutzfink fest
Welch lange Reise liegt vor dir?
Welch lange Reise liegt vor dir?
Nun du wirst es wohl bald erfahren
und immer an die Zeit noch denken
wo deine Tage sorglos waren
Wo du so leicht dem Ernst entsagtest
den Wind in deinen Haaren fingst
und selbst als du an meiner Hand liefst
schon deine eignen Wege gingst
Du weißt die Jugend kommt nie wieder
du bist ein Vogel der nun steigt
gar prächtig trägst du dein Gefieder
hoffst dass man dir den Himmel zeigt
Ich wünsch dir Glück auf allen Wegen
und eine Hand die deine hält
sei frei und geh mit meinem Segen
hinaus in diese große Welt
Welch lange Reise liegt vor dir?
Was wird sie bringen mit den Jahren?
Du stellst so tapfer und so mutig
dich immerfort allen Gefahren
Du machst mich stolz, du machst mich glücklich
gabst meinem Leben einen Sinn
ich danke dir von ganzem Herzen
dafür dass ich dein Vater bin
Für Melanie
Überwunden
Wir hielten uns für überwunden
diese Liebe war doch nicht die Welt
nur ein paar gestohlene Stunden
von denen man nicht viel behält
Nur der Hauch bittersüßer Schwere
ein Geschmack der langsam verfliegt
danach bleibt nur die Leere
egal bei wem man fortan liegt
Die anderen schreiben die Dramen
wir bleiben darin unerkannt
keiner weiß die heimlichen Namen
bei denen wir uns genannt
Wir haben den Ausweg gefunden
und sahn uns in besserem Licht
wir hielten uns für überwunden
und sind es doch immer noch nicht
Sommernachtssterne
Eine Nachtigall hockt in den Zweigen
und verwöhnt uns mit ihrem Gesang
will dem Publikum sich nicht zeigen
und erwartet auch keinen Dank
Sie gehört zu jenen Geschöpfen
die Applaus ganz heftig erschreckt
behalten wir das in den Köpfen
und lassen sie unentdeckt
Irgendwann da wird sie schon fliegen
wir wünschen ihr Glück in der Ferne
wir bleiben noch etwas hier liegen
und betrachten die Sommernachtssterne
Landleben
Durchaus vermag das Kaminfeuer mich
in Bauernstübchen schön wärmen
die Füße ruhen bequem unterm Tisch
doch gerate ich deshalb ins Schwärmen
Oder bedrückt mich mit nagender Pein
doch eher die Armut der Bauern
reichen sie mir doch nur Wasser statt Wein
fürwahr ein Grund um zu trauern
Und wenn sie dann schon in Herrgotts Früh
ihre kargen Felder bestellen
bereitet es mir durchaus keine Müh
vorschnell ein Urteil zu fällen
Für ihr köstliches Brot da sage ich Dank
bis unter den Kragen recht satt
jedoch missfällt mir der herbe Gestank
mich treibt es zurück in die Stadt
Und deshalb ihr guten Bauersleute
verrate ich euch sehr gerne
nähert ein andrer Städter sich heute
dann jagt ihn bloß schnell in die Ferne
Wahrheit oder Pflicht
Die Party ist schon fast vorüber
der Gastgeber kann nicht mehr stehn
er salutiert und kippt hinüber
aber das ist kein Grund zu gehn
Wir trinken alles was noch da ist
und machen uns dabei Avancen
es ist so schön dass es fast wahr ist
wann hat man jemals solche Chancen?
