Rein theoretisch

 

Ich stand in der Milchbar

ganz nah neben dir

hauchte in dein Ohr:

„Sag bloß hier gibt’s kein Bier?“

Du hast mich angesehen

als käme ich vom Mars

dann bist du rausgegangen

ich dachte schon das wars

 

Ich lief dir hinterher

da hast du dich beschwert

und mir deinen Standpunkt

sehr ausführlich erklärt

 

„Rein theoretisch

sind wir sehr verschieden

rein theoretisch

werd ich dich nie lieben

Rein theoretisch

kann ich dich nicht leiden

rein theoretisch

wird das auch so bleiben“

 

Ich stand da wie ein Trottel

kannte mich nicht mehr aus

bei dir und in der Gegend

ging deshalb nicht nach Haus

So leicht geb ich nicht auf

den Wunsch nach Bier und dir

ich hab dich vollgequatscht

bis morgens um halb vier

 

Ich lief dir hinterher

du hast dich nicht gewehrt

doch mir deinen Standpunkt

nochmal genau erklärt

 

„Rein theoretisch

sind wir sehr verschieden

rein theoretisch

werd ich dich nie lieben

Rein theoretisch

kann ich dich nicht leiden

rein theoretisch

wird das auch so bleiben“

 

Ich sagte: „Rein theoretisch

bin ich schön, reich und athletisch

und das Ebenbild von Supermann

aber praktisch gesehen bete ich dich an“

 

Da klappte dir die Klappe zu

doch nach einer Weile sagtest du:

„Rein theoretisch

sind wir nicht verschieden

rein theoretisch

könnte ich dich lieben

Rein theoretisch

finde ich dich nett

praktisch betrachtet

darfst du mit in mein Bett“

 

 

 Unerreichbar (Nur ein andres Wort für Sehnsucht)

 

Unerreichbar aber da

nie bei mir und doch so nah

nur ein andres Wort für Sehnsucht

das bist du

 

Ich weiß du kennst mein Gesicht

was ich fühle ahnst du nicht

nur ein andres Wort für Sehnsucht

das bist du

 

Du bringst mich um den Verstand

unerreichbar deine Hand

doch ich fühl sie beinah wirklich

du bist wie ein Sonnenbrand

 

Wie ein Glitzern in den Augen

wie ein Prickeln auf der Haut

ein Versprechen das so fern ist

und dabei doch so vertraut

 

Unerreichbar aber da

nie bei mir und doch so nah

nur ein andres Wort für Sehnsucht

das bist du

 

Ich weiß du kennst mein Gesicht

was ich fühle ahnst du nicht

nur ein andres Wort für Sehnsucht

das bist du

 

Jeden Tag wenn ich dich seh

stumm an dir vorüber geh

fühle ich mich beinah glücklich

doch zugleich tut es so weh

 

Wie ein Flüstern in den Ohren

wie ein Kuss auf meinen Mund

es ist schön wenn ich zerfließe

und zugleich auch ungesund

 

Unerreichbar aber da

nie bei mir und doch so nah

nur ein andres Wort für Sehnsucht

das bist du

 

Ich weiß du kennst mein Gesicht

was ich fühle ahnst du nicht

nur ein andres Wort für Sehnsucht

das bist du

 

Ich freu mich auf jeden Tag

weiß dass ich dich sehen mag

bleibst du auch so unerreichbar

dass ich nicht zu hoffen wag

 

Vielleicht geht es nie vorbei

und ich komm nicht von dir frei

nur ein andres Wort für Sehnsucht

das bleibst du

 

 

 

 Von Falken und Nachtigallen

 

Wie unbändig wild, wie ungestüm schön

dieses Land vom Rhein bis zur Weser

mit den Augen der Dichter muss man es sehn

(oder wenigstens ihrer Leser)

 

Da leuchten die Auen, da tobt die See

da strecken sich endlose Felder

da blüht das Enzian im Schnee

und es duften die Kiefernwälder

 

Von alledem will ich berichten

denn es mag mir wohl gefallen

doch wenn die Nebel sich lichten

singen nicht nur die Nachtigallen

 

Die Falken steigen noch immer empor

um Angst und Schrecken zu bringen

wie Phoenix aus der Asche kommen sie hervor

mit neuen flammenden Schwingen

 

Und so lange noch eine Nachtigall singt

werden sie sich gnadenlos zeigen

alles was sie in die Lüfte zwingt

ist die Sehnsucht nach dem ewigen Schweigen

 

Schon einmal waren sie fast so weit

und vielleicht wird es dieses Mal schlimmer

doch in diesem Land, zu jeder Zeit

gab es eine Nachtigall immer

 

 

 

 Wenn zwei Gedanken sich finden

 

Es raschelt der Wind in den Weiden

in der Ferne erahnt man die Nacht

so mag ich das Leben wohl leiden

wenn dein Herz es mir rosarot macht

 

Wir hocken tief in uns versunken

und nehmen die Mücken nicht wahr

die von unsrem Blut schon betrunken

tanzen in deinem wallenden Haar

 

Wenn zwei Gedanken sich finden

erkennt man den Sinn allen Seins

und ist erst die Scheu überwunden

sind sie eins

 

 

 

 Sie stört nicht wirklich

 

Sie stört nicht wirklich

sie hat nur das Talent

das Falsche zu sagen

so lang bis man flennt

aber mach dir nichts draus

mein Bester

sonst ist sie ganz okay

deine Schwester

 

Sie weiß einfach alles

sie ist ja auch älter

ich will „Yesterday“ hörn

sie „Helter Skelter“

und wenn du mal kurz

aus dem Zimmer bist

träum ich davon

dass sie mich küsst

 

Sie stört nicht wirklich

war ja immer schon da

nur manchmal da ist sie

doch echt sonderbar

Da behandelt sie uns

als wären wir Hunde

und legt den Finger

grinsend in jede Wunde

 

Sie weiß einfach alles

sie ist ja auch älter

nur ihre Augen

wurden etwas kälter

und wenn du mal kurz

aus dem Zimmer bist

sieht sie mich manchmal an

und erzählt sehr viel Mist

 

Sie stört nicht wirklich

ist ja auch hier zu Haus

aber in letzter Zeit

sieht sie oft traurig aus

Doch das kümmert dich nicht

mein Bester

schließlich ist sie nur

deine Schwester

 

 

 

 Mit Pinguinen kegelt man nicht

 

Auf einer Forschungsreise in die Antarktis

lag unser Schiff fest, gefangen im Eis

und wir mussten dort überwintern

so ein Scheiß

 

Dort gab es keine Kneipen

und keine Frauen

wir konnten uns nur

eine Kegelbahn bauen

 

Neun Pinguine

guckten verdutzt

denn wir haben sie

als Kegel benutzt

 

Doch mit Pinguinen kegelt man nicht

denn sie machen dabei so ein dummes Gesicht

da kann man nicht anders, da muß man lachen

und kann keine Punkte machen

 

Wenn die Eiskugel rollt

hopsen diese Flegel

einfach zur Seite

sowas tut kein Kegel

 

Und wenn wir mal treffen

dann ärgern sie sich

und werfen nach uns

mit Fisch

 

Mit Pinguinen kegelt man nicht

sie machen dabei so ein dummes Gesicht

und sie verstehen auch nicht die Regeln

man kann mit denen einfach nicht kegeln

 

 

 

 Wie es mir beliebt

 

Ich kann doch schreiben wie es mir beliebt

von Dingen ganz egal ob es sie gibt

von geliebten Menschen und von ungeliebten Tagen

oder umgekehrt – wer soll mich schon verklagen?

 

Und dass ich keine Prosa schreib

nehme man mir nicht krumm

Herr G. der einst mein Lehrer war

weiß sehr genau warum

 

Verzweifelt hat er manches Mal

- doch stets im Guten - nur gemeint:

Interpunktion, geschätzter Kopf

wird Ihnen nie ein enger Freund

 

Wenn er heut meine Werke liest

- vielleicht nun schon im Altersheim -

macht er bei einem Glase Wein

sich sicher seinen eignen Reim

 

Für seine offenen Worte

und erst recht sein offenes Ohr

gilt nach all den Jahren

mein Dank ihm nach wie vor

 

 

 

 Woran die Banken kranken

 

Gäb es auf dummes Grinsen Zinsen

wären Bänker wohl alle reich

geht auch alles voll in die Binsen

ihnen ist das doch ganz gleich

 

Sie verscherbeln selbst den Obdachlosen

die im Stadtpark wohnen

eine Versicherung für den Haushalt

und kassieren die Provisionen

 

Und ich hab so den Gedanken

woran Banken wirklich kranken

- überall auf der Welt -

ist am Geld

 

Da war Oma Erna

die viel zu spät entdeckte

dass der Aktienfond der Bank

ganz kläglich verreckte

 

Hast du Kohle auf dem Konto sind sie scharf darauf

dir ganz schnell Kredite anzudrehen

aber wenn du dann plötzlich mal etwas klamm bist

wollen sie die Kohle sofort wiedersehen

 

Und ich hab so den Gedanken

woran Banken wirklich kranken

- überall auf der Welt -

ist am Geld

 