Versteck dich mit mir unterm Esstisch
doch vorher lösch bitte das Licht
und glaube bloß nicht ich vergess dich
wir spielen „Wahrheit oder Pflicht“
Ich will alles wissen was du jemals dachtest
erzähl mir jeden Witz über den du mal lachtest
verrat mir jeden Grund aus dem du je weintest
und was du mit diesen Blicken wohl meintest
Ganz egal was wir nehmen
nur Hauptsache viel
weil wir uns sonst schämen
bei diesem Spiel
Dröhnen wir uns voll zu
und hoffen dass es reicht
ganz egal was ich tu
lass es zu, nimm es leicht
Versteck dich mit mir hinter den Sesseln
und wenn du magst öffne noch einen Knopf
das Leben legt einen zu gerne in Fesseln
die wahre Freiheit existiert nur im Kopf
Ich will alles wissen was du jemals dachtest
erzähl mir jeden Witz über den du mal lachtest
verrat mir jeden Grund aus dem du je weintest
und was du mit diesen Blicken wohl meintest
Wir können die Schwerkraft heut Nacht überwinden
in diesem Zustand in dem wir uns befinden
und wir sollten es tun so lang sich alles noch dreht
sind wir erst wieder nüchtern ist es zu spät
Phantomschmerz
Wir haben nie in verräucherten Kneipen
stundenlange Gespräche geführt
unsere Finger haben sich nicht wie aus Zufall
unter dem Tisch kurz fragend berührt
Wir gingen nicht Schokoladeneis kaufen
an der Tankstelle um Mitternacht
wir sind nicht lachend durch den Regen gelaufen
du bist niemals neben mir aufgewacht
All das hätten wir machen sollen
aber haben es nicht getan
zu tief verwurzelt in unseren Rollen
glaubten wir nicht an das was wir sahn
Ich wein um die Liebe die wir nicht teilten
sehn mich nach der Nähe die es niemals gab
weil wir aus Angst in der Ferne verweilten
gibt es keine Erinnerung die ich an uns hab
Wir standen nie ganz eng umschlungen
bei minus zehn Grad zitternd im Schnee
wir haben nie um die Zukunft gerungen
und kein Abschied tat uns jemals weh
Wir fuhren nie an die Ostsee zum Baden
und liefen nicht barfuß im warmen Sand
wir suchten kein Müsli im Bio-Laden
unsere Herzen standen niemals in Brand
All das hätten wir machen sollen
aber haben es nicht getan
zu tief verwurzelt in unseren Rollen
glaubten wir nicht an das was wir sahn
Ich wein um die Liebe die wir nicht teilten
sehn mich nach der Nähe die es niemals gab
weil wir aus Angst in der Ferne verweilten
gibt es keine Erinnerung die ich an uns hab
Eyeliner/Skyliner – Frankfurt 0 Uhr 10
Koffer fahren Karussell
auf dem langen Band
wir trinken Kaffee
ich halt deinen Hand
Je nervöser du bist
desto mehr Schminke
keine Angst ich heul nicht
ich steh nur da und winke
Eyeliner/Skyliner Frankfurt 0 Uhr 10
5 Maschinen landen
……und eine Liebe wird gehn
Letzter Aufruf
mach schon, geh
weißt ja
dass ich es versteh
Je nervöser du bist
desto mehr Schminke
keine Angst ich heul nicht
ich steh nur da und winke
Eyeliner/Skyliner Frankfurt 0 Uhr 10
5 Maschinen landen
……und eine Liebe wird gehn
Gleich verschwindest du
für immer in der Nacht
grüß L.A. von mir
und gib auf dein Make-up acht
Eyeliner/Skyliner Frankfurt 0 Uhr 10
5 Maschinen landen
……und eine Liebe wird gehn
Wir lesen Brecht
Wir lesen Brecht
und rauchen Gras
wir sind so schlecht
wir brauchen das
und plagt uns erst mal die Demenz
dann machen wir uns einen Lenz
Der Verlassenen
Sie hat so harte Züge
und einen verkniffenen Mund
ihr Leben war eine Lüge
ihre Augen tun dies immer kund
Ich vermag nicht ihr Frieden zu geben
auch für Freude reicht es wohl nicht
sie schätzt mein Bemühen und Streben
sieht man‘s auch nicht in ihrem Gesicht
So sitzen wir uns gegenüber
und teilen ein trauriges Schweigen
ach komm doch hinweg und hinüber
ein Lächeln kannst du mir wohl zeigen
Sie hat so harte Züge
und einen verkniffenen Mund
ihr Leben war eine Lüge
Mutters Augen tun dies immer kund
Auf einer Bank im Grunewald
Auf einer Bank im Grunewald
wurden dir beide Ohren kalt
das linke sogar etwas mehr
von dort da kam der Wind grad her
Ich nahm dich deshalb in den Arm
und küsste dir die Ohren warm
das rechte sogar etwas mehr
von dort da kam mein Mund grad her
Auf einer Bank im Grunewald
hat mir dein Freund eine geknallt
wie schade dass er von uns weiß
nun waren meine Ohren heiß
Engel aus Glas
Ich seh dich immer noch vor mir
ein Bild das ich niemals vergaß
du warst so schön wie der erwachende Morgen
und so zerbrechlich wie ein Engel aus Glas
Dein Blick forderte pausenlos nur
„Wirf nach meinem Glashaus mit Steinen“
und ich hab mich seitdem immer gefragt:
Warum sagen wir nicht das was wir meinen?
Vielleicht erzähle ich dir irgendwann
von den Träumen die niemals sterben
du warst so zerbrechlich wie ein Engel aus Glas
Warum liegt dann heut mein Herz in Scherben?