Und wie jeder weiß

gibt’s leider

überall

einen Herrn Schneyder

und dann hat man

die Bescherung

doch der Richter sagt:

Bewährung

 

Und ich hab so den Gedanken

woran Banken wirklich kranken

- überall auf der Welt -

ist am Geld

 

 

 

 

 Ode an ein kühles Bier

 

So mancher der schöpft seine Kraft

allein aus kühlem Gerstensaft

dagegen ist auch nichts zu sagen

kann er sich noch halbwegs betragen

 

Doch weicht die Sprache einem Lallen

mag das schon nicht mehr zu gefallen

und jetzt ist Vorsicht angebracht

bevor man sich zum Affen macht

 

Man sollte seine Grenzen kennen

und dann die Spreu vom Weizen trennen

doch allen Suffköpfen zum Trost:

Ich kann das auch nicht. Prost.

 

 

 

 Sehenswürdigkeiten

 

Es lässt sich nicht bestreiten

dass Sehenswürdigkeiten

einen Reiz ausüben

und den Verstand oft trüben

 

Mancher steht vor dem Tower

und wird regelrecht sauer

weil Herr Charles ganz distinguiert

nicht für ein Foto posiert

 

Und bei den Pyramiden

ist es ebenso

da sieht man reichlich Sand

doch keinen Pharao

 

Und man denkt sich

beim Postkartenschreiben

man könnte in Zukunft

gleich zuhause bleiben

 

 

 

 

 Jena

 

Wenn man eine Frau hat

die erfolgreich ist

aber immer traurig

weil sie ihr Zuhaus vermisst

und man selbst ist grad

beruflich nicht so eingespannt

da liegt die Lösung

doch quasi auf der Hand

 

Ich folgte Dora nach Dortmund

ich ging mit Brit nach Madrid

ich zog mit Lisa nach Pisa

doch das jetzt mach ich nicht mit

Ich will nicht nach Jena, Verena

 

 

 

 Verschobener Frühling

 

Der Frühling wurde wieder mal verschoben

da geht man besser gar nicht aus dem Haus

man hört die Leute schluchzen oder toben

und wer sich’s leisten kann der wandert aus

 

Man trägt am besten lange Unterhosen

und schütze auch die Nase und die Ohren

schenken Verliebte sich derzeit mal Rosen

dann sind sie garantiert noch tiefgefroren

 

Es schimpfen alle auf das doofe Klima

- manche auf sprachlich niederem Niveau -

die Pinguine jedoch denken: „Prima

da fühlt man sich doch heimatlich im Zoo“

 

Der Frühling wurde wieder mal verschoben

da kann man sich das Osterfest glatt schenken

man blickt sehr missmutig mal kurz nach oben

und möchte gar nicht an den Sommer denken

 

Wohin man blickt nur Trauer und Empörung

weil sich der Frühling grottentief blamiert

manch einer wittert auch eine Verschwörung

und meint das wär politisch motiviert

 

Das lasst mal bitte nicht den Frühling hören

der hat uns doch noch niemals ernst genommen

und wenn wir uns jetzt über ihn empören

wird er vielleicht erst im September kommen

 

 

 

 

 Abblendlicht

 

Du hast angerufen

doch er nahm nicht ab

auch sein Anrufbeantworter

schweigt wie ein Grab

 

War nicht das erste Mal

war schon öfter so

und du hast den Verdacht

er wär anderswo

 

Und ein Hund auf der Straße

macht ein böses Gesicht

im Abblendlicht

 

Du hast rumgestanden

aus dem Fenster gesehn

zu nervös

um dir Zigaretten zu drehn

 

und ein Heini im Radio

säuselte froh

er liebe die Liebe

ja so - ohoho

 

Und du hättest dort draußen

jetzt auch kein schönes Gesicht

im Abblendlicht

 

 

 

 

 Spucken

 

Man denkt wir Dichter wären bloß

verhärmte lichtscheue Gesellen

die mit einem trockenen Schoß

sich nie der Wirklichkeit stellen

 

Aber was wissen jene denn schon

von wilden Gefühlen die wallen

wenn zu unsrem verdienten Lohn

die Herzen zu Füßen uns fallen?