Dann wir
Ich habe die blutenden Falben gesehn
an den Ufern der Nacht, sie blieben nicht stehn
Zeugen unsres Hochmuts
Opfer im Spiel
wir knieten im Staub
als Jericho fiel
Und für einige Stunden
war die Sonne vom Himmel verschwunden
Erst kamen die Götter
dann kamen die Spötter
die Jungfrau, das Tier
und dann wir
Ich habe die goldenen Schiffe gesehn
eine turmhohe Welle ließ sie untergehn
und der einzige Mann
der noch ans Ufer fand
verlor bei dem Anblick
seinen Verstand
Und für einige Stunden
war die Sonne vom Himmel verschwunden
Erst kamen die Götter
dann kamen die Spötter
die Jungfrau, das Tier
und dann wir
Ich habe die Türme von Babel gesehn
wie Staubkörner im Wind verwehn
als der große Sturm
alles Leben verschlang
stand die Welt
kurz vor ihrem Untergang
Erst gingen die Götter
dann gingen die Spötter
die Jungfrau, das Tier
nur wir sind noch hier
Die Schwarze Marie
Eine Kogge der Hanse auf dem Weg nach Visby
Gewürze, Tuch und Leinen an Bord
die See ist still, die Männer zufrieden
da tönt aus dem Krähennest schaurig das Wort :
„Piraten !“
Die Segel gehisst, das Schiff hart am Wind
man hört ein einziges Flehen:
„Ach möge der Herr uns gnädig sein
dass sie uns vielleicht ja nicht sehen“
Doch schon schießt sie heran die schaurige Brigg
und es hallt grausig die Melodie
von der Crew der Verfluchten
und am Bug steht grinsend
die Schwarze Marie
Das schwarze Haar gebunden zum Zopf
die Augen wie ewiger Nebel
ein Rabe der auf ihrer Schulter hockt
und im Gürtel zwei silberne Säbel
Kanonen donnern, zwei Schuss vor den Bug
jeder Widerstand schon gebrochen
die weiße Fahne auf Halbmast gehisst
der Piratin zu Füßen gekrochen
Sie stand auf dem Deck und wer sie so sah
ich schwöre der vergaß nie
den Hauch von Tod der sie umgab
und die Augen
der Schwarzen Marie
Nur der Kapitän mied nicht ihrem Blick
und sprach zu ihr ohne Angst :
„Wenn du meine braven Männer nur schonst
tu ich alles was Du verlangst“
Und sanft sprach die Schwarze Marie:
Soviel Mut hab ich selten gesehn
Ihr habt mein Wort tapferer Seemann
kein Leid soll Euch und Euren Männern geschehn“
Zwei Jahre später auf dem Marktplatz in Lübeck
der Galgen schon aufgebaut
sie sah ihn durch das Fenster der Zelle
und der Pöbel tobte gar laut
Ein Priester kam und sie sagte zu ihm:
„Meinen Frieden finde ich nie
und Dein Gott hat keinen Platz für eine wie mich
keinen Platz für die Schwarze Marie“
Der Priester sprach: „Erkennst Du mich nicht?
Ich war einst ein Kapitän
und vor zwei Jahren kurz vor Visby
haben wir uns schon einmal gesehn
Nimm meine Kutte, niemand wird Dich erkennen
und wenn ich die Schuld heut beglich
weiß ich Deine Seele kann ich nicht retten
doch dafür rette ich Dich“
Andere Tage
Es wird auch wieder andre Tage geben
ganz einfach weil es immer welche gibt
jedoch war ich noch nie in meinem Leben
so dauerhaft und unglücklich verliebt
Ich möchte gehn und gleichzeitig auch bleiben
ich bin an Leib und Seele sterbenskrank
ich kann darüber auch nichts kluges schreiben
am besten sperrt man mich in einen Schrank
Man müsste ab und an mir Wasser bringen
wenn Mutter kommt gern eine Tasse Tee
so sollte das Vergessen doch gelingen
nur hier und jetzt da tut es noch sehr weh
Es werden wieder andre Tage kommen
es kamen andre Tage auch bisher
und bald erinner ich mich nur verschwommen
ach wenn es doch nur heut schon so weit wär
Fanpost
Mir schrieb Frau Hansen aus Hamburg
„Ihr letztes Buch mag ich nicht
ich hab nachgezählt, es geht um den Tod
in fast jedem dritten Gedicht
Wollen Sie es noch etwas genauer?
Ich komme auf zwei Komma neun
also wirklich Herr Heyroth
so etwas kann doch keinen erfreun
Schreiben Sie doch mal über Blumen
oder niedliche Zebras im Zoo
das wäre nicht so deprimierend
auch Sie wärn vielleicht wieder froh“
Ich dankte ganz unverzüglich
Frau Hansen für ihren Rat
und schrieb dann recht vergnüglich
genau das worum sie mich bat
Von Zebras die Blumen bestaunten
ganz friedlich im Abendrot
bis leider der Tiger ausbrach
der biss die Zebras dann tot