 

Wie sie lechzen, wie sie gucken

wild um meine Worte tollen

ich kann gar nicht so viel spucken

wie sie Speichel lecken wollen

 

 

 

 

 

 Wechsel der Gezeiten

 

Da stehst du wie der neue Morgen

erwartungsvoll vor meiner Tür

du weißt dein Anblick macht mir Sorgen

und dabei kannst du nichts dafür

Du hältst das was du fühlst für Liebe

du irrst dich und du merkst es bald

auf unsre Art da sind wir Diebe

ich bin für dich doch viel zu alt

 

Ich mag mit dir deshalb nicht streiten

wir kommen stets zum selben Punkt

das ist der Wechsel der Gezeiten

ich bin zu einsam, du zu jung

 

Ich bin mit Sicherheit erfahren

und weiß genau wohin das führt

auch dass wir uns zu nah schon waren

du hast mein Herz so tief berührt

Es wär so leicht dir nachzugeben

zu tun als wärst du was ich brauch

doch taugen wir nicht für solch Leben

und irgendwann spürst du das auch

 

Ich mag mit dir deshalb nicht streiten

wir kommen stets zum selben Punkt

das ist der Wechsel der Gezeiten

ich bin zu einsam, du zu jung

 

Ich sehne mich nach deiner Jugend

und du suchst einen festen Halt

Dummheit ist sicher keine Tugend

noch hab ich mich in der Gewalt

Doch es ist schwer zu widerstehen

ich weiß nicht wie lang ich es kann

ich darf dich niemals wiedersehen

und weiß genau ich sterbe dann

 

Ich mag mit dir deshalb nicht streiten

wir kommen stets zum selben Punkt

das ist der Wechsel der Gezeiten

ich bin zu einsam, du zu jung

 

 

 

 

 Totensonntag

 

Die Schenke geschlossen, der Marktplatz verwaist

als wär der ganze Ort mal eben verreist

nur der Dorfdepp sitzt vor dem Rathaus und singt

und ich würd ihm gern sagen wie schön das doch klingt

 

Ich weiß was die Bürger an solchem Tag treiben

und würd wenn ich könnte auf der Autobahn bleiben

ich kenne die Sitten und die Gebräuche

das Böse verbreitet sich wie eine Seuche

 

Die Hinterwäldler im Unterholz

macht ihr Aberglaube ganz stolz

und so mancher Tourist

wird hier seit Jahren vermisst

 

Es ist Totensonntag und jetzt grölen sie wieder

verbotene Worte und heidnische Lieder

und die Jungfrau steht gefesselt am Pfahl

und erwartet das Ritual

 

Der Bürgermeister hebt den silbernen Dolch

und häutet damit einen lebenden Molch

die Kinder tanzen um die lodernde Glut

und aus Luzifers Schale trinken sie Blut

 

Das ist der Tag wo sie ihre Schatten verlieren

sich mit Geistern paaren und verlustieren

wo sie sabbern und geifern und plärren

sie segnen die Götzen und spotten den Herren

 

Die Hinterwäldler im Unterholz

macht ihr Aberglaube ganz stolz

und so mancher Tourist

wird hier seit Jahren vermisst

 

Es ist Totensonntag und jetzt grölen sie wieder

verbotene Worte und heidnische Lieder

und die Jungfrau steht gefesselt am Pfahl

und erwartet das Ritual

 

Während der Pfaffe leib- und seelenfeist

das neugeborene Lamm verspeist

und bei Vollmond die Knochen auf dem Friedhof vergräbt

hat die Nonne sich zu den Schakalen gelegt

 

Es ist Totensonntag und jetzt grölen sie wieder

verbotene Worte und heidnische Lieder

und die Jungfrau steht gefesselt am Pfahl

und erwartet das Ritual

 

 

 

 

 Tanztee

 

Sie sagte: „Komm mit zum Tanztee

und mach nicht so ein Gesicht“

Ich antwortete: „Tut mir leid

aber das kann ich nicht.

Tee trinken und Tanzen

nervt einzeln schon kolossal

aber beides auf einmal

ist dann schon beinahe fatal“

 

 

 

 

 Für Annett in Altona

 

Ich bin in meinen Jugendjahren

oft flussauf- und abwärts gefahren

von Lüneburg nach Cuxhafen

wo wir andere Elbschiffer trafen

 

Da wurde gesungen, da wurde gelacht

Grog und Rum gesoffen die ganze Nacht

und manch ehrliches Friesengewächs

stand noch grad auf den Beinen, morgens um sechs

 

Dann ging es zum Fischmarkt mit mächtig Radau

nicht nur die Forellen waren da blau

und mein Vater sprach mit ernstem Gesicht:

„Die Rieke liebt dich – liebst du sie denn nicht ?“

 

Ach, es ist ganz egal welchen Himmel ich sah

mein Herz blieb für immer in Altona

in der winzigen Kammer und dem schmalen Bett

bei Annett

 

Sie sagten: "Die schlag dir bloß schnell aus dem Kopf

die hat zu viel Flausen unter dem Schopf

die taugt nicht für Haus, für Hof und für Herd

eine wie der ist die Treue nichts wert

 

Die Rieke jedoch wird dir Kinder gebären

und hält die Traditionen in Ehren

das ist keine die sich feine Kleider kauft

die wurde mit Elbwasser getauft

 

Die braucht kein Geschmeide und keine Perlen

die schaut sich nicht um nach anderen Kerlen

die hat Tränen beim Abschied und beim Wiedersehn

und wird durch dick und dünn mit dir gehn"

 

Ach, es ist ganz egal welchen Himmel ich sah

mein Herz blieb für immer in Altona

in der winzigen Kammer und dem schmalen Bett

bei Annett

 

Ach Kuddel, ach Smutje, ihr habt ja so recht

dieses Mädchen ist anders, doch nennt es nicht schlecht

auch wenn es nicht taugt für Haus, Hof und Herd

an diesem Körper ist nichts verkehrt

 

Es ist ganz egal welchen Himmel ich sah

mein Herz blieb für immer in Altona

in der winzigen Kammer und dem schmalen Bett

bei Annett

 

 

 

 

 Meine Aura

 

Gestern in den Niederlanden

da kam mir etwas abhanden

und ich biete Dank und Geld

wenn man danach Ausschau hält

 

Meine Aura ist verschwunden

Hat sie irgendwer gefunden?

Hat sie irgendwer gesehn?

Sie ist unbeschreiblich schön

 

Ob die Herren Polizisten

einen Ratschlag für mich wüssten

welcher Fluchtweg näher lag

Amsterdam oder Den Haag?

 

Meine Aura ist entwichen

man hörte ein leises Zischen

dann entschwand sie ganz gekonnt

irgendwo am Horizont

 

Lässt sie sich nicht wiederfinden

werd ich das nicht überwinden

ich werd weinen, betteln, schreien

und ihr nie die Flucht verzeihen

 

Meine Aura ist verschwunden

schon seit fünfundzwanzig Stunden

Hat sie irgendwer gesehn?

Sie ist einfach wunderschön

 

 

 

 

 Vogelmord

 

Eine Amsel wurd erdrosselt

und man rief den Kommissar

er war irgendwie ne Mischung

zwischen Buchmeise und Star

Flog gleich quer über den Tatort

und dann sprach er sehr bedächtig:

Nach dem allerersten Eindruck

ist fast jeder hier verdächtig

 

Dann verhörte er die Zeugen

und hat ziemlich schnell gerafft

die gemeuchelte Frau Amsel

galt als äußerst flatterhaft

Nun kamen die Assistenten

vorneweg Inspektor Reiher

und der zeigte auf die Leiche:

„Denk mal die holt gleich der Geier“

 

Herr Storch war schnell aus dem Schneider

sein Gewissen war ganz rein

denn er stand zur Tatzeit grade

dumm herum auf einem Bein

Und der Hühnerhabicht Hugo

hauchte: „Sowas tät ich nie“

doch das klang nicht so recht glaubhaft

ohne jedes Alibi

 

In der Eiche saß Frau Eule

fern von jeder Pietät

sprach sie: „Glaubt nicht dass ich heule

ich weiß was hier vor sich geht

Diese Amsel war ne Schlampe

hat Herrn Papagei benutzt

und da ist es wohl kein Wunder

wenn man ihr die Flügel stutzt“

 

War dies schon des Rätsels Lösung

fragte man nun Mamagei

doch die schüttelte das Köpfchen :

„Lasst den Papa wieder frei“

Und der Kommissar entdeckte

frischen Dreck im Amselnest

und nahm ohne lang zu zögern

gutgelaunt den Schmutzfink fest

 

 

 

 Welch lange Reise liegt vor dir?

 

Welch lange Reise liegt vor dir?

Nun du wirst es wohl bald erfahren

und immer an die Zeit noch denken

wo deine Tage sorglos waren

 

Wo du so leicht dem Ernst entsagtest

den Wind in deinen Haaren fingst

und selbst als du an meiner Hand liefst

schon deine eignen Wege gingst

 

Du weißt die Jugend kommt nie wieder

du bist ein Vogel der nun steigt

gar prächtig trägst du dein Gefieder

hoffst dass man dir den Himmel zeigt

 

Ich wünsch dir Glück auf allen Wegen

und eine Hand die deine hält

sei frei und geh mit meinem Segen

hinaus in diese große Welt

 

Welch lange Reise liegt vor dir?

Was wird sie bringen mit den Jahren?

Du stellst so tapfer und so mutig

dich immerfort allen Gefahren

 

Du machst mich stolz, du machst mich glücklich

gabst meinem Leben einen Sinn

ich danke dir von ganzem Herzen

dafür dass ich dein Vater bin

                            

                      Für Melanie

 

 

 

 

 Überwunden

 

Wir hielten uns für überwunden

diese Liebe war doch nicht die Welt

nur ein paar gestohlene Stunden

von denen man nicht viel behält

 

Nur der Hauch bittersüßer Schwere

ein Geschmack der langsam verfliegt

danach bleibt nur die Leere

egal bei wem man fortan liegt

 

Die anderen schreiben die Dramen

wir bleiben darin unerkannt

keiner weiß die heimlichen Namen

bei denen wir uns genannt

 

Wir haben den Ausweg gefunden

und sahn uns in besserem Licht

wir hielten uns für überwunden

und sind es doch immer noch nicht

 

 

 

 

 Sommernachtssterne

 

Eine Nachtigall hockt in den Zweigen

und verwöhnt uns mit ihrem Gesang

will dem Publikum sich nicht zeigen

und erwartet auch keinen Dank

 

Sie gehört zu jenen Geschöpfen

die Applaus ganz heftig erschreckt

behalten wir das in den Köpfen

und lassen sie unentdeckt

 

Irgendwann da wird sie schon fliegen

wir wünschen ihr Glück in der Ferne

wir bleiben noch etwas hier liegen

und betrachten die Sommernachtssterne

 

 

 

 

 Landleben

 

Durchaus vermag das Kaminfeuer mich

in Bauernstübchen schön wärmen

die Füße ruhen bequem unterm Tisch

doch gerate ich deshalb ins Schwärmen

 

Oder bedrückt mich mit nagender Pein

doch eher die Armut der Bauern

reichen sie mir doch nur Wasser statt Wein

fürwahr ein Grund um zu trauern

 

Und wenn sie dann schon in Herrgotts Früh

ihre kargen Felder bestellen

bereitet es mir durchaus keine Müh

vorschnell ein Urteil zu fällen

 

Für ihr köstliches Brot da sage ich Dank

bis unter den Kragen recht satt

jedoch missfällt mir der herbe Gestank

mich treibt es zurück in die Stadt

 

Und deshalb ihr guten Bauersleute

verrate ich euch sehr gerne

nähert ein andrer Städter sich heute

dann jagt ihn bloß schnell in die Ferne

 

 

 

 

 Wahrheit oder Pflicht

 

Die Party ist schon fast vorüber

der Gastgeber kann nicht mehr stehn

er salutiert und kippt hinüber

aber das ist kein Grund zu gehn

Wir trinken alles was noch da ist

und machen uns dabei Avancen

es ist so schön dass es fast wahr ist

wann hat man jemals solche Chancen?

 

Versteck dich mit mir unterm Esstisch

doch vorher lösch bitte das Licht

und glaube bloß nicht ich vergess dich

wir spielen „Wahrheit oder Pflicht“

 

Ich will alles wissen was du jemals dachtest

erzähl mir jeden Witz über den du mal lachtest

verrat mir jeden Grund aus dem du je weintest

und was du mit diesen Blicken wohl meintest

 

Ganz egal was wir nehmen

nur Hauptsache viel

weil wir uns sonst schämen

bei diesem Spiel

Dröhnen wir uns voll zu

und hoffen dass es reicht

ganz egal was ich tu

lass es zu, nimm es leicht

 

Versteck dich mit mir hinter den Sesseln

und wenn du magst öffne noch einen Knopf

das Leben legt einen zu gerne in Fesseln

die wahre Freiheit existiert nur im Kopf

 

Ich will alles wissen was du jemals dachtest

erzähl mir jeden Witz über den du mal lachtest

verrat mir jeden Grund aus dem du je weintest

und was du mit diesen Blicken wohl meintest

 

Wir können die Schwerkraft heut Nacht überwinden

in diesem Zustand in dem wir uns befinden

und wir sollten es tun so lang sich alles noch dreht

sind wir erst wieder nüchtern ist es zu spät

 

 

 

 

 Phantomschmerz

 

Wir haben nie in verräucherten Kneipen

stundenlange Gespräche geführt

unsere Finger haben sich nicht wie aus Zufall

unter dem Tisch kurz fragend berührt

Wir gingen nicht Schokoladeneis kaufen

an der Tankstelle um Mitternacht

wir sind nicht lachend durch den Regen gelaufen

du bist niemals neben mir aufgewacht

 

All das hätten wir machen sollen

aber haben es nicht getan

zu tief verwurzelt in unseren Rollen

glaubten wir nicht an das was wir sahn

 

Ich wein um die Liebe die wir nicht teilten

sehn mich nach der Nähe die es niemals gab

weil wir aus Angst in der Ferne verweilten

gibt es keine Erinnerung die ich an uns hab

 

 

Wir standen nie ganz eng umschlungen

bei minus zehn Grad zitternd im Schnee

wir haben nie um die Zukunft gerungen

und kein Abschied tat uns jemals weh

Wir fuhren nie an die Ostsee zum Baden

und liefen nicht barfuß im warmen Sand

wir suchten kein Müsli im Bio-Laden

unsere Herzen standen niemals in Brand

 

All das hätten wir machen sollen

aber haben es nicht getan

zu tief verwurzelt in unseren Rollen

glaubten wir nicht an das was wir sahn

 

Ich wein um die Liebe die wir nicht teilten

sehn mich nach der Nähe die es niemals gab

weil wir aus Angst in der Ferne verweilten

gibt es keine Erinnerung die ich an uns hab

 

 

 

 

 

 Eyeliner/Skyliner – Frankfurt 0 Uhr 10

 

Koffer fahren Karussell

auf dem langen Band

wir trinken Kaffee

ich halt deinen Hand

 

Je nervöser du bist

desto mehr Schminke

keine Angst ich heul nicht

ich steh nur da und winke

 

Eyeliner/Skyliner Frankfurt 0 Uhr 10

5 Maschinen landen

……und eine Liebe wird gehn

 

Letzter Aufruf

mach schon, geh

weißt ja

dass ich es versteh

 

Je nervöser du bist

desto mehr Schminke

keine Angst ich heul nicht

ich steh nur da und winke

 

Eyeliner/Skyliner Frankfurt 0 Uhr 10

5 Maschinen landen

……und eine Liebe wird gehn

 

Gleich verschwindest du

für immer in der Nacht

grüß L.A. von mir

und gib auf dein Make-up acht

 

Eyeliner/Skyliner Frankfurt 0 Uhr 10

5 Maschinen landen

……und eine Liebe wird gehn

 

 

 

 

 Wir lesen Brecht

 

Wir lesen Brecht

und rauchen Gras

wir sind so schlecht

wir brauchen das

 

und plagt uns erst mal die Demenz

dann machen wir uns einen Lenz

 

 

 

 

 Der Verlassenen

 

Sie hat so harte Züge

und einen verkniffenen Mund

ihr Leben war eine Lüge

ihre Augen tun dies immer kund

 

Ich vermag nicht ihr Frieden zu geben

auch für Freude reicht es wohl nicht

sie schätzt mein Bemühen und Streben

sieht man‘s auch nicht in ihrem Gesicht

 

So sitzen wir uns gegenüber

und teilen ein trauriges Schweigen

ach komm doch hinweg und hinüber

ein Lächeln kannst du mir wohl zeigen

 

Sie hat so harte Züge

und einen verkniffenen Mund

ihr Leben war eine Lüge

Mutters Augen tun dies immer kund

 

 

 

 

 Auf einer Bank im Grunewald

 

Auf einer Bank im Grunewald

wurden dir beide Ohren kalt

das linke sogar etwas mehr

von dort da kam der Wind grad her

 

Ich nahm dich deshalb in den Arm

und küsste dir die Ohren warm

das rechte sogar etwas mehr

von dort da kam mein Mund grad her

 

Auf einer Bank im Grunewald

hat mir dein Freund eine geknallt

wie schade dass er von uns weiß

nun waren meine Ohren heiß

 

 

 

 

 Engel aus Glas

 

Ich seh dich immer noch vor mir

ein Bild das ich niemals vergaß

du warst so schön wie der erwachende Morgen

und so zerbrechlich wie ein Engel aus Glas

 

Dein Blick forderte pausenlos nur

„Wirf nach meinem Glashaus mit Steinen“

und ich hab mich seitdem immer gefragt:

Warum sagen wir nicht das was wir meinen?

 

Vielleicht erzähle ich dir irgendwann

von den Träumen die niemals sterben

du warst so zerbrechlich wie ein Engel aus Glas

Warum liegt dann heut mein Herz in Scherben?

 

 

 

Dann wir

 

Ich habe die blutenden Falben gesehn

an den Ufern der Nacht, sie blieben nicht stehn

Zeugen unsres Hochmuts

Opfer im Spiel

wir knieten im Staub

als Jericho fiel

 

Und für einige Stunden

war die Sonne vom Himmel verschwunden

 

Erst kamen die Götter

dann kamen die Spötter

die Jungfrau, das Tier

und dann wir

 

Ich habe die goldenen Schiffe gesehn

eine turmhohe Welle ließ sie untergehn

und der einzige Mann

der noch ans Ufer fand

verlor bei dem Anblick

seinen Verstand

 

Und für einige Stunden

war die Sonne vom Himmel verschwunden

 

Erst kamen die Götter

dann kamen die Spötter

die Jungfrau, das Tier

und dann wir

 

Ich habe die Türme von Babel gesehn

wie Staubkörner im Wind verwehn

als der große Sturm

alles Leben verschlang

stand die Welt

kurz vor ihrem Untergang

 

Erst gingen die Götter

dann gingen die Spötter

die Jungfrau, das Tier

nur wir sind noch hier

 

 

 

 

 Die Schwarze Marie

 

Eine Kogge der Hanse auf dem Weg nach Visby

Gewürze, Tuch und Leinen an Bord

die See ist still, die Männer zufrieden

da tönt aus dem Krähennest schaurig das Wort :

„Piraten !“

 

Die Segel gehisst, das Schiff hart am Wind

man hört ein einziges Flehen:

„Ach möge der Herr uns gnädig sein

dass sie uns vielleicht ja nicht sehen“

 

Doch schon schießt sie heran die schaurige Brigg

und es hallt grausig die Melodie

von der Crew der Verfluchten

und am Bug steht grinsend

die Schwarze Marie

 

Das schwarze Haar gebunden zum Zopf

die Augen wie ewiger Nebel

ein Rabe der auf ihrer Schulter hockt

und im Gürtel zwei silberne Säbel

 

Kanonen donnern, zwei Schuss vor den Bug

jeder Widerstand schon gebrochen

die weiße Fahne auf Halbmast gehisst

der Piratin zu Füßen gekrochen

 

Sie stand auf dem Deck und wer sie so sah

ich schwöre der vergaß nie

den Hauch von Tod der sie umgab

und die Augen

der Schwarzen Marie

 

Nur der Kapitän mied nicht ihrem Blick

und sprach zu ihr ohne Angst :

„Wenn du meine braven Männer nur schonst

tu ich alles was Du verlangst“

 

Und sanft sprach die Schwarze Marie:

Soviel Mut hab ich selten gesehn

Ihr habt mein Wort tapferer Seemann

kein Leid soll Euch und Euren Männern geschehn“

 

Zwei Jahre später auf dem Marktplatz in Lübeck

der Galgen schon aufgebaut

sie sah ihn durch das Fenster der Zelle

und der Pöbel tobte gar laut

 

Ein Priester kam und sie sagte zu ihm:

„Meinen Frieden finde ich nie

und Dein Gott hat keinen Platz für eine wie mich

keinen Platz für die Schwarze Marie“

 

Der Priester sprach: „Erkennst Du mich nicht?

Ich war einst ein Kapitän

und vor zwei Jahren kurz vor Visby

haben wir uns schon einmal gesehn

 

Nimm meine Kutte, niemand wird Dich erkennen

und wenn ich die Schuld heut beglich

weiß ich Deine Seele kann ich nicht retten

doch dafür rette ich Dich“

 

 

 

 

 Andere Tage

 

Es wird auch wieder andre Tage geben

ganz einfach weil es immer welche gibt

jedoch war ich noch nie in meinem Leben

so dauerhaft und unglücklich verliebt

 

Ich möchte gehn und gleichzeitig auch bleiben

ich bin an Leib und Seele sterbenskrank

ich kann darüber auch nichts kluges schreiben

am besten sperrt man mich in einen Schrank

 

Man müsste ab und an mir Wasser bringen

wenn Mutter kommt gern eine Tasse Tee

so sollte das Vergessen doch gelingen

nur hier und jetzt da tut es noch sehr weh

 

Es werden wieder andre Tage kommen

es kamen andre Tage auch bisher

und bald erinner ich mich nur verschwommen

ach wenn es doch nur heut schon so weit wär

 

 

 

 

 Fanpost

 

Mir schrieb Frau Hansen aus Hamburg

„Ihr letztes Buch mag ich nicht

ich hab nachgezählt, es geht um den Tod

in fast jedem dritten Gedicht

 

Wollen Sie es noch etwas genauer?

Ich komme auf zwei Komma neun

also wirklich Herr Heyroth

so etwas kann doch keinen erfreun

 

Schreiben Sie doch mal über Blumen

oder niedliche Zebras im Zoo

das wäre nicht so deprimierend

auch Sie wärn vielleicht wieder froh“

 

Ich dankte ganz unverzüglich

Frau Hansen für ihren Rat

und schrieb dann recht vergnüglich

genau das worum sie mich bat

 

Von Zebras die Blumen bestaunten

ganz friedlich im Abendrot

bis leider der Tiger ausbrach

der biss die Zebras dann tot

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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